vonChristian Ihle 13.06.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Auf der Beerdigung ihrer Mutter bemerkt Annie Graham (Toni Collette) viele fremde Gesichter und hört für sie nicht nachvollziehbare Reden. Nach und nach macht sich der Verdacht in Annie breit, dass ihre Familie ein Geheimnis in sich trägt, das sie nicht kennt oder verdrängt.

Der Debütfilm von Ari Aster ist, man kann es kaum zurückhaltender formulieren, ein zukünftiger Klassiker des Horrorgenres und einer der bisher besten Filme des Jahres. Aster greift zwar auf visuelle Ideen aus dem großen Horror-Jahrzehnts, den 70ern, zurück, bindet diese aber so in seine Geschichte ein, dass „Hereditary“ nie zur Referenz allein wird und erzählt letzten Endes auch einen wirklich originellen Film in Wort und Bild. „Hereditary“ ist von der ersten Sequenz an überraschend und bewahrt sich lange seine Amibiguität zwischen Drift in den Wahnsinn und wirklicher Gefahr.

Das gelingt Aster auch dank seines Hauptdarstellerpaars: Toni Collette spielt fabelhaft und mit steigendem Hysterielevel eine Ehefrau und Mutter, die meint zu merken, dass *etwas* nicht stimmt, und Gabriel Byrne ihren Ehemann, der so sehr dem Rationalem verhaftet ist, dass man seinen stoischen Gleichmut ob des Irrsinns und Geschreis um ihn herum nur bewundern kann. Dadurch bleiben auch für uns Zuschauer zwei Identifikationswege offen: folgen wir Byrne und sehen wir einen Ehemann, der verzweifelt versucht, seine aufgrund von Trauer und Schicksalsschlägen aus den Fugen geratene Familie mühsam zusammenzuhalten, oder folgen wir Collette und sehen mit ihr eine Bedrohung von außen, die die Familie auf eine ganz andere Weise zerstören wird?

Bis weit in den Film bleibt diese Frage ungeklärt und folgt so ganz auf den Spuren von Polanskis Meisterwerk „Rosemary’s Baby“, das uns erst in seiner letzten Szene eine Einordnung vom zuvor Gesehenen – Wahn oder Wirklichkeit – erlaubt.

„Hereditary“ gelingt es von Beginn an, auf zurückhaltende Weise, auch dank des verstörend-subtilen Soundtracks von Colin Stetson, eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung zu kommunizieren, die einfachste Momente – eine winkende ältere Frau, ein toter Vogel im Pausehof – zu möglichen Vorboten der Hölle stilisiert. Der letzte Horrorfilm, der so meisterhaft mit kleinsten Einschüben eine Atmosphäre der Angst geschaffen hat, war für mich wohl Ben Wheatleys „Kill List“.

Selbst in der Eskalation bewahrt sich „Hereditary“ seine Würde und entlässt den Zuschauer mit einer verblüffend erhebenden, geradewegs bizarren letzten Sequenz aus dem Kino.

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https://blogs.taz.de/popblog/2018/06/13/der-beste-horrorfilm-des-jahres-hereditary/

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kommentare

  • Erstaunlich – Get Out finde ich zwar aus soziokultureller Sicht einen Meilenstein, aber gerade als Horrorfilm funktioniert er für mich nicht wirklich, weil das letzte Drittel keine befriedigende Auflösung bietet. Das sehe ich bei Hereditary anders, das ist im Rahmen des Ganzen schlüssig, aber ich kann verstehen, dass die overtopness des Endes zu Verstörung und Missfallen führt.

  • Huch, ist meiner wirlich der erste Kommentar….? Also, ich kann die Begeisterung für diesen Film so überhaupt nicht nachvollziehen: Hätte es die Filmmusik nicht in dieser Form („Achtung! Horrorfilm!“ ) gegeben, hätte ich den Film für einen allzu konventionelles Familiendrama gehalten. Und das, was dann in der 2. Filmhäfte (nach dem Unfall) an Horror-Elementen kam, hat mich eher gelangweilt; wenig kreativ, und auch nicht eine plausible Handlung eingebettet. Der Vergleich mit Polankski’s „Rosemary’s Baby“ passt einfach nicht; Polanksi hat sich eben nicht auf Filmmusik und Effekte verlassen, sondern ein Geschichte mit echtem Spanunngsbogen erzählt. Und, sorry, aber das Ende des Films „Hereditary“ fand ich sowas von absurd, ich hätte echt fast lachen müssen… Nee, „Get Out“ von 2017 wurde ja auch als das bester Horror-Film aller Zeiten gehpyt, aber bei dem Film war das wenigestens berechtigt…

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