vonblobby 01.07.2026

I Guess People Surprised By This Think That Animals Are Idiots

Zwischen Tier-Reels und Theorie: mehr-als-menschliches Leben im Netz

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Welche Hinweise und Evidenzen lassen sich im Internet finden, um dieser Frage auf  den Grund zu gehen? Wir durchforsten Instagrams weitreichende Tier-Video Archive auf der Suche nach Antworten. Zeitgenössische, private und autodidaktische Formen der Verhaltensforschung scheinen heutzutage auf Social Media stattzufinden. Unzählige Tiervideos stoßen auf große Resonanz, die von Belustigung bis hin zu elaborierten Analysen über die Seinsweisen nicht-menschlicher Tiere reicht.

Diese Auseinandersetzung mit den schier unendlichen Zeugnissen aus dem Leben unserer tierlichen Gefährten, den sogenannten„Haustieren“, möchten wir als eine Form der Wissensproduktion untersuchen.

In einer Zeit, die menschenzentrierter nicht sein könnte, beobachten wir beeindruckt das umfassende forschende Interesse für die Intelligenz der Tiere im Internet. Wir sind drei Personen mit verschiedenen Hintergründen in Bildender Kunst und Sozial- und Geisteswissenschaften und agieren blobby.

Wir gehen rein.Ein Reel auf Instagram mit dem Titel “When your dog understands english 😂” zeigt uns verschiedene Hunde in domestischen Umgebungen aus Smartphone-Perspektive. Es folgen Ansprachen und Aussagen aus dem Off, die sich an die Hunde richten.

  “Big Smile Holly!” – der weiße, wuschelige Sofahund grinst breit.
  “ROBERT IS EATING YOUR FOOD!” – der Mops erschrickt und rennt sofort los um den großen, kugelförmigen Kater namens Robert zu verjagen.
  „I am so hungry, I could eat dogs“  führt zu einer ärgerlich erstaunt scheinenden Reaktion des angesprochenen Schäferhundes. Mit aufgerissenen Augen schaut er in die Kamera. ⇢ Die Mundwinkel eines Labradors ziehen sich im Halbschlaf nach oben, während sein Mensch ihm liebevoll “I love you!” zuflüstert.
  “Give me a burp!” — es folgt ein inbrünstiges Rülpsen von Seiten des Hundes.

Wieder und wieder sehen wir uns die Reihe von Videoclips an. Das Reel ist unterhaltsam. Aber dient es als Beweismittel dafür, dass Hunde Englisch verstehen? Und lernen Menschen, die dieses Video sehen, mehr über Hunde und deren Blick auf die Welt?

In der Kommentarspalte sind viele zustimmende und meist feierliche Reaktionen zu lesen. Viele Hundehalter*innen bestätigen, dass ihr Hund versteht, was sie zu ihm oder zu anderen Anwesenden sagen – und das über die üblichen Befehle wie “Sitz!” und Co. hinaus. Einige User*innen schreiben sogar, dass sie dazu übergegangen sind Wörter zu buchstabieren, die ihr Hund nicht verstehen soll – wie zum Beispiel E-S-S-E-N.

  and guess who learned how to spell?

Ein weiterer Kommentar ist hingegen absolut unaufgeregt und macht nachdenklich:
“I guess people surprised by this think that animals are idiots…”

Ein berechtigter Hinweis, der leider nicht nur auf einige wenige Menschen und deren Auffassung zutrifft. Schließlich fußen viele Vorstellungen, Theorien und Geschichten auf einem “menschlichen Exzeptionalismus”, also der Überzeugung, dass Menschen sich grundlegend vom “Rest der Natur” unterscheiden und prinzipiell überlegen sind. Die Überlegenheit wird beispielsweise durch die besondere Fähigkeit und Komplexität der menschlichen Sprachen begründet.  Schweine leiden? Kühe trauern? Hunde sprechen? Beweise es! Das Sprechen, Nachdenken und Entscheiden über Tiere wird auch heute noch stark von einem  Denken in Differenz bestimmt. Tierliche Wesen werden erst dadurch intelligent, dass sie von Menschen entwickelte, sogenannte wissenschaftliche Tests absolvieren. Bis dahin bleiben sie eben idiots oder schlicht und einfach so eine Art leeres, nebliges Gefäß, über dessen Inneres mensch eben nicht so wirklich Bescheid weiß – oder wissen will?

Könnte da nicht das guessing in Kommentarspalten zu einem Akt des Sich-Verbindens werden, der von aufrichtigem Interesse für die Seinsweisen unserer Mitwesen zeugt?
Denn fängt nicht jegliche Sorge und Fürsorge mit einer Begegnung an und dem Wunsch die*den Andere*n zu verstehen? Und brauchen wir in diesen Momenten immer wissenschaftliche Tests?

Bezüglich der Sprachkompetenz von Hunden gibt es mittlerweile zahlreiche Studien, die der Psychologe Stanley Coren von der University of British Columbia in Vancouver ausgewertet hat. Laut Coren deutet alles darauf hin, dass Hunde zählen und bis zu 250 Wörter unterscheiden können. Damit stünde ihre nachgewiesene geistige Leistungsfähigkeit etwa auf der Stufe eines zweieinhalbjährigen menschlichen Wesens. Ein Border Collie namens Rico schaffte es mit mehr als 200 gelernten Begriffen bis in die Fernsehshow „Wetten, dass…“ und in das Wissenschaftsmagazin „Science“, dessen Studien vor der Veröffentlichung strenge Peer-Review Prozesse durchlaufen und damit als „wissenschaftlich gesichert“ gelten. 

Festgehalten werden kann: Hunde sprechen.
Aber sprechen wir Menschen auch Hund?

In „The Companion Species Manifesto“ (2003) schreibt Donna Haraway über ihre Hünd*in Cayenne: „Cayenne speaks. I do not speak Dog. But we learn together.“ Lernen und Kommunikation entstehen nach Haraway im gemeinsamen Tun – nicht in der „Übersetzung“ von Sprache. Cayenne reagiert (demnach) nicht auf das WAS, sondern vielmehr auf das Wie der Kommunikation – eine geteilte Sprache ohne Worte. Sie spricht von „Response-ablity“der gemeinsamen Fähigkeit von menschlichen und tierlichen Wesen zu antworten und Mitverantwortung in Beziehungen zu übernehmen. Beziehungen zwischen „companion species“, die sich in „affective entanglements“ (affektive Verstrickungen) miteinander befinden. Gefühle, Resonanzen und Atmosphären sind darin verbindende Elemente der interspezifischen Kommunikation.

Sprechen Hunde also im Grunde gar kein Englisch, sondern vielmehr Resonanz, Atmosphäre und Gefühl? Drücken die Reaktionen der Hunde in den Videoclips die tiefe Verbundenheit mit ihren menschlichen Gefährten aus? Ist es Ausdruck gemeinsamen Lernens? Einer geteilten Sprache? Oder haben Hunde ihren eigenen Sinn für Humor? Freude daran zu verunsichern, zu verblüffen, zu irritieren? Sind rülpsende Hunde also vielleicht „Partners in Crime“ einer gemeinsamen, Jahrtausende langen, Co-Evolution mit menschlichen Tieren? 

“Hunde, das können wir festhalten, sind keine Projektion, keine Verwirklichung einer Absicht und auch nicht das Telos von irgendetwas. Sie sind Hunde (d. h. eine wissenschaftliche Spezies) und das seit Jahrhunderten (Haraway 2003).” 

Hunde gelten als eine der ersten häuslichen Gefährt*innen menschlicher Tiere. Das Narrativ dahinter lautet: Nachdem Menschen den (freien) Wolf zum (dienenden) Hund machten, wurde Zivilisation erst möglich. Die enge Kooperation erleichterte Jagd, bot Schutz und veränderte das Zusammenleben von Menschen und anderen Tieren grundlegend.

Ein Insta-Meme greift diese Erzählung auf: Auf dem zweigeteilten Foto ist in der oberen Hälfte ein Wolf zu sehen – auf der unteren Hälfte zwei Dackel mit Häkelmützen in Blumenform. Auf dem oberen Teil ist zu lesen: „maybe Ill get some food at the campfire. Whats the worst that could happen?“. Auf dem unteren Bild der häckelmützigen Hunde steht: „1000 years later“.

 

Literaturverzeichnis

Coren, Stanley (2006): The Intelligence of Dogs: A Guide to the Thoughts, Emotions, and Inner Lives of Our Canine Companions. New York: Free Press.

Haraway, Donna J. (2003): The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness. Chicago: Prickly Paradigm Press.

Kaminski, Juliane; Call, Josep; Fischer, Julia (2004): Word learning in a domestic dog: evidence for „fast mapping“. In: Science, Bd. 304, Nr. 5677, S. 1682–1683.

YouTube (o. D.): When your dog understands English 😂 (YouTube Shorts). Verfügbar unter: https://www.youtube.com/shorts/CXaKC8MUNeQ (abgerufen am 1. Juli 2026).

 

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