31.05.2007 von Schröder & Kalender
Absurderweise flattert der Bär heute nicht.
Wir hatten vergessen, die Markise einzudrehen, und vorgestern in den ersten Gewitterböen klatschte das Ding wild gegen Dach und Balkongitter. Ich hängte mich an die Halterung wie eine Markisensurferin, die Blitze zuckten. Im Nu war ich durchnäßt und vom Hagel schockgefroren, bis endlich Jörg kam und das Ding eindrehte. Danach sahen wir beide aus wie Eiszapfen und mußten heiß duschen.
Dieses Erlebnis erzählte ich gestern unserem Enkel Paul (6) am Telefon. Sein Kommentar: »Manno, in Dortmund ist es sooo langweilig. Wir hatten keinen Sturm. In Berlin ist alles besser!«
(BK)
29.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
Die anderen warteten bereits aufgereiht auf dem Flur, als ich sie holen wollte; gemeinsam standen wir nun vor dem kleinen Fleischkloß: Schröder, Beitlich, Hansal, Heinzlmeier, Brand – sogar der Lehrling wurde nicht ausgelassen, nur der Packer Heiner war bei Kurzhals noch nicht gemeldet. Wir rissen die blauen Briefe auf: »Das mit Ihnen beim Joseph Melzer Verlag bestehende Arbeitsverhältnis kündige ich hiermit fristlos mit sofortiger Wirkung aus wichtigem Grund … Offensichtlich stellen Sie die Inhaberverhältnisse des Verlages auf den Kopf und haben augenscheinlich vergessen, daß ich nicht bei Ihnen angestellt bin, sondern Sie in dem Joseph Melzer Verlag, dessen Inhaber ich bin …« Den für alle gleichlautenden Text hatte natürlich Kurzhals verfaßt. Wir guckten uns an, waren erst mal verdattert, sprach- und auch hilflos. Aber nicht lange, denn Kurzhals in seiner hemmungslosen Wichtigtuerei bog gerade am ersten Glied einer Kette von Fehlern, für die ich… weiter lesen
25.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
Jeder Vertriebsheini dreht durch, wenn er solche Bestellungen wegen irgendwelcher Verzögerungen nicht ausliefern kann. Deshalb mußte ich mich morgens während der Fahrt zum Büro immer selbst ins Gebet nehmen: »Wenn Melzer auf Zeit spielt, kann ich das schon lange. Jetzt sitze ich ihn mal aus. Ich schiebe die Auslieferung meinetwegen weitere zwei Wochen raus. Pornographie geht doch immer.« Daß ständig das Telefon läutete und ungeduldige Kunden nach den Büchern fragten, hatte auch Melzer mitgekriegt und unsere pflaumenweichen Auskünfte gehört: »Tut uns leid, nein, leider, bitte haben Sie noch etwas Geduld.« Trotzdem konnte er sich wohl einfach nicht vorstellen, daß ich es fertigbringe, einen lukrativen Auslieferungstermin endlos hinauszuzögern. Er setzte auf jenen selbstauferlegten Zwang, das, was man auf den Weg gebracht hat, auch ausführen zu müssen. Solchen Eigengesetzlichkeiten kannst du dich ja tatsächlich kaum entziehen. So hämmerte ich mir ständig ein: »Abwarten, nicht weich werden!… weiter lesen
21.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
Von einer anderen Akquisition muß ich berichten, um zu illustrieren, wie falsch ich Melzer einschätzte: Noch in der Woche, als Joseph mit der Flappe rumlief, stellte ich einen Packer für das gemeinsame Unternehmen ein. Auf meine Anzeige im ›Darmstädter Echo‹ meldete sich eine ganz besondere Type, die bei der US-Army als deutscher Zivilbediensteter gearbeitet hatte. Das waren Figuren in merkwürdigen blauen Uniformen mit weißen Gamaschen und Mützen, die mit Schäferhunden Militäreinrichtungen bewachten. Heiner Heimroth trug enge amerikanische Hochwasserhosen mit weißen Socken, hatte auch die Birne geschoren wie Tom Hanks als ›Forrest Gump‹, war innerhalb von wenigen Jahren vom ›Dammstäddä Hoinä‹ zum amerikanischen Maisbreiarsch mutiert.

Der Exwachmann sollte die Olympia-Press-Bücher versenden, für die Auslieferung der Melzer-Produktion blieb weiterhin die Hamburger Kommissionsbuchhandlung zuständig. Darüber machte ich mir keine Illusionen: Lingenbrinck würde jedem Kripofritzen und der Staatsanwaltschaft schulterzuckend das Lager übergeben. Aus diesem Grunde hatte ich… weiter lesen
18.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
Die ›Making of Pornography‹-Folge endete mit dem Wort ›Lucys Lustbuch‹. Diesen Comic von Alfred Demarc (d.i. Alfred von Meysenbug) ließ der Frankfurter Generalstaatsanwalt 1971 bei unserer damaligen Auslieferung Franz Müller-Rodenberger in der Goethestraße beschlagnahmen, da sich Personen aus Politik, Presse, Gesellschaft und Sangesleben wiedererkannt hatten. Wie die Staatsanwaltschaft so schnell von dieser Buchuntat Wind bekommen hatte, weiß ich nicht, mein Verteidiger durfte »wegen Gefahr im Verzuge« die Akten nicht einsehen. Die gesamte Auflage von zehntausend Exemplaren wurde dann nach einem späteren Verfahren eingestampft. Es handelte sich um einen Deal. Meine Zustimmung zur Makulierung wurde mit der Einstellung aller laufenden Strafprozesse wegen »Verbreitung unzüchtiger Schriften« belohnt. Es waren zwanzig Verfahren.
Das bedeutet aber auch: Es gibt von diesem März-Titel nur zwanzig Exemplare bei Sammlern und im Antiquariat. Entsprechend teuer ist das Buch, je nach Zustand wird Lucys Lustbuch für 600 bis 800 Euro gehandelt. Da… weiter lesen
14.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
Heute hörten wir bei Aldi folgenden Dialog. Es stritten sich eine Frau Mitte zwanzig und ihr gleichaltriger Freund.
Sie: »Also nee, wenn de dit nich koofen wills, det verzeih ick dir nie!«
Er: »Nee, du, dafir ham wa keen Jeld.«
Sie: »Wir brauchn det aber fir unsre Wohnung. Det missen wir koofen!«
Er: »Laß mir doch in Ruhe!«
Sie: »Wenn du mir lieben tätest, würds du mir dit koofen.«
Er: »Det iss doch keene Liebe mehr. Wir jehn doch sowieso bald ausnander.«
(BK / JS)
11.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in östlicher Richtung.
***
Die Feierlichkeiten zum 40jährigen Achtundsechziger-Jubiläum werfen ihre Schatten voraus, und bereits jetzt zeichnet sich ab, daß Vespers ›Reise‹ in diesen Retrospektiven eine wichtige Stellung einnehmen wird. Peter Weiss nannte das Buch »den intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68«. Aus gegebenem Anlaß bringen wir hier die Nachbemerkung zur Neuausgabe, die vor zwei Jahren im Area Verlag erschien. Inzwischen ist diese Hardcover-Ausgabe im Buchhandel bereits wieder vergriffen. Claudius Seidl schrieb über diese Neuausgabe in der FAZ, mehr dazu hier.
Jörg Schröder: Editions-Chronologie III
Daß MÄRZ 25 Jahre nach der ›Ausgabe letzter Hand‹ im Oktober 1979 nun eine Neuausgabe der ›Reise‹ herausbringt, obwohl das Buch auch als Taschenbuch auf dem Markt ist, hat folgende Gründe: Der Rowohlt Verlag erwarb 1983 eine Taschenbuchlizenz und zahlte dafür eine Garantiesumme, die bis zum heutigen Tage nicht verbraucht ist. Inzwischen führt der Taschenbuchverlag den Titel nur noch in der Backlist. Es liegt in der Natur der Sache, daß ohne sonderliche Vertriebs- und Werbebemühungen der Verkauf dahindümpelt.
Es ist paradox: Ein Buch über Bernward Vesper (Gerd Koenen, ›Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus‹) wurde im Jahr 2003 fünfzigmal mehr verkauft als ›Die Reise‹ – ein Beispiel für die geistesfernen Marktgesetze des Literaturbetriebs. Wenn es nur um die Verkaufszahlen ginge, könnte man mit Emile Michel Ciorans alter Mutter seufzen: »Das ist nicht zu ändern.« Hier aber geht es nicht um business as usual, denn ›Die Reise‹ ist nicht irgendein Bestseller aus dem vorigen Jahrhundert, sondern der »Nachlaß einer ganzen Generation« (Peter Laemmle, ›Leiden an Deutschland‹, in ›Die Weltwoche‹, Zürich vom 6. 2. 1978), und Peter Weiss bezeichnete das Buch in seinen Notizbüchern als »den intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 1968« (Peter Weiss, ›Notizbücher 1971 – 1980‹, 2. Band, S. 672 ff., Frankfurt a. M., 1981).
Jedoch der gravierendste Grund für die Neuedition ist: In letzter Zeit droht die Rezeption der ›Reise‹ ins Spekulative umzukippen. Der Regisseur Andres Veiel, der Koenens Buch über Bernward Vesper »fiktional verfilmen« will, erklärte kürzlich: »Bernward Vesper rebellierte gegen den Nazi-Vater … weiter lesen
09.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Ohne Nachgabe im Recht und lediglich zur Vermeidung gerichtlicher Auseinandersetzungen haben wir heute wieder in sechs Texten unseres tazblogs Namen und Örtlichkeiten unkenntlich gemacht. Die Leser unserer Erzählungen haben sich ja ohnehin schon längst und rein vorsorglich zu helfen gewußt.
(BK / JS)
07.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Während der Frühjahrstagung der Berliner Akademie der Künste wurde diskutiert, was ›Achtundsechzig‹, also die Ära der Politisierung des Privaten – die, wie wir finden, eher eine Privatisierung des Politischen war – den Künsten gebracht hat. Umgekehrt sei zu untersuchen, was die Künstler zur Bewegung beigetragen haben. Diese Fragen müsse sich die Akademie vierzig Jahre danach stellen, postulierte ihr Präsident Klaus Staeck. In der Diskussion wurde auch die Frage gestellt, ob junge Künstler überhaupt noch an 1968 interessiert seien. Da die Akademie über keine jungen Mitglieder verfügt, kann sie junge Künstler auch nicht fragen.
Die Mitglieder der Akademie werden im nächsten Jahr aber nur ein Haus weiter gehen müssen, nämlich zur NGBK (Neue Gesellschaft für bildende Kunst). Dort werden junge Künstler und Künstler aus der 68er Generation in einem Arbeits- und Ausstellungsprojekt sich solche und andere Fragen stellen und versuchen sie… weiter lesen
04.05.2007 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
Die ›Making of Pornography‹-Folge endete mit dem Wort ›Lucys Lustbuch‹. Diesen Comic von Alfred Demarc (d.i. Alfred von Meysenbug) ließ der Frankfurter Generalstaatsanwalt 1971 bei unserer damaligen Auslieferung Franz Müller-Rodenberger in der Goethestraße beschlagnahmen, da sich Personen aus Politik, Presse, Gesellschaft und Sangesleben wiedererkannt hatten. Wie die Staatsanwaltschaft so schnell von dieser Buchuntat Wind bekommen hatte, weiß ich nicht, mein Verteidiger durfte »wegen Gefahr im Verzuge« die Akten nicht einsehen. Die gesamte Auflage von zehntausend Exemplaren wurde dann nach einem späteren Verfahren eingestampft. Es handelte sich um einen Deal. Meine Zustimmung zur Makulierung wurde mit der Einstellung aller laufenden Strafprozesse wegen »Verbreitung unzüchtiger Schriften« belohnt. Es waren zwanzig Verfahren.
Das bedeutet aber auch: Es gibt von diesem März-Titel nur zwanzig Exemplare bei Sammlern und im Antiquariat. Entsprechend teuer ist das Buch, je nach Zustand wird Lucys Lustbuch für 600 bis 800 Euro gehandelt. Da Blogger aber alles umsonst tun und bekommen, stellen wir nun diesen lustigen skankalösen Comic aus dem Jahr 1971 in Fortsetzungen komplett ins Netz. Und so geht’s weiter:
… weiter lesen