vonchina-watch 21.03.2025

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Was passiert hinter der Orwellschen Großen Mauer? Beobachtungen und Kommentare von Au Loong-Yu zu China und Hongkong.

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Kürzlich habe ich festgestellt, dass ein altes Video in den chinesischen sozialen Medien zum Hit wurde. Das Video wurde bereits vor einigen Jahren gedreht und zeigt ein Gespräch zwischen einem amerikanischen Lehrer in China und seinem chinesischen Freund:

Was ist das für ein Gebäude? Es ist jeden Tag spät beleuchtet. Ist es eine Fabrik?
Nein, es ist eine Schule.
Was für eine Schule hat um 21.20 Uhr noch geöffnet?
Vielleicht ist es eine Oberschule.
Die Schüler sind noch in der Schule?
Ja, sie haben abends Selbstlernkurse.
Um wie viel Uhr gehen sie nach Hause, um 22 Uhr? Und wann gehen sie dann ins Bett? … Mein Gott, das ist ja erbärmlich.

Obligatorischer abendlicher Selbstlernunterricht in chinesischen Schulen ist nichts Neues. Soweit ich mich erinnere, gab es dieses System zumindest in den späten 1990er Jahren bereits an vielen Oberschulen in China. Mein Schulalltag sah ungefähr so aus:

Ankunft in der Schule um 7.30 Uhr, Unterricht bis 12.00 Uhr; Mittagessen und Mittagsruhe bis 13.30 Uhr, dann Unterricht bis 16.00 Uhr; Abendessen und Freizeit bis 19.00 Uhr, dann mußten wir in unsere Klassenzimmer zurückkehren, um bis 21.00 Uhr zu lernen; wenn die Hausaufgaben im abendlichen Selbstlernunterricht erledigt waren, konnten wir ein oder zwei Stunden Spaß haben; in der Regel legten wir uns gegen 23.00 Uhr zur Ruhe und konnten sieben bis acht Stunden lang schlafen.

Als leistungsstarke Schule hatte meine Oberschule die längsten Lernzeiten in der Stadt. Für Westler würde diese Art von Schulleben als „miserabel“ gelten. Aber verglichen mit dem Leben der Schüler*innen in China heute, nenne ich es immer noch die gute alte Zeit.

Auch wenn mein Oberschulleben nicht so gut war wie das der heutigen Jugend in Europa und Amerika, so entsprach es doch zumindest in etwa dem Acht-Stunden-Tag, den der Sozialist Robert Owen im 19. Jahrhundert hochhielt: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden freie Zeit und 8 Stunden Schlaf. Heute ist das berüchtigte Hengshui Oberschulmodell (Hengshui = nordchinesische Stadt in der Provinz Hebei – d. Übers.) zum vorherrschenden Standard geworden.

Das Hengshui-Oberschulmodell

Laut Wikipedia sieht der typische Tagesablauf an dieser Internats-Schule wie folgt aus:

Jeden Tag um 5:30 Uhr aufstehen, um sich zu waschen, den Mund auszuspülen und den Schlafsaal aufzuräumen; um 5:40 Uhr auf den Spielplatz gehen, um mit dem Lauftraining zu beginnen, dann ein paar morgendliche Lektüren; ab 6:30 Uhr gehen die einzelnen Klassen schubweise zum Frühstück; nach dem Frühstück gibt es eine „Morgenvorbereitungs-Selbstlerneinheit“, dann beginnt der formale Unterricht – 40 Minuten pro Unterrichtsstunde. Am Vormittag gibt es fünf Unterrichtsstunden und auf die dritte Stunde folgt eine weitere Laufübung. Die Mittagspause dauert von 12:45 bis 13:45 Uhr. Nach weiteren fünf Unterrichtsstunden am Nachmittag gehen die einzelnen Klassen in Gruppen zum Abendessen. Von 18:50 bis 19:10 Uhr werden gemeinsam die Fernsehnachrichten angeschaut. Am Abend gibt es drei Stunden Selbststudium, die um 21:50 Uhr enden, und um 22:10 Uhr wird das Licht ausgeschaltet.

Die Schüler*innen können einmal alle drei Wochen die Schule verlassen, die Jüngeren 12 und die Älteren bis zu 24 Stunden.

China ist ein großes Land, so dass die Schulen in den verschiedenen Regionen nicht unbedingt den gleichen Tagesablauf haben. Ich habe jedoch einige Gemeinsamkeiten in den meisten der heutigen Oberschulen gefunden:

1. Es handelt sich um Internate;
2. Der Campus ist eingezäunt – die Schüler*innen dürfen ihn nur in den Ferien verlassen;
3. Es gibt weniger Ferien als zu meiner Schulzeit;
4. Die Nutzung der unterrichtsfreien Zeit ist ebenfalls standardisiert, und die Schüler*innen haben nur sehr wenig Zeit für „freie Aktivitäten“.

Wettlauf um knappe Zahl von Studienplätzen

Die gängigen Erklärungen für diese Art von Schulsystem konzentrieren sich zumeist auf den Wettbewerb um höhere Bildungschancen. Das Land verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen, und es ist äußerst schwierig, einen Platz an einer renommierten Universität zu bekommen. Und der Erwerb eines Hochschulabschlusses steht in engem Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und sozialen Status des künftigen Lebens der einfachen Leute. Eine Studie der Universität Peking aus dem Jahr 2021 zeigt beispielsweise, dass das durchschnittliche monatliche Einstiegsgehalt für neu eingestellte Mitarbeiter*innen mit Doktor-, Master-, Bachelor- und Berufsschul-Abschluss in jenem Jahr 14.823 Yuan, 10.113 Yuan, 5.825 Yuan bzw. 3.910 Yuan (aktueller Umrechnungskurs 1 Yuan = 0,13 € – d. Übers.) betrug.  Ein weiteres Beispiel: Unter den 1.104 Beamten, die im Jahr 2024 in Shanghai eingestellt wurden, befanden sich 396 Student*innen, 697 Master-Absolvent*innen, zehn Doktorand*innen und nur ein/e Absolvent*in einer Berufsschule.

Die Verallgemeinerung des „Hengshui-Modells“ ist auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Ergebnisse der Hochschulaufnahmeprüfung der Hengshui Oberschule nach der Einführung dieses Modells wirklich beeindruckend geworden sind.
Im Jahr 2022 wurde in den Nachrichten berichtet, dass ein Schüler dreimal in den Jahren 2020, 2021 und 2022 an den Aufnahmeprüfungen für die Universität teilnahm; jedes Mal schrieb er sich an einer anderen Oberschule ein, um ein Preisgeld zu gewinnen, und alle drei Male erhielt er die Aufnahmebestätigung der Universität Peking. Offensichtlich ist dieser Schüler außergewöhnlich klug, aber im Allgemeinen gilt: Je mehr Zeit die Schüler*innen mit dem Üben für die Prüfungen verbringen, desto besser werden ihre Ergebnisse sein. Wenn es der Hengshui Oberschule also gelingt, ihre Prüfungsergebnisse zu verbessern, indem sie die Freizeit ihrer Schüler*innen verringert, müssen andere Schulen dieses Modell kopieren, da sonst die meisten ihrer Schüler*innen im Wettbewerb den Kürzeren ziehen würden.

Jeder Mensch hat nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Selbst wenn wir nur ein Minimum an Zeit für die grundlegendsten physiologischen Bedürfnisse aufwenden, gibt es eine Grenze für die Zeit, die für das Lernen herausgequetscht werden kann. Das Ergebnis dieses „Wettlaufs nach unten“ ist unweigerlich, dass alle Schulen letztendlich zum gleichen Ausgangsniveau zurückkehren werden. Ich glaube, die chinesische Regierung ist sich dessen bewusst.

Maßnahmen gegen übertriebenen Leistungsdruck von 1993 wirkungslos

Tatsächlich hat die chinesische Regierung zumindest vordergründig versucht, diese Rückentwicklung zum übertriebenen Leistungsdruck einzudämmen. Bereits 1951 wurde die Entscheidung des Staatsrats über die Verbesserung der Gesundheitsbedingungen der Schüler*innen an allen Schulen erlassen, in der festgelegt wurde, dass die Lernzeit der Schüler verkürzt werden sollte.

Meine relativ entspannte Schulzeit wurde auf den Entwurf von Chinas Bildungsreform und -entwicklung von 1993 zurückgeführt. Darin heißt es: Die Grund- und Sekundarschulen sollen von der „prüfungsorientierten Bildung“ zur umfassenden Verbesserung der Kompetenzen der Bevölkerung übergehen und die ideologische Wahrnehmung, die Moral, das kulturelle und wissenschaftliche Niveau, die Arbeitsfähigkeiten und die körperliche und geistige Fitness aller Schüler*innen umfassend verbessern sowie deren lebendige und aktive Entwicklung fördern.

Diese Art von politischen Dokumenten hat jedoch keine große Durchsetzungskraft. Einigen Statistiken zufolge hat das Bildungsministerium von 1985 bis 2020 mehr als 50 Anordnungen zur Verringerung der akademischen Belastung von Schüler*innen erlassen – fast 1,5 Anordnungen pro Jahr.
Jedem ist klar, dass es sinnlos ist, sich auf die leeren Grundsatzdokumente des Bildungsministeriums zu verlassen, um die Rückentwicklung der Bildung zu lösen. Die wirklichen Probleme, die es zu lösen gilt, sind: das Ungleichgewicht der Ressourcen für die Hochschulbildung zwischen den Einwohnern der verschiedenen Provinzen; der Mangel an Plätzen für eine qualitativ hochwertige Hochschulausbildung; die unzureichenden Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen; das Lohngefälle zwischen Arbeiter*innen und Angestellten.

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Und was ist der grundlegende Geist der Bildung? Viele Menschen kritisieren die prüfungsorientierte Ausbildung in China und sagen, dass sie nur Prüfungsmeister ausbildet und dass viele chinesische Studenten „hohe Noten, aber geringe Fähigkeiten“ haben. Die so genannten „hohen Fähigkeiten“ werden jedoch im Hinblick auf die Beschäftigungsanforderungen der Unternehmen und die Bedürfnisse der Regierung definiert, wie z. B. die Fähigkeit, „Funktionieren auf Knopfdruck“ zu betreiben, um Gewinne zu erwirtschaften, oder sich mit den Gepflogenheiten der Beamtenschaft gut auszukennen. Eine wirklich auf den Menschen ausgerichtete liberale Bildung muss die Schüler*innen in den Mittelpunkt stellen und die umfassende Entwicklung ihrer Persönlichkeit fördern, ihre selbst gewählten Entwicklungsziele respektieren, ihre Träume unterstützen und die Tugenden der Selbstachtung, Selbstliebe, Empathie und gegenseitigen Hilfe fördern. Sowohl die Art des Einstopfen von Wissen mit die standardisierte Antworten eintrichtert, als auch die utilitaristische Erziehung, die „Macht und Reichtum“ zum Ziel hat, sollten auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden.

Die übertriebene Leistungsdruck in der Bildung ist nicht nur ein Problem der Bildung, sondern zeigt, dass viele soziale Missstände das Schulleben beeinträchtigen. Um diese Missstände zu beheben, bedarf es der Zusammenarbeit vieler staatlicher Stellen und eines hohen Kapitaleinsatzes.
Auch wenn es keine Beweise dafür gibt, dass dies beabsichtigt ist, so ist der Schulunterricht im Gefängnisstil zumindest in einigen Aspekten für Chinas totalitäre Herrschaft förderlich.
Ich habe einmal eine thailändische Geschichte gehört. Ein Tourist sah einen erwachsenen Elefanten, der an einer sehr dünnen Kette gefesselt war, und fragte den Dompteur, warum er keine Angst habe, dass der Elefant ausbricht. Dieser antwortete, der Elefant sei schon als Baby an diese dünne Kette gefesselt gewesen – er habe es eine Million Mal erfolglos versucht, also versuche er es nicht mehr, auch wenn er erwachsen sei. Das Erschreckendste am „Hengshui-Modell“ ist nicht der fließbandartige Stundenplan, sondern das umfassende Gehorsamstraining für junge Menschen.

Schuldrill und Abgeschlossenheit – Gehorsamstraining

Es gibt zum Beispiel folgende Schulregeln:
Schlafsaal-Ordnung: kein Reden, Lachen, Gehen, Lesen oder Lernen während der Schlafenszeit am Mittag und in der Nacht; keine späte Rückkehr in die Schlafsaalgebäude; keine Taschenlampen während der Schlafenszeit in der Nacht; kein Gang zur Toilette vor Ende der Schlafenszeit bzw. gemeinsamer Toilettengang.
– Um ihrer Gesundheit willen dürfen die Schüler*innen die folgenden haltbaren Lebensmittel mitbringen: abgepackte Milch, Kekse, Äpfel, Birnen, Orangen und Bananen. Alles, was nicht oben aufgeführt ist, darf nicht mitgebracht werden.
– Schüler*innen, die eines der folgenden Verhaltensweisen an den Tag legen, erhalten je nach Schweregrad folgende Disziplinarstrafen wie Verwarnung oder ernste Verwarnung, Selbstreflexion zu Hause, Erziehung durch die Eltern für 1-2 Wochen, schulweite öffentliche Bekanntgabe der Disziplinarstrafen, Abzug von 3 Punkten für die ganze Klasse und den/r Klassenlehrer/in bei abnormale Kontakte zwischen männlichen und weiblichen Schüler*innen, wie z.B. sich gegenseitig in den Schulsanitätsraum begleiten oder jenen, die sich gegenseitig „jagen“ oder Körperkontakt haben, um herumzuspielen.

Diese lächerlichen Regeln können in Gefängnissen als Strafe angesehen werden, aber in Schulen sind sie ein Gehorsamstraining. Wenn junge Menschen sich daran gewöhnen, diese Regeln zu befolgen, werden sie zum Elefanten wie in der Geschichte und werden sich nicht gegen andere absurde Systeme auflehnen, wenn sie erwachsen sind.

Der zweite für die KPCh günstige Faktor ist die Heranbildung einer neuen Generation von Arbeiter*innen, die lange Arbeitszeiten ertragen können. Die täglichen Schulstunden meiner Generation waren in der Tat ähnlich lang wie die Arbeitszeiten unserer Eltern damals. Heutzutage ist das 996er-System, Arbeit von 9 bis 9 (21 Uhr) an 6 Tagen pro Woche, zur gängigen Praxis geworden. Für junge Menschen, die an lange Studienzeiten gewöhnt sind, ist es leichter, sich an diesen Arbeitsrhythmus anzupassen.

Schließlich fehlt den jungen Menschen auf dem geschlossenen Campus auch der Kontakt zu anderen Gruppen der Gesellschaft, was zu einem Mangel an Empathie und sozialer Solidarität führen kann. Ich habe festgestellt, dass viele junge Menschen, obwohl sie nach Beginn des Studiums mehr Freiheiten haben, sehr gleichgültig gegenüber dem Unglück in der Welt sind.

Diese Art von Abgeschlossenheit führt auch dazu, dass viele Informationen blockiert werden. Ich erinnere mich, dass ich während meiner Schulzeit jeden Tag nach der Schule Buchläden, Kioske oder DVD-Raubkopierläden aufsuchte. Obwohl es sich bei den meisten meiner außerschulischen Materialien um Romane und Cartoons handelte, las ich sporadisch über Che Guevara, die anarchistischen Demonstrant*innen in Seattle, das Buch von Rachel Carson Der Stumme Frühling und über den Pariser Mai 1968. Heutzutage müssen die Schüler*innen innerhalb der Schulmauern ihre Smartphones bei ihrer Ankunft abgeben; ihre Bibliotheken verfügen nur über sorgfältig ausgewählte Bestände und Zeitungskioske sind fast verschwunden. In der doppelten Enge von physischen Mauern und Internet-Firewalls kann die Saat des Widerstands nur schwerlich aufgehen.

Nicht nur pessimistisch

Wird diese Art von entmenschlichendem Schulsystem in China noch lange Zeit bestehen und weiterhin Generationen von gehorsamen, verträglichen und gleichgültigen Jugendlichen hervorbringen? Ich bin in dieser Hinsicht nicht völlig pessimistisch. In der Geschichte kam es nach einer sehr repressiven und streng kontrollierten Ära oft zu einer großen Rebellion und Befreiung.


Der Affenkönig Sun Wukong stiftet Unruhe im Himmelspalast; Figur aus einem klassischen chinesischem Roman als Kinder-Comic von 1959

Im Internet hat jemand ein Bild der Disziplinarakte der Hengshui Oberschule veröffentlicht. Der beeindruckendste Verstoß, den ich gefunden habe, ist das Malen des Kopfes von Sun Wukong (dem Affen als Hauptheld aus dem berühmten klassischen Roman in Die Reise in den Westen d. Übers.) auf eine beschlagene Fensterscheibe. Vielleicht träumen viele der Kinder, die heute in Schulen mit Gefängnischarakter leiden, davon, im Pekinger Himmelspalast Unruhe zu stiften.

Übersetzung aus dem Englischen von I. Wick, Forum Arbeitswelten

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