Archive for Oktober, 2007

22.10.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (20)

von Wolfgang Koch

Der Wienerische Geist trägt jetzt Frack und Monokel. Es wächst eine Architektur, die im Jugendstil eine dynamische Fortsetzung findet und dank ihrer Repräsentanz den Monumentalismus der Gründerzeit abzuwehren vermag.

Lässt sich die Wiener Moderne tatsächlich als verspätetes Aufglühen des europäischen Humanismus und der Aufklärung verstehen? Derselbe Sigmund FREUD, dessen Traumdeutung 1900 erscheint und der einmal bekennt: »Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn«, derselbe Freud nimmt zu Beginn seiner Arbeiten an, dass man durch die Aufklärung moralischer Mechanismen einer Verdrängung der Triebe entgegenwirken kann. Freud bekennt aber auch: »An keinem Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich spürbar wie in Wien.«

Das Wien um 1900 ist multikulturell: Es ist die grösste tschechische Stadt des Erdkreises und hat noch im Ersten Weltkrieg etwa so viele jüdische Einwohner wie heute die Stadt Haifa in Israel.

Das Wien um 1900 ist intellektuell: Es treibt so viele sprachkritische… weiter lesen

15.10.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (19)

von Wolfgang Koch

1890 fallen die Linienwälle, aus den Vororten werden die Bezirke 11 und 19. Der Stadtumfang springt von 37,9 auf 63 Kilometer, also auf beinahe das Doppelte; die Bodenfläche vergrössert sich von 5.540 auf 17.812 Hektar und das Wien der 525.220 Köpfe erreicht nun 1.365 000 Einwohner, davon 90.000 Untermieter und 86.000 Bettgeher.

Die Macht verteilt sich in Wien anders als in deutschen Grossstädten. Beim grossen Nachbarn schränkt die Bürokratisierung die Kontrolle der Kommunalbeamten ein, was für bayrische und preussische Bürgermeister einen Machtzuwachs bedeutet. Der Wiener Bürgermeister hingegen ist ein lokaler Parteiführer und kein Berufsbeamter.

Der Verlust der Liberalen lässt Schlimmes hinsichtlich der Gemeindeautonomie befürchten. »Vom heutigen Tag angefangen«, schreibt die NFP am 2. April 1895, »gibt es in der Politik eine brennende Wiener Frage, welche nicht von der liberalen Partei im Gemeinderathe, sondern nur von der Regierung gelöst werden kann. Das Kabinett muss sich darüber klar werden, ob ein bedeutsames,… weiter lesen

08.10.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (18)

von Wolfgang Koch

In weissen Phase Wiens, Teil II, meldet sich lauthals bereits das Rote Wien zu Wort. Rot, das heisst ziegelrot wie die Mauern der Zinskasernen, und puterrot wie die im Wortduell erglühenden Köpfe.

Als sich 1868 eine Arbeiterdemonstration für Vereins- und Versammlungsfreiheit, für Pressefreiheit und Wahlrecht stark macht, wird den Anführern der Hochverratsprozess gemacht.

Aufgrund der Wohnungsnot umfasst die Anzahl der Untermieter und »Bettgeher« 1869 bereits ein Viertel der Wiener Bevölkerung. (Behaupten Sie nicht diese Zeiten seien Gott sei dank längst vorüber! Heute schlafen illegale Afrikaner in den Wohnheimen im Akkord, um sich den Preis leisten zu können. Für eine Matratze muss bis zu 160 Euro im Monat bezahlt werden).

Mehr als 55 Prozent der Stadtbewohner besitzen in den Siebzigern des 19. Jahrhunderts keine eigene Wohnung. Unablässig verteuern sich die Baukosten. Wien ist zu klein.

1871 fordert der Gemeinderatskandidat Julius HIRSCH: »Wir haben Handelsverträge mit China, Japan und Siam, aber… weiter lesen

01.10.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (17)

von Wolfgang Koch

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat Wien einen Herrgott: Karl LUEGER, dessen Machtinstinkt so weit in die Zukunft reicht, dass er die Friedhofskirche am kommunalen Zentralfriedhof nach dem Pestheiligen Karl Borrömäus benennen lässt.

Die raffinierte Rechnung geht auf. Die Krypta der der Karl-Borromäus-Kirche wird Luegers letzte Ruhestätte, ein Karl steht für den anderen, und die Wiener Bevölkerung nennt in Folge der bewussten Vermischung der Namen das Gotteshaus mit der ägyptisierenden Fassade bis heute »Lueger-Kirche«.

Nach den Wahlsiegen Luegers und seiner christlichsozialen Partei geht die Führung der Stadt vom reichen Grossbürgertzum auf den kleinbürgerlichen Mittelstand über.

Die ständische Konstruktion der heutigen Volkspartei (ÖVP) kann nicht verdrängen, dass ihre ideologischen Wurzeln tiefer hinabreichen als zum Autoritarismus eines DOLLFUSS oder zum Scharfmacher Ignaz SEIPEL. Natürlich ist der Antisemit Lueger heute kein wirklich herzzeigbares Idol mehr, aber es wäre sträflich seine Verdienste zu leugnen.

Was tun die Christlichsozialen? Sie brechen das liberale Tabu… weiter lesen