vonChristian Ihle 22.05.2017

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die Rückkehr von „Twin Peaks“ ist einerseits die schönste Nachricht, die das Fernsehen bereiten konnte, aber auch das gewagteste Projekt überhaupt. Wie soll das gehen? Wird diese epochale Fernsehserie 25 Jahre nach ihrem weirden, schwierigen Ende erneut einen magischen Ort jenseits des normalen Fernsehgeschehens erschaffen, bevölkert von Charakteren, die quirky und anders sind, aber dennoch nie zu Parodien ihrer selbst werden? (Nadine Hurley mal ausgenommen)

Das Wichtigste vorneweg: Ist David Lynch soft geworden? Den Teufel ist er.

Twin Peaks S03 beginnt mit einem Gespräch zwischen Dale B Cooper und seinem Riesen in der „Black Lodge“, gefilmt in schwarzweiß und so bizarr, dass es geradewegs aus Lynchs Debütfilm Eraserhead stammen könnte, blendet dann kurz zurück in jene Prophezeiungsszene aus der Originalstaffel, in der Laura Palmer unserem Helden ankündigt, dass man sich in 25 Jahren wiedersehen werde und springt sogleich in die neue Welt, die unser Twin Peaks in 2017 werden wird.

Und schon nach der ersten Doppelfolge, die tatsächlich mehr wie ein Kino-Spielfilm ohne Auflösung (was ja eh nie so wirklich David Lynchs Steckenpferd war) als wie zwei aneinandergeschnitte Fernsehepisoden wirkt, wird klar: dieses Twin Peaks ist nicht mehr ein kleines Städtchen am äußersten Rand der Vereinigten Staaten, dieses Twin Peaks wird das ganze Land umfassen. Wir sehen New York City, verweilen für eine Szene in Las Vegas, morden in South Dakota und besuchen einige alte Weggefährten im guten alten Twin Peaks. Doch auch wenn wir Hawk, Andy, Lucy und die Gebrüder Horne wiedertreffen, fühlen sich diese Begegnungen in der ersten Folge wie Pflichtübungen oder bestenfalls Winke-Winkes an die alte Zuschauer an. Lynch findet zunächst kein Gefühl für diesen Ort zwischen Douglastannen, sondern hat den Drang, diese Geschichte auch woanders weiterzuentwickeln.
Erst kurz vor Ende der Doppelfolge ist auf einmal alles wieder wie vor einem Vierteljahrhundert: ein paar Falten mehr haben wir alle, aber wenn wir mit Shelley und James im Roadhouse sitzen und die Chromatics auf der Bühne ihren besten Dream-Pop in Erinnerung an Julee Cruise spielen, kommt Twin Peaks wieder ganz zu sich.

Das ist aber eben nur ein Drittel der Geschichte, denn die interessanten Begnungen spielen sich zunächst an anderen Orten ab und in typischem Lynch-Style sind nach zwei Stunden Spielzeit mehr Fragen offen als Hinweise gegeben. Keine Ahnung, was die Glaskasten-Apparatur im leergeräumten New York City Appartment bedeuten soll. Keinen Schimmer, wen Cooper (!) im Wald besucht und welche Informationen er so dringend benötigt (und zu welchem Friseur er dieser Tage geht…). Keinen Plan, wem der deformierte Körper gehört, der in einem Bett unter einem abgetrennten Frauenkopf gefunden wird.

In diesen anderen Handlungssträngen wirkt es zuweilen, als griffe Lynch seine Mulholland Drive – Vergangenheit auf.
Ursprünglich war Mulholland Drive als Fernsehserie geplant, die aus finanziellen Gründen gecancelt wurde. Lynch schnitt aus dem vorhandenen Material einen Spielfilm, der in der Zwischenzweit wahrscheinlich als sein größter Film überhaupt gilt (siehe unter anderem auch die Zehnjahrespolls hier in unserem Blog oder bei der BBC). Manche Schauspieler überlappen sich mit Mulholland Drive (mit anderen Rollennamen allerdings) und die Atmosphäre dieser Szene entfernt sich weit vom Dreamy-50ies-America, das Twin Peaks im Herzen trug, sondern spielt unmissverständlich im Jetzt. Lynch knüpft für diese Szenen an die schwer erklärbare, immer bedrohlich-kühle Atmosphäre an, die Mulholland Drive von der ersten bis zur letzten Minute durchzogen hatte. In diesen Storysträngen deutet sich auch ein Meta-Thema der Serie an: die kalte, zynische Welt des Jetzt, in der Macht und Geld regieren, und die Frage, was aus dem Traum des Amerikas der 50er geworden ist. Wenn Lynch nun also die Gelegenheit ergreift und Twin Peaks mit Ideen und der Atmosphäre aus Mulholland Drive verheiratet, dann soll das nicht unser Schaden sein.

Nach den ersten zwei Stunden Twin Peaks im Jahr 2017 steht jedenfalls fest: Das neue Twin Peaks ist noch abstrakter als das alte. Steht Episode 1 noch halbwegs auf festem Boden, ist in Folge 2 der Weirdness-Regler bereits auf elf gestellt und knüpft direkt an *jene* Schlußfolge von vor 25 Jahren an, als wir Zuschauer von Lynch in einen zwanzigminütigen surrealistischen Fiebertraum geschickt wurden, nur dass wir diesmal neben dem Üblichen (tote Highschool-Prom-Queens, vermisste FBI Agents, einarmige Männer) nun nackten Douglastannen mit Gehirnen in der entnadelten Krone begegnen, die, wenn missgelaunt, uns „NON EXISTENCE“ entgegenschreien und – über den Umweg eines Glaskastens in einem leeren Appartment in New York City – in das Nichts stürzen.
Die Black Lodge hat nichts von ihrer Argheit verloren.

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