FAMILIENAUFSTELLUNG IN DER WIENER FORSCHUNGSLANDSCHAFT

Seit einem Jahr ist Österreichs Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen als Wiens Stadtbeauftragter für Universitäten und Forschung tätig. Das langjährige Zugpferd der Partei hat im Oktober 2010 sein Gemeinderatsmandat trotz tausender Vorzugsstimmen und dem Erreichen eines Direktmandates nicht angetreten. Stattdessen werkt der Nationalratsabgeordnete nun ehrenamtlich, und mit einer Büroinfrastruktur ausgestattet, die jährlich mit 220.000 Euro zu Buche schlägt, zum Wohl der akademischen Eliten.

Während andere Figuren der Grünen Funktionseliten Lobbyarbeit für Ministerien und Energieriesen betreiben (wessen Interessen werden dabei eigentlich vertreten?), wühlt sich der Professor für Volkswirtschaftslehre mit routinierter Zurückhaltung in die facettenreiche Materie der Hochschulpolitik. Endlich einmal, möchte man rufen, ein zukünftiger Staatssekretär, der sich würdig auf seine Aufgabe vorbereitet.

Die Persistenz seiner Aggregate verhilft Van der Bellen seit 16 Jahren zum Image eines Antipolitikers, der er natürlich keineswegs ist. Die Signale der Nachdenklichkeit, die er klug auszusenden versteht, sind in der österreichischen Politik immer noch so selten gestreut, dass sie mit Recht Publikum anziehen.

Wiens Stadtbeauftragter hat sich die Hochschulstandorte Lausanne, Berlin und Brünn genau angesehen und möchte nun die »germanische Professorenhierarchie« auch im eigenen Haus verabschiedet sehen; freien Universitätszugang mit strengen Prüfungen nach einem Jahr; ein Fremdenrecht, das den internationalen Kongress- und Seminarzirkus nicht mehr behindert – solche Reformen sind für Van der Bellen unabdingbar, um die auf uns zubrausenden Jubiläen der Technischen Universität (200 Jahre) sowie der Universität Wien (650 Jahre) feierlich begehen zu können.

Im Vienna Hub diskutierte Van der Bellen kürzlich mit Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie für bildende Künste, und Martin H. Gerzabek, Rektor der Universität für Bodenkultur, über diese Thesen. Die Veranstaltung enttäusche zunächst durch ein dröhnendes Beschweigen des Arbeitskampfes, den die MitarbeiterInnen der MedUni Wien in diesen Wochen führen.

Die MedUni ist an das größte und bedeutendste Krankenhaus Österreichs gebunden, eine Anstalt mit drei Eigentümern (Bund, Land Wien, KAV). Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Michael Häupl macht sich für einen Eigentümerwechsel stark, und es wäre höchst an der Zeit, zu erfahren, ob die Grünen irgendeine nennenswerte Position im wichtigsten Universitätsstreit unserer Tage einnehmen.

Nein, tun sie nicht! Van der Bellen bemängelt, dass das EU-Ziel von Ausgaben in der Höhe von zwei Prozent des BIP für tertiäre Strukturen aktuell um ein Drittel verfehlt wird. Van der Bellen will die Universitäten stärker im Stadtbild sichtbar machen, und auch die Begrüßung der Flugreisenden am Flughafen müsse sich ändern. »Es geht um eine Art Dachmarke für den Hochschulstandort Wien«.

Der Grünen-Politiker träumt von einem »Haus des Lichts« und von einem »Haus der Sozialforschung«. Er will, im Zeitalter der Digitalisierung, eine »gemeinsame zentrale Lager-Bibliothek« der Forschungsstellen errichten. Eva Blimlinger ruft nach einer »Kündigungskultur« an den Universitäten, um die Unsitte von Kettenverträgen bei der Anstellung von Forschern abzustellen. Die Tatsache, dass Österreich das weltweit einzige Land ist, in dem man sich auch in künstlerischen Fächern habilitieren kann, die findet sie einfach nur lachhaft.

Im übrigen, so der Lieblingsausdruck der Diskutanten, sei man »gut aufgestellt«, sowohl auf universitär-forschender als auch auf unternehmerischer Ebene. Die Universität für Bodenkultur muss Konferenzsäle für ihre Vorlesungen anmieten – warum denn nicht? Immerhin bietet sie zehn von ihren 25 Masterlehrgängen in englischer Sprache an, das sollte der Welt da draußen doch genügen.

Man zeigt sich an diesem Abend besorgt um eigenständige Berufslaufbahnen, um Kindergartenplätze, Dual Career Couples, hohe Qualifikationen und Berufsorientierung. Dass 45% der Studierenden bereits berufstätig sind, ja es sein müssen, wird nicht als gröberes Unglück für die Wissensmetropole an der Donau gesehen.

Als Spitzenfelder des wissenschaftlichen Fortschritts werden in der Öffentlichkeit stets Life Science, Mathematik und Quantenphysik genannt – allein Nobelpreise sind auch auf diesen herzeigbaren Gebieten in den letzten Jahrzehnten keine nach Wien gewandert.

Um als internationale Forschungsstadt zu reüssieren, hören wir, müsse Wien eben stärker nach außen strahlen. Muss es das wirklich? Kommen nicht jetzt schon 25 % der Studierenden aus dem Ausland, und praktisch alle verlassen das Land auch wieder. Der Zustrom an Lernbegierigen zeitigt null regionalwirtschaftliche Effekte.

Während Italien 700 italienische Wissenschafter aus dem Ausland zurückgeholt hat, kann man sich in Wien am Braindrain noch richtig erfreuen. Geisteswissenschaftliche Könner aus Österreich wie Thomas Macho, Peter Weibel, Frank Hartmann ordinieren ganz selbstverständlich beim großen deutschen Nachbarn. Zur selben Zeit genügt es in anderen Fällen zu Hause, ein Suhrkamp-Autor zu sein und ein paar Jährchen auf einer österreichischen Provinz-Uni assistiert zu haben, um eine ordentliche Professur zu ergattern.

Wie die heimische Forschungslandschaft in drei Jahren dastehen wird, lässt sich meiner Meinung nach leicht sagen. Kaum anders als heute. Historisch hat der Wienerische Boden vier überragende Wissensbewegungen hervorgebracht, die sich ins Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben haben: a) die Wiener Schulen der Medizin samt der legendären Billroth-Ära, b) die Spitzenleistungen der physikalischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert, c) die Psychoanalyse und d) den Wiener Kreis.

Die medizinischen und naturwissenschaftlichen Erfolge des 19. Jahrhunderts wären ohne großzügige bürgerliche und aristokratische Stiftungen niemals möglich gewesen. Sigmund Freud hasste Wien geradezu persönlich und beklagte 1914 die »feindseligen Indifferenz der gelehrten und gebildeten Kreise«. Und der philosophische Wiener Kreis wieder profitierte von jener sozialdemokratischen Kulturbewegung der Zwischenkriegsjahre, die längst von Marketing-Strategien abgelöst wurde, um Politik im Stil von Wirtschaftsunternehmen zu betreiben.

Privates Sponsoring, Widerständigkeit, Politiknähe – keines dieser so erfolgreichen Rezepte der Forschung eignet sich zur Wiederholung, und ganz gewiss kommt es nicht nur auf ein besseres Branding an. – Sagen wir so: Im Dorotheum wird derzeit das schmucke Aquarell »Forschungslandschaft mit Van der Bellen« angeboten. Das Blatt ist noch zum Ausrufungspreis zu haben.

© Wolfgang Koch 2011

http://www.vanderbellen.at/

 

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