vonMario Zehe 31.01.2026

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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In einem viel beachteten Essay hat der Soziologe Nils C. Kumkar jüngst deutlich gemacht, dass gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung nicht per als krisenhafte Phänomene zu begreifen sind, sondern Gesellschaften immer schon innewohnen, im Bereich der Politik – z.B. als Unterscheidung von Herrschaft und Opposition – sogar notwendigerweise. Ganz neu ist der Gedanke zwar nicht, man findet ihn schon im Theoriegebäude des Politischen Philosophen Ernesto Laclau oder in der Erzähltheorie des Literaturwissenschaftlers Juri Lotman. Nichtsdestotrotz eignet er sich als Pille gegen die derzeit allseits grassierende Polarisierungsangst, die paradoxerweise selbst dazu neigt, soziale Spaltungen zu vertiefen bzw. überhaupt erst hervorzubringen.

Polarisierung – meint Kumkar – gab es wohl schon immer, und ein Blick in die Geschichte der (z.B. römischen) Antike bestätigt das: volksnahe Popularen standen da gegen aristokratische Optimaten, Senatoren gegen allzu machtbewusste Volkstribune und Konsuln, die griechisch-römische Zivilisation musste gegen die „barbarischen“ Grenzvölker verteidigt werden usw. – politische und gesellschaftliche Antagonismen prägten die antike Welt. Nicht verwunderlich, dass diese seit jeher auch ein ehernes Erzählprinzip in der Comicserie Asterix und ihrer intermedialen Ausläufer in Film und Serie darstellen. Spaltung ist schon ein wesentlicher Teil des berühmten Prologes im Opening Splash eines jeden Asterix-Comicalbums: „Ganz Galliern ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? …“. Hier wird der Gegensatz zwischen dem kleinen Dorf heldenhafter Gallier und der rücksichtslosen Hegemonialmacht Rom in Wort und Bild grundlegend eröffnet und sogleich die imaginierte Einheit des Imperium Romanum infrage gestellt. Der Widerstand der gallischen Dorfbewohner gegen die römischen Zentralgewalt schafft als literarisches Motiv eine sinnstiftende und orientierende Polarstruktur, die sich dann auf bekannte Weise energetisch entladen darf, sehr zum Leidwesen der in den Lagern Babaorum, Aquarium, Laudanum und Kleinbonum stationierten römischen Legionäre und zum Vergnügen aller Leser*innen in sämtlichen Altersklassen.

Dass neben der polarisierten erzählten Welt die Rezeption in der „echten“ Welt oft nicht minder polarisiert ausfällt, überrascht angesichts des bereits Jahrzehnte andauernden Erfolgs der Serie vielleicht. Doch nicht jedem und nicht jeder gefällt das in regelmäßigen Abständen inszenierte fröhliche Gemetzel, bei dem zwar nie wirklich jemand ernsthaft Schaden erleidet, das Ressentiment jedoch stets zu seinem Recht kommt. Der russisch-französische Kulturhistoriker und Antisemitismusforscher Léon Poliakov kritisierte in den Siebzigern, dass unter der humoresken Oberfläche der Funny-Serie ein Abgrund an revanchistischer Ideologie und Gewaltaffirmation lauere. Und vor weniger als zehn Jahren lautete das Verdikt des Kulturjournalisten Arno Frank hier in der taz, die ethnische homogene Dorfgemeinschaft und der mystifizierte Zusammenhalt der Gallier bilde doch „en miniatur, die ganze Philosophie der Identitären ab.“ Und ist es bei aller Sympathie für alles Widerständige nicht auch irgendwie beunruhigend aktuell, wie hartnäckig sich Asterix und seine Mitstreiter*innen der Aufhebung ihres Dorfes als regionale (sprich: nationale?) Minderheit in einer übergreifenden politischen Körperschaft (Imperium Romanum) entgegenstellen, wie der Comicforscher und Verleger Jonas Engelmann in einem Beitrag für den Sammelband „Kann Kultur Europa retten?“ im Jahr 2017 schrieb?

Neben der politischen Kritik gibt es schließlich auch noch das ästhetische Urteil, das stark zwischen den Polen Anerkennung und Ablehnung changieren kann. Die im Jahr 2025 für den Streamingdienst Netflix produzierte Adaption der Comicvorlage Der Kampf der Häuptlinge als 3D-Animation durch Alain Chabat und Fabrice Joubert wurde jedenfalls allen anfänglichen Vorbehalten zum Trotz von der Filmkritik größtenteils positiv bewertet. Der fünf Episoden umfassenden Miniserie gelang es, sowohl hinsichtlich des Humors als auch des visuellen Stils dem Geist der Vorlage zu entsprechen als auch neue Akzente zu setzen. In inhaltlicher Hinsicht basiert der Plot auf jenem oben beschriebenen Widerstandsmotiv und dem Versuch der Römer, die renitenten Gallier endgültig in die Knie zu zwingen: Cäsars Idee besteht darin, einen traditionellen Kampf der Häuptlinge austragen zu lassen, dessen Sieger dann – so will es das Ritual – die Herrschaft über beide Stämme übernehmen darf. Majestix wird schließlich von dem pro-römischen Häuptling Augenblix herausgefordert und der Druide vorsorglich von den Römern entführt, um den Einsatz von Zaubertrank zu verhindern und das Dorf der „Unbeugsamen“ mithilfe des Kollaborateurs endlich einzunehmen. Wie zu erwarten geht der Plan letztlich nicht auf, Asterix und die restlichen Dorfbewohner erweisen sich cleverer als ihre römischen und gallo-römischen Herausforderer; der Zusammenhalt der Gemeinschaft erweist sich zudem auf Dauer stärker als sämtliche Versuche, Zwietracht zu sähen und die Dorfgemeinschaft innerlich zu spalten.

Neben diesem Erzählschema (das Dorf als uneinnehmbare Festung) – vielfach variiert in Comic, Film und nun eben auch in Serie – gibt noch ein zweites Schema, das die Entgegensetzung von Galliern und Römern auf eine ganz andere Weise inszeniert: Im neuen, ebenfalls im vergangenen Jahr erschienenen Comicband Asterix in Lusitanien von Fabcaro und Conrad eilen Asterix und Obelix einem lusitanischen Garum-Produzenten zu Hilfe, der verdächtigt wird, einen Giftanschlag auf Cäsar geplant zu haben. Schließlich kommen die beiden Gallier, die sich als schwarzhaarige Einheimische frisieren und verkleiden, einem Komplott des römischen Präfekten Fetterbonus auf die Schliche und können die Unschuld des zuvor schwer belasteten Schãoprozes beweisen. Die Geschichte ist voller augenzwinkernder und liebevoller Anspielungen auf die lusitanische bzw. portugiesische Kultur und Geschichte sowie weiterer Referenzen auf politische Persönlichkeiten und Ereignisse der jüngeren Gegenwart. Doch ist es vielleicht etwas zu weit hergeholt, die Tatsache, dass man bis zur ersten epischen Schlägerei der beiden gallischen Freunde mit einer römischen Legion erst bis zur ungefähren Mitte des Albums vordringen muss, als Anspielung auf die gewaltfrei verlaufene „Nelkenrevolution“ zu lesen, die 1974 die rechtsgerichtete Salazar-Diktatur stürzte? Es wird zumindest die nicht letzte handfeste Auseinandersetzung gewesen sein, soviel sei versprochen.

Im Spannungsfeld der Geschichten um die Verteidigung des gallischen Dorfes und den Reiseabenteuern von Asterix und Obelix zeigt sich jedenfalls ein ambivalentes und kompliziertes Verhältnis zwischen dem Wunsch nach Abgrenzung und der Bewahrung des Eigenen einerseits sowie der Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerung, der Überbrückung kultureller Gräben sowie solidarischem Beistand andererseits. Den unüberwindbaren Gegensatz zwischen Galliern und Römern sollte man dabei nicht zu sehr problematisieren, funktioniert er doch als zeit- und raumübergreifende Chiffre, die sich als Kampf einer kleinen Minderheit gegen eine Übermacht in nahezu jeden politischen Kontext übertragen lässt. Abgesehen davon legt die Serie in ihrer klaumaukigen Zuspitzung den ideologischen Gehalt einer rückwärtsgewandten Idealisierung der Vergangenheit offen, wie sie Rechtsextreme immer wieder betreiben. Als Posterboy von Rassemblement National und AfD taugt Asterix zum Glück nicht.

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