https://blogs.taz.de/drogerie/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-31-um-08.26.47.png

von 03.06.2014

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

Mehr über diesen Blog

Der Chemiker Alexander Shulgin, der Millionen von Menschen magische Momente beschert hat, ist mit 88 Jahren am 2.Juni 2014 verstorben. Viele, die noch nie seinen Namen gehört habe, sind dennoch mit ihm verbunden, denn er hat hunderte psychoaktiver Substanzen synthetisiert, die es vorher nicht gab. MDMA, auch bekannt als Ecstasy, gehört nicht zu seinen Erfindungen, doch Shulgin war an der weltweiten Verbreitung maßgeblich beteiligt.

shulgin-280x300

Shulgin wurde 1925 in Kalifornien geboren. Er studiert Chemie in Harvard und ging  zur Navy, bevor er eine Stelle bei Dow Chemicals antrat. In den späten 1950ern nahm zum ersten Mal Meskalin und gelangte zu der Überzeugung, dass das gesamte Universum in einem selbst enthalten ist und bestimmte Chemikalien dieses Wissen verfügbar machen können, dass Drogen genannte Substanzen einen Zugang zu einer Welt bieten, die tatsächlich in einem selber liegt.
Für Dow Chemical entwickelte er das erste biologisch abbaubare Pestizid, was der Firma viel Geld und ihm eine Sonderstellung einbrachte: man stellte ihm frei zu forschen, wonach er wollte. So begann er systematisch neue Moleküle zu synthetisieren, die er aufgrund ihrer Struktur für psychoaktiv hielt und testete sie zunächst an sich selbst.
Unter anderem fand er einen neuen Syntheseweg für MDMA, das zwar schon 1912 von der deutschen Frima Merck patentiert, aber nicht weiter erforscht worden war. Über Shulgin verbreitete sich Ende 1970er Jahre MDMA in den USA vor allem unter Psychologen, die von dem therapeutischen Potential der Droge begeistert waren.
Auch andere Forschungsresultate Shulgins  waren einer begrenzten Anzahl von Menschen bekannt. Da Dow Chemical aufgrund der Natur seiner Forschungen nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden wollte, richtete er sich ein privates Labor ein.
Ende der 1980er Jahre verbreitete sich MDMA in den Clubs und Diskos nahezu aller Kontinente, 1985 empfahl die Weltgesundheitsorganisation es zu verbieten, doch MDMA  bleibt bis auf kurze Perioden der Dürre weithin auf dem Schwarzmarkt erhältich. Die Wirkung die MDMA in den 90ern auf bestimmte Bereiche der Jugend-, und Subkultur und auf die damit verbundene elektronische Musik gehabt hat, ist vergleichbar mit der Rolle des LSD etwa drei Jahrzehnte zuvor.
1991 veröffentlichte Shulgin mit „PIHKAL: A chemical love story“ ein Buch, das nicht nur seine fiktionalisierte Lebensgeschichte erzählt, sondern auch die Wirkungen von über 200 Drogen beschrieb, die er entdeckt oder wiederentdeckt hatte. Ein Buch voller Erfahrungsberichten und Syntheseanleitungen, mit denen man ohne Chemiekenntnisse aber kaum etwas anfangen kann. 1997 kam der Nachfolger TIKHAL auf den Markt.
1999 wurden Syntheseanleitungen aus beiden Büchern auf erowid.org online gestellt, um diese Informationen über psychedelischen Substanzen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wie Shulgin sagte.
Bald darauf begannen einige Webseiten diese Substanzen anzubieten, die von der Gesetzgebung noch nicht erfasst wurden und unter Zahlen-Buchstaben Kombinationen bekannt waren, wie zum Beispiel 2c-t-7 oder 4-HO-MET.
Das waren die Anfänge einer Szene, die ab ungefähr 2008 in den Mainstream schwappte und zu der heutigen Situation geführt hat, in der es mittlerweile mehr psychoaktive Substanzen gibt, die noch nicht von der Gesetzgebung erfasst werden, als solche, die verboten sind. Nicht alle diese Substanzen wurden Shulgin synthetisiert, doch er war der erste, der sich der systematischen Erforschung verschrieben hatte.
Er arbeitete als freier Chemiker, weil er nicht von Forschungsgelder oder den Interesen der Pharmaindustire abhängig sein wollte. Was ihn trieb war Neugier und Forschergeist, er wollte Werkzeuge zur Erforschung des menschlichen Geistes zur Verfügung stellen und überließ es anderen das therapeutische Potential dieser Werkzeuge auszuschöpfen.
Fast fünf Jahrzehnte lang erfand er immer neue Moleküle, fasziniert davon, dass manchmal eine mikrogrammkleine Menge so eine massive Veränderung in der Wahrnehmung bewirken konnte.
Er hat als erster Gebiete treten, deren Existenz wir vor seinen Erfindungen noch nicht mal ahnten, er hat Substanzen entwickelt, die sie nur auf die auditive Wahrnehmung auswirken, Substanzen, die vergessen geglaubte Erinnerungen an die Oberfläche bringen, Substanzen, die einen tief in die eigene Gefühlswelt hineinführen, Substanzen mit euphorischem und therapeutischen Potential.  Während Hofmann Name für immer mit dem LSD verbunden bleiben wird, steht Shulgins Name für einen Forschergeist, der sich nicht an einer einzelnen Substanz festmachen lässt. Shulgin hat die Wege, die er beschritten hat, selber erfunden und sein Leben einer Sache gewidmet, die größer war als er. Die Möglichkeiten des menschlichen Geistes sind immens, doch die Zahl derer, die sie ohne Fremdbestimmung erforschen wollen und können, ist gering.
Man weiß, dass psychedelische Substanzen die Angst vor dem Tod nehmen können. Es heißt Shulgin sei ohne Schmerzen und Angst hinübergegangen. Wie viele andere verneige ich mich in Dankbarkeit und wünsche friedvolle Ruhe.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/drogerie/2014/06/03/magie-kann-man-erfinden/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • A magic man! Peace be with him!

    Schade nur, dass die meisten Konsumenten psychoaktive Substanzen in ihrer Pubertät nehmen, oder kurz danach. Dazu zumeist noch in Kombination mit allen möglichen anderen Drogen oder Alk (und auf jeden Fall in Kombination mit einer gesunden „hormonellen Überdosis“). Die wenigsten sind wohl schon so emotinal stabil, dass sie diese Erkenntnisse in Ruhe in ihr Leben einordnen können, statt dessen wird gleich der nächste Flash (Kick) gesucht. Ich denke 70+ ist wohl das passende Alter für solche Experimente, wenn man ein gutes Herz besitzt. Man ist näher dran am Himmel, hat die Ruhe weg und kann die Verantwortung tragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.