Archive for Februar, 2007

26.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Die Stadt als unheimlicher Text

von Wolfgang Koch

Der Wiener Text – Mit diesem Begriff ist das Geflecht von Bildern und Reflexionen gemeint, die über Wien im Umlauf sind. Die Inhalte schöpfen sich meist aus wenig ausgewogenen Quellen. Seit den Fünfzigerjahren etwa hören wir, Wien sei die Welthauptstadt der Musik, die Hauptstadt einer Kulturnation und so etwas wie die bezaubernde Seele des Österreichischen. Der Metropole wird im österreichischen Bewusstsein eine Art existenzieller Ennui unterschoben.

Am häufigsten taucht dieser Gedanke in der Behauptung einer spezifischen Wiener Gemütlichkeit auf. Wiener Gemütlichkeit bedeutet nicht dasselbe wie Nettsein oder Ausgelassenheit. Sie hängt stärker am Traditionellem, ist sinnlich, heiter und musikalisch; wer gemütlich ist, verhält sich gesprächig und höflich bis hin zur Servilität.

Der gemütliche Mensch ist zu keinem wirklich scharfen Gedanken mehr fähig! Das Herz pocht stärker als der Verstand – das will das Wort Gemütlichkeit sagen.

Friedrich Heer versuchte diese Selbstzuschreibung des Wieners eng an den habsburgischen Mythos zu knüpfen. Er… weiter lesen

22.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Wien ist anders. Ja, aber als was?

von Wolfgang Koch

»Wien ist anders« – Die Rathauspropaganda trommelt seit den Neunzigerjahren diese Botschaft, freilich ohne zu sagen wie. Nun, Wien ist tatsächlich anders – nämlich anders als Österreich.

Demoskopisch zum Beispiel. Verzeichnen wir in Restösterreich eine kontinuierliche Abnahme der Geburtenzahlen, so kann die Bundeshauptstadt mit einem leichten Anstieg punkten.

Wien tickt auch medizinisch komplett anders: mehr Atemwegserkrankungen, wesentlich mehr Grippekranke, mehr Übergewichtige, mehr Raucher und mehr Krebspatienten. Regional betrachtet sind in Wien die meisten Krebsneuerkrankungen zu verzeichnen, und in Vorarlberg die wenigsten.

Und was das Lebensende betrifft? Das herrliche Ableben? – Da ist Wien erst recht anders. In den Grenzen der Bundeshauptstadt steht es jedem Sterbenden absolut frei, sich auf eigenem Grund und Boden bestatten zu lassen. Jeder läppische Standardsarg entspricht bei uns den Hygienevorschriften für den Bau eines Mausoleums oder einer Gruft.

Das soll uns Restösterreich bitte erst einmal nachmachen!

Geburtenhoch, Gesundheitstief und eine fomidable Bestattungskultur – im Ausland ahnt… weiter lesen

19.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Arnold Schwarzenegger in der Hofburg

von Wolfgang Koch

Der barocke Habsburgerhof war vernarrt in den antiken Halbgott Herkules. Wie in Paris, Potsdam oder St. Petersburg verehrte man den starken Mann der griechischen Mythologie als ein Art Schutzheiligen der dynastischen Macht. Ewig sollte der Harnisch der eigenen Herrschaft währen, oder, wie es Kaiser Joseph I in seinem Wahlspruch zu sagen wusste: »Amore et Timore – Durch Liebe und Furcht«.

Die gefährlichen Abenteuer des Herkules – über Jahrhunderte mussten sie in den ersten Häusern Europas zur spektakulären Darstellung der Tugenden des guten und vorbildlichen Fürsten herhalten. Kaum etwas verlieh dem Absolutismus eine kräftigere Stimme als der prächtige Muskelkörper dieses Helden.

Im Inneren Burghof zu Wien prangen heute noch vier monumentale Skulpturengruppen von Lorenzo Matielli. Sie entstanden in den Jahren 1727/29. Der Bildhauer Matielli war auch es, der den dramatischen Engelsturz in der nahen Michaelerkirche gestaltet hat.

Matelli wirkte für den Habsburger-Clan und für Fürst Schwarzenberg. Er hat in Wien ein… weiter lesen

15.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Österreichs Emigranten in Montauban

von Wolfgang Koch

Die Stadt mit ihren heute rund 51.000 Einwohnern wurde im 12. Jahrhundert gegründet. Sie liegt nördlich von Toulouse, auf halbem Weg zwischen Mittelmeer und Atlantik.

Montauban war im Zweiten Weltkrieg ein französischer Hauptzufluchtsort für verfolgte Ausländer, besonders für politische Gegner des NS-Regimes aus dem ehemaligen Österreich. Eine vergleichbare Ansammlung von Flüchtlingen aus einem einzigen Land hat es sonst nirgend im Vichy-Frankreich gegeben.

Warum Montauban? Warum gerade diese historische Festung der Huggenotten? – Weil viele ihrer Einwohner 1940 immer noch Okzitanisch sprachen, die alte Sprache der Troubadoure? Weil dieser Landstrich schon seit Generationen im Kampf gegen den Zentralstaat lag?

Flohen die Menschen nach Montauban, weil der örtliche katholische Bischof Klöster und Konvente öffentlich ermutige, jüdische Kinder und Erwachsene zu verstecken? Oder taten sie es, weil dieser Fleck seit jeher Unterdrückern widerstand und das Gewähren von Asyl zum kollektiven Gedächtnis der Stadt gehörte?

All diese Punkte mögen bei der Wahl… weiter lesen

12.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Die besten Viennensa aller Zeiten

von Wolfgang Koch

Adler, Friedrich: VOR DEM AUSNAHMEGERICHT, Jena 1923

Bernhard, Thomas: ALTE MEISTER. Komödie. Frankfurt/M (Suhrkamp) 1988

Bandhauer, Dieter/ Rychlik, Otmar (Hg.): WIEN ALS AUSSTELLUNG BETRACHTET, Wien (Sonderzahl) 1984

Bruckmüller, Ernst/ Häusler, Wolfgang (Hg.): REVOLUTION IN ÖSTERREICH. Schriften des Institutes für Österreichkunde 62, Wien (ÖBV) 1999

Deutsch, Julius: AUS ÖSTERREICHS REVOLUTION. Militärpolitische Erinnerungen, Wien o.J.

Egyptien, Jürgen: DER ‘ANSCHLUSS’ ALS SÜNDENFALL. Hans Leberts Werk und intellektuelle Gestalt, Wien (Sonderzahl) 1998

Engert, Ursula: WILHELM STEKEL. Seine Forderung und Methode aktiver Psychoanalyse. Vortrag, Leipzig (Max-Stirner-Archiv) 1998

Fuchs, Albert: GEISTIGE STRÖMUNGEN IN ÖSTERREICH 1867-1918, Wien 1978

Hamann, Brigitte: HITLERS WIEN. Lehrjahre eines Diktators, München 1998

Herbeck, Ernst: IM HERBST DA REIHT DER FEENWIND. Gesammelte Texte 1960-91, Salzburg/ Wien (Residenz) 1992

Hevesi, Ludwig: ALTKUNST − NEUKUNST. Wien 1894-1908, Wien 1909

Keller, Fritz: WIEN, MAI 68. Eine heisse Viertelstunde, Wien 1988

Kohn, Hans: KARL KRAUS, ARTHUR SCHNITZLER, OTTO WEININGER. Aus dem jüdischen Wien der Jahrhundertwende, Tübingen 1962… weiter lesen

08.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Wie wird man am schnellsten Wiener?

von Wolfgang Koch

Indem man Augartenporzellan kauft? Nein. Indem man gross wird in der Herrengasse, im Rathauspark, im Burggarten, auf der Strudelhofstiege, in der Josefstadt und in den Kaffeehäusern? Nein. Diese Zeiten sind passé.

Ist es wienerisch, wenn ich die Buschenschankverordnung ausnutze und mit meinem Selbstgekochtem im Tupper-G’schirr’l beim Heurigen anrücke? Nicht mehr.

Ist es wienerisch, dass unsere Gastronomie heute wirkt wie eine Geheimwissenschaft, mit einer Terminologie, für die man ein dickes Wörterbuch braucht? Never.

Ist es wienerisch im Suff die Pestsäule zu erklettern, wie das dem jungen Johannes Maro Simmel nachgesagt wird? Schon eher.

Wiens Entsagungen, flöten die Dichten, besitzen einen fast baccantischen Zug, Wiens Askese, gurren die Tauben, ist eine Resignation mit Rosen und Weinlaub im Haar.

Kann sein, kann aber auch nicht sein! – Offensichtlich ist das Gelände der kollektiven Selbstbespiegelung stark vermint mit Worten und Andekdoten. Das spricht für einen lebendigen Austauschprozess und eine gewisse Brisanz des Materiales.

1857… weiter lesen

05.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Das Märchen vom Wiener Charakter

von Wolfgang Koch

Wien ist ein Schmerztiegel der Nationalitäten, und das ist gut so. Der serbische Schriftsteller Stanislav Vinaver unterstellt dem Wiener die Kunst, sich rasch unterzuordnen, anzupassen, sich schnell zurechtzufinden. Wien, so Vinaver, habe aus der Fähigkeit zur Toleranz eine besondere »Psychologie«, hervorgebracht, eine Diagnostik, die auf geschärften Sinnen beruht.

Dass der Wiener prädestiniert sei zur Psychologie, wird seit hundert Jahren behauptet. Vermutlich trifft hier der Kabarettist Alfred Dorfer den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: Der Herr Karl, dieser Günstling der Verhältnisse, stehe wie keine andere Gestalt für die Verwechslung von Konsens und Paralyse.

Ich verstehe das so: Was von aussen als besonderes Seinsverständnis, als standortgebundene Überlebensfähigkeit des Wieners erscheint, ist von innen ein schwerer, kaum wieder gut zu machender Akt der Regression.

Dass es dem Wiener mit seinesgleichen an Einigkeit fehlt, dass seine Tagesverfassung ständig zwischen Geborgenheit und Ungeborgenheit, zwischen Nähe und Ferne, Vertrauen und Misstrauen herumschlingert wie… weiter lesen

01.02.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Der Lack der schöne Wienerin

von Wolfgang Koch

Sie kennen Wien und die Wiener, natürlich! Auch die Wienerinnen, selbstverständlich. Ihnen kann man absolut nichts vormachen!

Ich aber behaupte: Sie kennen SIE nicht! Mit Knopflöchern im Gesicht kann man nichts sehen.

Was haben Sie zum Beispiel nicht schon alles über die schöne Wienerin behauptet, welche Wohldüfte haben Sie nicht schon über SIE in die Welt gesetzt, welche Vorurteile breit gewalzt?

Gewaltige Gerüchte sind da im Umlauf – über die dunkelhäutige Henriette Rothmann, über Fanny Elssler, über Eva Maria Violette, Karoline Pichler, Sophie Löwenthal, Alma Mahler-Werfel, Romy Schneider, Erika Pluhar, Senta Berger, Cordula Reyer und Julia Stemberger. Schmeicheleien, sage ich, die an den Legenden dieser Schauspielerinnen und Tänzerinnen, dieser Hetären und Kurtisanen, der Salonköniginnen und Models kleben wie picksüsser Honig.

Die Realität sagt was anders! – Die schöne Wienerin von heute ist weder stupsnasig noch aus Elfenbein, wie der französische Maler Fragonard sie mit zitterendem Pinsel als Schokoladenmädchen auf der… weiter lesen