vonChristian Ihle 08.01.2015

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:


Bill Murray als Babysitter. Das verheißt erweiteren Wortschatz durch Schimpftiraden, Spiel & Sport bei Pferdewetten und gemeinsame Ausflüge an die nächste Bar!


2. Darum geht‘s:


Die Eltern von Oliver sind geschieden, Mutter Maggie (Melissa McCarthy) muss Zusatzschichten im Krankenhaus schieben und das Geld reicht trotzdem hinten und vorne nicht. Deshalb muss Oliver seine Nachmittage beim alten Griesgram (Bill Murray) von nebenan verbringen, weil Mum das bitter benötigte Geld ranschaffen muss und sich nicht um den Kleinen kümmern kann. Der Nachbarsjunge entdeckt natürlich nach und nach das Herz im misanthropischen Babysitter und widmet ihm seinen Schulvortrag als „Heiliger im Alltagsleben“.

„St. Vincent“ ist geradezu exemplarisch für das Genre der Feelgood-Komödie aus dem US-Indie-Reservoir der Marke „Little Miss Sunshine“ und „Garden State“. Anfangs ist St Vincent auch erfreulich frech, entsagt sich aller Korrektheit und spielt seinen Trumpf Bill Murray als griesgrämigen, versoffenen, wettsüchtigen, rumhurenden, fluchenden Alten von Nebenan mit voller Freude aus.


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Auch die notwendige Tragik ist vorhanden: alle leben in prekären Verhältnissen, die Bill-Murray-Figur versinkt zudem noch bis zum Kopf in Wettschulden. Und genau hier wird der Film ärgerlich: wie sich der alte Griesgram nach einem Schlaganfall langsam und fluchend ins Leben zurückkämpft – ok. Dass der kleine Nachbarsjunge eine Schulpräsentation mit viel zu geschliffenen Worten auf seinen Helden hält: meinetwegen. Aber dass all die monetären Probleme der ersten Hälfte auf einmal kein Thema mehr sind, die Wettschulden und die sie eintreibenden Gangster sich offensichtlich in Luft auflösten, ja, auch die aufwändige Behandlung im Krankenhaus kein Problem mehr ist für jemanden, der zuvor noch Krankenschwestern mit 20 Dollar bestechen musste, damit bei der schwangeren Freundin der Ultraschall mal angeworfen wird – das ist nicht nur als Drehbuchlücke ärgerlich, sondern in seiner Behandlung von prekären Verhältnissen geradezu unverschämt, weil exploitativ. Wenn Armut und die daraus entstehende Verzweiflung nur als Plotpoint genutzt wird, um auf ein kalkuliertes, über-pathetisches Tränenzieher-Ende zuzusteuern, das verlogen ein „und am Ende halten wir alle zusammen und deshalb wird alles gut“- Ideal propagiert, dann verspielt ein Film auch den Goodwill, den man ihm bis dahin dank der tollen Performances des ganzen Casts zugebilligt hatte.


3. Der beste Moment:


Natürlich die Performance von Bill Murray, der genug Weltschmerz und Schwermut in seine Darstellung des alten Misanthropen einfließen lässt, um der Geschichte genügend Erdung zu geben.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wer Bill Murray als schimpfenden, fluchenden, saufenden Misanthropen sehen will (wer nicht?!), wird die erste Hälfte lieben. Der zweite Part des Films ist dann leider nur für die Freunde der Tearjearker-Kitsch-Ecke, die bereit sind über die oben angesprochenen innere Schwächen hinwegzusehen


* Regie: Theodore Melfi
* imdb

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