Touren von unten (2): unterwegs mit der jungen Indieband Schubsen

Tag 3, Kassel: „Und wenn wir unten sind, ist unten oben“


Von Dortmund nach Kassel sind es nur 190 Kilometer, was gut ist, weil sich die Fahrgemeinschaft in Dortmund einigermaßen runtergewirtschaftet hat. Wir müssen also nicht ganz so viel Zeit im Bus verbringen, das erspart uns viele schlechte Sprüche, auf so einer Tour gibt es ja pro zehn gefahrene Autobahnkilometer mindestens einen zu hören. Im Schnitt.

Wir ziehen an Windrädern vorbei, bald wird es dunkel, die Windräder zeigen sich jetzt nur noch als rote Punkte, die im Takt zur Musik im Bus aufblinken. Jeder Mitreisende hatte vor Abfahrt extra zwei Sampler zusammengestellt für die Stunden auf der Autobahn – einen mit richtig guten Songs und einen mit Peinlichkeiten aus der Zeit, als man noch nicht ganz stilsicher war. Die Idee war gut, aber der gemietete Bus noch nicht bereit beziehungsweise unserer Zeit voraus. Es gibt keinen CD-Player. Wann sind eigentlich Tapedecks und CD-Player aus der Mode gekommen?

Wahrscheinlich in der Zeit, in der ein paar coole Leute in Kassel beschlossen haben, einen Club namens „Unten“ zu eröffnen. Hinter dem stillgelegten ersten Gleis am Bahnhof wurde eine Nische geschaffen für Konzerte und Technopartys, erst haben sie den Laden illegal betrieben, inzwischen ist er eine feste Institution, in der Tageszeitung nennen sie ihn „Szeneclub“.

Der Band schubsen haben sie in der HNA an diesem Tag auch zehn Zeilen gewidmet – einen Hype entfacht das in Kassel nicht gleich, aber so ist das eben fern der Heimat ohne eine Veröffentlichung im Gepäck. Die Leute, die gekommen sind, haben trotzdem Spaß und Lutz, der schubsen nach Kassel gelockt hat, hofft auf ein Wiedersehen.

Überhaupt, Lutz, was für ein großartiger Typ. Das ist wahrscheinlich das beste an diesen Touren, dass man solche Menschen kennenlernen darf. Vor dem Konzert hat er noch eilig eine Playlist zusammengestellt und entschädigt uns so für den fehlenden CD-Player im Bus. Wir hören Fugazi, Q and not U und viele andere fast vergessene Perlen, die diesen – Achtung Pathos – kühlen Keller mit viel Wärme füllen.

Zum Abschluss gibt es White Russian und Gin Tonic, eine willkommene Abwechslung nach der tagelangen Bierkur, und dann machen wir doch noch einmal das, womit schon keiner mehr gerechnet hätte: Bis auf Frido, der noch Kneipen-Sightseeing betreibt, gehen wir früh schlafen. Zumindest versuchen wir es.

Krupski hat beschlossen, den Abend noch etwas zu verlängern, als er auf der Suche nach seinem Schlafsack zwischen den hinteren Sitzreihen des Busses steckenbleibt. Mit dem Rucksack auf dem Rücken klemmt er da, die Beine zappeln auf dem Gehsteig und mit jedem Versuch, sich zu befreien, bringt er sich in eine noch ungünstigere Ausgangsposition. Weil auch die Rettungsaktionen von Tornado und Karacho zu nichts außer noch lauteren Hilferufen führen, ist die Stimmung prächtig bis auf die der bemitleidenswerten Schildkröte, die schließlich ihren Panzer abstreift und aus dem Bus krabbelt.

Taxi, Matratzenlager und am nächsten Morgen die Müllabfuhr, die uns wachklingelt. Der Müll muss vor die Tür und wir werten das als Zeichen. Duschen, packen, Frühstück, Abfahrt. Nächster Halt Berlin. Ich glaube wir könnten Freunde werden.

Tag 4, Berlin: „Alles wird gut!“

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Fangen wir zur Abwechslung mal beim Ende an. Die Instrumente sind verstaut, die Scheine gezählt, nun sitzen Bandmitglieder und Publikum beisammen und machen aus diesen ohnehin schon sehr gelungenen Freitagabend einen noch gelungeneren. Am Tresen der Zukunft Ostkreuz gibt es noch eine Berliner Luft und gegen vier Uhr müssen wir dann doch einsehen, dass es jetzt wohl besser ist, nach Hause zu gehen, wir haben ja auch am nächsten Tag noch ein bisschen was vor.

Berlin, das ließ sich absehen, war natürlich überfordernd. In den Tiefgrund sind viele Exil-Franken gekommen, man kennt sich und Markants Prognose hat sich zum Glück nicht ganz erfüllt. „Gästeliste macht nur Sinn, wenn du noch gute Freunde reinbringen willst, weil es voll ist. Aber erstens haben wir keine guten Freunde und zweitens wird es heute nicht voll“, hatte der Bassist von H.K.Z. noch am frühen Abend gesagt, es ließen sich dann aber doch fast 40 Menschen finden, die all den hippen Angeboten der Hauptstadt widerstanden haben und sich diese zwei etwas anderen Punkbands anschauen wollten.

Dass schubsen zusammen mit H.K.Z. spielen, passt natürlich ganz hervorragend. Mit Michl, dem Sänger, haben Krupski und Karacho schon ein paar wilde Tage und vor allem Nächte bestritten, was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum er diesmal Frau und Kinder aus der Stadt und in Sicherheit gebracht hat. Hätte er eigentlich gar nicht müssen, der Abend in Berlin endet spät aber vergleichsweise harmlos – gerade in Berlin haben wir das ja schon anders erlebt.

Auf dem Nürnberger Endzeitfestival haben H.K.Z. mal einen eher unglücklichen Auftritt erlebt, inzwischen hört sich dieser düstere Atmo-Punk aber sehr ausgereift an, was an diesem Abend auch für schubsen gilt. Kalle zaubert den besten Sound der Tour hin, überhaupt sind wir bisher alle selten so einem aufgeräumt-lässigen Typen begegnet. Kalle hat seinen Laden so dermaßen charmant im Griff, auch als Vaterfigur tut er uns nach vier Tagen auf der Piste sehr gut. Kalle sagt: Alles wird gut und dann wird es das auch. Das Publikum hat Spaß, also haben auch wir Spaß, schubsen und der Sachsen-Curtis laufen zur Höchstform auf, so kann man sich das noch unzählige weitere Male vorstellen.

Auf dieser Tour wird es das allerdings nur noch einmal geben. Zum Abschluss steht am Samstagabend Döbeln an, wo sie die Skatehalle für die Alkopunks aus Nürnberg und zwei weitere Bands reserviert haben. Die geschundenen Stimmbänder und Körper sind am Ende, aber: Alles wird gut!



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(Text: Sebastian Gloser, Fotos ganz oben und ganz unten: Typ F Fotographie)

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