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Beiträge getaggt mit ‘Bernward Vesper’

25.12.2009

Deutsche Weihnacht (3)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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24.12.2009

Deutsche Weihnacht (2)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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23.12.2009

Deutsche Weihnacht (1)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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1977, während der Redaktion des nachgelassenen, unvollendeten Manuskripts der ›Reise‹, haben mich Bernward Vespers Erzählungen über die »Kindheitshölle« besonders beeindruckt, darunter vor allem seine Weihnachtsgeschichte. Alle, denen der Suhrkamp Verlag gegenwärtig die Korrespondenz zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper über die Zukunft ihres gemeinsamen Sohnes als »tragischen Liebes-Brief-Roman« anzudrehen versucht, sollten besser the real stuff lesen, den Peter Weiss zu Recht zum »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 68« deklarierte.

(JS)

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30.09.2009

Müllstück (1)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert leicht in östlicher Richtung.
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Aus gegebenem Anlass, morgen wird in Mülheim ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ von Rainer Werner Fassbinder aufgeführt, erzählen wir in unserem Blog die Geschichte der ›Notausgabe‹ im eigens dafür gegründeten April, April! Verlag:

Es fing mit der falschen Entscheidung an, die eigentlich eine richtige war, uns in die Kontroverse wegen Fassbinders ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ einzumischen. Bereits Ende Oktober 1985 hatten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zusammen mit ihrem Vorstand Ignatz Bubis die Uraufführung des ›Müllstück‹s in den Frankfurter Kammerspielen verhindert, weil darin das Klischee vom ›reichen Juden‹ kolportiert wird.

Anschließend retteten sich der Intendant Günther Rühle und der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann mit einer juristischen Finte in die neutrale Ecke: Sie ließen das Stück als sogenannte ›Wiederholungsprobe‹ aufführen, die nicht öffentlich war und nur mit einer Pressekarte ausgestatteten Kritikern den Eintritt erlaubte. Danach zog der Intendant das Stück ›vorläufig‹ zurück, woraufhin Karlheinz Braun, der Geschäftsführer des Frankfurter Verlags der Autoren und Inhaber der Verlagsrechte, erklärte, er betrachte die ›Wiederholungsprobe‹ als Uraufführung.

Hintergrund dieser für juristische Laien verwirrenden semantischen Spitzfindigkeiten: Erst nach einer Uraufführung, der Premiere, kann ein Stück auf anderen Bühnen nachgespielt werden. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Der Verlag der Autoren wollte das skandalisierte Stück ohne Rücksicht auf die Proteste durchsetzen. Jetzt war nicht nur von Frankfurt die Rede, sondern von Aufführungen weltweit. So sah es Anfang Januar 1986 aus, das kulturpolitische Skandalon sorgte für Schlagzeilen, nur vergleichbar mit der ›Spiegel‹-Affäre, der Ausspähung und dem Rücktritt von Bundeskanzler Brandt, den Flick-Parteispendenprozessen oder eben Kanzler Kohls schwarzen Konten.

Man fragt sich zu Recht, warum ausgerechnet der März Verlag in diese Sache verwickelt wurde, schließlich hatten wir anfänglich nichts damit zu tun. Und auch wir hielten zunächst den Bubis-Protest für eine Überreaktion und waren wie fast alle Intellektuellen der Meinung: Dieses Stück muß aufgeführt werden nach dem Motto: Die Kunst ist frei, eine Zensur findet nicht statt. Wir wußten, dass Gerhard Zwerenz mit Fassbinder befreundet gewesen war und nicht nur in seiner ›Alexanderplatz‹-Verfilmung, sondern auch in anderen Fassbinder-Filmen mitgespielt hatte. Er schrieb auch einen Roman nach dem Film ›Die Ehe der Maria Braun‹, den der ›Stern‹ abdruckte. Was nun das ›Müllstück‹ angeht, wußten wir: Fassbinder wollte den Zwerenz-Roman ›Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond‹ verfilmen, dieses Vorhaben lehnte die Filmförderungsanstalt jedoch ab. Auch eine Dramatisierung des Stoffs durch Fassbinders Schauspielkollektiv scheiterte, daraufhin schrieb er eine eigene Bearbeitung, eben das ›Müllstück‹. Sofort gab es im Römer Proteste, und Fassbinder kündigte kurz darauf am Frankfurter Theater am Turm. Danach erschien das Stück bei Suhrkamp und wurde nach Polemiken von Helmut Schmitz in der ›Frankfurter Rundschau‹ und Joachim Fest in der ›Frankfurter Allgemeinen‹ vom Suhrkamp Verlag zurückgezogen. Wir wußten also ziemlich viel, hatten das Stück aber nicht gelesen, auch den Roman von Zwerenz nicht.

Es ist ja eine weitverbreitete schlechte Angewohnheit von Leuten, die in der Literatursuppe rühren, über Bücher zu reden, die sie nicht gelesen haben, aber irgendwie doch zu kennen glauben. Da sprießen exquisite Stilblüten, wenn zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki im ›Literarischen Quartett‹ über Bernward Vespers ›Reise‹, tönte: »Na ja, schon literarisch sehr schwach, der Vesper, glaube ich. Ein Zeitdokument, ja gewiß.« Eben: Glaube ich! Keine Zeile von der ›Reise‹  hatte der Quasselkopp gelesen! Und so ging es mir bei Fassbinders Stück und Zwerenz’ Roman. Ich wußte, genau gesagt, nichts Genaues, hatte aber eine Meinung.

Da geschah etwas Banales, das unser vorgefertigtes Urteil ins Wanken brachte. Barbara kam vom Einkauf im Dorfladen nach Hause, den führte die wortkarge Frau Klein. Ihr gehörte auch die danebenliegende Kneipe, in der Horst Tomayer als Betriebsprüfer sein Bier trank; dieses maulfaule Mensch schmiss fast eine Szene im ›März-Akte‹-Film, das ist so schön peinlich! Tomayer redete auf sie ein, und die stand hinter ihrer Theke still wie ein Stein. Ein grandioser Dialog, bei dem diese Wirtin fast nur »hmmm« sagte. Dieser zustimmende Laut ist bekanntlich modulationsfähig, die größte Bandbreite hörten wir eines Morgens in Bayern, wir lagen noch im Bett. Der Bayerische Rundfunk dudelte weckdienstmäßig ins Halbbewußte, zwischen der Muzak liefen die Berichte vom Tage. Diesmal hatte eine Moderatorin Eltern aufgefordert, beim Sender anzurufen, damit deren Kinder etwas über den ersten Schultag nach den Ferien erzählen. Die Musik wurde runtergezogen, die Frauenstimme fragte: »Na, wie heißt du denn, und wie war dein erster Schultag gestern?« Eine helle Stimme antwortete:

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26.09.2009

Mammut (2)

von Schröder & Kalender

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Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.

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Aus einer Besprechung des ›März-Mammut. März-Texte 1 & 2‹ von Diedrich Diederichsen aus dem Jahr 1984, die der ›Spiegel‹ bestellt, aber nicht abgedruckt hatte, ebenso wenig wie die von Rainald Goetz. Aus dem Diederichsen-Text veröffentlichen wir hier eine kurze Passage:

»Herausragend in ‘Mammut’ sind dennoch nicht nur die Schröder-Texte. Der Komplex Terrorismus mit Vespers und Gudrun Ensslins Reisefotoalbum und Wolfgang Pohrts Amnestie-Kampagne und einem Brief über Vesper von Jugendfreund Henner Voss, Gunnar Heinsohns erste materialistische Beschreibung der Hexenverfolgung, der Komplex Psychoanalyse/Otto Groß, Franz Jung etc., der Komplex Upton Sinclair / Henry Ford / U.S.-Anti-Semitismus der 30er Jahre. Man könnte noch viel mehr saugute Texte aufzählen, fast ebensoviel Mystik-Unsinn und moderne Literatur – die den Kampf gegen die Post-Literatur von Schröder, Warhol, Schröders Halbwelt-Spezi Hamlet Kuper, Tom Wolfe etc. so niederschmetternd verliert. Je neuer sie ist, desto schrecklicher ihre Niederlage. Wie peinlich so ein Essay, der fordert, die Literatur möge sich doch überall bedienen und ihre Scheu vor der Trivialität verlieren – ganz neu, hab ich noch nie gehört -, gegen das wirkliche Leben, egal ob es in ‘Mammut’ von einem Aufsatz Charles Darwins oder einer Dummheit Hubert Burdas, aber von der Gestalt wie ein eigener Beitrag behandelt, vertreten wird.

Da Schröder Lebensgeschichte betreibt, betreibt er automatisch auch Wirkungsgeschichte. Gegen Ende von ‘Mammut’ dokumentiert er ein paar Reaktionen auf ‘Cosmic’. In diesem Zusammenhang bringt er, ebenfalls erstmals in Deutsch, einen Ausschnitt aus Tom Wolfes ‘The Electric Kool-Aid Acid Test’, ein Buch, das auch schon fast 20 Jahre alt ist, ‘Die gefrorene Friedensversammlung’. Wolfe erzählt darin, wie Ken Kesey und seine Merry Pranksters in den 60er Jahren absolut punkmäßig eine Friedensversammlung sprengen, absolut aktuell, absolut richtig. Die, die in den 60ern wirklich weit vorn waren, sind es bedauerlicherweise immer noch. Eine Alternative zur liberalen Dummheit hat sich nicht durchsetzen können. Am Ende von ‘Mammut’ steht eine alte Utopie (aus den 60er Jahren) ‘1994′, die die Hippies als Agenten des Establishments ausweist. Auch das ist leider wahr geworden/geblieben. Der Weg dahin, dadurch und daran vorbei, die Geschichte der letzten 20 Jahre als Geschichte des Scheiterns steht in ‘Mammut’. Schröder, Warhol und Wolfe haben ihren Humor nicht verloren.«
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Die vollständige Version der beiden Besprechungen druckten wir in unseren ›Vorinformationen für Buchhandel und Presse Juni bis November 1985‹ ab und erlebten eine Überraschung. Die Auflage von 10.000 war sofort vergriffen, wir mußten 10.000 nachdrucken. Diese gingen – kostenlos versteht sich – wieder weg wie die warmen Semmeln. Seitdem sind die März-Vorinformationen 1985 ein Rarum, der seltene Fall einer Werbedrucksache, die heute Geld kostet. Den vollständigen Text von Diedrich Diederichsen kann man auf der Seite der Filmzentrale lesen, als Anhang zur Rezension der ›März-Akte‹, also bitte runterrollen.

›März Mammut. März-Texte 1 & 2. 1969 bis 1984‹. Herausgegeben von Jörg Schröder. Leinen, 1.276 Seiten mit zahlreichen Illustrationen, März Verlag, 1984 (Die Ausgabe für den Handel ist nur noch antiquarisch erhältlich).
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Die Mäzenatenausgabe ist noch lieferbar: › März Mammut. März-Texte 1 & 2. 1969 bis 1984, Vorzugsausgabe der Erstausgabe 1984 in 150 numerierten und vom Herausgeber und MÄRZ-Verleger Jörg Schröder dem Mäzen handschriftlich gewidmeten Exemplaren. 1274 S. m. zahlr. Abb. Säurefreies, alterungsbeständiges, 60 g/qm-Papier von Schoeller & Hoesch, Gernsbach. Fadenheftung. Gelber Seidentafteinband mit Blindprägung des Schriftzuges ›Mammut‹ und rote Rückenprägung des Schriftzuges ›MÄRZ‹. Rotes Kapital- und Lesebändchen. 150,00 Euro
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Zum 15jährigen Bestehen von März erschien ›März-Mammut‹. Titel und Themen: Initiation, Vanille, Rote Horizonte, Tiere, Schulkampf, Kernzonen, Kindheiten, Mlle. Brigitte Bardot, Aggression und Widerstand, Hamlet-Chiffren, Schwarze Musik, Gewissensbisse, Wirte und Parasiten, Gott als Frau, Existenzfeste, Terror, Opfer, Rausch, Blutsterne, vom Spiralismus zum Neo-Banalismus, Taubnesseln, Postmoderne, Kokain und Mutterrecht, Joviale Russen, Eingemachtes u.v.a.

›Mammut‹ ist ein dickes Buch. Die erste Vorstellung in den ›März-Zitaten‹ findet man hier, einige weitere werden folgen.

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28.06.2009

Der Doppelkopf

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in südlicher Richtung.
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Im Juli 1976 interviewte Christian Schultz-Gerstein den Schriftsteller Jean Améry für den ›Spiegel‹, Anlass war Amérys neues Buch ›Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod‹. In Christian Schultz-Gersteins Buch ›Der Doppelkopf‹ ist dieses Interview mit Jean Améry abgedruckt, ihm folgt Schultz-Gersteins Essay, den er aus Anlass der Ernennung seines Vaters zum Senatspräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichtes schrieb sowie die Essays: ›Der Anti-Nazi‹, ›Der Doppelkopf‹,  ›Lebenshilfe‹, ›Auferstehung der Kultur in Deutschland‹, der so endet: »Derweil wird man auf dem anderen Stern der zweiten Kultur einfach in Bernward Vespers Roman ›Die Reise‹ lesen, weiterlesen oder von vorn wieder anfangen, weil die Wirklichkeit nicht zu glauben ist, wohl aber Vespers fassungslose Einsichten: ›Da hat auch der Krieg nichts geändert, selbst ein Weltuntergang wäre für sie keine Erfahrung gewesen. Sie haben überhaupt nichts damit anfangen können‹ – die Deutschen.«

Über das Verhältnis von Rudolf Augstein zu Christian Schultz-Gerstein siehe auch unsere tazblogs vom 2. Januar 2007 und 3. Januar 2007.

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Christian Schultz-Gerstein, ›Der Doppelkopf. Nach einem Gespräch mit Jean Améry‹. Leinen, 130 Seiten. März Verlag, 1979 (nur noch antiquarisch erhältlich). >

07.06.2009

Der Kampf gegen Gipfel – Christiane Ensslin wird Siebzig

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Christiane Ensslin, Konfirmation März 1954
(aus ›Zieht den Trennungsstrich, jede Minute‹)

Wenn dieses Blog erscheint, sitzen wir im Zug nach Köln, um Christiane zum Geburtstag zu gratulieren. Zum ersten Mal habe ich (JS) von ihr gehört, als sie 1977 für Franz Greno die Korrektur der Druckfahnen von Bernward Vespers ›Reise‹ las, die Greno für MÄRZ herstellte. Etwa zur selben Zeit war Christiane Mitgründerin der EMMA, auf dem ersten Titelblatt schreiten vier Frauen mit entschlossenen Mienen vorwärts:

Christiane Ensslin, Alice Schwarzer, Angelika Wittlich, Sabine Schruff
v.l.n.r.: Christiane Ensslin, Alice Schwarzer, Angelika Wittlich und Sabine Schruff

Heute hört sich das auf der EMMA-Website anders an: »Alice Schwarzer ist Herausgeberin und Gründerin der EMMA.« Kein Wort davon, daß die Zeitschrift ursprünglich ein Kollektivunternehmen war. Drei Jahre nach der Gründung gehörte dann Christiane Ensslin zu den 32 ehemaligen Mitarbeiterinnen der EMMA, die Alice Schwarzer »Respektlosigkeit gegenüber der Arbeit ihrer Kolleginnen, Selbstherrlichkeit und Dogmatismus vorwarfen«. >

19.10.2008

Die Reise in Erlangen

von Schröder & Kalender

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Wir sehen nicht, wie der Bär flattert, wir sind in Erlangen

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Heute fahren wir nach Erlangen, dort findet um 16 Uhr im ›Blauen Salon‹ ein Gespräch über Bernward Vesper und die 68er statt: ›Die Reise – Psychogramm einer Generation?‹ mit Jörg Schröder (Herausgeber und Verleger der ›Reise‹) und Andres Veiel (Autor und Regisseur). Moderation Prof. Dr. Michael von Engelhardt.

Anlaß zu dieser Diskussion ist die Uraufführung der ›Reise‹. Der Autor und Regisseur Marc Pommerening hat aus dem Roman für das theater erlangen eine Theaterfassung collagiert.

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14.08.2007

Frankfurt am Main, 1968

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Das Schöne am Sommerloch ist, daß jetzt die Belege mit unseren Beiträgen eingehen, weil ja Anfang Oktober die Buchmesse stattfindet und langsam die Herbsttitel fertig werden. So trudeln jetzt Texte ein, die wir vor langer Zeit abgeliefert und längst vergessen hatten.

Letzter Eingang das ›Frankfurtmainbuch‹ im Verbrecher Verlag, herausgegeben von Werner Labisch und Jörg Sundermeier mit Texten und Bildern von Anja Becker, Christian Bartz, F.W. Bernstein, Barbara Bollwahn, Tom Combo, Sarah Diehl, Steffen Falk, Oliver Grajewski, Caroline Hartge, Claudia Honecker, Meike Jansen, Barbara Kalender, Susanne Klingner, Maximilian König, Izy Kusche, Frank Lähnemann, Holger Lübkemann, Julia Mantel, Thomas von der Osten-Sacken, Oliver M. Piecha, Rattelschneck, Jana Schmidt, Jörg Schröder, Martin Sonneborn, Jan Süselbeck, Thomas Uwer, Linus Volkmann, Ambros Waibel, Klaus Walter und Georg Weerth.

Wir bringen als Teaser unseren Beitrag:

Freiheit für Meysenbug!

Ich fuhr zur PEN-Jahresversammlung, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹. Horst-Dieter Ebert vom ›Spiegel‹ hatte mir den Tip gegeben, dort aufzutauchen, ich war bis 1971 in Sachen Pornographie manchmal auch als Lobbyist tätig, denn es ging immer noch um deren ›Freigabe‹. Die Meistersingerhalle war überfüllt, die Leute hockten auch auf dem Boden, die Diskussion mußte in die Wandelgänge übertragen werden. Präsident war Heinrich Böll, und auf dem Podium saßen Walter Jens, Werner Ross, mein ehemaliger Französischlehrer aus Bonn, und einige andere unentwegte Debattierer. Aus dem Saal sollte mitdiskutiert werden. Ebert hatte für uns einen Platz in der ersten Reihe reserviert, neben uns saß Gabriele Henkel, die sich in der Bewegungszeit in jedes Kulturereignis einmischte, das irgendwo en vogue war. Es konnte gar nicht links und schrill genug zugehen, bis ihr Konrad solche Aktivitäten strikt verbot. Sie gab sich natürlich nicht mit irgendwelchen Straßenlinken ab, es mußte schon die Creme sein, Daniel Cohn-Bendit hinten und vorn, als er in seinem Zenit stand, untergehakt und Küßchen, Küßchen. Mein Gott, wie diese aufgescheuchten Hühner immer rummachen mit allen, die gerade in sind, immer umweltverträglich wie ihr ›Persil‹. Wenn morgen Idi Amin angesagt ist, dann sitzen sie bei dem auf dem Schoß, so wie Sebastian von Johnston seine Mutter bei Görings in Karinhall beschreibt.

Auch während der Politbuchmesse 1968 spielte Gabriele sich auf, als Alfred von Meysenbug festgenommen wurde wegen Randalierens, die Massen wogten in den Messehallen wegen dieser drei sistierten Genossen, und im ›Hessischen Hof‹ wurde eine Protestveranstaltung abgehalten, zu der wir in die Lobby dieses Luxushotels drängten, dort führte Fritz J. Raddatz das große Wort, Inge Feltrinelli an seiner einen, Gabriele Henkel an seiner anderen Seite. Dem Chefportier wurde es zuviel, weil immer mehr abenteuerlich gewandete Protestler in Lederjacken und Hippiezuppeln in das Edelhotel drängten. Er nahm Frau Henkel diskret zur Seite, die aber krähte: »Das sind alles meine Gäste!« Worauf der Mann mit den gekreuzten Schlüsseln am Revers nicht mehr so diskret sagte: »Dann empfangen Sie bitte Ihre Gäste an einem anderen Ort, gnädige Frau.« Sie blaffte zurück: »Was erlauben Sie sich! Wissen Sie nicht, wer ich bin? Mein Mann und die Henkel AG …« »Es tut mir leid, gnädige Frau, ich weiß sehr wohl, wer Sie sind, aber auch Sie genießen in diesem Haus keine Sonderrechte. Ich muß Sie bitten, das Hotel samt Ihren Gästen sofort zu verlassen.« Er schmiß sie regelrecht raus.

Nie hat mir ein Hotelangestellter mehr imponiert, nie habe ich eine Society-Henne derart aufgelöst gesehen. Sie bekam hektische rote Flecken in ihrem Ledergesicht, die schienen sogar durch ihr millimeterdickes Make-up. So etwas war ihr bestimmt noch nie passiert, dieser Gabriele Henkel, geborene Hünermann. Ja, so isses, ich kann es nicht ändern, sie ist eine geborene Hünermann. Der Vater war Leiter … – nein, nicht des ›Wienerwald‹, sondern schon Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung im Marienhospital. Keifend wie ein Marktweib stob Gabriele aus dem ›Hessischen Hof‹, und Raddatz wieselte hinterher.

Die Protestversammlung wurde daraufhin ins Kolbheim im Westend verlegt, dort, am Beethovenplatz, wohnten in schmalen Zellen linke Studenten. Es war eine der Brutstätten des SDS, auch Hans-Jürgen Krahl residierte dort. Tatsächlich folgten die meisten Verleger uns an diesen Ort, es ging darum zu beschließen, die Messe zu boykottieren und Meyse sowie die beiden anderen gefangengehaltenen Genossen freizubekommen. Sie befanden sich noch in Gewahrsam der Frankfurter Polizei, und da die Zuständigkeit dafür beim SPD-Oberbürgermeister Brundert lag, war die Parole im Kolbheim: Massenhaftes Go-in der internationalen Verlegerschaft vor Brunderts Wohnhaus am Lerchesberg! Im Tagesraum des Kolbheims wurden die Tische zusammengerückt, an der einen Kopfseite des so entstandenen langen Konferenztisches präsidierte Krahl. Er hatte bei der nachmittäglichen Demonstration gegen die Abschiebung des Iraners Ahmad Taheri einen Schlag mit dem Gummiknüppel über die Birne gekriegt, und da er fast schon eine Pläte hatte, hinterließ dieser Schlag eine dicke blaue Beule. Wenn du die Augen etwas zusammenkniffst, sah es aus, als hätte er einen alten französischen Stahlhelm auf, diesen mit dem Wulst wie bei einem Feuerwehrhelm, ein Relikt aus den Heldentagen, als man sich noch gegenseitig die Köpfe einschlug.

Hans-Jürgen Krahl entwickelte trotz seiner Beule eine Meyse-Befreiungsstrategie, er war auch für eine Demonstration vor dem Haus des Oberbürgermeisters. Es nahmen ziemlich viele ausländische Verleger aus England, Amerika, jüdische Verleger wie Marion Bojars, die Leute von Grove Press und Phaidon teil, so etwa vierzig wollten mitprotestieren, dazu ein paar Holländer, Spanier, eine schöne Liste mit klingenden Namen aus der Verlagswelt. Wir hatten an diesem Tag über dreihundert Leute zusammengebracht, die dafür waren, die Messe zu boykottieren, also zu schließen. Jetzt forderten Bernward Vesper, Renate Gerhardt, Udo Heiland und ich wegen der Meysenbug-Eskalation dies erneut. Krahl verfolgte eine andere Strategie: »Wir haben das Hausrecht auf den Straßen! Jetzt den Protest massenhaft in die Messehallen tragen!« Wegen der Ausländer wurde auf englisch verhandelt, Raddatz in einem Glencheckanzug war als Stutzer-Danton auf den Tisch gesprungen und redete gegen das Bürgermeister-Go-in in seinem perfekten Volk-und-Welt-Verlags-Englisch, etwas mecklenburgisch gefärbt.

Udo Heiland und mir ging es aus PR-Gründen um eine möglichst große Anzahl von internationalen Verlegern vor dem Haus des Oberbürgermeisters. Raddatz, dieser Fatzke im Glencheck mit seinem gespreizten Englisch brachte es aber fertig, so lange zu filibustieren, bis unsere Sympathisanten die Lust verloren und bereits auf die Uhr schielten. Krahl hatte einen Adlatus, der ständig besoffen war, zwar war auch Krahl immer blau, aber dabei doch ziemlich klar, während sein germanischer Untermann – ein relativ bekannter Frankfurter Linker und heute ein relativ bekannter Frankfurter Grüner, ein Blubberkopf mit weißblonden Haaren – voll die Hefe hatte. Damit nicht genug, hatte er vermutlich ein altsprachliches Gymnasium besucht, denn er lallte, kaum war wieder eine Raddatz-Phrase verklungen: »I sink, siss fairy mast bi glost!« Also auf solchem Heinrich-Lübke-Niveau spielte sich diese Kolbheim-Konferenz ab.

Kein Wunder, daß sich schließlich die Verlegerinnen und Verleger, Antifaschismus hin oder her, zu ihren Empfängen ins Interconti verdrückten und zum Schluß von den vierzig, fünfzig Leuten nur noch Rob van Gennep, Renate Gerhardt, Udo Heiland, Carmen Balcels, Bernward Vesper und ich übrigblieben. Halt, eine Redakteurin von ›Elle‹ war noch dabei, Ruth Henry. Dieses Fähnlein der sieben Aufrechten fuhr in drei Wagen zum Lerchesberg. Dort war bereits ein Wasserwerfer aufgefahren, sie hatten halt Spitzel. Aber es begleiteten uns drei Fernsehteams, eins aus Österreich, eins aus Holland und natürlich eins vom Hessischen Rundfunk, die bauten ihr Licht auf, fünfzehn Teamleute kamen auf sieben Protestfiguren, machten mit grellem Halogen die Nacht zum Tage. Wegen dieser drei Fernsehteams wurde nicht gespritzt, wir durften Schellemännchen machen und durch die Gegensprechanlage brüllen: »Brundert, komm rauuuus!« Giftig meldete sich die Haushälterin: »Der Herr Oberbürgermeister ist nicht zu sprechen!« » Brundert, komm rauuuus! Freiheit für Meysenbuuuug!«

Grotesk, aber so war es. Ob es was gebracht hat? In der Presse sah unsere Aktion bombastisch aus: »Internationale Verleger fordern ultimativ die Freilassung der SDS-Demonstranten.« Die drei wurden auf freien Fuß gesetzt, das wäre sicher auch ohne unsere Aktion passiert. Am nächsten Tag ging es auf der Buchmesse weiter mit Resolutionen und Flugblättern, da saßen die Verleger wieder in ihren Ständen und gaben bereitwillig Unterschriften. Inzwischen waren vierhundert Namen zusammengekommen. Die Kuriere rasten vom Messerat zur Buchmesseleitung und zurück. Und Alfred von Meysenbug, genannt Meyse, mit dem schmalen blonden Schädel und der runden Goldrandbrille bewegte sich in den wogenden Massen der Protestler wie Jesus über den Wassern.

(Aus der 10. Folge von ›Schröder erzählt: Kleine Opfer‹)
(BK / JS)

11.05.2007

Noch einmal Bernward Vesper

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Die Feierlichkeiten zum 40jährigen Achtundsechziger-Jubiläum werfen ihre Schatten voraus, und bereits jetzt zeichnet sich ab, daß Vespers ›Reise‹ in diesen Retrospektiven eine wichtige Stellung einnehmen wird. Peter Weiss nannte das Buch »den intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68«. Aus gegebenem Anlaß bringen wir hier die Nachbemerkung zur Neuausgabe, die vor zwei Jahren im Area Verlag erschien. Inzwischen ist diese Hardcover-Ausgabe im Buchhandel bereits wieder vergriffen. Claudius Seidl schrieb über diese Neuausgabe in der FAZ, mehr dazu hier.

Jörg Schröder: Editions-Chronologie III

Daß MÄRZ 25 Jahre nach der ›Ausgabe letzter Hand‹ im Oktober 1979 nun eine Neuausgabe der ›Reise‹ herausbringt, obwohl das Buch auch als Taschenbuch auf dem Markt ist, hat folgende Gründe: Der Rowohlt Verlag erwarb 1983 eine Taschenbuchlizenz und zahlte dafür eine Garantiesumme, die bis zum heutigen Tage nicht verbraucht ist. Inzwischen führt der Taschenbuchverlag den Titel nur noch in der Backlist. Es liegt in der Natur der Sache, daß ohne sonderliche Vertriebs- und Werbebemühungen der Verkauf dahindümpelt.

Es ist paradox: Ein Buch über Bernward Vesper (Gerd Koenen, ›Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus‹) wurde im Jahr 2003 fünfzigmal mehr verkauft als ›Die Reise‹  – ein Beispiel für die geistesfernen Marktgesetze des Literaturbetriebs. Wenn es nur um die Verkaufszahlen ginge, könnte man mit Emile Michel Ciorans alter Mutter seufzen: »Das ist nicht zu ändern.« Hier aber geht es nicht um business as usual, denn ›Die Reise‹ ist nicht irgendein Bestseller aus dem vorigen Jahrhundert, sondern der »Nachlaß einer ganzen Generation« (Peter Laemmle, ›Leiden an Deutschland‹, in ›Die Weltwoche‹, Zürich vom 6. 2. 1978), und Peter Weiss bezeichnete das Buch in seinen Notizbüchern als »den intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 1968« (Peter Weiss, ›Notizbücher 1971 – 1980‹, 2. Band, S. 672 ff., Frankfurt a. M., 1981).

Jedoch der gravierendste Grund für die Neuedition ist: In letzter Zeit droht die Rezeption der ›Reise‹ ins Spekulative umzukippen. Der Regisseur Andres Veiel, der Koenens Buch über Bernward Vesper »fiktional verfilmen« will, erklärte kürzlich: »Bernward Vesper rebellierte gegen den Nazi-Vater >