vonMario Zehe 29.05.2026

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Wenn im Innenteil einer neueren Ausgabe der altehrwürdigen „Blätter für deutsche und Internationale Politik“ neben den üblichen Besprechungen von sozialwissenschaftlicher Fachliteratur auch ein Sachcomic beworben wird, scheint sich in den vergangenen Jahren entweder ein enormer Bewusstseinswandel in puncto Comicakzeptanz vollzogen zu haben oder der betreffende Comic ist etwas ganz Besonderes. Selbst wenn ersteres zweifelsohne zutrifft, kann man „Economix“ zu den bemerkenswertesten Comics des vergangenen Jahrzehnts zählen, sowohl hinsichtlich seiner Bekanntheit als auch seiner – im Vergleich mit anderen Sachcomics – ziemlich kontroversen Rezeption seit dem erstmaligen Erscheinen im Jahre 2012.

Darauf werde ich gleich zurückkommen, doch hier zunächst ein kurzer Inhaltsüberblick: In erster Linie interessieren sich Autor Michael Goodwin und Zeichner Dan E. Burr in ihrem Sachcomic für die Frage, ob und inwieweit es konkrete Machtverhältnisse waren, die für die jahrzehntelange Vorherrschaft der Doktrin des „freien Marktes“ und des „schlanken Staates“ in Wissenschaft und Politik den Ausschlag gaben. Ihrer Meinung nach stellen die Ideen der neoliberalen Vordenker um Friedrich von Hayek und Milton Friedman nämlich nichts weiter als den Versuch dar, extreme Ungleichheit von Reichtum und Macht pseudowissenschaftlich zu legitimieren.

Um diese These zu erhärten, gehen die Economix-Autoren bzw. ihr gezeichneter Avatar den diskursiven Verflechtungen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nach und legen dar, warum zu bestimmten Zeiten bestimmte Vorstellungen einer angemessenen Wirtschaftspolitik aufkamen und sich durchsetzten, während andere konsequent infrage gestellt oder vernachlässigt wurden. In den wichtigen beiden letzten Kapiteln („Aufstand der Reichen: 1980-2001“; „Die Welt von heute: Seit 2001“) setzen sie sich mit den Ende des keynesianischen Zeitalters und der Etablierung der Angebotspolitik als wirtschaftspolitisches Leitkonzept seit dem Amtsantritt Ronald Reagans und dessen Folgen auseinander. Seit dieser Zeit bestimmen die Schlagworte „Liberalisierung“, „Deregulierung“ und „Privatisierung“ die Wirtschaftspolitik des transatlantischen Raums. Eine arbeitnehmerfreundliche wich einer an den Interessen der Arbeitgeber ausgerichteten Politik. Der Staat sollte sich weitgehend aus dem wirtschaftlichen Geschehen heraushalten und den Märkten „freies Spiel“ lassen. Die Folgen sind bekannt: seit Ende der achtziger Jahre wächst die soziale Ungleichheit rasant, die unbeaufsichtigten Finanzmärkte koppelten sich in irrwitziger Weise von der Realwirtschaft ab und entwickelten sich zum Eldorado der Finanzspekulation und seit 2009 wird die Weltwirtschaft schließlich von einer globalen, im Grunde bis heute andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise heimgesucht.

Der neuesten, achten Auflage (2026) ist noch ein Epilog angefügt, der sich in aller Kürze kritisch mit dem Beitrag der Mainstream-Ökonomik zur Bekämpfung des Klimawandels und anderen Herausforderungen beschäftigt. Es fällt jedoch auf, dass alle ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragen der jüngeren Vergangenheit (z.B. die erratische Zollpolitik der US-Regierung Trump, der enorme Einbruch des Welthandels in den Covid-Jahren sowie die rasante weltweite Geldentwertung in der Folge des Russland-Ukraine-Krieges bzw. der militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Iran und der USA) im Buch keine Rolle spielen. Das hat schlicht und einfach seine Ursache darin, dass das letzte Update der englischsprachigen Originalausgabe bereits 2018 erschienen ist. Was aber insofern nicht weiter schlimm ist, wenn man berücksichtigt, dass es den Comicmachern vor allem darum geht, in großen Linien und langer Dauer nachzuvollziehen, was im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung als auch der wirtschaftspolitischen Praxis spätestens seit Ende der 1960er Jahre alles verkehrt gelaufen ist.

 

Wichtig ist es zu verstehen, dass es sich bei „Economix“ um keine systematische Abhandlung ökonomischer Theoriemodelle und der Grundvoraussetzungen wirtschaftlichen Handelns handelt, wie man es vielleicht aus klassischen Lehrbüchern zur Wirtschaft bzw. Wirtschaftspolitik kennt. Der gewählte Zugang ist vielmehr ein historischer, d.h. an Zeitläuften orientierter, beginnend mit der Durchsetzung des Kapitalismus im 17. Jahrhundert und den zeitgenössischen Erklärungsversuchen von Colbert, Quesnay, Smith & Co. – endend mit dem Siegeszug der neoklassischen Ökonomik im 20. Jahrhundert und schließlich seiner Infragestellung durch eine im 21. Jahrhundert entstehende plurale Ökonomik verschiedenster Schulen. Hinsichtlich dieser Auseinandersetzungen bezieht der Comic eindeutig politisch Position und schlägt sich auf die Seite(n) der letzteren.

Dies ist wohl auch der Grund für die oben angedeutete Kritik mancher Rezensent*innen an der 2013 erschienen Erstausgabe des Comic. So wurden Autor und Zeichner nicht nur für ihre zu einseitige Fokussierung auf die Wirtschaftsgeschichte der USA kritisiert (meiner Meinung nach zurecht, weil das der vielversprechendere Titel nicht hergibt), sondern auch und vor allem für ihre sprachlichen und bildlichen Zuspitzungen, die aus ihrer offenen und auch selbstironisch inszenierten sozial-ökologischen Parteinahme herrühren: So werden z.B. Unternehmer und Kapitalvertreter meist mit Zylinder, Zigarre und dicken Bäuchen, arme Menschen abgemagert und in zerschlissener Kleidung dargestellt; die Abbildungen knüpften so an gängige Ressentiments von der Habgier und Unersättlichkeit der besitzenden Gesellschaftsschichten an und seien nicht geeignet, einen vorurteilsfreien Blick auf soziale und ökonomische Konfliktlagen zu ermöglichen. Bisweilen wurde der Comic wegen seiner stereotypen und polarisierenden Darstellungsweise gleich ganz in die rechte Ecke gestellt und zugleich eine gefährliche Nähe zu Verschwörungstheorien unterstellt.

Mal abgesehen davon, dass in solchen Kritiken Botschaft und Bote nicht sauber getrennt erscheinen, sollte man nicht vergessen, dass stereotype und karikierende Figurendarstellungen ein probates Mittel der Merkmals- und Charakterzuschreibung in Comics sind. Das dahinterliegende Missverständnis scheint mir zu sein, von einem „Sachcomic“ reine Sachlichkeit zu verlangen. Das Komische (sowohl im Sinne von „lustig“ als auch von „seltsam“) gehörte jedoch immer zum Repertoire des grafischen Erzählens, auch im Feld des Dokumentarischen. So haben die zahlreichen Schaubilder, Graphen und Diagramme in diesem Buch ebenso ihren berechtigten Platz wie die Karikaturen und der polemische Sound, der anklagend aus den Kommentarboxen dröhnt. Und dass diese Polemik nicht ganz so haltlos scheint, wie manche behaupten, kann man im etwas sachlicher gehaltenen Vorwort des renommierten Ökonoms und „Blätter“-Herausgebers Rudolf Hickel gerne nachlesen.

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