vonMario Zehe 19.02.2022

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Für die Vertreter der jüngeren Kritischen Theorie in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren Disney-Comics als kulturindustrielle „Massenzeichenware“ einfach Agenten einer affirmativen politischen Sozialisation: Soziale Ungleichheit und Klassenkampf wurden – im ständigen Gerangel zwischen Dagobert Duck und seinem Neffen Donald – privatisiert sowie auf individuelle Charaktereigenschaften und -mängel reduziert, und kleinbürgerliche Ordentlichkeit wurde wiederum insbesondere von Micky Maus verkörpert, der sein Leben geradezu leidenschaftlich dem Kampf gegen deviante und asoziale Elemente seiner Heimatstadt Mousetown (in Deutschland als „Entenhausen“ bekannt) widmete. Eine radikale Infragestellung der Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse – so die Befürchtung – sei von den durch Micky-Maus-Heften und Lustigen Taschenbüchern sozialisierten Leser*innen kaum zu erwarten. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde diese Kritik stark relativiert, und sogar subversives Potential ließ sich den Disney-Comics – bei entsprechender Lesart – entlocken.

Von zweifelhaftem Ruf blieb dagegen bis heute der Schöpfer der Mäuse und Enten. Walt Disney, aus prekären kleinbürgerlichen Verhältnissen stammender Selfmademan, stand Zeit seines Lebens politisch weit rechts und galt als antikommunistisch, gewerkschaftsfeindlich und homophob. Auch antisemitische Einstellungen werden ihm nachgesagt, wenngleich es hierfür an eindeutigen Belegen mangelt. Wenig Berührungsängste hatte er dagegen mit Vertretern des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. So empfing er z.B. 1938 als einziger Hollywood-Produzent Leni Riefenstahl, die zu dem Zeitpunkt schon mehrere NS-Propagandafilme abgedreht hatte. In einem mehrteiligen Feature des Kulturmagazins Corso (Deutschlandfunk) ergründen verschiedene Autoren die unterschiedlichen Facetten des Trickfilmzeichners und Filmproduzenten sowie dessen wichtigster Hinterlassenschaft – die Walt Disney Company, einer der fünf größten Medienkonzerne der Welt.

In sechs kurzen Features – keines länger als zehn Minuten dauernd – geht es unter anderem um den Absturz ehemaliger Kinderstars, die mithilfe des Hauses Disney zu Weltruhm gelangten, um den Computerspielmarkt als zusätzliche Einnahmequelle und den sich anbahnenden Sprung des Disney-Konzerns ins Metaverse. Man erhält Aufklärung über die traumatische Matrix der Disney-Animationsfilme und macht einen Kurztrip in die Welt der Disney-Themenparks, von denen es in Nordamerika, Europa und Asien mittlerweile ganze vierzehn gibt. Klingt ziemlich disparat, ist es wohl auch, und doch fügt sich vieles ganz gut zusammen. Mein persönlicher Favorit ist ein Interview mit dem Psychoanalytiker Laurence Rickels. Dieser beschreibt den Einfluss von Annahmen des Verhaltensbiologen Konrad Lorenz in der Verniedlichung der Form in Disneys Comics und Animationsfilmen. Lorenz – der „Erfinder“ des Kindchenschemas – war Mitarbeiter des rassenpolitischen Hauptamtes der NSDAP gewesen und zeigte auch nach Ende des Krieges ein biologisch determiniertes Gesellschaftsverständnis. Ein weiterer diskutierter Aspekt ist die Bedeutung der Deutschen Romantik als Inspirationsquelle für die Bilderwelten der abendfüllenden Animationsfilme. Und Nazi sei Disney zwar sicher nicht gewesen, so Rickels, aber mindestens ein knallharter Opportunist, der die Bedeutung Deutschlands als Absatzmarkt seiner Filme höher einschätzte als Symbolpolitik gegenüber einem verbrecherischen Regime. Nachhören lassen sich die Features in der Mediathek des Deutschlandfunk.

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