Posts Tagged ‘Bernward Vesper’

20.11.2011 von Schröder & Kalender
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Kleist und Vesper

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in schwach in nördlicher Richtung.
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Zur Wirkungsgeschichte des Freitodes von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist bringen wir heute eine Passage aus einer ›Schröder erzählt‹-Folge:


Der Wegweiser
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Warum beschäftigte sich 1998 plötzlich eine Bibliothekarin des Deutschen Literaturarchivs Marbach mit unserem Vorlass? Normalerweise sind doch Handschriftenabteilung und Bibliothek strikt getrennt. Weshalb wollte also Brigitte Raitz das ›Reise‹-Manuskripts in ihren feministischen Bestand aufnehmen? Diese Logik blieb uns verschlossen, bis wir die Lösung fanden: Brigitte Raitz wollte das ›Reise‹-Manuskript der Übergriff-Literatur zuschlagen. Denn um eine solche handelt es sich ihrer Meinung nach wohl bei den Liebesbriefen von Bernward Vesper an Ruth Ensslin.

Wer Vespers Romanessay gelesen hat, wird sich erinnern, dass auf den ersten Seiten der ›Reise‹ der Ich-Erzähler Bernward zu seinem Reisegefährten Burton sagt: »Do you know, I have lost my girl.« Die meisten Leser gehen vermutlich davon aus, dass er damit Gudrun Ensslin meinte. Das ist aber nicht so, vielmehr hatte Vesper, nachdem Gudrun ihn für Andreas Baader verlassen hatte, sich für sie nur noch als Mutter ihres gemeinsamen Sohnes Felix interessiert und als Genossin. Das zeigt seine flammende Rede beim Frankfurter Brandstifter-Prozess. Tatsächlich hatte Bernward sich inzwischen auf Ruth fixiert, die jüngste der Ensslin-Schwestern. Sie war zur Zeit der Niederschrift der ›Reise‹ gerade vierzehn Jahre alt.

Wer daran Anstoß nimmt, den erinnern wir an die lange Reihe literarischer Mädchenidole von Petrarcas Laura, über Novalis’ Sophie von Kühn, die mit fünfzehn Jahren starb, von Goethes ›Heideröslein‹, der Pfarrerstochter Friederike Brion aus Sesenheim bis zu Nabokovs ›Lolita‹. Bernward Vesper, ein homme de lettre durch und durch, hatte als Student in Tübingen einen Essay über Novalis geschrieben und plante eine Dissertation über das Thema. Er wußte also, dass der Freiherr von Hardenberg sich mit Sophie an ihrem dreizehnten Geburtstag verlobt hatte. Bernwards Liebe zur minderjährigen Ruth Ensslin war deshalb keine »wahnhafte Übertragung von Gudrun auf Ruth« wie Gerd Koenen es in seinem Buch ›Vesper Ensslin Baader‹ darstellt, sondern gehört ins weite Feld von Anziehung, Zärtlichkeit und Verwirrung und ist – wenn überhaupt – eine literarische Übertragung auf Novalis

Ruth Ensslin war zwölf und hatte angefangen Freud zu lesen, in einem Alter, in dem andere Teenager ›Emil und die Detektive‹ verschlangen. Als sie 1967 zu Besuch in Berlin war, erlebte sie die Anfänge der Trennung ihrer Schwester Gudrun von Bernward. Über diese Beziehungskonvulsionen schrieb Bernward zwei Jahre später an Ruth: »Erinnerst Du Dich an das Gespräch mit Andreas, Gudrun, Dir und mir am runden Tisch in der ›Dicken Wirtin‹, als sich die Parteien Gudrun-Andreas und Du-ich herstellten? Dann, nachdem WIR nächtelang geredet hatten … und dann eines Morgens-Mittags Du zu uns ans Bett kamst und ich dich festhielt und ins Bett zog …, ging Gudrun zu Andreas (und die Geschichte war ja so, dass Andreas von Gudrun erst gar nichts wissen wollte usw. Sie aber merkte, dass sie wegmusste). Es war vielleicht ganz gut, dass wir damals nicht miteinander geschlafen haben, weil das, was nachher und jetzt geschah, nämlich die psychische Aufarbeitung, das Aufbrechen bisher versteckter Komplexe usw. dann vielleicht unmöglich gewesen wäre. … Gudrun kann, auch für Dich, untergehen, zersetzt werden … seit sie entlassen ist, habe ich sie endgültig vergessen. Ich bin froh darüber, und sehr glücklich, dass es dich gibt, Carissima … Gestern Nacht waren wir am Kleistgrab …«

Tatsächlich sind Bernwards Briefe an Ruth nicht weniger outriert als andere Liebesbriefe. … weiter lesen

09.03.2011 von Schröder & Kalender
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Bernward Vesper war vollkommen anders

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Leider können wir dem Impuls nicht nachgeben, die ignoranten und zuweilen kranken Elogen zu Veiels Film ›Wer, wenn nicht wir‹, einfach zu ignorieren. Denn als Herausgeber und Verleger von Bernward Vespers Romanessay ›Die Reise‹, den Peter Weiss einen »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68« nannte, haben wir die Verantwortung das Lebensbild und das Werk von Bernward Vesper zu schützen. Heute hat uns der Autor, Komponist und Regisseur Ronald Steckel, ein Freund von Bernward Vesper und Autor in dessen Edition Voltaire, seinen Brief an Andres Veiel gemailt und uns gestattet, diesen hier zu bringen. Der Text spricht für sich selbst.

»Lieber Andres,

…noch ein kommentar zu Deinem film: als erstes gratuliere ich natürlich zu Deinem erfolg! mit dem ersten spielfilm gleich den Alfred-Bauer-Preis zu erringen, das ist wirklich bemerkenswert… mein eindruck war… anders – nicht so gut, ich verliess das kino… weiter lesen

02.03.2011 von Schröder & Kalender
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Vulgärpsychologie

von Schröder & Kalender

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Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
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Als hätte es keinen Vietnamkrieg gegeben, kein My Lai, kein Napalm und kein Agent Orange, gründelt Andres Veiel in seinem Film ›Wer, wenn nicht wir‹ in den Szenen eines verschlungenen Familienromans, der im Pfarrhaus der Ensslins und in Bernward Vespers elterlichen Gutshaus spielt. Dort sucht er nach der Motivation des bewaffneten Kampfes der RAF. Also Vulgärpsychologie at its best, die so wenig stimmt wie die Familiendetails.

Man kann nur den Kopf schütteln über die schlampige Recherche des als Dokumentarfilmers hoch gepriesenen Regisseurs Veiel. Der Film kommt morgen in die Kinos, und wer sich den öden Streifen unbedingt ansehen möchte, der sollte vorher lesen, was Gottfried Ensslin, der Bruder von Gudrun Ensslin, darüber schreibt. Was wir davon halten, haben wir ja schon gebloggt. Damit man sich wenigstens qualifiziert über den Film ärgern kann.

(BK / JS)

24.02.2011 von Schröder & Kalender
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Papa hat mich immer verstanden

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Es war zu erwarten. Nach dem mißverständlichen und tendenziös falschen Film ›Wer wenn nicht wir‹ von Andres Veiel melden sich nun die Nazitanten aus Ochsenhausen, mit denen Bernward Vesper als junger Mann im Geiste seines Vaters korrespondierte.


Leserbrief in der FAZ vom 24. Februar 2011

Wahr daran ist, dass Bernward Vesper einen Romanessay von 600 Seiten hinterließ, nämlich ›Die Reise‹, und einen Zettelkasten mit 300 Notaten, die im Anhang der ›Reise‹ abgedruckt sind. Sein Buch handelt in großen Teilen von der filizidalen Indoktrination durch das tiefbraune Elternhaus. Und es handelt davon, wie sein Autor sich an den eigenen Haaren selbst aus dem braunen Sumpf zog  und schließlich an seiner Unbedingtheit zerbrach.

(BK / JS)

18.02.2011 von Schröder & Kalender
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Viel Falsches bei Veiel

von Schröder & Kalender

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Es ist neblig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
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Bereits vor der Berlinale distanzierten wir uns als Verleger und Herausgeber ›Der Reise‹ von Andres Veiels Film ›Wer wenn nicht wir‹ und zwar mit der Begründung, dass es sich dabei um eine Adaption von Koenens Buch ›Vesper, Ensslin, Baader‹ handelt, also um eine Adaption tendenziöser Sekundärliteratur.

Jetzt haben wir den Film gesehen, es ist noch schlimmer gekommen! Andres Veiel hat Dokumentarisches und Fiktionales, dem jede innere und äußere Wahrheit fehlt, zusammengerührt. Ein paar Beispiele: In der Berghütte ihrer Familie zerschlägt Gudrun Ensslin ein Glas und setzt sich mit dem nackten Hintern in die Scherben. Bernward Vesper rettet sie aus dem Wald, wohin sie sich geflüchtet hat. Diese von Lars von Trier schlecht geklaute Szene hat es in der Realität nie gegeben. Auch besaß die Pfarrersfamilie keine Berghütte, und die Ensslins waren auch keine pietistischen… weiter lesen

12.01.2011 von Schröder & Kalender
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Berlinale: Die Urszenen der RAF als Seifenoper

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Wie gemeldet, wurde der Film ›Wer, wenn nicht wir‹ von Andres Veiel für den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale nominiert. Angeblich erzählt der Film die wahre Liebesgeschichte von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, die angeblich an Gudrun Ensslins politischer Radikalisierung scheiterte, so propagiert die Produktion Zero One den Film.

Bekanntlich scheiterte die Beziehung Ensslin-Vesper jedoch daran, dass Gudrun Ensslin sich in Andreas Baader verliebte und Vesper verließ. Der Regisseur Veiel will aber dem Publikum die Urszenen der RAF als ›Tristan und Isolde‹-Seifenoper andrehen. Das ist sein gutes Recht als Regisseur, jeder so gut er kann. Fest steht, dass sich Gudrun Ensslin und Bernward Vesper im Grabe herumdrehen würden, wenn sie erführen, wie hier mit ihren Biographien umgesprungen wird.

Hinzu kommt, dass Veiel nach eigener Aussage den Autor Vesper so darstellt: »Bernward Vesper rebellierte gegen den Nazivater und blieb dessen Gedankenwelt doch… weiter lesen

25.12.2009 von Schröder & Kalender
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Deutsche Weihnacht (3)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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24.12.2009 von Schröder & Kalender
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Deutsche Weihnacht (2)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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23.12.2009 von Schröder & Kalender
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Deutsche Weihnacht (1)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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30.09.2009 von Schröder & Kalender
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Müllstück (1)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert leicht in östlicher Richtung.
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Aus gegebenem Anlass, morgen wird in Mülheim ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ von Rainer Werner Fassbinder aufgeführt, erzählen wir in unserem Blog die Geschichte der ›Notausgabe‹ im eigens dafür gegründeten April, April! Verlag:

Es fing mit der falschen Entscheidung an, die eigentlich eine richtige war, uns in die Kontroverse wegen Fassbinders ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ einzumischen. Bereits Ende Oktober 1985 hatten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zusammen mit ihrem Vorstand Ignatz Bubis die Uraufführung des ›Müllstück‹s in den Frankfurter Kammerspielen verhindert, weil darin das Klischee vom ›reichen Juden‹ kolportiert wird.

Anschließend retteten sich der Intendant Günther Rühle und der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann mit einer juristischen Finte in die neutrale Ecke: Sie ließen das Stück als sogenannte ›Wiederholungsprobe‹ aufführen, die nicht öffentlich war und nur mit einer Pressekarte ausgestatteten Kritikern den Eintritt erlaubte. Danach zog der Intendant das Stück ›vorläufig‹ zurück, woraufhin Karlheinz Braun, der Geschäftsführer des Frankfurter Verlags der Autoren und Inhaber der Verlagsrechte, erklärte, er betrachte die ›Wiederholungsprobe‹ als Uraufführung.

Hintergrund dieser für juristische Laien verwirrenden semantischen Spitzfindigkeiten: Erst nach einer Uraufführung, der Premiere, kann ein Stück auf anderen Bühnen nachgespielt werden. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Der Verlag der Autoren wollte das skandalisierte Stück ohne Rücksicht auf die Proteste durchsetzen. Jetzt war nicht nur von Frankfurt die Rede, sondern von Aufführungen weltweit. So sah es Anfang Januar 1986 aus, das kulturpolitische Skandalon sorgte für Schlagzeilen, nur vergleichbar mit der ›Spiegel‹-Affäre, der Ausspähung und dem Rücktritt von Bundeskanzler Brandt, den Flick-Parteispendenprozessen oder eben Kanzler Kohls schwarzen Konten.

Man fragt sich zu Recht, warum ausgerechnet der März Verlag in diese Sache verwickelt wurde, schließlich hatten wir anfänglich nichts damit zu tun. Und auch wir hielten zunächst den Bubis-Protest für eine Überreaktion und waren wie fast alle Intellektuellen der Meinung: Dieses Stück muß aufgeführt werden nach dem Motto: Die Kunst ist frei, eine Zensur findet nicht statt. Wir wußten, dass Gerhard Zwerenz mit Fassbinder befreundet gewesen war und nicht nur in seiner ›Alexanderplatz‹-Verfilmung, sondern auch in anderen Fassbinder-Filmen mitgespielt hatte. Er schrieb auch einen Roman nach dem Film ›Die Ehe der Maria Braun‹, den der ›Stern‹ abdruckte. Was nun das ›Müllstück‹ angeht, wußten wir: Fassbinder wollte den Zwerenz-Roman ›Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond‹ verfilmen, dieses Vorhaben lehnte die Filmförderungsanstalt jedoch ab. Auch eine Dramatisierung des Stoffs durch Fassbinders Schauspielkollektiv scheiterte, daraufhin schrieb er eine eigene Bearbeitung, eben das ›Müllstück‹. Sofort gab es im Römer Proteste, und Fassbinder kündigte kurz darauf am Frankfurter Theater am Turm. Danach erschien das Stück bei Suhrkamp und wurde nach Polemiken von Helmut Schmitz in der ›Frankfurter Rundschau‹ und Joachim Fest in der ›Frankfurter Allgemeinen‹ vom Suhrkamp Verlag zurückgezogen. Wir wußten also ziemlich viel, hatten das Stück aber nicht gelesen, auch den Roman von Zwerenz nicht.

Es ist ja eine weitverbreitete schlechte Angewohnheit von Leuten, die in der Literatursuppe rühren, über Bücher zu reden, die sie nicht gelesen haben, aber irgendwie doch zu kennen glauben. Da sprießen exquisite Stilblüten, wenn zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki im ›Literarischen Quartett‹ über Bernward Vespers ›Reise‹, tönte: »Na ja, schon literarisch sehr schwach, der Vesper, glaube ich. Ein Zeitdokument, ja gewiß.« Eben: Glaube ich! Keine Zeile von der ›Reise‹  hatte der Quasselkopp gelesen! Und so ging es mir bei Fassbinders Stück und Zwerenz’ Roman. Ich wußte, genau gesagt, nichts Genaues, hatte aber eine Meinung.

Da geschah etwas Banales, das unser vorgefertigtes Urteil ins Wanken brachte. Barbara kam vom Einkauf im Dorfladen nach Hause, den führte die wortkarge Frau Klein. Ihr gehörte auch die danebenliegende Kneipe, in der Horst Tomayer als Betriebsprüfer sein Bier trank; dieses maulfaule Mensch schmiss fast eine Szene im ›März-Akte‹-Film, das ist so schön peinlich! Tomayer redete auf sie ein, und die stand hinter ihrer Theke still wie ein Stein. Ein grandioser Dialog, bei dem diese Wirtin fast nur »hmmm« sagte. Dieser zustimmende Laut ist bekanntlich modulationsfähig, die größte Bandbreite hörten wir eines Morgens in Bayern, wir lagen noch im Bett. Der Bayerische Rundfunk dudelte weckdienstmäßig ins Halbbewußte, zwischen der Muzak liefen die Berichte vom Tage. Diesmal hatte eine Moderatorin Eltern aufgefordert, beim Sender anzurufen, damit deren Kinder etwas über den ersten Schultag nach den Ferien erzählen. Die Musik wurde runtergezogen, die Frauenstimme fragte: »Na, wie heißt du denn, und wie war dein erster Schultag gestern?« Eine helle Stimme antwortete:

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