Archive for Januar, 2008

31.01.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (29)

von Wolfgang Koch

1919 kämpften die Griechen gegen die Türken – für die »grosse Idee« der Wiedererrichtung eines hellenistischen Imperiums. Polen kämpfen gegen Russen für die Errichtung von Grosspolen; Deutsche agitieren unter Deutschen für die soziale Revolution; Iren ringen mit Briten um die Unabhängigkeit; in Russland führen Rote und Weisse einen Bürgerkrieg um die Kontrolle der Staatsmacht; und eine ganze Anzahl früherer, dem Zar untertaner Völker in Transkaukasien, im Baltikum und in Zentralasien streiten für ihre Freiheit.

Die halbe Welt also liegt im Streit mit sich selbst, die vom Weltkriegsmorden Geheilten hauen sich allenortens wieder die Schädel ein. Nur ein kleines Völkchen inmitten des Herzens von Europa will auf seine Selbstständigkeit verzichten! Um jeden Preis!

Verzichten? Tatsächlich! Die deutschösterreichische Delegation zur internationalen Friedenskonferenz in Paris ringt zehn Monate lang um den Anschluss der Alpenrepublik an den Grossstaat Deutschland. Die gesamte Wiener Elite sieht sich als geschichtlicher Vorbote einer neuen Machtpolitik.

Die Erste… weiter lesen

28.01.2008 von Wolfgang Koch
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Der interkulturelle Kalender 2008

von Wolfgang Koch

Österreichs Grüne mögen viele hinrissige Ideen haben, diese ist bestimmt keine: das 10. Bundesland. Österreich besteht bekanntlich auch der Hauptstadt Wien und acht weiteren Bundesländern.

Unter der originellen Bezeichnung »10. Bundesland« haben die Grünen die autochtonen Volksgruppen in die Politik integriert – denn Österreich ist eben nicht, wie man unter Hitler noch glauben mochte – ein reindeutscher Staat vom germanischen Stamme. Im Gegenteil: hier war die Mischpoche immer schon zu Hause.

Autochtone Volksgruppen leben – laut Volksgruppengesetz 1976 – seit mindestens drei Generationen auf österreichischem Boden. Die grösste Gruppe sind die Kärntner Slowenen mit geschätzen 55.000 Personen, ihnen folgen Kroaten, Ungarn, Roma, Tschechen und Slowaken.

Die Grünen haben diesen Minoritäten mehr als nur Elementarunterricht und Amtssprache zuerkannt. Das 10. Bundesland entsendet auf jeden Bundeskongress eigene Delegierte. Es hat sich darüber hinaus als ideale Plattform für Migranten aus anderen Ländern erwiesen. – Kein Wunder, dass die Idee des 10. Bundeslandes… weiter lesen

24.01.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (28)

von Wolfgang Koch

1919 ist es mit dem Klassenwahlrecht zu Ende. Bei den Nationalsratswahlen erreicht die SDAP die relative Mehrheit. Neben den Christlichsozialen haben noch eine Menge bürgerlicher Parteien in Deutschösterreich kandidiert: die Bürgerlich-demokratische Partei, die Demokratische Partei, die Demokratische Mittelstandspartei, die Wirtschaftspolitische Volkspartei, die Deutschnationale Partei und die Nationaldemokratische Partei.

Ein ähnliches Gewimmel unter den bürgerlichen Kräften herrscht bei den Gemeinderatswahlen im Mai, ohne dass sich links oder rechts von der CSP eine Initiative durchsetzen kann. Dem dritten Lager, der Deutschnationalen Vereinigung, gehörten Deutschnationale, Nationalsozialisten, Alldeutsche und Nationaldemokraten an. Grössere Listenallianzen im dritten Lager scheitern meist an persönlichen Animositäten.

Die CSP wirbt im April mit einer Erpressung der Länder um die Gunst der Wähler: »Wiener! Wählet am 4. Mai, ob Wien weiter vereinsamen soll, ob es es sich weiter entfremden soll den deutschösterreichischen Ländern, die ein christliches Wien liebten, ein rotes Wien aber meiden wollen, oder ob es wieder Mittelpunkt… weiter lesen

21.01.2008 von Wolfgang Koch
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In memoriam Evi Krobath (II)

von Wolfgang Koch

Die im Dezember 2006 in Wien verstorbene Religionspädagogin war die bekannteste feministische Theologin in der österreichischen Diaspora der evangelischen Kirche. Geboren 1930 brach Krobath nach ihrem Theologiestudium in Wien zunächst und gemeinsam mit ihrem Mann dorthin auf, wohin sich die Protestanten in der Zeit der brutalen Gegenreformation geflüchtet hatten: in die hinteren Bergtäler der deutschen Kronländer der Monarchie, in diesem Fall ins kärntnerische Weissbriach.

Später unterrichtete Evi Krobath an Volksschulen, AHS und BHS in Kärnten und in der Steiermark. Sie erhob ihre Stimme, als es 1972 um die Rechte der Kärntner Slowenen ging. Sie gehörte zu den Gründerinnen des Frauenhauses in Klagenfurt/ Celovec, sie verbesserte in vielen Schritten die Ausbildung für ReligionspädagInnen.

Kurz: sie war zeitlebens das, was ihre Generation eine »engagierte Christin« oder eine »kritische Christin« nannte – wachsam gegenüber Ungerechtigkeiten, bereit zu reden und zu handeln, und kein grosses Aufheben davon zu machen, wenn der eigene berufliche… weiter lesen

17.01.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (27)

von Wolfgang Koch

Kein Geschichtswerk, nicht eines, dass ohne den Verweis auf den schmerzlichen Verlust des Wiener Hinterlands aus den Tagen der Monarchie auskommt. In manchen Fachpublikationen der letzten achtzig Jahre kursiert dafür das schöne Wort von der neuen »aussermittelpunktlichen Lage«.

Aber waren die Felder der Ruthenen und waren die kroatisch Küstengewässer je wirklich das Hinterland Wiens? – Das ist doch eine recht famose Behauptung! Die habsburgische Grossmacht kannte ein System abgestufter Verwaltungszentren, in denen grosse Städte gegenüber kleinere Städten und Orten Platzhalter der dynastischen Macht spielten.

Die Gesamteinwohnerzahl Österreich-Ungarns betrug mehr als 51 Millionen Menschen. Nur 2,03 Mio. davon sassen in der Residenzstadt. Wien ist vor dem Krieg vor allem eine Repräsentations- und eine Vergnügungsmetropole gewesen, ein Ort, an dem die reichen Fabrikanten aus Böhmen und die Grossgrundbesitzer aus Galizien den Profit und die Grundrente, die aus den nichtdeutschen Teilen der Monarchie stammten, verprassten.

So irreal die Angst freilich ist, man… weiter lesen

14.01.2008 von Wolfgang Koch
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In memoriam Evi Krobath (I)

von Wolfgang Koch

In der österreichischen Presselandschaft wird eine Prominenz gehätschelt, die jedem denkenden Menschen die Haare zu Berge stehen lässt. Von Hans Dichand abwärts versauen die Medienmacher täglich das öffentliche Meinungsbild mit VIPs, die man anderswo mit nassen Fetzen aus dem Land gejagdt hätte.

Man kann es nicht drastisch genug sagen: Aus all unseren Blättern purzeln einem ununterbrochen Halbidioten entgegen – Casino-Bosse und Möbelhaus-Regenten, Missen und Museumsgeneräle, Fusssballhoffungen und Traumpaare. Ganze Unternehmen wie die Tageszeitung Österreich oder das Wochenmagazin News sind auf den Bekanntheitsfaktor ihrer Berichtsgegenstände aufgebaut. Und selbst die Redakteure gehobener Zeitungen vollführen einen Freundentanz, wenn sie die dürftige Literatur eines Franzobel oder eines Ägyd Gstättners abdrucken dürfen.

Zwölf Monate im Jahr wird Österreich mit Nichtigkeiten belästigt. Zwölf Monate im Jahr Society-Politik und Society-Kultur und natürlich Society-Society verbreitet. Zwischen den Plaudertaschen Mathias Horx und Erhard Busek (»Geld macht mich sicher«), die hierzulande als Intellektuelle gelten, glitzern Anna Netebko und… weiter lesen

10.01.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (26)

von Wolfgang Koch

Der neue Name der Wiener Oper, Staatsoper, steht noch gar nicht fest – da fetzen die Lehrer schon das Bild des jungen Kaisers in weisser Uniformjacke aus den Lesebüchern der republikanischen Schulen.

Die Sozialdemokraten, eben noch bereit, sich im Kompromissweg auf ein neu zu beschliessendes Privilegienwahlrecht einzulassen, sie landen die besten Coups ihrer politischen Geschichte – wozu vor allem die politische Aufwertung Wiens zählt.

In der konstituierenden Nationalversammlung, dem Parlament, werden 175 Mandate vergeben, im provisorischen Gemeinderat mit 165 bloss zehn Sitze weniger. Im November 1918 ist zunächst viel von »Demokratisierung der Gemeindeverwaltung« die Rede. Aber, Paperlapapp! Der Deal besteht darin, dass die Parteien einen neuen Mandatsschlüssel von 8:6:2 für das provisorische Gremium aushandeln. Die Neugewichtung der SP gegenüber der CSP entspricht ihrem vermuteten Gewichtsgewinn auf der Strasse.

Tatsächlich verfügen die Sozialdemokraten im Moment als einzige Partei über ein funktionierendes Vertrauensmännernetz – vor allem in den Kasernen. Dadurch halten… weiter lesen

08.01.2008 von Wolfgang Koch
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Was Paul Albert Leitner nicht mag

von Wolfgang Koch

Ich werde nicht müde Paul Albert LEITNER, 51, als den stilvollsten aller österreichischen Autorenfotografen in den Himmel zu loben. Zwar halte ich den Deutschen Alexander von REISWITZ mit seiner Globalserie »Familienaufstellungen« für den Fotografen des Jahres 2007. Doch auch die Arbeiten des Wahlwieners Leitner besitzen das Potential, den internationalen Kunstbetrieb am Bein zu packen und es so lange herumzudrehen bis das Kniegelenk krachend aus der Kehle springt.

Aus Anlass seines 50. Geburtstags habe im letzten Herbst Leitner mit einer ausführlichen Kritik bedacht. Denn was, meine ich, ist ehrenvoller, als zu einem runden Jubiläum kritisiert oder karikiert zu werden? Ein Feuerwerk! – Lächerlich, das reicht schon zu Silvester. Eine Torte? – Nur zum Kindergeburtstag. Der Ankauf eines Bildes? – Nein, mein Lager ist voll.

Leitner nahm den Jubiläumsverriss, sagen wir mal, mit gemischten Gefühlen hin und meldete sich nach seiner nächsten Reise zunächst einmal nicht mehr bei mir. [Exkurs: Das einzige… weiter lesen

03.01.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (25)

von Wolfgang Koch

Ich setze im neuen Jahr meine Kleine Wiener Stadtgeschichte fort, und da trifft es sich wunderbar, dass im Moment gerade die dritte Epoche beginnt.

Diese Serie, ich wiederhole, versucht einer Neuperiodisierung der kurfenreichen Wiener Vergangenheit. Ich beschreibe die grossen politischen Epochen der Stadt in vier markanten Zeitabschnitten. Nämlich:

a/ das Schwarze Wien der Habsburger

b/ das Weisse Wien der klassischen Moderne, mit einer liberalen und einer christlichsozialen Phase

c/ den Aufbruch des Roten Wien bis zur doppelten Niederlage in der Austrodiktatur und gegen den braunen Faschismus

d/ und schliesslich den Weg des Grünen Wien von seinen Wurzeln im 18. Jahrhundert bis zur Realisierung nach 1945

Keine dieser Perioden lässt sich ideengeschichtlich scharf abgrenzen, jede strahlt in die anderen aus. In den folgenden Beiträgen des Blogs geht es um die rote (sozialdemokratische) Stadtverwaltung, um die politische Trennung von Wien und Niederösterreich, um Theorie und Praxis des Modellsozialismus zwischen den Kriegen, sowie… weiter lesen