Archive for Dezember, 2009

20.12.2009 von Wolfgang Koch
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REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (6)

von Wolfgang Koch

Wien hat noch nie eine gute Hand bei Grossbauten bewiesen. St. Stephan ist seit 1540 Jahren ein Fragment, Schloss Hof eine überdachte Ruine, die Neue Favorita ein unattraktives Schulgebäude an einer überlasteten Ausfallsstrasse, die Flaktürme: zerbröckelnde Riesen, und der Modulbau der UN-City, der kann sich weder rechts noch nach links multiplizieren, da er umzingelt ist von einem angeberischen Bussinesspark.

Wien ist keine Baustadt, jedenfalls keine für Monumentalgebäude. Als die Sozialdemokraten in den 1920er-Jahren hier den »Sozialismus in einer Stadt« verwirklichen wollten und in den Aussenbezirken von Licht und Luft durchflutete Superblocks mit Swimming pools, Badezimmern, Spielplätzen für die Kinder, Versammlungsräumen und Arbeiterbibliotheken errichteten, rannte ihr die Arbeiterklasse trotzdem in Siedlungsgenossenschaften davon.

Die Menschen errichteten an allen Ecken und Enden der Stadt im eigenen Schweiss Schrebergärten und Stelzensiedlungen. Man hockte lieber zwischen selbstgezimmerten Brettern, als die Annehmlichkeiten zentralistischer Planungsfantasien zu bevölkern.

Die grösste Niederlage auf dem Gebiet des Grossbaus erlitt Wien… weiter lesen

17.12.2009 von Wolfgang Koch
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REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (5)

von Wolfgang Koch

Sicher, man kann im 21. Jahrhundert ja nicht mehr Zugfahren wie zu Kaiser Franz Josephs Zeiten. Nur: Wer hat das verlangt? Der dritte Wiener Südbahnhofsbau verdiente noch tatsächlich den Namen Bahnhof, weil er eben keine Shoppinganstalt mit Gleisanschluss war.

Seit Mitte der Neunzigerjahre haben sich fast alle grossen Bahnhöfe in West- und Zentraleuropa in Einkaufszentren verwandelt. Nirgends kann der Fahrgast mehr in Ruhe und vom Kommerz unbehelligt ein- oder aussteigen.

Der dritte Wiener Südbahnhof war damit eine der letzten Oasen im transnationalen Bahnverkehr. Sein Angebot an Geschäften lag übersichtlich und praktisch geordnet nahe der Eingänge: Zeitungskioske, ein Supermarkt, eine Backstube, ein paar Cafés, ein Friseur, ein verrauchtes Restaurant und gegen Ende auch ein Spielsalon. Das Angebot war nicht gerade berauschend, aber für den Reisenden durchaus genug.

Die neuen Bahnhöfe dienen nicht mehr dem Zugverkehr. Es sind knallharte Profitcenter, die sich durch die Öffnungszeiten in der Nacht und am Wochenende in… weiter lesen

07.12.2009 von Wolfgang Koch
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REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (4)

von Wolfgang Koch

Am Abriss des dritten Südbahnhofgebäudes wird getestet, ob wir noch alle gleichgeschalten sind. Am Ausradieren der schönsten Halle von Wien wird geprobt, ob wir ohne Erröten alle Ideen des Wandels mitmachen. Und am Abriss des Südbahnhofs zeigt sich leider, dass wir jeden Huldigungslikör auf die Zukunft schlucken.

»Ach, Herr Koch, das ist so cool, dass sie jetzt da sitzen, dass sie auch unsren Standpunkt hören wollen; lassen wir doch eine Pizza kommen!«, sagte die Bahnmanagerin und ergriff meine Hand, um sie ganz fest zu drücken. »Ja, so ist das Leben«, antworte ich, »ich weiss nicht, warum der Südbahnhof sterben muss. Aber so ist wohl das Leben.« Und dann seufzen wir beide, bis sie auf ihrem Laptop diie Online-Speisekarte des Pizzaservice gefunden hat.

Sie klickte sich durchs Sortiment von »Wiener Schnitzel Menü« bis »Pizza Maestro«, bestellte dann einmal Pizza Con Fritti di mare für sich selbst und einen Cordonburger für mich.… weiter lesen

03.12.2009 von Wolfgang Koch
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REQUIEM FÜR EINEN BAHNHOF (3)

von Wolfgang Koch

Was macht denn die Schönheit des dritten Südbahnhofs aus, oder besser: was hat sie ausgemacht, denn die Bagger rückten bereits an, umzingeln in schreiendem Gelb und unwirklichem Orange die graue Haut des alten Elefanten, um das Bahnhofstier nieder zu strecken? – Eine stille, unauffällige Schönheit, wäre die angemessene Antwort. Doch Schönheit ist bekanntlich ein subjektiver Begriff, jeder versteht was andres drunter, und so lässt sich der Wert dieses Baues eben nur willigen Zuhörern vermitteln, LeserInnen, die sich auf Zusammenhänge verstehen und auf Argumente einlassen können.

Den dritten Südbahnhof muss man begehen, um ihn zu erfahren. Seine feine Ästhetik verdichtet sich in den Innenräumen: drei enormen, übereinander gestapelten Hallen, von denen jede im Grund ein gangartiger Raum ist, also Korridorcharakter trägt – und trotzdem zum Verweilen einlädt.

Das genau ist ja – seit es der Kunsthistoriker August Scharsow 1905 so formuliert hat – das entscheidende Kriterium für einen gelungenen architektonischen Raum:… weiter lesen