vonNicola Schwarzmaier 20.03.2018

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Am Sonntag ist die Buchmesse zu Ende. Anstatt über die Wahlen mit klarem Ausgang in Russland zu sprechen, reden alle vom Schnee in Leipzig.

Auf dem Tramsteig (nennt man den Bahnsteig der Tram so?) stehen drei Cosplayerinnen. Eine von ihnen hat nackte Beine, die von halterlosen Netzstrümpfen bedeckt sind. Die Kälte ist das Thema der Stunde. „Scheiße, ich friere so sehr, so müssen die Deutschen damals … 1945? in Russland gefroren haben.” Sie hüpft in ihren Stoffturnschuhen auf und ab. Ihre Freundin sagt: „Naja, aber die hatten damals in Stalingrad ja keine Miniröcke an.” „Aber gefroren haben sie trotzdem.”

Es ist der letzte Tag der Messe. Um 16.33 Uhr bekomme ich eine Mail der Kommunikationsreferentin PR der Leipziger Buchmesse. Mein Mailsystem sagt: Diese Nachricht könnte ein Betrugversuch (Phishing) sein. Ich gucke trotzdem rein. Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe, äußert sich zu den Protestaktionen „Die Leipziger Buchmesse war ohne Zweifel politisch wie nie zuvor. Wir sehen, dass politische Positionen in unserer Gesellschaft heftig diskutiert werden.“

Ich hatte nicht den Eindruck, dass heftig diskutiert wurde. Die Podien waren entweder linksseitig oder rechtsseitig besetzt. Wo es zu Konfrontation hätte kommen können, hielten die Sicherheitskräfte die Menschen unterschiedlicher politischer Gesinnung voneinander fern.

Ich erinnere mich an den ersten Abend, an die zwei – mich beeindruckenden – Reden bei der Eröffnung: Verena Lueken hält die Laudatio auf Åsne Seierstadt, die den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Sie sagt: „Seierstads Beschreibung ist detailliert. Wir lesen von den Schüssen, den Salven. Wir spüren den feuchten Waldboden, über den die Jungen und Mädchen zu fliehen versuchen, spüren ihre Angst. So direkt, wie es Sprache vermag, und für ein paar Atemzüge sind wir bei den jungen Menschen, die gleich sterben werden.”

Und an Åsne Seierstad, die in ihrer Dankesrede sagt: „Ich sehe keinen besseren Weg, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, als durch das Lesen von Büchern. Ein Buch ist nicht fertig, wenn der Text gedruckt ist; jedes Exemplar des Buches ist anders, denn ein Buch existiert nur in seiner Begegnung mit dem Leser. Und jeder Leser ist einzigartig.”

Vielleicht ist es das, was von einer Buchmesse bleibt: Die ungeheure Wucht von Büchern, von Literatur. Und die damit verbundene Macht von Autorinnen. Wer schreibt, hat Verantwortung. Für seine Sprache und für seine Leserinnen.

Der Zug nach Berlin kommt nicht. Der Ostwind pfeift über das Bahngleis und Kollege M. schimpft: „Die Deutschen sollen sich mal von Putin die Schienen bauen lassen. In Russland fährt der Zug bei Minus 40 Grad!”

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