15.12.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
Vorgestern war Endspurt für die Ablieferung der Manuskripte, Fotos und Materialien ins Deutsche Literaturarchiv Marbach. Vor dem Ordnen der Fotos aus dem Privat- und Verlagsleben hatten wir uns fast zwanzig Jahre gedrückt, denn wir ahnten, was uns blühte. Jetzt mußten wir ran! Von fünfzehn- oder zwanzigtausend Fotos wählten wir tausendfünfhundert aus – eine tour de force, die Geduld und Nerven kostete. Das ganze Leben war als Fotostrip an uns vorübergezogen.
Am Nachmittag kamen dann Nora Sdun und Jan-Frederik Bandel aus Hamburg zum Kaffee vorbei.

Die beiden berichteten über den dritten Band von Kultur & Gespenster, der im Januar 2007 herauskommen wird. Thema ist ›Authentizität‹ – was uns natürlich interessiert als Kämpfer an der Nonfiction-Front (siehe ›Schlafende Hunde‹).
Nora erzählte en passent eine kuriose Darmstadt-Geschichte. An Darmstadt sind wir immer interessiert: Barbara, weil sie jedes Jahr während… weiter lesen
12.09.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
Am Samstag besuchten uns Heike und Peter Oeltze von Lobenthal, alte Freunde, die wir seit unserer Vogelsbergzeit kennen, also jetzt 26 Jahre. Sie brachten aus ihrem Garten in Caputh Blumen, Himbeeren, Erdbeeren, Tomaten und einen Kürbis mit. Wir tranken einen Absinth, Povl erzählte von seiner Moskau-Reise. Er war fasziniert von der Stadt und schockiert von den dortigen Preisen. Kurz vor acht fuhren wir ins Gnadenbrot. Wolfgang Müller (Die tödliche Doris) sprach und speiste mit Stefán Júlíusson, einem Hochseefischer aus Island.
Wir gehen gern zu Müllers Tischgesprächen ins Gnadenbrot. Das ist immer amüsant und das Essen gut, aber nicht teuer. Der andere Stefan, der Koch, bereitet regionale Spezialitäten zu, passend zur Herkunft des Interviewpartners, dieses Mal eben isländische Gerichte. Wir nahmen Kürbisgnocci mit Steinpilzen, Heilbutt und geräuchertes, isländisches Lamm. Auf den Tischen standen Schalen mit getrockneten Algen, die die Isländer knabbern, sowie Trockenfisch, den man mit etwas Butter ißt. Wolfgang Müller sprach mit Stefán Júlíusson über dessen Arbeit als Hochseefischer im Atlantik, dazu wurden Fotos an die Wand projiziert. Müller mußte dem Fisherman jedes Wort aus der Nase ziehen.
Jetzt kam der taz-Hilfshausmeister Helmut Höge herein, neuerdings auch Islandfahrer, und als Bremer Fischkopp schon immer an der Fischerei interessiert. … weiter lesen
02.09.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert schwach in nördlicher Richtung.
27. August. Beim Blättern in den Coffeetable-Magazinen des Hyatt Hotels fällt uns eine Kolumne der Dumpfbacke Patrick Graf von Faber-Castell aus der Christian-Kracht-Generation auf. Er schreibt über Luxussonnenbrillen: »Nicht alle ganz mein Style und Geschmack, weil nicht immer 100 % heterosexuell … Die nächsten zwei Tage höre ich von meiner Freundin, ich solle doch ab und an von meiner Lässigkeit absehen und die Brille wenigstens im Bett abnehmen.« Was denn nun Patrick, 100 % heterosexuell oder doch ein bißchen schwul?
Abends mit Victor dem Zivilisationsästheten nach Mainz-Finthen, ein typisches Rhein-Hessisches Dorf mit verwinkelten Fachwerkhäusern. Hinter einer dieser bescheidenen Fassaden befindet sich das Restaurant Stein’s Traube, trotz des falschen Genetivapostrophs ein gutes Wirtshaus. Die resolute Chefin mit Grübchen läßt sich von Victors anspruchsvollen Weingeschmack nicht irritieren. Ihr Mann Peter hat im Tantris, dem Erbprinz und der Ente vom Lehel gekocht. Es gab einen Steinpilz-Salat mit Balsamessig, Carpaccio vom Schwertfisch, dazu Schloß Vollrats Riesling Kabinett trocken. Barbara und Victor aßen knusprig gebratenen Milchferkelrücken mit Serviettenknödeln und Wirsing, Jörg nahm ein Lammfilet in Basilikumjus. Dazu tranken wir einen australischen d’Arenberg, The Dead Arm Shiraz mit 92 Parkerpunkten. Leider mußte Victor mit dem Auto zurückfahren, sonst hätten wir die Lagerbestände des toten Arms womöglich ausgetrunken.
Danach zum Absacker in die Mainzer Schickimickibar Heiliggeist, eine spätromanische Spitalkirche. In diesem Gebäude befand sich ab 1400 ein Seniorenstift für reiche Bürger. Da die medizinische Pflege zu dieser Zeit hauptsächlich aus Beten bestand, kam der Nähe zu einem geweihten Ort hohe Bedeutung zu. … weiter lesen
01.09.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
26. August abends. Reise nach Mainz. Victor der Zivilisationsästhet hat uns als Belohnung für ›Klasse gegen Klasse. Zweiter Teil‹ – »Eure beste Folge!« – nach Mainz eingeladen. Wir kommen um 22:30 Uhr im Hyatt an, ein Luxuskasten am Rhein, Architektur kein Brüller. Innenarchitektur dezent, Schieferfußboden. Kleiner Imbiß in der Lounge. Wir beziehen ein schönes Zimmer mit Blick auf den nächtlichen Rhein. Victor hat uns zur Begrüßung eine Flasche Absinth hingestellt, ein deutsches Fabrikat von Dotzauer aus Oberstreit: ohne Fenchel, Anis und Ysop, lediglich auf Wermutbasis, bei Zugabe von Wasser erhält man deshalb keine Trübung. Der Stoff duftet nach Heu und schmeckt bitter. Man trinkt ihn wohl am besten pur wie einen Schnaps. Für uns etwas zu heftig.
Und noch eine von Victors Spitzenleistungen: Neben dem Absinth aus Oberstreit steht ein 100 ml Medizinfläschchen mit Pipette: »L’Extrême d’Absente« aus der provencalischen Destillation. Dieser… weiter lesen
17.08.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
Nach dem Besuch eines freundlichen Teufels in Menschengestalt, der uns eine Flasche besten Schweizer Absinths mitbrachte, sind wir der grünen Fee verfallen. Das Zeug ist gut zu Magen und Darm, macht frisch wie Kokain, steigert die Arbeitslust und die Libido. Victor der Zivilisationsästhet kam vorbei, ließ sich jedoch nicht missionieren: »Macht ruhig so weiter, werdet blind, schneidet euch das Ohr ab und marschiert zum Radetzkymarsch. Aber Picasso werdet ihr nicht mehr, da hättet ihr früher anfangen müssen.«

(BK / JS)