vonDiasporaOst 11.03.2026

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Träumen, Wünschen und Fürchten Ostdeutschlands / DDR-Sozialisation und Wende-Narrative / Politische Ästhetiken des Ostens

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Maxim Biller und der Verleger Gunnar Cynybulk gehen etwas essen; das lässt uns Biller in seiner aktuellen DIE ZEIT Kolumne „Geteilte Hölle – Warum es bis heute keinen ehrlichen DDR-Roman gibt“ (25.02.2026) wissen. Bei der Einordnung des literarischen Erbes der DDR lassen sich die beiden Herren nur von Crème brûlée und Steaks frites unterbrechen. Während sie sich von der “vietnamesischen Kellnerin” eine Nachspeiße flambieren lassen, unternehmen sie einen Parforceritt durch die Klassiker der (Post-)DDR-Literatur: Jenny Erpenbecks Roman Kairos sei “miefig”, “verklärend”, postprotestantisch” und jene, die ihr den Booker Prize verliehen “ahnungslos” und “dumm”. Die um die Ecke liegende Wohnung des Dichters Thomas Brasch sei “so verwahrlost wie er selbst”, sein Roman Vor den Vätern sterben die Söhne: “[z]ornig, nichts als zornig”.

Die Endgültigkeit dieser und weiterer Urteile erinnert doch sehr an die Herabwürdigungen von Christa Wolfs Werk, das stellvertretend für die gesamte Kulturproduktion der DDR abgehandelt wurde. (Es ist kein Zufall, dass Thomas Brasch es war, der Christa Wolf gegen die eindimensionale Verurteilung als “DDR-Staatsdichterin” gegenüber den BRD-Kollegen verteidigte). Dieser als deutsch-deutscher Literaturstreit markierte Shitstorm aus dem Jahr 1990 nahm seinen Ursprung u. a. in einer Rezension in DIE ZEIT (Nr. 23/1990) am 1. Juni 1990 von Ulrich Greiner:

“Ja, es ist dieser angenehme Christa-Wolf-Sound, diese flaue Unverbindlichkeits-Melodie in der apart formulierten Sprache, es ist diese für Christa Wolf typische Unschärfe-Relation zwischen der wirklichen Welt, die als ferne Ahnung herüberschimmert, und der poetischen Welt ihrer Texte. […] Erkauft durch vorgebliches Nichtwissen, durch sträfliche naives Erstauntsein.”

Billers Kolumne knüpft 36 Jahre später genau hier, in derselben Zeitung, wieder daran an:

“‘Warum gibt es keinen großen, bitteren, hochpoetischen Ost-Roman?’ […] ‘Weil die meisten ostdeutschen Schriftsteller Kommunisten waren, ganz einfach. Und weil sie darum nie unideologisch auf ihre eigene Welt sahen. Sie wollten eine bessere DDR. Keine bessere Literatur.’”

Bis auf Ehrlichkeit verrät Biller kein Kriterium für gute Literatur, außer das: Kommunist:in-Sein, das dürfen die Autor:innen nicht. Der minderwertige Ost-Literatur liegt also, folgen wir Biller, der Versuch, eine andere Welt zu denken, zu Grunde. Sieh mal einer an!

Inwieweit Literatur nun „ehrlich“ sein sollte und kann, bleibt eine der wenigen ernstzunehmenden Fragen, die hier aufgeworfen werden. Das Naheliegendste, wollten wir etwas über das Leben in der DDR erfahren, wäre natürlich, die Literatur der DDR selbst zu lesen. Bücher wie Werner Bräunigs Rummelplatz, Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand oder auch die Kinderliteratur von Benno Pludra zeigen eine soziologische und literarische Struktur aus fein abgestimmten Ambivalenzen. Ob diese Romane mit den von Biller aufgerufenen westdeutschen Maßstäben – Die Blechtrommel und Tauben im Gras – mithalten können, bleibt den Leser:innen selbst überlassen. Günter Grass als Vordenker der literarischen Entnazifizierung anzubringen scheint historisch jedoch – sagen wir mal vorsichtig – schwierig. Die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz der antifaschistischen Lyrik des DDR-Schriftstellers Franz Fühmann, der das Schreiben über die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus immer auch zum Kern seiner Arbeit machte, steht paradigmatisch für die DDR und dem linearen Erzählton des SS-Mitglieds Grass entgegen. Wird Ehrlichkeit als Maßstab für Literatur erhoben, erscheint das Schweigen von Grass zu seiner eigenen Beteiligung an den Kriegsverbrechen der SS – gerade im Kontext seiner meinungsstarken Äußerungen zum Thema – zumindest irritierend. Wenn Grass den Deutschen, so Biller, mit seinem “ehrlichen” Buch also zeige, „was für Schweine die Nazis waren“, klammert Grass sich hier – in der deutschesten aller Traditionen, ehrlich wie er ist – selbst aus.

Es ist mühselig, sich in Debatten über die DDR immer wieder in die Nesselgrube der Identitätspolitik zu begeben. Doch: Cynybulk und Biller, die die DDR bzw. ČSSR beide als Teenager verließen, scheinen sich in der Rolle, eigentlich subjektive Maßstäbe von Ehrlichkeit und Wahrheit zu allgemeingültigen Universalien zu erklären, überaus wohlzufühlen. Im Format von Ilko-Sascha Kowalczuk – „Doch erinnere ich mich offenbar anders“ (1) – wird die eigene Erinnerung und Einschätzung zum Gradmesser für eine ganze Literaturepoche.

Die Einordnung der Literatur in “klein”, “hochpoetisch”, “dumm” oder “ikonisch” ist hier nicht unbedingt an Argumentation gebunden. Ein Urteil wird gefällt, weil Mann es kann; weil diesem blasierten Sprechen immer wieder eine Bühne bereitet wird. Universelle Maskulinisierung oder Fetischcharakter der Ware in BRD-Dandy-Stil: sucht es euch aus.
Es drängt sich der Verdacht auf: Diese Wahrheit haben wir schon einmal gehört. Simplifizierte Dichotomien wie Stasi–Opposition,Täter–Opfer usw. bleiben zwar höchst populär und erheben noch immer den Anspruch, die Wahrheit abzubilden, doch solche Kioskprosa ist weit davon entfernt, die gesellschaftliche Realität der (Post-)DDR zu erzählen.
Verlassen wir die Linearität und Eindeutigkeit jener Dichter:innen im Dienst der westdeutschen Sache, so zeigt sich ein modernes Erzählen über die DDR und die Realitäten Ostdeutschlands als eines, das die Löcher, Brüche und Widersprüche, die sich aus der spezifischen Melange aus Träumen, Scheitern und Verlieren ergeben, in sich einfängt. Ehrlichkeit als literarischer Anspruch – und damit den Vorwurf der Unwahrheit den anderen gegenüber – können letztlich nur jene erheben, die die Geschichte der Sieger schreiben: in den Zeitungen und Verlagshäusern.

“Überhaupt gefallen mir Sätze mit ‘aber’, sie lassen sich schwerlich zu Lehr-Sätzen erhärten; Literatur, die nicht Sprüche klopft, sondern Widersprüche hervortreibt […].” (2)

Was für Christa Wolf gilt, ist auch für Thomas Brasch wahr: Ehrlich ist nur das Aber, die Affirmation des Widerspruchs: “wo ich bin will ich nicht bleiben, aber / […] bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
Die Wahrheit, von der die Literatur Braschs, Wolfs, Fühmanns, Reimanns, Morgners usw. erzählt ist und bleibt umkämpft und nicht zuletzt widersprüchlich. Das ist vielleicht eine Form der Ehrlichkeit, welche jene nicht erfassen können, die das literarische Erbe der DDR nur rezipieren, um es abermals zu verlachen.

All der offensichtlichen antisozialistischen Beißreflexe zum Trotz, muss die Emphase, die von Greiner bis Biller immer wieder aufgewendet wird, um die Literatur der DDR als Ganzes zu diskreditieren, nicht verwundern. Texte wie Franziska Linkerhand und Rummelplatz stehen exemplarisch für eine Literatur, die die eigene Normalität ausleuchtet und die eigenen Wünsche und Enttäuschungen darin ausmisst. Wenn die DDR, der Lebensalltag in ihr und die Literatur als dialektische Entsprechung
jedoch immer nur als diktatorischer Ausnahmezustand gelesen wird, muss einem notwendig die Qualität dieser Prosa verborgen bleiben. Wer das Leben hier einzig als eine Perlenkette aus Stasi, Mauer, Diktatur und Mangelwirtschaft verstehen will, weigert sich zwangsläufig, die Erzählungen des Alltags (ob dieser „wahrheitsgetreu“ dargestellt ist oder nicht) anzuerkennen. Wer dem Sozialismus der DDR keine keine Normalität zugesteht, für wen das Leben hier immer nur die sich verstetigte Krise ist, kann die literarische Verhandlung von Leben mit allen Widersprüchen und Ambivalenzen nicht erfassen. Für Biller und Cynybulk kann es “in einer unfreien Welt nur unfreie Bücher geben.”

In dieser engagierten Abwertung der DDR-Literatur drückt sich nicht nur der Versuch aus, eine sozialistische Normalität der DDR, in der es mehr als nur Unfreiheit gab, zu unterminieren. Diese Art ideologischer Scheuklappen verhindern es, Literatur überhaupt zu erfassen. Es ist nicht notwendig, Sozialist:in zu sein, um Werner Bräuning zu lesen, die Fähigkeit, ein anderes Leben als das eigene zu denken, jedoch schon.

 


(1) Kowalcuk, Ilko-Sascha: “Uwe Johnsons Kinder“, in: Gneuß, Charlotte (Hg.); Neue Rundschau – Diktatur und Utopie. Wie erzählen wir die DDR?, Frankfurt am Main 2024, S.55.
(2) Wolf, Christa: “Ein Satz“, in: Wolf, Christa: Lesen und Schreiben, Luchterhand, Darmstadt 1983, S. 103.

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