Trainspotting, revisited.

Gerade ist in Großbritannien die Fortsetzung von „Trainspotting“ angelaufen, in wenigen Tagen wird der Film seine Deutschlandpremiere bei der Berlinale feiern. Ein guter Zeitpunkt, um auf das Original zurückzublicken, der damals ein Erdbeben in der europäischen Popkultur verursachte und neben Pulp Fiction als der entscheidende Film der 90er gelten darf. Der, der alles änderte.

Gut 20 Jahre später dreht Regisseur Danny Boyle nun also mit der kompletten Erstbesetzung um Ewan MacGregor und Robert Carlyle eine Fortsetzung, die erneut auf einem Buch von Irvine Welsh basiert. Im Rückblick ist „Trainspotting“ so sehr das wilde, noch einmal kurz in den Taumel eines (popkulturellen) Weltreichs zurückfallende United Kingdom wie Twiggy und die Carnaby Street für die „Swinging Sixties“ stehen. Maßgeblich dazu beigetragen hat auch die Gleichzeitigkeit mit der Brit-Pop-Explosion der Mitt90er und ein Soundtrack, der einige der damaligen Hauptprotagonisten wie Blur, Elastica und Pulp versammelte.
Aber bei einer neuen Begegnung mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten ist das Erstaunliche: „Trainspotting“ ist überhaupt keine 90er-Nostalgie-Maschine, sondern hat sein popkulturelles Herz eigentlich in den frühen 80ern. „Trainspotting“ ist post Punk, New Pop. 1980, 1982. Inklusive Heldenverehrung der 70er: Lou Reed und Iggy Pop sind nicht nur im Soundtrack, sondern auch im Drehbuch die Fixsterne, um die die Heroinunterhaltungen kreisen.

It’s SHITE being Scottish! We’re the lowest of the low. The scum of the fucking Earth! The most wretched, miserable, servile, pathetic trash that was ever shat into civilization. Some hate the English. I don’t. They’re just wankers. We, on the other hand, are COLONIZED by wankers. Can’t even find a decent culture to be colonized BY. We’re ruled by effete arseholes. It’s a SHITE state of affairs to be in, Tommy, and ALL the fresh air in the world won’t make any fucking difference!

Auch in seiner Bildsprache ist „Trainspotting“ – abgesehen von seinem Höllentempo, das es zuvor tatsächlich kaum gab – wenig in den 90ern verhaftet und auch weit weg vom Metastyle eines Tarantino. Boyles „Trainspotting“ wirkt aus heutiger Sicht dagegen mehr wie eine Heirat aus dem audiovisuellen Erfindungsreichtum Stanley Kubricks circa „Clockwork Orange“ und der britischen Neorealismusbewegung um Ken Loach und Alan Clarke, die „Trainspotting“ wiederum seinen roughen Charme verleiht. 1996 fehlt Danny Boyle in seinem für lächerliche 1,5 Millionen Pfund gedrehten zweiten Film auch noch jeder Ehrgeiz, die Bilder glatt und gefällig zu zeichnen – wie später in seinem oscarprämierten „Slumdog Millionaire“ (2008) oder dem DiCaprio-Vehikel „The Beach“ (2000) – sondern zeigt schlecht ausgeleuchtete Innenräume, die dem Drogenhöhlenverfall preisgegeben sind, ohne ihre Abgefucktheit zu glorifizieren.

When you’re on junk you have only one worry: scoring. When you’re off it you are suddenly obliged to worry about all sorts of other shite. Got no money: can’t get pissed. Got money: drinking too much. Can’t get a bird: no chance of a ride. Got a bird: too much hassle. You have to worry about bills, about food, about some football team that never fucking wins, about human relationships and all the things that really don’t matter when you’ve got a sincere and truthful junk habit.

Abgesehen von Tempo und Bildern ist die große Stärke von „Trainspotting“, dass er bei allem Coolnesswillen nie in die Style over Content – Falle tappt wie so viele Drogenexzessfilme nach ihm. Die Gleichzeitigkeit von Witz und rauhem Style mit einer unerbitterlichen Härte, die bis zur ärgsten Konsequenz ausgespielt wird, ist Trainspottings Herz.

Das Baby, das in Kindbett stirbt, während die Eltern Heroin nehmen.
Der cleane, sportliche Freund, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zuerst doch Drogen probiert, sich dann mit HIV infiziert und letztendlich an einer Katze stirbt.
Der Cold Turkey, bei dem das verstorbene Baby an der Zimmerdecke auf den im Entzug liegenden Renton zukrabbelt.
Stellvertrend für diese Gleichzeitigkeit steht die Überdosis von Renton, die mit Lou Reeds „Perfect Day“ unterlegt wird, und auf eigentümliche Art erhebend wie erschütternd wirkt.

It wasn’t just the baby that died that day. Something inside Sick Boy was lost and never returned. It seemed that he had no theory with which to explain a moment like this… nor did I. Our only response was to keep on going and ‚fuck everything‘. pile misery upon misery, heap it up on a spoon and dissolve it with a drop of bile, then squirt it into a stinking, puerile vein and do it all over again. Keep on going, getting up, going out, robbing, stealing, fucking people over. Propelling ourselves with longing towards the day that it would all go wrong, because no matter how much you stash, or how much you steal you never have enough. No matter how often you go out and rob and fuck people over, you always need to get up and do it all over again.

„Trainspotting“ ist auch heute noch irre schnell erzählt, handelt in gut 40 Minuten von höchster Euphorie bis tiefster Tragik ein ganzes Junkieleben und zurück ab und lebt neben den durch die Bank großartigen Schauspielleistungen, dem mitreissenden und passgenau eingesetzten Soundtrack und Boyles einfallsreicher Regie auch von John Hodges Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Irvine Welsh, das etliche rants gegen England, gegen Schottland, gegen den Kapitalismus, gegen die Gesellschaft und gegen das Leben bereithält.

Erstaunlicherweise hat Boyles Film nichts von seinem Witz und seiner Dringlichkeit verloren, sondern wirkt beinah noch stärker als damals, weil zeitloser. „Trainspotting“ ist eben trotz der damaligen Rezeption kein zeitgeistiger Brit-Pop-Film, sondern im Gegenteil ein moderner Klassiker des britischen (eigentlich ja: schottischen) Kinos.

So why did I do it? I could offer a million answers – all false. The truth is that I’m a bad person. But, that’s gonna change – I’m going to change. This is the last of that sort of thing. Now I’m cleaning up and I’m moving on, going straight and choosing life. I’m looking forward to it already. I’m gonna be just like you. The job, the family, the fucking big television. The washing machine, the car, the compact disc and electric tin opener, good health, low cholesterol, dental insurance, mortgage, starter home, leisure wear, luggage, three piece suite, DIY, game shows, junk food, children, walks in the park, nine to five, good at golf, washing the car, choice of sweaters, family Christmas, indexed pension, tax exemption, clearing gutters, getting by, looking ahead, the day you die.

Kommentare (3)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Das ist der Film, neben Pulp Fiction und the Big Lebowski, mit dem ich am stärksten meine Jugend verbinde.. aber Trainspotting sticht da nochmal besonders raus, guy Ritchis Bube Dame Gras kann man auch noch in dies Liste aufnehmen.. aber dieser Film, er spiegelte damals in unserer postsozialistischen, anarchischen Welt der 90er Jahre exakt unser Lebensgefühl wieder.. ein Meisterwerk! und wir scharren schon seit einem Jahr mit den Füssen, als wir hörten, dass die Fortsetzung gedreht wird und der Trailer scheint genau dort anzuknüpfen, wo es vor 20 Jahren endete.. freufreu freu!

  2. Ja, die 70er-Jahre-Spuren sehen ich auch, ich versteh das aber (zumindest im Film) eher als Rückblick auf die 70er aus der Perspektive der 80er. Zumindest die popkulturellen Phänomene werden ja also aus der Retrospektive diskutiert, bei Lou Reed zum Beispiel ganz explizit mit der Diskussion, ob seine späteren Soloalben noch gut waren oder nicht.

  3. i.m.v.h.o.: der film war wirklich mal ein beispiel für eine gelungene + eigenständige literaturverfilmung. der roman – in der orginal fassung ( die deutsche „2001“ übersetzung war grottig ) war allerdings ein gross ereignis- sprachlich, konstrukt, weltanschaulich. umschlagzitat der orig. taschenbuchausgabe: „deserves to sell more copies than the bible. best book ever written by man or woman – rebell ink“ ’nuff said. allerdings finde ich im gegensatz zum blogisten dort mehr 70-er spuren als 80-er. auch hier war damals die heroinwelle auf ihrem unrühmlichem höhepunkt.
    schade, dass der nachfolgeroman „porno“ dann nicht mal annährernd so gut war. evtl reisst der film das ja ein bischen ‚raus. must see auf jeden fall, days counting.