Cannes-Gewinner „The Square“ von Ruben Östlund mit Elisabeth Moss und Dominic West

Film des Jahres – Material!

Christian, der wohlsituierte Kurator des Modernen Museums in Stockholm, wird auf der Straße um sein Handy erleichtert. Der Versuch, das Handy zurück zu erlangen, führt in eine absurde Abswärtsspirale, anhand derer Regisseur und Autor Ruben Östlund die Funktionsweisen der Gesellschaft offenlegt und erbarmungslos ihre Selbstlügen ausstellt.

Hut ab vor dem Cannes Festival, dass dort ein Film wie „The Square“ als Sieger möglich ist – undenkbar für die Berlinale. „The Square“ erinnert mich an den letztjährigen Fastgewinner aus Cannes, an „Toni Erdmann“: beide sind 2-Stunden-plus-lange Komödien, die gleichzeitig schmerzen – wo „Toni Erdmann“ aber emotional wird, bleibt „The Square“ unbarmherzig in seinem kühlen Sarkasmus und gnadenlosem Sezieren der Welt.
„The Square“ ist ein unangenehmer und zugleich sagenhaft lustiger Film. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel gelacht im Kino. Und doch schaft es Östlund mal für mal das Messer an der empfindlichsten Stelle anzusetzen. Zu Beginn lacht man noch über den Museumskurator, über die geldscheissenden Kunst-Philantropen, über die Marketingdeppen, über die Fassade der Pseudoliberalität, die Masken auf den Masken, die immanente Performance in jedermanns Leben und den Kontrast zwischen hochtrabendem theoretischen Anspruch und tatsächlicher praktischer Tat.
Aber mit jeder halben Stunde dreht Östlund den Spiegel ein bisschen weiter in Richtung Publikum bis man am Ende merkt: hey, habe ich nicht die ganze Zeit über mich gelacht? War der Kurator, die Kunst-Journalistin, der viral gehende Marketingfuzzi nicht doch eigentlich immer: ich?

Man kann gar nicht hoch genug loben, wie Östlund einerseits so schreiend komisch und andererseits so brutal am Rand des Erträglichen arbeiten kann. Ein extrem unbequemer Film, der überhaupt keine einfachen Antworten liefert, sondern Fragen um Fragen aufwirft, wie Gesellschaft als Konstrukt funktioniert und was das Individuum in der Gesellschaft kann oder eben: können sollte. Es gibt vielleicht eine Minute in diesem zweieinhalbstündigen Film, in dem für einen kurzen Moment die ganze Fassade bröckelt, das Theoretische hinter dem Praktischen zurücktritt – aber eben nur kurz, weil doch gleich wieder die alten Mechanismen greifen, der Selbstschutz regiert, die Unmöglichkeit der Veränderung durch den Einzelnen als gelerntes Mantra abspult und die Abweisung der Verantwortung einsetzt.

Ebenfalls bemerkenswert, wie „The Square“ Macht und Männlichkeit thematisiert, dabei dekonstruiert, aber dennoch nicht einfach zum Abschuss freigibt, sondern immer wieder ein hinterfragendes Moment bietet, das auch dieser Ebene eine Vielschichtigkeit gibt, die eben nicht beim preaching to the converted verharrt. Östlund schafft es den ganzen Film hinweg überdeutlich (die Themen werden manchmal verbal angekündigt!) und subtil (die Entwicklung der Szenen nimmt eben nicht den Verlauf, den man als Zuschauer erwartet) zugleich zu sein.

„The Square“ ist zudem durch die Bank brillant gespielt: Claes Bang als schwedischer Don Draper, Elisabeth Moss als verkorkste Kunstjournalistin in WG-Beziehung mit einem malenden Schimpansen, Dominic West (McNulty aus The Wire) als Künstler, der oft so echt wirkt, dass ich mich wirklich frage, ob er wusste, was in diesen Szenen mit ihm geschehen wird. Dazu das beste schimpfende Kind der Filmgeschichte. Und ich hasse normalerweise Kinder in Filmen.

Eine große Empfehlung für einen herausfordernden Film!

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