vonEva C. Schweitzer 06.01.2011

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Werden im Mittleren Osten Christen verfolgt und ermordet? Man sollte vermuten, angesichts der Nachrichten aus Ägypten und dem Irak dürfte das keine Frage sein, aber nein, die Presse rätselt noch darüber; nicht nur in Deutschland, übrigens, sondern auch in Amerika. Da allerdings aus anderen Gründen. Das sind immerhin die Journalisten, die den Irakkrieg größtenteils befürwortetet haben. Wenn die zugeben müssten, dass Christen unter Saddam sicherer waren als unter einer amerikanischen Marionette, das wäre zu peinlich. Die New York Times hatte heute immerhin einen Kommentar, wonach „tausende von Christen“ geflohen seien, und dass die irakische Regierung mehr tun müsse. Hier ein Hinweis: Es sind zehntausende, und die USA, die nach wie vor die Besatzungsmacht im Irak ist, ist selber für die Sicherheit dort verantwortlich.

In Deutschland hingegen handelt es sich, glaube ich, eher um die gleichen Journalisten, die es nicht so schlimm finden, wenn Schläger in der S-Bahn Passanten verprügeln, solange sie selber die Option haben, ihren eigenen kleinen Sven-Oliver mit dem Auto zur Schule zu kutschieren, aber es gibt durchaus eine Parallele zwischen der amerikanischen und der deutschen Presse.

Vor ein paar Jahren, als ich für mein Buch America und der Holocaust recherchiert habe, ging ich der Frage nach, warum die New York Times damals keinen Alarm geschlagen hat. Der Times wird von Historikern vorgeworfen, sie habe über die Judenverfolgung nicht berichtet. Das stimmt nicht so ganz. Die Times hat sehr wenig, allenfalls in ein paar spekulativen Kurzmeldungen, über die Vernichtungslager berichtet (obwohl es Times-Korrespondenten gab, die für den amerikanischen Militärgeheimdienst arbeiteten, also, an der Quellenlage kann es nicht gelegen haben). Als aber die Nazis 1933 an die Macht kamen, hatte die Times ein Büro in Berlin, das mit mehreren Korrespondenten besetzt war, die jeden Tag Artikel lieferten. Von „zu wenig“ kann also keine Rede sein.

Das Problem war eher, dass dem Leser ein bunter Waschkorb ohne eigene Meinung geboten wurde – mal hieß es, Juden würden verfolgt, mal hieß es, die Nazis wiesen das zurück, das stimme also gar nicht, und mal hieß es, Christen würden ja ebenfalls benachteiligt. Letztlich sprach sich die Times in ihren Kommentaren dagegen aus, jüdischen Flüchtlinge in den USA aufzunehmen, weil ja Christen von den Nazis genauso verfolgt würden, und man keine Religionsgruppe bevorzugen dürfe (der Times-Herausgeber weigerte sich auch, den geflüchteten jüdischen Theaterkritiker Alfred Kerr einzustellen, da der ihm politisch zu radikal war). Alles in allem kein Ruhmesblatt, und eigentlich erstaunlich, dass niemand daraus gelernt hat. Auch nicht die Times: Bislang warte ich noch auf einen Kommentar, der die US-Regierung auffordert, flüchtende irakische Christen aufzunehmen.

Amerika und der Holocaust, Droemer, 2004

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