vonMario Zehe 03.04.2022

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Betrachtet man den Migrationsdiskurs des vergangenen Jahrzehnts, kann man den Eindruck gewinnen, es ginge hier einfach um die Frage offener bzw. geschlossener Grenzen. Eine solche Klarheit gibt es vielleicht in der Semiotik – in der Formenlehre der Zeichen also, aber sicher nicht in den durcheinander geratenen Gesellschaften der Spätmoderne. Denn tatsächlich, so hat es der Soziologe Stephan Lessenich treffend beschrieben, stehen trotz eines extrem rigiden Grenzregimes z.B. der Europäischen Union bestimmten Migrant*innen die Tore zum Globalen Norden einen Spalt offen, vorausgesetzt sie sind fähig und willig, dort jene Arbeiten auszuführen, für die sich aufgrund miserabler Arbeitsbedingungen und Entlohnung sonst verständlicherweise keiner mehr finden lässt.

Diese Logik der halbdurchlässigen Abschließung ist nach Lessenich wichtiger Bestandteil eines Systems, das er „Externalisierungsgesellschaft“ nennt. Wir produzieren immensen Wohlstand und Fortschritt, indem wir die sozialen und ökologischen Kosten den Gesellschaften des Globalen Südens aufbürden. Oder eben jenen Arbeitsmigrant*innen, die von daher stammen und deren Traum von einem besseren Leben – einmal in den Ländern des Nordens angekommen – oft bitter enttäuscht wird.

Als Teil der Online-Kampagne Our Food. Our Future will die Nichtregierungsorganisation Slow Food – die sich insbesondere für einen grundlegenden Wandel in der weltweiten Lebensmittelproduktion einsetzt – auf diesen Missstand aufmerksam machen und für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen entlang von Agrarlieferketten werben. Für die Kampagne hat die Comicautorin Barbara Yelin zwei Web-Comics gestaltet, die auf das Schicksal migrantischer Erntehelfer*innen aufmerksam machen und einen Ausweg aus diesem skandalösen Zustand aufzuzeigen versuchen. Die Comics werden ergänzt durch ein Audiofeature, ein Interview mit einer Erntehelferin und zahlreichen Quellen zur Thematik.

Der Hauptcharakter der Geschichte über einen jungen Mann aus Mali, der in Süditalien mehr als zehn Stunden am Tag Tomaten pflückt, ist zwar fiktiv, aber eben auch repräsentativ für einen sehr großen Teil jener Menschen, die als Illegale – ohne Aufenthaltspapiere und damit faktisch beinahe ohne jeglichen Rechte – in den Ländern der Europäischen Union leben und arbeiten. Der zweite Comic basiert auf den wahren Erlebnissen einer Erntehelferin aus Marokko, die in Spanien Erdbeeren erntet und um einen langfristigen Erntevertrag kämpft. Hier wie dort ist es schiere existenzielle Not, die die Arbeiter*innen zwingt, ihre Familien in ihrem Heimatland zurückzulassen, in der Hoffnung im globalen Norden eine einträgliche Arbeit zu finden. Die Lebensrealität stellt sich für die Papierlosen dann wie folgt dar: ausbeuterische Arbeitsbedingungen, sexuelle Übergriffe, fehlende Bewegungsfreiheit, unsichere Bleibeperspektiven und ein erbärmliches Leben in Baracken aus Planen, Plastik und Karton.

Wie gesagt, zeigt Barbara Yelin auch Perspektiven auf. Zum Beispiel in Form junger feministischer Aktivistinnen, die den Kampf der Erntehelferinnen um einen legalen Aufenthalt und langfristige Arbeitsverträge unterstützen. Auch die Konsument*innen, die von den billigen Preisen für Lebensmittel zunächst profitieren, können mit ihrem Kaufverhalten Einfluss auf die Produktionsbedingungen ihrer Nahrung nehmen. Interessanterweise wird die Slow Food-Kampagne von der Europäischen Union finanziell gefördert. Ausgerechnet, könnte man meinen, denn es ist letztlich vor allem die EU, die in dieser Frage Verantwortung übernehmen müsste (und könnte). Immerhin hat die Europäische Kommission im März ihren Entwurf für ein europäisches Lieferkettengesetz vorgelegt. Ob damit der große Wurf gelingt und ein Grundstein für weniger Ausbeutung und Umweltzerstörung gelegt wurde, wird sich erst zeigen, nachdem sich das Europäische Parlament und der Europäische Rat damit befasst haben und das Gesetz verabschiedet wurde. Bleibt zu hoffen, dass nicht noch einmal zwei Jahre vergehen, denn so lange hat die Kommision gebraucht, um den versprochenen Gesetzentwurf endlich vorzulegen.

 

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