vonMario Zehe 31.10.2026

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Dass Christopher Nolen, der für seine innovative Interpretation des Batman in der Dark-Night-Trilogie internationale Bekanntheit erlangte, sich mehr als zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von Batman Begins mit der Odyssee erneut eines mythologischen, wenngleich weitaus älteren, Stoffes zugewandt hat, ist sicherlich wenig überraschend. Über die Wesens- und Seelenverwandtschaft antiker Helden und moderner Superheld*innen ist schon längst alles gesagt worden. Interessant ist dagegen, mit welchem Furor die extreme Rechte in den USA den Film eine Zeitlang attackierte. Neben der rassistisch und transfeindlich motivierten Kritik am diversen („woken“) Cast gab es noch das Bild des kriegsmüden und traumatisierten Odysseus sowie des Krieges als Bruch mit der göttlichen Ordnung, das die von Elon Musk angeführten konservativen Kulturkämpfer erzürnte.

Dabei ist ihnen ganz offensichtlich entgangen, dass ein wesentlicher Teil des mythologischen Kerns der Odyssee von Regisseur Nolen unangetastet geblieben ist: Wie der Held nach seiner Rückkehr wenngleich nicht als solch „misogyn-xenophober Amokläufer“ (Eva von Redecker) wie im originalen Epos, aber eben doch sehr gewaltsam, seinen unbedingten Besitzanspruch auf Ithaka bekräftigt, könnte den Rechten eigentlich gefallen. Moderne, wenn man so will: demokratische (Super-)Heldenerzählungen sollten dagegen der Attitüde des*der einsamen Rächer*in skeptisch gegenüberstehen und eher das breite Aktivierungspotenzial ihrer Held*innen zur Übernahme von moralischer Verantwortung und gesellschaftlichem Engagement im Blick haben. Zwei aktuelle Serien aus dem Superheldenkosmos könnten hierfür ein gutes Beispiel sein.

Von Mäusen, Menschen und Superheld*innen

Der Start von Tom Kings Neuinterpretation des Wonder-Woman-Mythos, in dem sich die Amazonenprinzessin mit der US-Regierung anlegt und zur Staatsfeindin Nummer Eins avanciert, ist von mir bereits vor einiger Zeit ausführlich besprochen worden. In Stile eines Politthrillers verwebt der Szenarist die Themen Migration, Autokratie, postfaktische Kommunikation und das Verhältnis der Geschlechter zu einer komplexen, hochpolitischen Storyline.

In den Heften 14 bis 19 (Panini Paperback-Band 3, 2025) kommt es zum finalen Showdown zwischen der Superheldin samt ihrer Verbündeten mit dem „Souverän“, dem eigentlichen Herrscher der Vereinigten Staaten, der mit der Macht seines „Lassos der Lügen“ durch Täuschung und Manipulation die demokratisch gewählten Repräsentanten des Landes kontrolliert und in seinem Sinne lenkt. Mit einem Augenzwinkern dreht Tom King die beliebte Verschwörungstheorie vom „Deep State“, einer im Verborgenen existenten und nicht kontrollierbaren Machtstruktur, von rechts auf links. Nicht linksliberale, kosmopolitische Eliten, sondern ein selbsternannter König von Amerika kündigt faktisch den amerikanischen Gesellschaftsvertrag und setzt das Prinzip der Volkssouveränität außer Kraft. (Angesichts einer US-Regierung, welche die Geltung demokratischer Wahlergebnisse infrage stellt und auch sonst immer autoritärer regiert, scheint diese Fiktion jedenfalls plausibler als die blutrünstigen Schauermärchen aus der rechtsextremen Qanon-Community.) Trotz der Ermordung ihres Geliebten Steven Trevor gelingt es Wonder Woman mit der Unterstützung der Wondergirls und weiterer Verbündeter schließlich, den illegitimen Regenten im Oval Office in seine Schranken zu weisen und im wahrsten Wortsinne ziemlich nackt dastehen zu lassen. In Anlehnung an Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ offenbart sich damit eine Wahrheit, die nun nicht mehr in der Lage ist sich zu maskieren und andere zu täuschen.

Wie vielleicht nicht anders zu erwarten war, stieß Tom Kings durchaus ambitionierte Wonder Woman-Variation nicht auf ungeteilte Zustimmung. Dass die Superheldin sich nicht anders über den Tod ihres Geliebten, mit dem sie in der Unterwelt noch eine letzte Nacht verbringt, hinwegzutrösten vermag als durch die Geburt eines gemeinsamen Kindes, ist als Kniefall vor patriarchalen Rollenmustern verstanden wurden. Solcherlei noch als feministisch zu verstehende Kritik mischt sich aber mit anderen Vorwürfen zu einem kruden Amalgam, das selbst auf traditionellen Rollenklischees beruht: Etwa dass Wonder Woman weitaus aggressiver als sonst ihre Feinde und Feindinnen bekämpfen und damit in einem Widerspruch zu ihrer ursprünglichen Konzeption als empathische Friedensstifterin und Humanistin stehen würde. Oder dass sie in ihrer Mutterrolle emotional überfordert wirken und ihre Tochter, die sie bei ihren Kämpfen in einer Babytrage bei sich hat, unnötiger Gefahr aussetzen würde.

 

© DC Comics, 2023

 

Weniger kontrovers diskutiert wurde jedenfalls der kritische Umgang des Autors mit autoritären Tendenzen in Politik und Gesellschaft. Diesbezüglich interessant ist auch die an den oben geschilderten Ereignissen anschließende Geschichte „The Island of Mice and Man“ (Panini Paperback-Band 4, 2026), in der die Amazone auf einer Insel landet, die von „Mouse Man“ mithilfe von riesigen Nagetieren totalitär regiert wird. Es handelt sich hierbei um einen ziemlich schrillen Gegenspieler Wonder Womans, der ihr in größeren Abständen immer mal wieder über den Weg läuft und für Ärger sorgt.

© DC Comics, 2023

Wie die Bewohner*innen der Insel als Preis für Sicherheit und Frieden, die Mouse Man ihnen verspricht, sich in ihrer Kommunikation auf einen stark eingeschränktem Wortschatz und repetitive Wendungen beschränken (müssen), lässt an Victor Klemperers Sprachkritik des Dritten Reiches denken, nachdem der Faschismus nicht zuletzt durch eine drastische Spracharmut gekennzeichnet ist. Die faschistische Sprache sei keine des Austausches, sondern eine der formelhaften Beschwörung, so der Philologe in seinen „LTI“. Kein Wunder, dass hier, also an der sprachlichen Subversion, Wonder Womans Versuch ansetzt, die Insel von dem tyrannischen Regime zu befreien. In den Ausgang der Geschichte eingewoben ist der Ausblick auf den kommenden Plot, in dem eine grausam agierende „Matriarchin“ im Zentrum stehen und der Fokus auf die Kritik der Geschlechter- und Herrschaftsverhältnisse beibehalten wird.

Dunkle Ökologie

Poison Ivy, eigentlich einst als Batmans schurkische Gegenspielerin konzipiert, ist über die Jahrzehnte zu einer Antiheldin mit einer ambivalenten und vielschichtigen Charakterisierung avanciert. 1966 von DC-Autor Robert Kanigher und Zeichner Sheldon Moldoff erschaffen, um als weiblicher Bösewicht in Gotham ihr Unwesen zu treiben und den Fledermaushelden herauszufordern, sind ihr seit den 1990er Jahren zunehmend durchaus positive Attribute zugeschrieben worden, nicht zuletzt ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Ihre Superheldeneigenschaften erhielt sie durch ein Experiment eines durchgeknallten Botanikers, das sie fortan in die Lage versetzte, auch mit Pflanzen und Pilzen zu kommunizieren sowie durch die Absonderung von Pheromonen andere Menschen manipulieren zu können.

Comicautorin G. Willow Wilson, die u.a. zwischen 2014 und 2019 bereits für die Comicserie Ms. Marvel schrieb, ist seit August 2022 bei DC für die Entwicklung des ersten längeren Poison Ivy-Runs verantwortlich. Ähnlich wie Tom King setzt sich Wilson stark mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander, ohne allerdings in gleicher Weise Fans und Kritiker zu polarisieren. Mittlerweile sind für die US-Ausgabe 49 Comichefte erschienen, wohlgemerkt auf Wunsch der Leser*innen, die sich eine Weiterführung der ursprünglich als Miniserie angelegte Geschichte um die streitbare Pflanzenflüsterin wünschten.

Wilson hatte in den vergangenen Jahren also genügend Zeit und Raum, die Herkunft und die charakterliche Entwicklung Poison Ivys gründlich zu definieren. Die Serie beginnt mit dem Entschluss Ivys, die Menschheit auszurotten, um den Planeten Erde zu retten. Sie tourt durch die Vereinigten Staaten und verbreitet dort giftige Pilzsporen, bis sie angesichts des von ihr selbst angerichteten Grauens von moralischen Skrupeln geplagt wird. Im Verlaufe der Erzählung richtet sie ihre Aktivitäten mehr und mehr gegen ausbeuterische und zerstörerische Konzerne und stellt sich ihren eigenen Dämonen der Vergangenheit – insbesondere des Mannes, der Ivy in ohne deren Einwilligung zu einer menschlichen Pflanze machte, bis sie schließlich wieder von der anfangs aufgeworfenen Frage eingeholt wird und von den Anhängern einer ökoterroristischen Sekte als vermeintliche Heilsbringerin Sekte auserkoren wird: Ist Gewalt zur Verhinderung einer ökologischen Katastrophe legitim, und wenn ja, gegen wen soll sie sich richten: verantwortungslose CEO’s, korrupte Politiker*innen oder doch alle Menschen in ihrer Rolle als mindestens gedankenlosen Konsumenten und Umweltverschmutzern?

© DC Comics, 2022

In G. Willow Wilsons Poison-Ivy-Interpretation verbinden sich die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen politischen Handelns mit ethischen Abwägungen. Darüber hinaus rückt die Autorin ähnlich wie Tom King in Wonder Woman immer wieder das Geschlechterverhältnis in den Blick – sei es in der Frage nach der Ausrichtung des sexuellen Begehrens Ivys, die in einer lesbischen On-Off-Beziehung mit Harley Quinn lebt, sei es in der Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit in Form von gewalttätigen Ex-Partnern oder übergriffigen Chefs. Moderne Held*innen machen also das Politische nicht zur ihrer Privatangelegenheit (wie einstmals Odysseus), sie erkennen das Politische im Privaten und machen es zu einer Angelegenheit aller.


Tom King (Autor), Daniel Sampere, Gulliem March, Bruno Redondo, Khary Randolph (Zeichner): Wonder Woman, Panini Paperback, 2024-

G. Willow Wilson (Autorin), Brian Level, Marcio Takara, Atagun Ilhan, A.L. Kaplan, Kelley Jones, Mike Perkins, David Gianfelice, Mark Buckingham (Zeichner): Poison Ivy, Panini Paperback, 2023- 

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