Archive for März, 2007

26.03.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Hilfreiche Routen in Bratislava

von Wolfgang Koch

65 Kilometer sind es von Wien nach Bratislava, Fahrzeit eine knappe Stunde. Eigentlich ein ideales Ziel für einen Tagesausflug, vormittags Anreise, Kaffee trinken, Shopping, bissl was essen, am Abend wieder zurück. Aber für die WienerInnen liegt die slowakische Hauptstadt nach wie vor hinter sieben Watteschichten verborgen. Es ist, als hätte der Kalte Krieg eine Grenze in den Köpfen gezogen, die nur langsam undicht wird.

Das Neue kündigt sich leise an: Jahr für Jahr setzt sich mehr der slowakische Namen Bratislava gegenüber dem deutschen »Pressburg« durch. Das ist ein gutes Zeichen – irgendwann wird sich der Fall des Eisernen Vorhangs ja bis nach Ottakring herumsprechen.

»Hallo, Nachbar. Wo, bitte, sind deine slowakischen Beiseln?«, schrieb kürzlich eine österreichische Tageszeitung. »Wegen einer Melange fahren wir nämlich nicht rüber.«

Richtig, wegen einer Melange nicht! – Aber vielleicht wegen der gründerzeitlich-historisierenden Fassaden im Zentrum, oder wegen einem Konzert in der Slowakischen Philharmonie, oder wegen einem… weiter lesen

22.03.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Süsser Terror der Provinz

von Wolfgang Koch

Das innere Leben in Österreich ist dumpf katholisch geblieben. Vielleicht ist die tiefe bäuerliche Frömmigkeit am Land nur einer religiös maskierten Lebensangst gewichen, gut möglich. Neurosen und Psychosen saugen sich jedenfalls weiterhin an jedem Aufschwung zum Übernatürlichen. Am Attersee verehrt man bis heute ein Gnadenbild aus 1622, von dem sich ein blutroter Farbstreifen angeblich nicht mehr wegwischen lässt. Und in der Politik hätten Tiroler, Kärntner, Burgenländer und Steirer am liebsten einen Kaiser wieder zurück, aber auf Landesebene.

Einen Kaiser, ja freilich! In Ermangelung einer alpenländischen Erbmonarchie findet sich die Bevölkerung der genannten Länder schon heute mit einer absolutistischen Demokratie ab, in der Vererbung und Klügel die wichtigste Rolle spielen.

In den Länderrepräsentaten scheint der Virus des Provinziellen einen absolut lohnenden Wirtskörper zu finden. Die Landeshauptleute bilden ein wahres Panotikum der Peinlichkeit, eine präsentable Sammlung von Exoten und Dauerzuprostern, das kaum in das Bild einer modernen Gesellschaft passen will.

Man gewinnt… weiter lesen

19.03.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Rassismus à la Fasanviertel (III)

von Wolfgang Koch

Ich habe gesagt: Rassismus kommt in Wien nie geradlinig daher. Es war bereits 1993 beschämend zu sehen, wie der sozialdemokratische Bezirksvorsteher mit dem Zeigestab in der Hand das Schimpfkonzert der Erwachsenen dirigierte. Von »Gschroppn« und »Drecksproletariat« war die Rede, und ist es heute noch, wenn man die SP-Basis reden lässt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Es fielen damals Sätze wie dieser: »Unsre Ausländer vermehren sich wie die Kaninchen!«

Der amtstragende Sozialdemokrat bedankte sich artig für solche Hasstiraden auf der BürgerInnenversammlung und gab das Wort artig an den nächsten Redner weiter, um die Gaudi noch anzuheizen. Auf die Frage, warum es viel zu viele Ausländer im Fasanviertel gäbe, erklärt Erich Hohenberger wörtlich:

»Mir sind bei die Ausländer leider vollkommen die Hände gebunden. Ich kann nichts dagegen tun, dass Hauseigentümer an Ausländer vermieten. Und daran wird leider auch das neue Mietgesetz nichts ändern«.

Man könne, fuhr Hohenberger auf der Bürgerversammlung 1993… weiter lesen

15.03.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Rassismus à la Fasanviertel (II)

von Wolfgang Koch

Wir schreiben den 4. November 1993. Das Büro des Bezirksvorstehers lädt zu einer Diskussion in die Schule. Dort beschliesst eine vierzigköpfige Versammlung empörter Fasanviertler die Auflösung der zwölf Jahre zuvor eingericheten Wohnstrasse. Fortan wird der Durchzugsverkehr wieder durch die verkehrsberuhigte Zone der Kleistgasse geführt.

Mit den Wohnstrassen ist es wie mit den öffentlichen Pissoirs hundert Jahre davor: Zwar sind alle von ihrer prinzipiellen Notwendigkeit überzeugt, doch sobald es um den konkreten Platz für die Errichtung geht, erwacht sogleich der Widerstand der Anrainer.

Was die Ursache der Aufregung in der Kleistgasse betrifft, steigt in den Sommermonaten tatsächlich der Lärm an durch spielende Kinder. Die »Kleist« ist zweifellos lebendiger als Strassen in anderen Grätzeln. Jugendliche amüsieren sich in kleinen Gruppen manchmal bis spät in die Nacht am Trottoir. Aber ist es nicht vollkommen natürlich, dass in einer so spielplatzarmen Gegend wie dieser eine Wohnstrasse wie ein Magnet auf die Heranwachsenden aus den… weiter lesen

12.03.2007 von Wolfgang Koch
blogavatar

Rassismus à la Fasanviertel (I)

von Wolfgang Koch

Rassismus kommt in Wien nie geradlinig daher. Diese niederschmetternde Geisteshaltung ist über viele Jahrzehnte ein derart kompakter Bestandteil der hiesigen Mentalität, dass sie in einer absolut Wienerischen Formen wuchert und gedeiht. Der Rassismus an der schönen blauen Donau ist brutal verschlagen, er ist verlogen bis hin zur öffentlichen Unaufrichtigkeit. Es gibt in Wien keine »nationalen« Aufmärsche in gewachsten Stiefeln, nein! Bei uns kleben auch keine Wahlplakate mit blonden Babyköpfen und markigen Sprüchen wie in Berlin! Hier hat das Finstere einen unnachahmlich süssen Schmelz.

Sicher, es gibt auch in Wien diese feigen auf Strassenbahnsitze geschmierten Worte »Nigger raus!« – das ist der meuchelwütige Protest der ewigen Fremdenhasser; aber davor und dahinter gibt es eine monströs-heuchlerische Argumentation, wenn es darum geht, dass die eingesessene Bevölkerung einen weiteren Sturmdamm gegen die Migrantenflut errichtet.

Rassismus … ein hartes Wort, gewiss. Aber: Wie bitte würden Sie behördliche Vertreibungsmassnahmen gegen Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien nennen?… weiter lesen