vonMargarete Stokowski 19.10.2019

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Erster Publikumstag, es ist überfüllt wie immer. Mein Bedürfnis nach Menschenmassen ist auf einem historischen Minimum (ok, es ist selten über null, ehrlich gesagt). Es gibt auf Buchmessen oder Literaturfestivals manchmal diesen Slogan „Autoren zum Anfassen“, und ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat, aber manche Leute scheinen das irgendwie wörtlich zu nehmen. Was sind das für Leute?

Es ist, wenn man als Autorin auf der Buchmesse ist, körperlich alles eh nicht ganz einfach. Wenn man gerade kein aktuelles Buch hat, dann geht es, weil man nicht so viele Termine hat. Wenn man aber gerade ein aktuellen Buch hat, dann hat man Termine, evtl. den ganzen Tag über, bei jedem Termin redet man, man liest vor, man plaudert, man trinkt dabei jedes Mal ein Glas Wasser, man muss pinkeln, aber man sollte auf einer Buchmesse nicht pinkeln müssen, denn die Klos sind sehr häufig überfüllt, dann steht man zehn Minuten in der Schlange, müsste eigentlich schon beim nächsten Termin sein, will irgendwie nicht die 63jährigen Paulo-Coelho-Fans fragen, ob man vor darf, weil die ja auch müssen.

Wenn man aus dem Klo kommt und zur nächsten Veranstaltung rennen will, was nicht geht, weil die Gänge sehr voll sind, kommt jemand und fragt sehr lieb nach einem Selfie, und dann macht man das Selfie und versucht danach sehr schnell wegzugehen, aber auch nicht so schnell, dass die Leute mit dem Selfie denken, man rennt vor ihnen weg. Es gibt außerdem auf der Messe nicht so etwas wie einen Ruheraum, oder irgendwas wo man sich mal kurz zurückziehen könnte (außer man versteckt sich hinter dem Stand des eigenen Verlags oder findet den Weg aufs Dach). Eine andere Autorin erzählte mir gestern, sie musste auf der Buchmesse mal weinen, und sie ging dafür aufs Klo, was aber hieß, dass eine zweistellige Zahl von Leuten ihr dabei zuhörte. Dann wieder raus zum nächsten Termin und schön Fotos machen lassen. Fame!

Ich habe das Pinkel-Hektik-Problem gerade nicht so sehr, und weinen muss ich auch nicht, hatte auf der Messe diesmal nur wenige Termine, dafür hatte ich dieses Jahr zum ersten Mal Leute, die mich auf eine unangenehme Art ansprachen (ok, stimmt nicht ganz, letztes Jahr von einem bekannten Nazi blöd angelabert worden, aber nur einmal). Mehrere eigenartige Erlebnisse gehabt, bei denen Leute mir an den Rücken tippen, mich am Arm greifen, irgendwie komisch schräg von der Seite an meine Schulter fassen, nur um zu fragen: „Sind Sie die Stokowski?“ – „Ja“ – „Okay wollte nur WISSEN“, oder auch Leute, die ihre Aggressionen nicht so gut verbergen können. Gibt es irgendwo das Gerücht, dass es Glück bringt, Autorinnen anzufassen, oder was geht mit den Leuten? Natürlich sind die meisten Leute keine Arschlöcher, auf 1 Arschloch kommen 9 nette Leute, aber über die Arschlöcher denkt man oft länger nach, leider.

Vorgestern auf der einen Verlags-Party, als ich gerade zur nächsten Party wollte, hatte ich mich gerade von ein paar Freundinnen verabschiedet, wollte mit einer anderen Freundin gerade los, als jemand von hinten kam: „Ich habe eine Frage!“, und die Frage war dann, ob ich die Stokowski vom Spiegel bin, und ich sagte, ja. „SIE sind das! Ich fand das NICHT GUT!“ – „Was denn?“ – „Was Sie über HANDKE geschrieben haben, DAS FAND ICH NICHT GUT. Die KUNST muss FREI sein!“ – „Aha, was wollen Sie denn jetzt konkret?“ – „Das WOLLTE ich Ihnen SAGEN!“ Er war nicht sehr gechillt, gelinde gesagt, Leute drehten sich zu uns um, fragten sich, was da gerade los ist.

„Wer sind Sie denn?“, fragte meine Freundin neben mir. Er: „Das ist UNBEDEUTEND! Es spielt keine Rolle, wer ich bin. Mein Name ist … (hab vergessen), auf Twitter heiße ich …. (irgendwas), ich bin der, der geschrieben hat, dass Sie NICHT RECHT HATTEN! Wir müssen jetzt gar nicht DISKUTIEREN, ja, ich wollte Ihnen das SAGEN, es hat mich GEFREUT Sie zu TREFFEN!“ Es war sehr unangenehm. Am nächsten Tag traf ich eine Freundin, die daneben gestanden hatte, sie fragte: „Was war das für ein Typ? Warum war der so aggressiv? Und wie konntest du so ruhig bleiben?“ – Drei Fragen, eine Antwort: Keine Ahnung.

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass manche Leute denken, Autor_innen seien eine Art öffentliches Gut, auf das man nach Belieben zugreifen kann, körperlich oder mit Fragen/Kommentaren. Mir sind auf Veranstaltungen oder in Fernsehsendungen oder bei sonstigen Gelegenheiten schon so komplett unangemessene Fragen gestellt worden, dass ich glaube, man müsste mal irgendeine Art von allgemeinen Regeln aufstellen, die eigentlich nur Standardhöflichkeit sind, aber aus irgendwelchen Gründen denken einige Leute, die Regeln der Standardhöflichkeit gelten nicht, wenn sie als Leser auf eine Autorin treffen.

Dinge, die ich schon von Veranstalterinnen, Publikum, Journalisten, Leser_innen gefragt wurde, die sie mich nicht hätten fragen sollen, weil sie sie nichts angehen und nichts mit meiner Arbeit zu tun haben:

  • ob ich eine Beziehung habe bzw. mit wem
  • ob ich Kinder bekommen will, oder gleich: dass ich Kinder bekommen sollte – schon mehrfach, mindestens zehnmal. Leute sagen dann sowas wie: „Ganz tolles Buch, Sie haben ja leider keine Kinder, aber ich bin so gespannt, wie Sie das alles sehen werden, wenn Sie Mutter werden!“ – Oder sie sagen: „Toll, was Sie machen, so jemand wie Sie sollte unbedingt Kinder bekommen!“ – Und sie tun das, ohne zu wissen, ob ich überhaupt Kinder kriegen kann, ob ich nicht gerade erst eine Fehlgeburt hatte, ob ich es vielleicht gerade mit meinem Partner versuche und es einfach nicht klappen will, oder ob ich mich von meinem Partner gerade getrennt habe, oder was auch immer. Es geht nicht in meinen Kopf rein, wie Leute nicht schnallen können, dass es sie einen Scheiß angeht.
  • was ich tun würde, wenn ich schwanger wäre, und rauskäme, dass das Kind schwerbehindert sein wird (erste Frage, die mir in einer Fernsehsendung live gestellt wurde, ich war nicht darauf vorbereitet)
  • dass meine Eltern ja wohl sehr stolz auf mich sein müssen? (Die Leute wissen nicht mal, ob meine Eltern überhaupt noch leben oder ob wir Kontakt haben, oder zerstritten sind, oder was auch immer. Ich rede öffentlich prinzipiell nicht über meine Familie, weil: Warum sollte ich? Die haben ein Recht auf Privatsphäre wie jeder normale Mensch.)
  • wie ich mit meinem Freund solche Dinge wie Kochen und Haushalt aufteile und worüber wir streiten
  • und dann diverse weitere Fragen zu allen möglichen sexuellen Dingen (der lustigste darunter war noch der Typ, der mir schrieb, ob ich ihm eine gebrauchte Unterhose verkaufen könnte, aber er fand dann meinen Preisvorschlag nicht gut).

Die allermeisten Leute schaffen es, solche Dinge nicht zu fragen. Aber auf fast jeder Veranstaltung gibt es irgendwen, der etwas in diese Richtung fragt, und ich frage mich natürlich, woher das kommt. Denke, ein Teil davon erklärt sich dadurch, dass Leute denken, wenn man auf Twitter oder Instagram Sachen postet oder in Texten über persönliche Dinge schreibt, dann „kennen“ sie einen sozusagen und haben ein Recht, noch mehr kennenzulernen, insbesondere, wenn man eine junge Frau ist. Haben sie natürlich nicht, und natürlich ist das öffentliche Bild nur ein öffentliches Bild. Sie merken nicht, wie wenig sie wissen, und sie denken, man sei irgendwie quasi schon befreundet mit ihnen.

Das ist alles nicht schön, und natürlich ist es leider der Preis dafür, dass man es schafft, vom Schreiben zu leben. Was mich am meisten daran ärgert, ist, dass ich überhaupt drüber nachdenke, warum Leute so übergriffig werden, weil immer noch 90 Prozent der Leute, die zum Fragen oder Reden oder Signieren oder Fotografieren kommen, sehr nett und höflich und sympathisch sind und eigentlich natürlich viel mehr Aufmerksamkeit verdient haben als die Übergriffigen und die Hater.

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2019/10/19/autoren-zum-anfassen-ist-nicht-woertlich-gemeint/

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