vonMargarete Stokowski 16.03.2013

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Nur so mittelerotische Stimmung

 

Nachdem ich mich geärgert hatte, dass ich die Bücher vom Konkursbuchverlag Claudia Gehrke nicht geschafft habe zu lesen, gehe ich heute zur Präsentation vom Jahrbuch der Erotik 2012/13: „Mein heimliches Auge“.

Das „heimliche Auge“ gibt es seit 30 Jahren, es ist eine dicke Sammlung von kurzen Texten, langen Texten, bunten Bildern und schwarz-weißen Bildern, Zeichnungen und Fotos. Manche sind lustig, manche verstörend, mit manchen kann man nichts anfangen, andere sind einfach nur schön oder heiß oder verrückt. Verlegerin Claudia Gehrke erzählt, dass es schon mehrere Prozesse gegen ihr Jahrbuch hab, weil es als pornografisch eingestuft wurde.

Sie liest als Beispiel eine kurze Geschichte vor, in der der Wolf Rotkäppchen fressen will, ihr aber vorher noch drei Wünsche gewährt. „Okay“, sagt Rotkäppchen, „fick mich!“ Und der Wolf fickt sie. Zweiter Wunsch: „Fick mich nochmal!“ Und der Wolf fickt sie nochmal. Dritter Wunsch: nochmal, und der Wolf fickt sie nochmal und fällt dann tot um, weil es so anstrengend war. Dann kommt der Förster und sagt: „Rotkäppchen, Rotkäppchen, das war nun schon der fünfte Wolf in dieser Woche.“

„Sie können selbst entscheiden“, sagt Claudia Gehrke, „ob das Pornographie ist oder nicht.“

Dann liest Sigrun Casper einen Text. „Lustgestöhne, Zucken und Zerren“ kommen darin vor, und fünfzig Mittefünfzigjährige hören gebannt zu. Es ist eine eigenartige Veranstaltung: Man sitzt im hellgrün-weißen, sauber-hellen Stand des „Leipzig liest“-Forums, es ist ein bisschen unruhig wie überall auf der Messe. Die Texte, die vorgelesen werden, sind explizit. Sexuell. Nackt. Die Stimmung ist… Buchmesse. (Eine komische Mischung – aber keine schlechte. Ungefähr ähnlich crazy wie das Nebeneinander von Literaturbetriebsintellektuellen und Cosplaykindern.)

Das „heimliche Auge“ sei „multisexuell“, erklärt Claudia Gehrke, das heißt, es richtet sich an homo-, bi- und heterosexuelle Leserinnen und Leser. Die Texte sind ungefähr zur Hälfte von ausgewählten Autoren, die andere Hälfte wurde Gehrke von verschiedenen Leuten zugeschickt.  Neben dem „heimlichen Auge“, der „Mutter“, wie Gehrke sagt, gibt es noch zwei „Kinder“: das lesbische und das schwule Auge.

Dann liest Laura Méritt noch einen Text, und die Zeit ist schon fast abgelaufen. „Das tut mir wirklich Leid, mit der Kürze der Veranstaltung“, sagt Claudia Gehrke, „dass sie gar nicht in eine erotische Stimmung verfallen können.“

Stimmt. Aber dafür kann man das Buch ja kaufen und mit nachhause nehmen.

Im Hotelbett: "Mein heimliches Auge"
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