vonLalon Sander 29.05.2026

Das Daten-Kochbuch

Tools, Skripte, Daten und KI, die beim Journalismus helfen

Mehr über diesen Blog

In „Empire of AI“ beschreibt Technologiejournalistin Karen Hao die materielle Realität hinter dem aktuellen KI-Boom – eine Geschichte technischen Fortschritts, die jedoch auf großangelegter Ausbeutung beruht. Um sogenannte Große Sprachmodelle zu entwickeln und zu betreiben, scrapen Unternehmen riesige Mengen an Texten und Bildern illegal aus dem Internet und stützen sich auf die ausgebeutete Arbeit von Beschäftigten im Globalen Süden, die Daten labeln, filtern und bereinigen sowie die verstörenden Inhalte prüfen, die diese Systeme selbst häufig erzeugen.

Buchcover von Empire of AI mit einem Farbverlauf von Helllila zu Orange. Der Titel „Empire of AI“ steht in großen schwarzen Buchstaben mittig auf dem Cover, darunter der Untertitel „Dreams and Nightmares in Sam Altman’s OpenAI“. Der Name der Autorin Karen Hao erscheint groß im unteren Bereich. Oben steht „New York Times Bestseller“, unten sind mehrere Auszeichnungs- und Empfehlungssiegel abgebildet.Haos Buch folgt weitgehend der Geschichte von OpenAI und Firmenschef Sam Altman, wobei sie anmerkt, dass die Entwicklung anderer großer Sprachmodelle ähnliche Verläufe nahm. Durch OpenAIs Verflechtungen mit Microsoft und Google werden auch die Strategien und Rivalitäten der großen Technologiekonzerne sichtbar. Das Buch schildert, wie die Veröffentlichung von ChatGPT und dessen unerwarteter viraler Erfolg schnell zu einem KI-Wettrüsten eskalierte, das bis heute andauert.

Große Sprachmodelle sind auf eine wachsende industrielle Infrastruktur angewiesen. Riesige Rechenzentren, deren Ausmaße sich nicht mehr sinnvoll in Fußballfeldern oder Universitätscampussen beschreiben lassen, – das Stratos-Datenzentrum in Utah ist beispielsweise mehr als 20.000 Fußballfelder groß  – verbrauchen enorme Mengen Strom und Wasser. Land wird gegen die Interessen der örtlichen Bevölkerung in großem Maßstab gekauft und umgewidmet. Wie in Zeiten kolonialer Ausbeutung werden die ökologischen und sozialen Kosten an Menschen abgewälzt, die weit von jenen Orten leben, an denen die Dienste genutzt werden.

Hao beschreibt die eigentümliche Kultur in den Unternehmen, die diese Systeme entwickeln: eine Mischung aus bemerkenswerter technischer Kompetenz und mittelmäßigem philosophischen Denken. Viele Führungskräfte und Programmierer scheinen auf eine lächerliche und makabre Weise von der Möglichkeit besessen zu sein, eine “Künstliche Allgemeine Intelligenz” zu erschaffen: ein hypothetisches System, das die menschliche Intelligenz in nahezu allen Bereichen übertreffen und die Menschheit vernichten könnte. Ihre Technologie ist zwar von solchen Fähigkeiten noch weit entfernt, doch sie zerstört bereits jetzt das Leben und die Menschenwürde der vielen Menschen, auf deren Kosten sie aufgebaut wird.

Wenn sich Gesellschaft um Technologie neu ordnet

Zusammengenommen ergibt sich ein groteskes Bild: eine Technologie, die zwar leistungsstark und beeindruckend ist, deren Nutzen jedoch im Vergleich zum Ausmaß der verbrauchten Ressourcen gering erscheint. In gewisser Weise ähneln Große Sprachmodelle einer anderen transformativen Technologie: dem Automobil.

Wie KI-Systeme sind Autos technisch beeindruckende Maschinen. Sie erfordern eine enorme Ressourcengewinnung: Öl wird aus dem Boden gepumpt, rund um den Globus transportiert und in Motoren verbrannt – für einen banalen Zweck: Menschen zwischen Zuhause, Arbeit, Schule und Einkauf zu befördern. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte lagen diese Orte nah beieinander und erforderten keine zwei Tonnen schwere, mit fossilem Brennstoff betriebene Maschine, um sie zu erreichen.

Aber das Automobil hat die Gesellschaften um sich herum neu geordnet. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden weite Teile des städtischen Raums in Straßen und Parkplätze verwandelt, Vororte dehnten sich aus, und natürliche Lebensräume wurden durch Autobahnen zerschnitten. Die Kontrolle über Ölreserven prägte die Geopolitik und löst noch heute Kriege aus.

Groß angelegte KI könnte einer ähnlichen Entwicklung folgen. Wenn Wissensproduktion, Kommunikation und kreative Arbeit zunehmend durch proprietäre maschinelle Lernsysteme vermittelt werden, könnten ganze kulturelle Infrastrukturen sich schrittweise um sie herum neu strukturieren. Sprachmodelle könnten beeinflussen, wie Informationen verfasst, gesucht, zusammengefasst und verbreitet werden. Die Gewinnung von Daten, Rechenleistung und Energie könnte zu einer dauerhaften Hintergrundbedingung des kulturellen Lebens werden.

Eine andere KI ist möglich

Aus dieser Perspektive betrachtet lautet die Frage nicht nur, ob KI nützlich ist. Sondern ob ihre gegenwärtige industrielle Form – riesige Modelle, trainiert auf unfassbar großen Datensätzen und betrieben mit ebenso üppigen Ressourcen – die Art und Weise ist, wie solche Systeme existieren sollten.

Hao verweist auf eine andere Möglichkeit. Sie beschreibt die Entwicklung eines lokalen KI-Modells für die Māori-Sprache, das unter Beteiligung von Gemeindeältesten entwickelt wurde, die ihr sprachliches Material einvernehmlich beitrugen. Das System wurde mit einem verhältnismäßig kleinen Datensatz und lediglich zwei GPUs aufgebaut. Das Ziel war nicht die Beherrschung eines globalen Marktes, sondern die Unterstützung, Erhaltung und des alltäglichen Gebrauchs einer lokalen Sprache.

Solche Projekte öffnen die Perspektive auf eine andere Entwicklungsmöglichkeit für KI: kleinere Modelle, trainiert auf sorgfältig kuratierten Daten, entwickelt für bestimmte Gemeinschaften und Zwecke. Derartige Systeme würden weit weniger Infrastruktur benötigen und könnten unter der Kontrolle jener Menschen bleiben, deren Wissen und Sprache sie nutzen.

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/datenkochbuch/ki-frisst-die-welt-karen-hao-empire-of-ai/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert