Archive for Februar, 2008

28.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Walking Through

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Seit wir wieder in Berlin wohnen, hatten wir uns vorgenommen mit Annett Gröschner und Ralf S. Werder einen Rundgang durch Niederschönhausen zu machen, um gemeinsam die Plätze zu besuchen, die im ›Siegfried‹ und in ›Schröder erzählt‹ vorkommen. Am Sonntag waren wir zum Frühstück in einer Restauration, die nach Henry David Thoreaus ›Walden‹ benannt ist. Sein Buch endet mit der Zeile: »The sun is but a morning-star.« Der Stern schien.

Wir wollten pünktlich sein, aber ich (BK) hatte uns einen falschen Wegeplan ausgedruckt: Choriner Straße 3 statt 35. So mußten wir den Prenzlauer Berg erst runter und dann wieder hoch laufen. Sehr zu meinem (JS) Mißvergnügen, denn ich leide unter dem kardiovaskulär bedingten Walking-Through-Phänomen. Annett und Ralf waren auch ein bißchen ärgerlich – verständlicherweise, denn wenn uns Preußen etwas verbindet, dann die Verachtung der Unpünktlichkeit.

Nach dem opulenten Frühstück mit Bratkartoffeln und Buletten… weiter lesen

26.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Der Hund muß warten

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Es ist wieder einmal soweit: Wir werden mit unserem Blog eine Zeitlang kürzer treten. Zwar wissen wir: A blog is like a dog – und nicht zuletzt, weil wir regelmäßig bloggten, haben wir im neuen Jahr die Schwelle von 100.000 Hits im Monat übersprungen –, aber nun wenden wir uns wieder unserer Brotarbeit zu, nämlich der nächsten Folge von ›Schröder erzählt‹ mit dem Titel ›Eitelkeit auf Eitelkeit‹. Deshalb verzichten wir von jetzt ab aufs tägliche Bloggen und melden uns bis auf weiteres nur zwei- bis dreimal pro Woche.

So long!
Barbara Kalender & Jörg Schröder

25.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Menschen statt Mauern

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Gefängnis-2.jpg

Klaus Jünschke schreibt in der Einleitung zu ›POP Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft‹: »Die Kritik am Gefängnis ist so alt wie die Gefängnisse selbst, die Ende des sechszehnten Jahrhunderts entstanden. Bereits 1764 schrieb der italienische Jurist und Schriftsteller Cesare Beccaria in seinem berühmten Buch ›Über Verbrechen und Strafen‹: »Es ist besser, den Verbrechen vorzubeugen als zu bestrafen … Das sicherste aber schwierigste Mittel, die Verbrechen zu verhüten, ist endlich die Erziehung. …

Nach dem Tötungsdelikt in der Jugendstrafanstalt Siegburg im Dezember 2006, bei dem drei Jugendliche den Mitgefangenen Hermann Heilbach getötet haben, wurde das Recht auf eine Einzelzelle als Schutz vor derartigen Übergriffen beschlossen. Diese Forderung ist blind für die Tatsache, dass Einzelzellen selbst ein Übergriff sind. Besonders bei Jugendlichen löst die Einsperrung in einem kleinen Raum Angstzustände, Gefühle des ausgeliefert- und Alleinseins aus und produziert Hass. Jugendliche… weiter lesen

22.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Kaba-Nussi-Babylon

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Seit einiger Zeit steht eine Bettlerin vor dem Aldi-Markt neben den Einkaufswagen. Sie spricht nur einige Brocken Deutsch, kommt vermutlich aus Rumänien. Da ich ihr immer etwas gebe, grüßt sie, wenn ich komme. Ich bin nicht die einzige Spenderin, die Wilmersdorfer Rentnerinnen bewerfen sie geradezu mit Geld. Aber ich kenne natürlich das System: Von ihren Einnahmen darf sie nur einen Bruchteil behalten, den Löwenanteil schluckt ein rumänischer Peachum.

Dieses Mal hält sie mir einen Euro hin und sagt: »Bitte Kaba Nussi.« Ich nehme die Münze und frage: »Kaba Nussi, zum Trinken?« und mache die entsprechende Geste. Sie schüttelt den Kopf: »Kaba Nussi«, tut so, als ob sie ißt, dann zeigt sie auf ihren Magen. Während des Einkaufens bin ich irritiert. Das ist doch verkehrte Welt! Eine Bettlerin gibt mir Geld zum Einkaufen, weil sie ihren lukrativen Platz nicht verlassen darf. Kopfschüttelnd suche ich etwas… weiter lesen

21.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Oldtimer (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Im Jahr 1970 berichtete mir Otto Jägersberg, der damals manchmal als Scout für die Olympia Press tätig war, von einem Pornoalbum aus bürgerlichem Schweizer Nachlaß. Es handelte sich um Fotos aus der Zeit der Jahrhundertwende, und wer annimmt, man habe damals ›sauberer‹ gelebt, der irrt.

Ich bat den Autor, die Fotos auf Verlagskosten zu kaufen, wir veröffentlichten sie mit einem Vorwort von Göran Göransson – ein Pseudonym, das Otto Jägersberg gewählt hatte und später selbst lüftete. Das Schweizer Album – nur etwa die Hälfte ist eidgenössischer Provenienz – erschien 1971 unter dem Titel ›Oldtimer‹. Diese Bilder bringen wir jetzt in unserer Serie ›Making of Pornography‹.

Das Zitat, welches Otto Jägersberg dem Band voranstellte, sagt mehr über die Bedeutung ›galanter‹ Literatur und Bilder für die höheren Stände um die Jahrhundertwende als dickleibige Sittengeschichten.

»Sich ängstlich umsehend, angelte Simon Jakovlevitsch Horizont aus der inneren Rocktasche Photographien, die nackte Paare in mannigfaltigen Stellungen zeigen. Mit zitternden Händen nimmt der Offizier sie in Empfang, Horizont stößt ihn dann und wann an, weist ihn mit leisen Ausrufen auf diese und jene Besonderheit hin. »Sehen Sie sich dieses an! Echtes Pariser Modell! Und das da!« Der Leutnant blättert die Kollektion durch. Benommen reicht er sie zurück: »Ich freue mich sehr, mit Ihnen zusammen zu sein, Verehrtester. Wirklich, es ist mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu reisen. Also, sagen wir fünfzig Kopeken pro Bild, das ist geschenkt! – Zu teuer? – Sagen wir dreißig. – Weil Sie es sind, fünfundzwanzig! – … weiter lesen

20.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Flachwichser

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Ist das nun Wirkung oder Zufall?

Oder hat sich der Grafiker einen Scherz erlaubt?

flachwichser.jpg

Danke für den Hinweis.

(BK / JS)

20.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

»Öl!« und »There Will Be Blood«

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Upton Sinclair, der 1968 starb, hätte sich gefreut. Zwar gewann er 1942 den Pulitzer-Preis, aber der Nobel-Preis blieb ihm versagt. Jetzt sieht es ganz so aus, als ob ›There Will Be Blood‹ den Oscar für den besten Film gewinnen wird und wurde in acht Sparten nominiert. Auf der Berlinale gewann der Film von Paul Thomas Anderson bereits zwei Bären: für die beste Regie und die beste Filmmusik.

there-will-be-blood.jpg

›There Will Be Blood‹ ist eine Adaption des Romans ›Oil!‹ von Upton Sincliar aus dem Jahr 1927. Die deutsche Ausgabe ›Petroleum‹ erschien noch im selben Jahr im Malik Verlag, übersetzt von Hermynia zur Mühlen, einer guten Kommunistin, aber miserablen Übersetzerin.

upton-sinclair-2.jpg
Upton Sinclair verkauft 1927 in Boston auf der Straße die sogenannte »Feigenblatt«-Ausgabe von ›Oil!‹. Das Buch war wegen »pornographischer« Stellen verboten worden.

Eine neue Übersetzung von Otto Wilck erschien 1984 im März Verlagweiter lesen

19.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Nach den Punks die Literatur

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert schwach in östlicher Richtung.

Tagebuch 13. Februar: Nicht alle kamen, aber viele. Sämtlich Stühle waren besetzt im schönen Veranstaltungsraum, in den die wunderbare Literaturhandlung von Selinde Böhm und Rudolf Müller mündet. In diesem Haus wurde Harry Heine geboren, wir mußten uns die Sentimentalität verkneifen. Ja, viele Leute kamen: Andreas Wigand – ein Subskribent der ersten Stunde, Hubert Winkels – allerdings ohne TV-Team, Richard Gleim – ein Blogkollege, Ulrich Faure – Chefredakteur von BuchMarkt online, Werner Schwerter von der Rheinischen Post, der am nächsten Tag eine ganze Seite über die Lesung vollschrieb – leider konnten wir sie noch nicht lesen. Daniel Boss hatte schon am Vortag berichtet. Weiterhin kamen Uwe Husslein, der Kurator von ›Pop am Rhein‹, Martin Krumbholz, den wir kennenlernten, und natürlich eine Abordnung der alten ›Bobby‹-Mannschaft angeführt vom unentwegten Harald Hülsman, der wie vor fünfzig Jahren über seine Verwandtschaft… weiter lesen

18.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Glück gehabt in Düsseldorf

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Tagebuch 13. Februar: Lesereise nach Düsseldorf, wieder streikte die BVG, aber der Bus vom S-Bahnhof Jungfernheide zum Flughafen Tegel kam auf die Minute. In der Zeitung stand: »Dieses Mal streikt nur das Büropersonal …« Als alte Syndikalisten kam uns der Gedanke, daß die meisten Leute in der Verwaltung wohl überflüssig sind. Dafür standen wir dann eine Stunde auf dem Rollfeld wegen Nebels in Düsseldorf.

Dort war es ungemütlich kalt. Der Taxifahrer – offenbar ein Mann aus der Levante – machte einen Umweg. »Warum fahren Sie nicht die Graf-Adolf-Straße runter?« fragte Jörg. »Das geht nicht, da stehen jetzt Palmen«, und ungefragt ergänzte der Mann stolz, »die vertragen bis minus 20 Grad.« Sehr vorausschauend, die Düsseldorf Stadtplaner! Dieser Palmengarten ist offenbar ein Vorgriff auf den Klimawandel. Wir kamen auf die Streiks zu sprechen, der Taxifahrer war wütend über Finanzsenator Sarrazins Hartz-IV-Speiseplan – tolle Imagewerbung… weiter lesen

16.02.2008 von Schröder & Kalender
blogavatar

Schröders frühe Jahre in Bonn (7)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Im Programmheft von ›POP am Rhein‹ wurde für den 14. Februar eine Lesung von Jörg Schröder in Bonn angekündigt, die wegen eines Planungsfehlers des Veranstalters nun doch nicht stattfindet. Wir bitten die Freunde unserer Literatur um Nachsicht und bringen hier einen Text, den wir in Bonn lesen wollten.

3. Teil

Ich ging weiter in die Junge-Union-Zusammenkünfte, auf CDU-Veranstaltungen wurde begeistert geklatscht und auf SPD-Veranstaltungen begeistert dagegengegrölt. Mein Vater scherte sich nicht darum. Ich glaube, ich hätte auch der ›Moralischen Aufrüstung‹ beitreten und »One for you and one for me, that’s the way of democracy« singen können, es hätte ihn nicht gekümmert. Er sorgte sich einzig, daß ich Gretels Reglements nicht allzusehr mißachtete. Ist ja verständlich, daß es jede Köchin aufregt, wenn du ihr Essen ins Klo spülst. Frag mich nicht, ob der Fraß wirklich so schlecht war, ich fand die Frau schlecht, ihren Gang,… weiter lesen