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20.12.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (6)

von wienblog

Wien hat noch nie eine gute Hand bei Grossbauten bewiesen. St. Stephan ist seit 1540 Jahren ein Fragment, Schloss Hof eine überdachte Ruine, die Neue Favorita ein unattraktives Schulgebäude an einer überlasteten Ausfallsstrasse, die Flaktürme: zerbröckelnde Riesen, und der Modulbau der UN-City, der kann sich weder rechts noch nach links multiplizieren, da er umzingelt ist von einem angeberischen Bussinesspark.

Wien ist keine Baustadt, jedenfalls keine für Monumantalgebäude. Als die Sozialdemokraten in den 1920er-Jahren hier den »Sozialismus in einer Stadt« verwirklichen wollten und in den Aussenbezirken von Licht und Luft durchflutete Superblocks mit mit Swimming pools, Badezimmern, Spielplätzen für die Kinder, Versammlungsräumen und Arbeiterbibliotheken errichteten, rannte ihr die Arbeiterklasse trotzdem in Siedlungsgenossenschaften davon.

Die Menschen errichteten an allen Ecken und Enden der Stadt im eigenen Schweiss Schrebergärten und Stelzensiedlungen. Man hockte lieber zwischen selbstgezimmerten Brettern, als die Annehmlichkeiten zentralistischer Planungsfantasien zu bevölkern.

Die grösste Niederlage auf dem Gebiet des Grossbaus erlitt Wien mit der Rotunde. Dieser für die Weltausstellung 1873 errichtete »Kristallpalast«, getragen von 32 Kolossalsäulen mit einer Spannweite von 108 Metern und einer Höhe von 84 Metern, wurde im Cäsarenwahn als das »achte Weltwunder« errichtet. Die Kuppelanlage des Londoner Konstrukteurs John Scott-Russel hätte locker den Petersdom gefasst und wurde obenauf mit einer vier Tonnen schweren und vergoldeten Nachbildung der Kaiserkrone veredelt. Dieser »mächtige Dom der Erde« (Julius Rodenberg) schlug alle bis dahin auf Weltausstellungen üblichen Dimensionen.

1937 wurde die Rotunde das Opfer eines Grossbrandés. Und wäre der Zweite Weltkrieg mit den alliierten Bombardements nicht gekommen, hätte man vermutlich nicht einmal eine Ausrede gefunden, die schönen Zweckarchitekturen von Südbahnhof und Stadthalle zu errichten.

Der einzig geglückliche historische Grossbau, der noch heute existiert, ist Schloss Schönbrunn – eine schwachbrüstige Kopie von Versailles. Die gegenwärtige Prosperität verdankt das Schloss allerdings nicht der Stadt selbst, sondern dem nicht endenwollenden Touristengetrampel in das Schlafgemäch einer Kaiserin, die nie eine war – wobei das zahlende Publikum vor Ort dann aus dem Staunen nicht herauskommt, wie klein die Betten früher mal waren, weil schon keiner mehr weiss, dass man vor 250 Jahren im sitzenden Zustand schlief.

Gewiss trägt niemand eine Schuld daran, dass Wien keine glückliche Hand mit Grossbauten hat. Am allerwenigsten natürlich die Bauherrn und die Architekten. Die Kolossalgebäude im Zeichen einer höheren Idee (St. Stephan, Schloss Neugebäude, Rotunde), sie wurden Opfer von Kriegen oder Katastrophen; umgekehrt verdanken aber die Flaktürme und die UN-City ihre Existenz ebenfalls einem Krieg.

Überall macht sich heute das Fehlen von positiven Erfahrungen mit grossen Bauensembles bemerkbar. Die Stadtplanung liegt in den Händen hochqualifizierter Fachleute. Aber welcher Politiker stirbt heute noch auf seinem Schild? Städte werden in Zukunft Schrumpfungsgebiete sein; die an herkömmliche Investoren gerichtete Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik läuft jetzt bereits ins Leere.

Die Rezepte sind hier immer noch die alten. In Wien werden immer noch Baulücken geschlossen, statt sie als Grünflächen zu nutzen oder ganz einfach als Gstetten verwildern zu lassen. Das Wien der Zukunft braucht andere Bauherren, andere Investoren, andere Renditen – letztlich andere Stadtmacher. Das höchste, was wir im im Augenblick erlangen können, ist ein zorniger Lebenlauf. Dauer hat nicht das Gute. Noch hat die Vergeblichkeit Dauer.

© Wolfgang Koch 2009

17.12.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (5)

von wienblog

Sicher, man kann im 21. Jahrhundert ja nicht mehr Zugfahren wie zu Kaiser Franz Josephs Zeiten. Nur: Wer hat das verlangt? Der dritte Wiener Südbahnhofsbau verdiente noch tatsächlich den Namen Bahnhof, weil er eben keine Shoppinganstalt mit Gleisanschluss war.

Seit Mitte der Neunzigerjahre haben sich fast alle grossen Bahnhöfe in West- und Zentraleuropa in Einkaufszentren verwandelt. Nirgends kann der Fahrgast mehr in Ruhe und vom Kommerz unbehelligt ein- oder aussteigen.

Der dritte Wiener Südbahnhof war damit eine der letzten Oasen im transnationalen Bahnverkehr. Sein Angebot an Geschäften lag übersichtlich und praktisch geordnet nahe der Eingänge: Zeitungskioske, ein Supermarkt, eine Backstube, ein paar Cafés, ein Friseur, ein verrauchtes Restaurant und gegen Ende auch ein Spielsalon. Das Angebot war nicht gerade berauschend, aber für den Reisenden durchaus genug.

Die neuen Bahnhöfe dienen nicht mehr dem Zugverkehr. Es sind knallharte Profitcenter, die sich durch die Öffnungszeiten in der Nacht und am Wochenende in Konkurrenz zu den innerstädtischen Einkaufszentren stellen. Und zwar: auf Kosten der Reisenden, die nun lange Wege bis zum Bahnsteig in Kauf nehmen müssen und sich über fehlende Wartesäle und Ruhezonen ärgern.

Die in Einkaufszonen verwandelten Bahnhöfe zielen nicht mehr auf die Versorgung der Reisenden, sondern auf die Kaufkraft der umliegenden Stadtteile. In Wien baut man vorsichthalber gleich ein Wohnviertel auf dem Bahnhofsareal mit dazu. Schliesslich ist das Einkaufszonen-Konzept bei den erst vor zehn Jahren mit Milliardenaufwand adaptierten Gasometern kläglich gescheitert.

Diese Entwicklung am Südbahnhof hat ihren Ursprung in der mangelnden Wirtschaftlichkeit von Bahnhöfen selbst. Jeder Bahnhof soll in den Bilanzen der neoliberalen Bahngesellschaften seine Kosten selbst decken. Da die Stationsentgelte, die, wie Landegebühren am Flughafen, für jeden haltenden Zug berechnet werden, zur Deckung der Kosten nicht ausreichen, soll der Rest durch Vermietungs- und Werbeerlöse aufgebracht werden.

Den alten Bahnhof kennzeichnete immer noch eine gewisse Bezugslosigkeit und Amorphie, die Wienerische Anarchie des Würstelstands gewissermassen. Darin steckte eine egalitär-demokratische Absicht, ein Grundgedanke, der sich von der Gleichheit aller ableitet. Im dritten Südbahnhof hat es keine Kaiserstiege mehr gegeben, aber auch noch keine VIP-Lounges. Das Bahnhofsrestaurant offerierte jene gemütliche Freiheit, die man in Wien auch dem Heurigen zuspricht: ein Hühnersupperl, tadellos.

Ein von drolliger Schwere durchzogener Luftraum, dann Kaufbuden für allerlei Abstürze. Ein Sammelbecken für die Zurückgelassenen (»Mir lassen nix zruck, des is schon bestimmt!«), Menschen, die keinen Neid kannten, offene Wallfahrtskapellen für Trinker, reisendes Eigengewächs.

Täglich zogen am Südbahnhof die Bruderschaften der burgenländischen Hackler durch. Dazwischen Seiltänzer, Ohrenmaschinisten; solche, die sich ihre Schmerzen verbeissen und nie jammern. Es lag eine Poesie in diesem Leben zwischen grosszügigen Lichtziegeln und mamorierten Steinplatten. Und die Bahnhofsmenschen, die in den Hallen herumgingen, sie fühlten sich sicher, waren nicht von dieser giftigen Krankheit des Sich-gegenseitig-Belauerns erfasst, die unsere Bankomatträume auszeichnet.

© Wolfgang Koch 2009

07.12.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (4)

von wienblog

Am Abriss des dritten Südbahnhofgebäudes wird getestet, ob wir noch alle gleichgeschalten sind. Am Ausradieren der schönsten Halle von Wien wird geprobt, ob wir ohne Erröten alle Ideen des Wandels mitmachen. Und am Abriss des Südbahnhofs zeigt sich leider, dass wir jeden Huldigungslikör auf die Zukunft schlucken.

»Ach, Herr Koch, das ist so cool, dass sie jetzt da sitzen, dass sie auch unsren Standpunkt hören wollen; lassen wir doch eine Pizza kommen!«, sagte die Bahnmanagerin und ergriff meine Hand, um sie ganz fest zu drücken. »Ja, so ist das Leben«, antworte ich, »ich weiss nicht, warum der Südbahnhof sterben muss. Aber so ist wohl das Leben.« Und dann seufzen wir beide, bis sie auf ihrem Laptop diie Online-Speisekarte des Pizzaservice gefunden hat.

Sie klickte sich durchs Sortiment von »Wiener Schnitzel Menü« bis »Pizza Maestro«, bestellte dann einmal Pizza Con Fritti di mare für sich selbst und einen Cordonburger für mich. »Extra-Zutaten, Herr Koch?« – »Nein, danke.« – »Beilagen, vielleicht?« – »Hm, ich weiss nicht.« –»Eine mittlere Portion Pommes und Senf, das wäre doch was!« – »Nein, gar nichts.«

Zur Bahnmanagerin unter dem vieleckigen Glasdach musste man ins Unendliche nach oben steigen. Unten Presslufthämmer, Schutthalden, Lastwagendröhnen. »Wissen Sie, die Gloggnitzer Bahn, die war die erste explizit auf Personenverkehr ausgerichtete österreichische Bahn. Damit hat hier alles angefangen. Später liess man, statt eines gemeinsamen Ausgangsbahnhofs, zwei im stumpfen Winkel aneinander grenzende Kopfbahnhöfe errichten, dazu Lokomotivwerkstätte, Wagenremisen«.

»Das war in der Zeit der Hofbauräte, nicht?«, sagte ich, um sie herzufordern. »Die österreichischen Baubeamten entwarfen damals nach zulässigen Schablonen, alles andere war kunstpolizeilich verboten.« – »Ja, bei allen Wiener Bahnhöfe gab es einen luxuriösen Hofsalon für den kaiserlichen Hof. In der Form bestand der Südbahnhof bis 1869.«

»Und dann?« – »Na, fünf Jahre später haben wir dann den zweite Bau vollendet. Das ging sich zwar zur Wiener Weltausstellung nicht mehr ganz aus. Die Verzögerung war ziemlich peinlich! Aber als die internationalen Gäste wieder weg waren, war unser zweiter Bahnhofsbau ruckzuck fertig.«

»Historistisch ein Abklatsch, und finster, wie die Bachmann ihn geschildert hat.« – »Neorenaissance«, sagte die Bahnmanagerin und schlug dabei mehrmals mit der flachen Hand neben das Aufnahmegerät. »Sie müssen sich das Äussere des zweiten Südbahnhofs wie bei der Hofoper oder der Neuen Universität vorstellen. Ein Ringstrassenbau am Gürtel. Man betrat das Gebäude auch weiterhin wie den alten Gloggnitzer Bahnhof, vom Vorplatz aus; der lag da, wo jetzt die Kassenhalle steht. Bis 1914 verkehrte hier der legendären St. Peterburg-Cannes-Express …«

Der Mann vom Pizzadienst rückte an und ein ekelhafte Geruch von Schnellnahrung begann den Raum auszufüllen. Die Bahnmanagerin öffnete den Karton und würgt einen kräftigen Bissen vom lauwarmen Teiglappen hinunter. Dann fuhr sie fort: »Der eigentliche Personenbahnhof war typisch klassizistisch, der Baustil, der eben um 1840 für öffentliche Gebäude üblich war. Eingang und Ausgang befanden sich an der Stirnseite des Gebäudes, dem heutigen Schweizer Garten zugewandt.«

Oregano von ihrer Papp-Pizza staubte über den Tisch. Warum hatte sie keine Cola bestellt? Trinkt man nicht Cola oder Red Bull zu diesem Schweinefrass? – Ich riss mich vom Anblick der Winkekatze im Regal hinter meiner Gesprächspartnerin los und sage: »Ihre Vorgänger haben dann nach Zweiten Weltkrieg die Legende von den irreparablen Kriegsschäden verbreitet. Dabei war die Anlage doch gar nicht kaputt.«

»Stimmt«, sagte sie keine Spur verlegen, »der zweite Südbahnhof ist von ein paar Bomben getroffen worden; bei den Kämpfen im April 1945 gingen vor allem Glasflächen zu Bruch – aber erledigt war der Bahnhof dadurch nicht. Die Bausubstanz und die stählerne Dachkonstruktion blieben unbeschädigt, die Schäden wurden behoben und der Bahnbetrieb lief relativ bald wieder an.«

»Trotzdem hat man die Kriegsschäden und den Bau der Schnellbahn zur Rechtfertigung für eine grosszügige Neuplanungen herangezogen.« –»Sicher, warum sollten wir Verzicht und Mässigung predigen? Optimismus ist eine bewusste Entscheidung. Wir haben die Generalsanierung der Bausubstanz gar nicht in Erwägung gezogen. Im Zeitgeist der fünfziger Jahre mass man der Gründerzeitarchitektur keine stadtbildprägende Wirkung zu.«

Die Winkekatze begann mich wieder zu hypnotisieren. »Schauen Sie«, hörte ich die weibliche Stimme jetzt wie von Ferne, »der Zweckbau nach dem Krieg hat vor allem eines getan: er hat mit der Verspätung von einem halben Jahrhundert mit der stuckverzierten Illusion des Kaiserstadt aufgeräumt. Wie hat denn dieser alte Bahnhofspalast ausgesehen?«

Ich begann ein paar Dinge aufzuzählen: »weitläufigen Stiegenaufgänge, repräsentativ ausgestaltete Hallen, …« – »Genau, und was stand am Dach? Oben drauf, auf den Dachkanten standen acht geflügelte Löwen. Diese Skulpturen formulierten den politischen Anspruch des Habsburgerreiches auf die Lagunanstadt Venedig.«

Da schau her, meine Bahnmanagerin begann den Neubau in den Stand einer anthropologischen Notwendigkeit hinein zu argumentieren. Hatte nicht soeben die italienische Einigungsbewegung die Wiener Usurpanten aus ihrem Lombardo-venetianischen Königreich vertrieben? Genau, und zehn Jahre Jahre später, 1869, meldete Habsburg mit den acht geflügelten Löwen am Südbahnhof erneut seine Grossmachtsaspirationen an.

Die Frau brachte Farbe in die Geschichte. Sie inszenierte sich nicht nur nur mit der Architetur ihres Headquaters über der Baustelle, mit der leicht blasierten Atmosphäre ihrer hochgelegten Beine und ihrer vermutlich zellerneuerten Haut. Sie argumentierte mit dem Zeitgeist von gestern, um meinem schönen Südbahnhof eine umso schwärzere Schleife umzuhängen.

»Man kann sich heute ja gar nicht mehr vorstellöen, mit welcher imperialen Hybris das Habsburgerreich in der Weltgeschichte unterwegs war. Raten Sie mal, was aus den acht Markuslöwen geworden ist! Zwei haben die Bombardements der Allierten überlebt. Einer stand, wie Sie ja wissen, als beliebtes Fotomotiv in der neuen Kassenhalle.« – »Und der andere?« – »Na, was denken Sie? Den hat die Habsburgerfamilie an den Ort verpflanzt, wo sie ihre romantische Pläne hinter schmiedeisserenen Toren bis zum Aberwitz pflegte: Er steht am ehemaligen Kaiserbahnhof in Laxenburg.«

© Wolfgang Koch 2009

03.12.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (3)

von wienblog

Was macht denn die Schönheit des dritten Südbahnhofs aus, oder besser: was hat sie ausgemacht, denn die Bagger rückten bereits an, umzingeln in schreiendem Gelb und unwirklichem Orange die graue Haut des alten Elefanten, um das Bahnhofstier nieder zu strecken? – Eine stille, unauffällige Schönheit, wäre die angemessene Antwort. Doch Schönheit ist bekanntlich ein subjektiver Begriff, jeder versteht was andres drunter, und so lässt sich der Werte dieses Baues eben nur willigen Zuhörern vermitteln, LeserInnen, die sich auf Zusammenhänge verstehen und auf Argumente einlassen können.

Den dritten Südbahnhof muss man begehen, um ihn zu erfahren. Seine feine Ästhetik verdichtet sich in den Innenräumen: drei enormen, übereinander gestapelten Hallen, von denen jede im Grund ein gangartiger Raum ist, also Korridorcharakter trägt – und trotzdem zum Verweilen einlädt.

Das genau ist ja – seit es der Kunsthistoriker August Scharsow 1905 so formuliert hat – das entscheidende Kriterium für einen gelungenen architektonischen Raum: dass er »bei allseitigem Umschlossensein« zum Verweilen auffordert, dass er uns länger im Zentrum festhält als es seiner Funktion entspricht.

Eine solche Beobachtung geht den Demolierern natürlich am Arsch vorbei. Sie haben auch recht! Der Südbahnhofs III war zu keiner Zeit eine bewunderswürdige Sehenswürdigkeit, er war etwas für Leute, die empfinden können, die selber Augen im Kopf haben – für schattenlose Räume, für Meermuscheltöne, für paradiesisch-ungeometrische Landschaften, für kosmische Winde oder für die Mascara-Effekte in den Madonnengesichter der affichierten Grossplakate.

Aluminiumschienen: durch die Berühung von tausenden Händen veredelt. Kratzspuren ´von endlos rollenden Wägelchen im Mamor, schweigsame Spazierengeher, hallende Schritte, Zeitungskäufer, Maturantinnen, Vogelkot und verstreute Krawallblätter, ein endloses anatomisches Theater für taube Kinder.

Der Abriss-Bahnhof befindet sich südlich, in geringer Entfernung vom Stadtzentrum, im zehnten Wiener Gemeindebezirk, und er ist (oder war) in zwei Teile gegliedert: den Hauptteil für die eigentliche Südbahn und die so genannte Ostseite für die Ostbahnstrecken nach Laa an der Thaya, nach Bratislava über Marchegg und nach Budapest sowie für Fernzüge der Nordbahn nach Brünn.

Der dritte Südbahnhof war nicht irgendein Zwischenspiel. Die grosse österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann – die neuerdings ahnungslosen LeserInnen als Muse der unausweichlichen Elfriede Jelinek vorgestellt wird (was ganz lächerlich ist, da bekanntlich der luftige Turmhelm, die hohle Bischofsmütze von Maria Stiegen, den stufenweise immer dünnerer werdenden Himmelsturm von St. Stephan noch nie überragt hat) –, Ingeborg Bachmann also hat den zweiten Südbahnhof noch gekannt.

In Bachmanns Textfragment Der Fall Franza (1978) mobilisiert die gleichnamige Hauptperson mit aller inneren Kraft ihre Liebe zur Südbahnstrecke. »Man kommt eben nur über eine ins Leben und über eine zurück, sie hatte immer nur die Südbahn wirklich gekannt, daneben waren alle anderen Bahnlinien der Welt zweitrangig und nie mehr zu erkennen gewesen.«

Als ein weiterer Protagonist dieses Bachmann-Textes, Martin, eine Telefonzelle in der Bahnhofshalle betritt, – »hätte er mit den Augen am liebsten den ganzen verunglückten Bahnhof noch einmal in Trümmer gelegt, damit ihm wieder einfiele, wie der Bau wirklich gewesen sein mußte, etwas Windiges, Zugiges, Schwarzes, etwas Bedrohliches, das einem den Atem gleich bei der Ankunft genommen hatte, so mußte er gewesen sein noch zur Schulzeit, als Franza ihn einmal für ein paar Tage hatte kommen lassen«.

Das also ist die Negativfolie, auf der sich mein Südbahnhof, der dritte, in den Wiener Himmel erhobt: ein schwarzes kakanisches Ungetüm, ein historistisches Stilgemengsel, ein habsburgisches Mahdigrab. Und die Bachmann hat ihn noch gekannt, diesen Vorläuferbau des todgeweihten dritten Bahnhofs.

Hatte dieser zärtliche Koloss Hrdlickas noch etwas von den marternden Zügen seines Vorläufers? – Nein, nichts Windiges, Zugiges, auch bei offenen Türen nicht, im Sommer eine befreiende Kühle; nichts Schwarzes und Bedrohliches, das dem Ankommenden den Atem raubte, nein, sein Ruhm bestand nicht darin, die Stolzen zu demütigen.

© Wolfgang Koch 2009

29.11.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (2)

von wienblog

Es gibt im Leben eines jeden architekturbewussten Stadtbewohners den Moment, in dem er gerne einem Verantwortlichen die Kniescheibe zertrümmert hätte, wenn da nur einer namhaft zu machen wäre, und ein Hammer zu Hand.

Der Wiener Südbahnhof ist derzeit die grösste Bahnhofskiste Österreichs (auch wenn die ÖBB nur mehr 15 Prozent ihres Geschäfts auf der Südbahn machen). Diese Kiste wird am 12. Dezember 2009 gesperrt, kurz vor Mitternacht, der letzte Sonderzug ruckelt nach Mürzzuschlag – und der dritte Südbahnhofsbau wird dann abgerissen (der dazugehörige Frachtenbahnhof wurde bereits im Sommer 2009 eingeebnet).

Was geschieht hier? Man ersetzt die respekteinflössende Truhe funktional durch einen sogenannten Hauptbahnhof Wien, der sich im hinteren Teil des heutigen Bahnhofsgeländes befinden wird, wobei allerdings nicht vor Ende 2012 mit einer Teilinbetriebnahme zu rechnen ist.

»Der neue Hauptbahnhof garantiert schnellere Zugsverbindungen, mehr Reisekomfort und optimale Anbindungen«, texten die ÖBB-Werber seit Monaten in bezahlten Inseraten, die man sich natürlich von den Fahrgästen finanzieren lässt. »In dem hellen, barriefreien Durchgangsbahnhof mit markantem Rautendach werden Züge aus allen Richtungen…« usw. usf.

Zu solchen Hymnen zeigt man uns das Bild eines Security-Mannes, dessen Umhängestasche den Schriftzug »ÖBB Sonderinformation« trägt. Klar, »Sonderinformation«, Fahrplanauskünfte sind das ja keine. Aber sonderbar, das Präfix »sonder-« hatte doch zuletzt im Dritten Reich Hochkonjunktur, als die berühmten »Sondereinheiten« die Opfer eines mörderischen Regimes in den Konzentrationslagern »sonderbehandelten«.

Heute explodiert die Misogynie wieder als versöhnungslose Ablehnung des Gestern. Der auf eigene Kosten sonderbehandelte Fahrgast bekommt den kriechenden Ultra-Modernismus der Gegenwart so lange aufs Haupt geschlagen, bis er an den Fortschritt aus Stahl udn Glas glaubt. Zitat: »Das neue Stadtviertel bietet die Mobilität, die man heute braucht, und gleichzeitig einen Lebensraum in zentraler Lage, mit kompletter städtischer Infrastruktur und einem Stück Natur vor der Haustür«.

Man baut also keinen neuen Bahnhof, nein, sondern erweitert die Zone unserer kommerziellen Verwertung. 20.000 Quadratmeter Fläche für Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Als Konsument sollst du verweilen! Normabweichendes Verhalten wie Herumstehen, Betteln, Spielen wird von Uniformierten verfolgt. »Schnellere Verbindung und mehr Reisekomfort« – Pah! »Hauptbahnhof Wien – mehr als ein Bahnhof«: ein Slogan für Einfaltspinsel!

Für den dritten Südbahnhof, für den ich hier die Totenglocken läute, gilt und galt jedes Wort, jede Silbe, die sich der Architektkritiker Adolf Loos einst über das Wahrzeichen Wiens, den Dom von St. Stephan, abgerungen hat. Vom »schönsten Innenraum« der Stadt sprach Loos 1906, vom »weihevollsten Kirchenraum der Welt« – und er dachte dabei vor allem an die Proportionen des Langschiffes.

»In der Dämmerung, wo man der Kirchenfenster nicht gewahr wird,«, so Loos, »strömt dieser Raum auf einen ein, dass man –– Ich sehe, ich kann mich nicht ausdrücken, wie er wirkt. Aber vielleicht beobachtet jeder das Gefühl, das ihn erfasst hat, wenn er nach dem Durchschreiten die Strasse betritt. Es ist stärker als nach der fünften Beethoven. Aber die dauert eine halbe Stunde. St. Stephan braucht dazu eine halbe Minute.«

Damit ist im Grund das Wesentlichste gesagt, was die Architekturqualität des dritten Südbahnhofs betrifft, der jetzt einem Mehr an Bahnhof weichen muss, das in Wahrheit ein Weniger ist. Über Jahrzehnte haben die Leute die Hallen durchschritten, wurden durch den Raum innerlich aufrichtete, und zwar so, dass er ihnen unmerklich ein Rückgrad gab in dieser an Rückgrad so erbärmlich armen Stadt Wien.

Das Wichtigste ist gesagt, aber keineswegs alles. Die Einmaligkeit und Grösse des dritten Südbahnhofs bestand nämlich aus seiner ganz unentwirrbaren Buntheit, sie setzte sich aus einer Vielzahl von farbigen Steinchen zusammen, die im Kaleidoskop bald so bald so durcheinandergeworfen wurden: das Steinchen des Achitekturmonuments, das Steinchen des Sozialgefüges, das Steinchen der Schmuggelstätte, das Steinchen der Flüchtlingsburg, das Steinchens des Stadtdokuments, usw.

Was immer wir von diesen Steinchen des dritten Südbahnhofs herausgreifen, um es zu betrachten, verwandelt sich im Kaleidoskop zu einem einmaligen Bild, das ich in diesem Nachruf mit freundlichen Grüssen der nächsten Generation zuschiebe.

© Wolfgang Koch 2009

26.11.2009

REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (1)

von wienblog

Es gibt im Leben eines jeden architekturbewussten Stadtbewohners den Moment, in dem er gerne einem Verantwortlichen die Kniescheibe zertrümmert hätte, wenn nur einer namhaft zu machen wäre, und ein Hammer zu Hand.

Bei mir ist der bevorstehende Abriss der Südbahnhofhallen von Heinrich Hrdlicka so ein zorniger Augenblick, und zwar nicht weil der in den Jahren 1955 bis 1961 errichtete Bau ungefähr so alt ist wie ich selbst; auch nicht, weil der Südbahnhof das imposante Stadttor zu einem der ersten Reiseziele meines Lebens gewesen ist … Nein, denn das muss er ja für Hunderttausende gewesen. Zwei, drei Generationen von Gastarbeitern, Zuwandereren aus dem Süden, Flüchtlingen aus dem Osten, steirischen Studenten und römischen Touristen vermittelte die wunderbare Hallenmuschel mit ihrem gedämpften Licht den berühmten ersten und bleibenden Eindruck von Wien an der Donau, sie bildete das Entree zu einer neuen Situation ihres Lebens…

Kam man mit der Bahn in den Siebziger- oder Achtzigerjahren aus dem Süden, tauchte – lange bevor die Bebauungsdichte auf Großstadtzniveau anschwillt –, zehn Minuten vor der Station Meidling und bevor sich der Zug im Schritttempo an den verglasten Bahnsteig heranschob, links ein Werbeschild mit der schlichten Aufschrift GRABSTEINLAND auf, das Werbezeichen irgendeines Steinmetzbetriebs – aber für den Ankommenden immer auch das inoffizielles Ortschild von Wien. Und als mächtigstes Grab unter den Gräbern am Wiedener Gürtel, da erhob sich dann ausgerechnet der Bau des Südbahnhofs, dessen mamorgespenkelte Stiegen die Zugereisten in das Grabsteinland hineinspucken.

Man erzähle uns bitte nicht, es hätte keine Alternativen zum Abriss des dritten Südbahnhofgebäudes gegeben. Man hätte die brave alte Monumentalschachtel solide renovieren und als flotte Konzerthalle nutzen können; oder als Museum für Eisenbahngarnituren; oder als Teil der zukünftigen Shoppingmall – statt an diesem Ort ein Finanzzentrum zu erreichten, dass erst noch mit einer Stadtseilbahn an die U-Bahn angeschlossen werden muss.

Man hätte das an den dritten Südbahnhof anschliessende Gelände einer Totalrevision unterziehen können, ohne die Gestrauchelten der Stadt aus dem Grün zu vertrieben und den ohnehin lärmgeplagten Schweizergarten drastisch zu verkleinern.

Am schönsten wäre es natürlich gewesen, man hätte überhaupt keinen Finger an die elegante graue Bausubstanz der Hallen gerührt – nicht an die Treppen mit den Fifities-Handläufen, nicht an die von tausenden Schritten im Türbereich gewellten Böden, – man hätte bloss ein paar Dutzend Pflanzentöpfe aus dem botanischen Garten hierher geholt und Sitzbänke aufgestellt, und es wäre ein einmaliger urbaner Platz unter einem regenfesten Dach entstanden, ein öffentlicher Panoramagarten mit Empore, eine Freizone zum Spazierengehen – und Wien wäre in Zukunft um eine Attraktion reicher, endlich, die erste im 21. Jahrhundert.

»Das wäre ja ein Wunder gewesen!«, hält man mir entgegen. – Sehen Sie, das ist eben meine Auffassung vom Stadtleben. Wenn ich etwas verändern will, dann nicht um das hecktische Leben noch weiter zu beschleunigen, sondern rein zum Vergnügen! Die Geschichte ist jung, bitte, und das Projekt der Freiheit eine viel jüngere Fremdheit als sämtliche Erfindungen der Transportindustrie.

© Wolfgang Koch 2009

20.11.2009

DEINE FETTEN AUGEN AM TELLERRAND

von wienblog

Es gibt in der theoretischen Physik den schönen Begriff der Selbstkonsitenz. Theorien müsen nicht nur formal, d.h. syntaktisch richtig aufgebaut sein, wie das von jeder mathematischen Formel gefordert wird, sondern sie müssen auch so interpretierbar sein, dass sie die empirischen Gegebenheiten richtig darstellen.

Selbstkonsitenz ist in der gegenwärtigen Kunst eher die Ausnahme. Syntax und Semantik fallen in den Shows der Kunsthallen meist auseinander wie Kinderbasteleien. Das gilt nicht für das Werk der 32jährigen Barbara Philipp, die in Wien und Amsterdam lebt. Philipp hat Ende der Neuzigerjahre auf der Ecole Nationale Supérieure des Beaux Arts bei Jean Michel Alberola studiert, danach je ein Jahr bei Hermann Nitsch an der Städelschule in Frankfurt und bei Günter Damisch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.

Aktuell macht die Künstlerin nicht durch eine Ausstellung, sondern durch ein kleines, zweisprachig gestaltetes Büchlein mit dem Titel Tasteless/Geschmacklos von sich reden. Ich bin schon lange der Meinung, dass die schönsten Bücher, die heute produziert werden, den Buchmarkt überhaupt nie erreichen. Ich meine nicht die teuren Rarissima der bibliophilen Verlage, die auf handgeschöpftem Edelpapier schwachmatische Gedichte befördern; und natürlich auch nicht die ledergebundenen Vorzugsschwarten, die sich Staatsmänner als Geschenke an den Kopf werfen.

Die spannendsten Buchprodukte der letzten Jahre sind privat für ein privates Publikum entstanden. Neue Kopier- und Bindeverfahren, bessere Preise beim Druck, Fotoshop – das alles trägt zu einem Boom der Kleindruckwerke bei. Die 50 Seiten, die Barbara Philipp aus Bildern und Texten kompiliert hat, bekommen nur Atelierbesucher und Künstlerfreunde in die Hand. Das ist Teil einer bewusst gepflegten Distanznahme zur verluderten Buchkultur der Bestsellerhändler.

Worum geht in Tastelesse/Geschmacklos? Um eine der verborgensten Erfahrungswelten der Gegenwart: die Rituale von Schwangerschaft und Geburt. Schwangerschaft geniesst ja einen einzigartigen Status gegenüber allen anderen Objekten, mit denen sich die Kunst befasst. Als somatische Erfahrung ist der Vorgang weiblich und schliesst somit Männer aus.

Was Philipp in ihren Zeichnungen und skizzenhaften Malereien zeigt, ist die durch medizinische Objektivität produzierte Sterilität des modernen Schwangergehens. Das Erleben einer Schwangerschaft war ja bis ins 18. Jahrhundert gekennzeichnet durch die Ungewissheit des Beginnes, die Ungewissheit der Dauer und die Unsicherheit über den Ausgang. »Die Unterscheidung zwischen einer wahren und einer falschen, eingebildeten Schwangerschaft« erinnert uns die Historikerin Barbara Duden, »war erst nachträglich möglich, wenn die Frau in der Geburt etwas hervorgebracht hatte: hoffentlich ein Kind, vielleicht auch einen Irrtum der Natur, nur Blut und Winde«.

Die Selbstwahrnehmung der schwangeren Frau in Flüssen, ihre grosse und starke Fähigkeit, Ungewisseres, Unvorghersagbares zu erwarten – diese Leistungen sind ihr durch technologische Mittel ausgetrieben worden. Bei Philipp kommt dieses historische Drama etwa im Motiv eines Ultraschallbildes vor schwarzem Hintergrund zum Ausdruck, in dem der Embryo hinter einer rosafarbenen Wolke verschwindet.

Philipp thematisiert die »flüssige Dame«, die Erwartung der Schwangeren auf ein gutes Ende, im neuen Äusseren des Körpers. Die inwendigen Prozesse des Leibes werden nicht als solche, sondern als das Fett der Schwangeren zur Sprache gebracht. Die ursprüngliche Innerlichkeit, die dank dem Fortschritt der Medizin einer »gesichtlosen Welt« (Alena Alexabdrova) gewichen ist, kommt hier gewissermassen über einen Umweg zu Wort.

Was ist eine Mutter? Eine Mutter ist eine, die spürt, dass es den Körper gibt, dass er manipuliert wird, und dass materielle Flecken aus ihm herausquellen, gedeutet werden wollen. Mit dem Stichwort Fett bricht hier ein ganze Lawine von künstlerischen Wahrnehmungen hervor: das Essen, der Kampf um die schlanke Linie, Angst vor Kontrollverlust, Fruchtbarkeitsgöttinnen, … – »Gut und Böse, Versuchung und Verzicht, Exzess und Bedürfnis«(Carole Counihan).

Wir kennen das Thema Fett natürlich aus der Materialkunst der Sechzigerjahre. Der Streit um Beuys’ fettbestrichene Badewanne beschäftigt die Kuratorenwelt bis in die Gegenwart. Erstaunlich ist, dass Philipp sich von diesem Diskurs abgrenzt. Ihr geht es nicht um Materialwahrheit, um die Aufwertung eines armen Stoffes oder eine bestimmte sinnliche Qualität von Fett. Sie nimmt den symbolischen Faden von Fett auf und beschränkt ihren Beitrag auf die Ästhetik der Bilddimension.

Bei Philipp dienen Schweinefett, Lippenstift und wasserlösliche Farben der Formung von flachen Bildern auf Papier: pastellfarbige Vulvas, Fotografien von Kernöl auf Kürbissuppe, minuziöse Abstufungen von Farbwolken. Die klebrige Qualität des Materials, ja die materiellen Welt überhaupt, wird nur ironisch zitiert – in Form von Beschreibungen aus einem französischen Gourmet-Führer (»weissfleischige Pfirsiche«, »eine Nuance Tiergeruch«).

Philipp erinnert uns auf diese raffinierte Weise an den Vorgang der Abwägung oder Vermutung, der die Schwangerschaft einmal war, und sie stellt ihn der wiederholbaren Messung gegenüber. Hier wird der Ausflug in den eigenen Körper zur kulturgeschichtliche Wiederaneignung einer vergangenen Lebensqualität. »Meine Damen und Herren«, scheint die Künstlerin zu sagen, »das grosse Überraschungsmoment des Lebens hat sich noch nicht zur Gänze in die Gourmet-Küche zurückgezogen. Die Regung des Kindes ist mitten in meinem Bauch.«

© Wolfgang Koch 2009

06.11.2009

VOM SCHWEDENPLATZ ZUR FESTUNG SPIELBERG

von wienblog

»Es gibt in Wien noch heute feinfühlige Naturen«, schrieb Otto Fritz Beer 1976, »die behaupten, sie brauchten nur über eine Donaubrücke nordwärts zu schreiten und wüssten sofort, dass sie hier bereits unter Quaden seien. Südlich, auf dem alten Römerboden, wachsen die süffigen Weine, nördlich des Limes aber die reschen, spritzigen bis sauren Brünnerstrassler«.

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Quaden, laternisch Quadi, ein kleiner, ursprünglich elbgermanischer Volksstamm waren. Und dass der Brünnerstrassler so heisst, weil seine Reben an den Hängen der 120 km langen, von Wien nach Brünn/Brno führenden Strasse wachsen und der Wein auf der Brünner Strasse transportiert wird.

Da trifft es sich gut, dass die niederösterreichische Edition Winkler-Hermaden ein wirklich exzellentes Bildbändchen zur Geschichtes dieses Verkehrsweges vorgelegt hat. Exzellent, weil dieser Bildband auf sämtliche Dummheiten des gegenwärtigen Buchdesigns verzichtet (Überformate, winzige Schriften, Fotos im Briefmarkenformat). Statt dessen: ein handliches Querformat, ein übersichtliches Layout und hochinformative Bildtexte. Man gibt wunderschöne historische Karten in Farbe wieder und scheut auch nicht vor dem Abdruck von unscharfen Dokumentarfotos zurück.

So sehen wir auf Seite 104 eine Gruppe Männer in Hut und Sakko, die im Jahr 1930 dabei ist, den Schlauch eines Kraftwagenreifens zu bändigen, als wären er eine schrecklich gefährliche Python. Wir sehen Infanteristen der k.k. Armee hoch zu Ross in Wilfersdorf einziehen – wobei ein um die Ecke biegender Pedalist die steifen Reiter alt und verbraucht aussehen lässt. Durch den Wiener Aussenbezirk Floridsdorf rattert, nach dem Zweiten Weltkrieg, eine amerikanische Strassenbahngarnitur. Auf Seite 90: ein durch Schüsse der tschechoslowakischen Grenzwache gestoppter Fluchtversuch am Eisernen Vorhang.

Auf Seite 95 stapfen Fussgänger unter entlaubten Bäumen auf das in der Ferne verschwommen sichtbare Nikolsburg (Mikulov) zu. Unweigerlich denkt man da an Peter Handke und seine romantische Leidenschaft für das Gehen – eine Reminiszenz an die Tatsache, dass für die meisten Menschen die eigenen Füsse noch vor zwei, drei Generationen das einzige erschwingliche Verkehrsmittel waren.

Ich bin ja lange schon der Meinung, dass die Geschichtschreibung von morgen auf die Stammbäume der Herrscherdynastien pfeifen wird. Man wird in Zukunft die Geschichte Europas anhand von ganz anderen Netzwerken rekonstruieren: der Ökonomie der Transportwege, den Prozessen der Kommunikation und der Symbolizität der Zeichen, die sich in diesen Konstrukten bewegt haben. Hier, auf der Brünner Strasse, sind die Kulturen des Ostens mit dem Westen in Kommunikation getreten und haben schrittweise das Mass preisgegeben, das ihnen Identität und Würde verlieh.

Die Autoren des Werkes manchen zum Glück nicht den Fehler, ihr Objekt – das von der anderen Seite, von der tschechischen her, eine Wiener Strasse (Vídeňská) ist –, für ein Ergebnis des friedlichen Personenverkehrs und des Austausches von Waren und Gütern zu halten. Die Grundidee der Verkehrsader Brünner Strasse verdankt sich der militärischen Planung.

Die Wiener Ausfallssstrasse nach Norden sollte den habsburgischen Armeen ein schnelleres Vorrücken in renitente Provinzen und an die gefährdeteten Grenzen des Reiches ermöglichen. Paradoxerweise kamen darauf auch die hussitischen, die schwedischen und die preussischen Gegner des Kaisers schneller voran. Das Existenz in den Orten an der Strasse war über Jahrhunderte wohl nur selten komfortabel.

Heute erhält die Hauptroute durch das Weinviertel ein wenig unerwartet eine neue Lebenschance. Durch den Bau von monströsen Schnellstrassen über das sanfte Hügelland wird der nun unnütz gewordene Rest der alte Verkehrsader zu einer Art nostalgischen Attraktion für Ausflügler. Was einstmals so schmerzlich in die Einsamkeit hineinragte und in den letzten Jahrzehnten dann vom Pendlerverkehr übergerollt wurde, das taugt vielleicht bald für einen gepflegten Strassenritt.

© Wolfgang Koch 2009

Christian Jostmann: Die Brünner Straße. Eine Geschichte des Verkehrswegs von Wien nach Brünn in Bildern. 114 Seiten, 133 Abb., Edition Winkler-Hermaden: Schleinbach 2009, www. edition-eh.at, ISBN 978-3-9502688-6-7, EUR 19,90

15.10.2009

STEINMETZ, ZWANGSSOLDAT, JODLER, DESERTEUR

von wienblog

Arbeiten von Österreichs radikalstem Vertreter der Zweiten Moderne, dem Kärntner Nachkriegsavantgardisten Viktor ROGY [1924-2004], sind derzeit in der Wiener Galerie Magnet zu sehen. Das ist gut so, denn Rogy-Präsentationen sind in Österreichs kulturkonservativer Hauptstadt seltener als mystische Hochzeiten unter Saunabrüdern.

Dabei hat der markant glatzköpfige Autodidakt, der in den Sechzigerjahren gemeinsam mit Hans BISCHOFFSHAUSEN ins Kunstmekka Paris pilgerte, eine ganze Generation von heute in Wien lebenden Kollegen mit inspiriert – von Wolfgang WALKENSTEINER über Heimo ZOBERNIG und Reimo WUKONIG bis hin zum Fotokünstler Paul Albert LEITNER. Sie alle haben von der Begegnung mit dem phänomenalen Mann in Kärnten profitiert, ohne seinen Einfluss auf das eigene Werk gebührend zu würdigen.

Der »Alpen-Beuys« Rogy knüpfte, besonders in seinen Konzeptarbeiten mit Schere und Kopierer, an die purifizierende Strenge des Wiener Architekturtheoretikers und Architekten Adolf LOOS an; doch er verband seine eigenen Interventionen im Raum (Villacher Rondell, Löwenzungen, Musil-Denkmal) stets mit der augenzwinkernden Leichtigkeit von Westernhelden und Zirkusartisten.

Die Galerie Magnet versammelt nun exzellente Früh- und Hauptwerke des unbeugsamen Kärntners, der sich in seinem letzten Lebensabschnitt einen erbitterten Kleinkrieg mit dem Rechtspopulisten Jörg HAIDER geliefert hat. Ein Aquarell-Portrait von Rogys ersten Frau Caroline für 1.750 Euro ist ebenso zu sehen wie der berühmte reduzierte Keil (1969), eine Wachs-Wolke (1979) und eine spiegelnde Messingplatte (1978), dazu herrliche Leuchtschriften und kautzige Selbstportraits.

Das alles wird in den gotischen Gewölben sehr klug und abwechslungsreich gezeigt. Rogy selbst hätte es gewiss noch viel nüchterner angeordnet. Doch die Ausstellung passt wunderbar in das versteckte Galerienviertel zwischen der Franziskanerkirche mit ihren Carlones und Steinls und den ehemaligen Mönchsabsteigen in der Annagasse. Rogy war ja ein tiefgläubiger Clown, ein mantra-rezitierender Formsucher, ein alkoholsüchtiger Gotteswüterich.

Auf einer weissen Stele hat Rogys Witwe und kongeniale Künstlerkollegin Bella BAN einen Gipskopf mit dem Titel »Sleeping Viktor« ausgestellt (2.400,- Euro). Der Kopf mit den geschlossenen Augen diente zunächst als Vorlage für Bronzebüsten, die vor Jahren in dichtem Schneetreiben beim nahen Optiker Hartmann ausgestellt waren. Bella Ban befragt ihre eigenen Werke und die Gemeinschaftsarbeiten mit Rogy immer weiter, modifiziert die Bilder, Schriften und Skulpturen äusserst sensibel, so dass dieser auf der linken Wange ruhende Schädel weit mehr von Rogys eleganter Persönlichkeit wiedergibt, als es eine einfache Totenmaske tun würde.

Dank Bans kreativer Beschäftigung mit dem OEvre ihres verstorbenen Gatten lebt dessen Werk heute wie kein zweites weiter. Rogy hat übrigens sein eigenes Sterben in einem Villacher Krankenhaus in stundenlangen Video-Seancen mit seinem Assistenten Werner ÜBERBACHER so kompromisslos festgehalten, dass das schockierende Material bis heute von keinem Fernsehsender ausgestrahlt wurde. Immer weiter entfernt sich der sterbende Greis in diesen Aufnahmen aus seinem durch Krankheit schwer gezeichneten Körper, bis der Geist des Künstlers dann eines Tages nicht mehr in die sterbliche Hülle zurückkehrt.

Du willst Künstler werden, Coolman? Gut. Du willst Künstlerin werden, Girlie? Fein. Dann nehmt jetzt eure Beine in die Hand und pilgert hin in die Himmelpfortgasse, um niederzuknien vor diesen Artefakten des grössten aller Unbekannten der österreichischen Nachkriegskunst. Ich weise dir den Weg, und du wirst überrascht sein, wenn dir in der Himmelportgasse eine Gestalt, die genauso aussieht wie du selbst, die Türe zur Galerie öffnet. Dann wisse, o Jungmensch, dass diese Person eine Kopie von dir ist, und dass Rogy in dieser Gestalt gewartet hat, bis du einkehrst.

© Wolfgang Koch 2009

15.10.2009

DAS KURZE GEDÄCHTNIS DER STADT

von wienblog

Ältere Menschen lieben Gedenktafeln, und Wiens Hausfassaden sind reich gesegnet mit diesen kleinen Verwandten der Denkmäler. Senioren verfügen über genügend Zeit, die steineren Hinweise auf bedeutende Persönlichkeiten zu studieren. Doch nicht so ein angegrauter Sammlerkopf ist es, sondern ein Doktorant der Literaturwissenschaften, der nun ein Nachschlagwerk zum Thema Wiener Gedenktafeln im Amalthea Verlag vorgelegt hat.

Aus dem Vorwort erfahren wir, dass der Autor, Clemens OTTAWA, ein Enkel des Essayisten und Drehbuchsautors Theodor Ottawa (1909-72) ist, dem man in der Döblinger Hauptstrasse 56 eine Gedenktafel gewidmet hat. Kein schlechtes Motiv für einen jungen Akademiker, sich auf die Spuren weiterer Dichter, Denker und Musiker in der Stadt zu begeben. Nur: wir hören weder etwas über die Quantität noch über die Qualität seiner Auswahl, nichts über die Kriterien nach denen bestimmte Objekte Eingang in das Buch gefunden haben, andere aber nicht.

Warum werden zum Beispiel die Tafeln für die wenig bekannte Kabarettistin Stella KADMON am Franz-Josefs Kai 23 und die Tafel für den kaum übersetzten Schriftsteller Hermann BROCH am Franz-Josefs-Kai 37 aufgelistet, die nur ein paar Schritte weiter, am Haus Nr. 45 angebrachte Gedenktafel für den international beachteten Religionsphilosophen Martin BUBER aber nicht? (Das Thema meines ersten Wienblogs im Oktober 2006). Weil Clemens Ottawa die Buber-Tafel nicht kennt? Weil er, was schlimmer wäre, Buber nicht kennt? Oder weil er lokalen Sternchen vor globaler Prominenz den Vorzug gibt?

Man ahnt es ja, dass meist Verwandte oder Kollegen die Anbringung von Gedenktafeln im öffentlichen Raum betreiben. Trotzdem hätte man bei der Gelegenheit eines solchen Nachschlagwerkes gerne mal Näheres über die behördlichen Bestimmungen für Personengedenktafel erfahren, über magistratische Regularien, über die Ideologie der Erinnerungspolitik und auch über die Arbeit der Steinmetze.

Der Amathea Verlag hat das Buch keinem Verlagslektorat unterzogen, was nun, das die erste Auflage im Druck vorliegt, schulterzuckend eingestanden wird. Der Mangel an Sorgfalt bei der Drucklegung kann einem bei gewöhnlichem Lesefütter auch egal sein, zumal wenn man weiss, wie lächerlich niedrig heute die Masse der Buchautoren für ihre mühselige Arbeit entlohnt wird. Bei einem Nachschlagwerk aber ist der Verzicht auf ein professionelles Lektorat unverzeichlich!

Es gibt zwei Sorten von Fehlern in diesem Lexikon: Satzfehler, meist in der Form unrichtiger Jahreszahlen, wobei man sich mit etwas Mühe ja die richtige zusammenreimen kann. Wirklich katastrophal aber wirken sich falsche Angaben zu den Gedenktafeln aus. Gustav KLIMT etwa wurde laut Ottawa gleich zweimal geboren: in der Westbahnstrasse 36 in der Josefstadt und in der Linzer Strasse 243-247 in Penzing. Nur einmal dürfte das wahr sein, und Ottawa hätte die richtige Adresse mühelos erkennen können, wenn er den Text der auf Seite 245 abgebildete Gedenktafel auch wirklich gelesen hätte.

Etwas Gutes und Brauchbares hat der neue Viennensia-Band aber doch. Die letzten 38 Seiten geben zahlreiche Abbildungen der im Textteil verzeichneten Gedenktafeln wieder. – Ein wahrer Leckerbissen für Freunde der Typografie! Hier kann man in Ruhe die Vor- und Nachteile verschiedener Materialien und Gestaltungsweisen der Wiener Gedenktafeln studieren.

Erstaunlich zum Beispiel, wie gut die Gedenktafel für den in Wien verstorbenen Komponisten Antonio VIVALDI am Karlsplatz funktioniert. Die Versalschrift mit den zwei verschiedenen U-Buchstaben – mal bauchig, mal spitz – wirkt, als wäre sie direkt dem Setzkasten der Wiener Werkstätten entnommen. Das hat ästhetisch nichts mit Vivaldis barocker Epoche zu tun, aber viel mit der Aufwertung des Jugendstils zur Zeit der Stiftung acht Jahrzehnte später. Der klug formulierte Text erteilt in knappster Form relevante Informationen und ist optisch perfekt vor das Auge hingebreitet. Einer klein gemeiselten Abschlusszeile entnehmen wir, dass es 1978 der inzwischen selbst schon wieder historische Creditanstalt-Bankverein war, der die schöne Tafel finanzierte. Das waren noch Banken!

© Wolfgang Koch 2009

Clemens Ottawa: Das Gedächtnis der Stadt. Die Gedenktafeln Wiens in Biographien und Geschichten, 277 Seiten, ISBN 978-3-85002-688-8, Wien: Amalthea Signum Verlag, 19,95 EUR