vonChristian Ihle 19.02.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Alone In Berlin (Regie: Vincent Perez)


Hans Falladas Widerstandsklassiker „Jeder stirbt für sich allein“ wurde erst im letzten Jahrzehnt im Ausland neu übersetzt – und sogleich zu einem überraschenden Beststeller. Daher rührt nun wohl auch die Verfilmung „Alone in Berlin“ (so der Penguin Classics – Romantitel in der englischen Übersetzung) mit internationaler Starbesetzung (u.a. Emma Thompson und ein wie immer sehr guter Brendan Gleeson).


[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=s2GAzCcQTxg[/youtube]


Die Geschichte um das Nazi-Mitläufer-Ehepaar Quangel, das nach dem Tod ihres einzigen Sohnes zu subversiven Kartenschreibern gegen das Regime wird, ist durchaus kompetent gefilmt (auch wenn es tierisch nervt, dass in der Originalfassung alle englischsprachigen Akteure zwar englisch sprechen, aber mit einem bewusst deutschradebrechendem Akzent).

Doch dramaturgisch wirkt „Alone In Berlin“ zu simpel und gerade die Schlußszenen mit dem gegen die Quangels ermittelndem Polizisten, der von Daniel Brühl gespielt wird (und gutes Englisch spricht), treffen den falschen Ton und schrammen am Klischee des „guten Nazi“ nur knapp vorbei. Am stärksten ist „Alone In Berlin“ in seinen police procedural Momenten – und das ist ein etwas seltsames Fazit für einen Nazi-Widerstandskämpfer-Film…



Genius (Regie: Michael Grandage)


[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=qL4sUVvF9Ec[/youtube]


Ein Buddymovie im Literaturbusiness: der steife Lektor Max Perkins (Colin Firth) entdeckt den extrovertierten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) und veröffentlicht in einem langen Kampf um die richtige Sprache und eine vertretbare Seitenstärke Wolfes erste Bücher.

Die Theatervergangenheit des Spielfilmdebütanten Michael Grandage ist nicht zu übersehen, was sich vor allem in der Schauspielführung niederschlägt und Jude Law die Freiheit gibt, jeden denkbaren Tick, der Extrovertiertheit signalisieren könnte, auszuspielen, was bereits nach kurzer Zeit unerträglich wird. Soundtrack und Dramaturgie folgen in „Genius“ den üblichen Check-Boxen des pseudoanspruchvollen Arthousekinos für die bourgeoise Schicht im Segment 50plus und als Ergebnis erhalten wir einen kompetenten, aber in keinem Detail überraschenden Film, der aber immerhin seine Liebe zur Literatur aufrichtig vermittelt.

Bei der Besetzung (neben Firth und Law noch eine ebenfalls übertheatralische und untergenutzte Nicole Kidman) und den Charakteren (Guy Pearce als F Scott Fitzgerald, Dominic West als Ernest Hemmingway) ist das aber dann leider doch zu wenig.

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