vonHans Cousto 03.07.2016

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Als Prohibition bezeichnet man im Allgemeinen das Verbot bestimmter Drogen. Mittels Prohibition soll die Bevölkerung vor negativen Wirkungen von verbotenen Substanzen geschützt werden. Die Prohibition kann religiös, politisch, wirtschaftlich oder aus gesundheitlicher Fürsorge motiviert sein. Die Verbote sollen durch eine lückenlose bürokratische Überwachung und Planung des Anbaus, Handels und des Gebrauchs psychotrop wirkender Substanzen zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken durchgesetzt werden. Jenseits dieses engen Rahmens wird jeder Umgang mit diesen Substanzen als kriminelle Handlung verfolgt. Die Verfechter der Prohibition nennt man Prohibitionisten. Die Folgen der an Prohibition orientierten Drogenpolitik sind verheerend und führten zu einem weltweit geführten „Krieg gegen Drogen“ (War on Drugs) mit Hunderttausenden von Toten. Seit 2006 sind alleine in Mexiko über 100.000 Opfer in Folge des „War on Drugs“ zu beklagen.

Wie den „Drug War Statistics“ der Drug Policy Alliance zu entnehmen ist, geben alleine die USA derzeit jährlich mehr als 50 Milliarden US-Dollar für den „War on Drugs“ aus. Sowohl in den USA selbst als auch weltweit wird mit diesem Geld im militärischen Sinne  für den „War on Drugs“ (Militarization of the War on Drugs) aufgerüstet. Auch Deutschland zählt zu den wichtigen Finanziers des internationalen „War on Drugs“. Genaue Zahlen bezüglich der Kosten des „War on Drugs“ werden weder von der Bundesregierung noch von der Suchtstoffkomission der Vereinten Nationen (CND) oder dem Suchtstoffkontrollrat (INCB) oder dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) bekannt gegeben. Die Kriegskasse ist offenbar eine Geheimsache. Keine Geheimsache hingegen ist die Erfolgslosigkeit des „War on Drugs“ respektive sein Scheitern. Dies geht aus dem unlängst veröfffentlichten „World Drug Report 2016“ des UNODC hervor.

Steigende Konsumentenzahl

Das Ziel der Prohibitionisten, die Nachfrage nach psychotrop wirkenden Substanzen zu reduzieren respektive die Zahl der Konsumenten dieser Substanzen zu mindern ist gescheitert. Die Zahl der Konsumenten ist in den letzten Jahren gestiegen. Im Zeitraum von 2006 bis 2014 stieg die vom UNODC geschätzte Zahl der Konsumenten um 18,75 Prozent.
Abbildung 1 zeigt die vom UNODC geschätzten Zahlen der Drogenkonsumenten für die Jahre 2006 bis 2014. Quelle: World Drug Report 2016, S. XI.Abbildung 1 zeigt die vom UNODC geschätzten Zahlen der Drogenkonsumenten für die Jahre 2006 bis 2014. Die Zahlen beziehen sich auf die Jahresprävalenz bei den Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Mehr als jede zwanzigste Person in dieser Altersgruppe (5,2 Prozent) hat in den letzten Jahren illegalisierte Drogen konsumiert. Quelle: World Drug Report 2016, S. XI.

Immer mehr beschlagnahmte Drogen

Im Jahr 1998 wurde auf einer Sondersitzung der Vereinten Nationen (UNGASS 1998) die Ausrottung oder zumindest die signifikante Reduzierung (eliminating or significantly reducing) des Drogenanbaus und des Drogenhandels beschlossen. In der Folge wurde der „War on Drugs“ weltweit ausgeweitet und es wurden immer mehr Drogen beschlagnahmt. Die beschlagnahmten Mengen an Cannabis, Kokain und Opiaten haben sich seitdem nahezu verdoppelt, bei den Stimulanzien (Amphetaminen) stieg die Menge sogar um nahezu das Achtfache. Dieser Versuch einer Angebotsreduzierung führte jedoch nicht zu einer Verringerung der Anzahl der Konsumenten.
Abbildung 2 zeigt die relative Zunahme der Mengen an beschlagnahmten Drogen im Verglich zu 1998. Quelle: World Drug Report 2016, S. 23.Abbildung 2 zeigt die relative Zunahme der Mengen an beschlagnahmten Drogen im Vergleich zu 1998, dem Jahr, in dem auf der UNGASS die Ausrottung oder zumindest die signifikante Reduzierung des Drogenangebots beschlossen wurde. Auffällig ist die extreme Zunahme bei den Stimulanzien. Quelle: World Drug Report 2016, S. 23.

Im Knast wegen Drogen

Weltweit sitzen Millionen von Menschen in Gefängnissen. Etwa jeder fünfte Insasse ist wegen eines Drogendeliktes im Gefängnis. In einigen Staaten werden jedes Jahr auch hunderte von (mutmaßlichen) Drogenhändlern hingerichtet. Diese drastischen Maßnahmen führten jedoch nicht zu einer Reduzierung des Drogengebrauchs, der weltweit zugenommen hat.

Viele Gefängnisinsassen, die wegen Drogendelikten verurteilt wurden, haben sich nur des Besitzes von Drogen zum eigenem Konsum „schuldig“ gemacht und haben somit im Gegensatz zu Mördern, Gewaltverbrechern und Dieben keinem anderen Menschen einen Schaden zugefügt. Den größten Schaden für die Allgemeinheit haben vermutlich kurrupte Politiker, Geldwäscher und kriminelle Bankiers (Banksters) und andere Betrüger in der Finanzbranche verursacht. Ihr Anteil an den Insassen in Gefängnissen ist jedoch erstaunlich gering.
Abbildung 3 zeigt die relative Häufigkeit verschiedener Delikte als Grund für eine Strafgefangenschaft in verschiedenen Kontinenten. Quelle: World Drug Report 2016, S. XX.Abbildung 3 zeigt die relative Häufigkeit verschiedener Delikte als Grund für eine Strafgefangenschaft in verschiedenen Kontinenten. Die Angaben beziehen sich jeweils auf 100.000 Einwohner. Quelle: World Drug Report 2016, S. XX.

Die Delikte – Englisch-Deutsch:
Intentional homicide = Mord
Other violent offences = Andere Gewaltverbrechen
Property offences = Eigentumsdelikte
Financial crimes or corruption = Finanzdelikte und Korruption
Drug-related offences = Drogendelikte
Other offences/not known = Andere Delikte/nicht bekannt

Zunehmender Anbau von Schlafmohn

Im Jahr 1998 wurden gemäß Schätzung des UNODC auf 240.000 Hektar (1 Quadratkilometer = 100 Hektar) Schlafmohn angebaut. In den letzten drei Jahren waren es jeweils mehr als 280.000 Hektar, im Jahr 2014 sogar mehr als 300.000 Hektar. Eine Reduzierung der Anbaufläche konnte beim Schlafmohn nicht erzielt werden. Die Anbauflächen betreffend des Kokastrauches konnten seit 1998 um mehr als 30 Prozent reduziert werden, von geschätzten 190.000 Hektar auf 130.000 Hektar. Aufgrund von besseren Anbau- und Verarbeitungsmethoden wurden jedoch im Jahr 2014 etwa gleich viel Kokain produziert wie im Jahr 1998 – etwa 950 Tonnen.
Abbildung 4 zeigt die Zunahme der Anbaufläche für Schlafmohn und die Reduzierung der Anbaufläche für Kokasträucher als Zeitreihe seit 1998. Quelle: World Drug Report 2016, S. 21.Abbildung 4 zeigt die Zunahme der Anbaufläche für Schlafmohn und die Reduzierung der Anbaufläche für Kokasträucher als Zeitreihe seit 1998. Quelle: World Drug Report 2016, S. 21.

Expandierender Markt mit Opiaten

Aus Schlafmohn wird Opium gewonnen und daraus wird oft Morphium und Heroin hergestellt. Aus zehn Kilogramm Opium kann man etwa ein Kilogramm Morphium oder Heroin herstellen. Trotz Vernichtung von Mohnfelder und der Beschlagnahmung von Opiaten durch die Polizei haben die Mengen der auf dem Schwarzmarkt verfügbaren Opiate seit 1998 massiv (+30 Prozent) zugenommen, von etwa 3.500 Tonnen Opium respektive dessen Derivate auf etwa 4.500 Tonnen. Die Angabe bezieht sich als Äquivalenzrelation diverser Opiate zum Rohopium.

In einem Bericht des INCB (S. 107) aus dem Jahr 2015 wird festgestellt, dass etwa 92 Prozent des weltweit medizinisch verwendeten Morphiums in Ländern verbraucht wird, in denen nur 17 Prozent der Weltbevölkerung leben. Dies sind die USA, Kanada, Australien, Neu Seeland und die Länder in Westeuropa. Etwa 5,5 Milliarden Menschen, die vornehmlich in sogenannten Entwicklungsländern leben, haben nur einen sehr begrenzten oder gar keinen Zugang zu wirksamen Schmerzmitteln. Vor diesem Hintergrund ist es völlig unverständlich, dass mit Steuergeldern jedes Jahr Zehntausende von Hektaren an Mohnfeldern vernichtet werden, da man aus der vernichteten Ernte große Mengen an Morphium hätte herstellen können, um so dem Leiden von Patienten in den benachteiligten Ländern entgegen zu wirken. Im Jahr 2014 wurden weltweit gemäß World Drug Report über 44.000 Hektar Mohnfelder vernichtet.
Abbildung 5 zeigt die auf dem Schwarzmarkt verfügbare Menge an Opiaten als Zeitreihe seit 1998. Quelle: World Drug Report 2016, S. 34.Abbildung 5 zeigt die auf dem Schwarzmarkt verfügbare Menge an Opiaten als Zeitreihe seit 1998. Die Angaben beziehen sich als Äquivalenzrelation diverser Opiate zum Rohopium. Quelle: World Drug Report 2016, S. 34. Die blaue Fläche zeigt die geschätzte verfügbare Menge an Opiaten auf dem Schwarzmarkt nach Abszug der beschlagnahmten Mengen. Die rote Linie zeigt den jährlich geschätzten Verbrauch und die gestrichelte schwarze Linie zeigt den langfristigen Trend an. Diese gestrichelte Linie offenbart deutlich, dass das Ziel einer Verringerung der Verfügbarkeit von Opiaten auf dem Schwarzmarkt, das sich die UNO auf der UNGASS 1998 gesteckt hat, absolut utopisch war. Zudem zeigt diese gestrichelte Linie, dass die im „War on Drugs“ eingesetzten Mittel untauglich sind.

Stabilder Kokainmarkt

Wie schon erwähnt, konnten die Anbauflächen betreffend des Kokastrauches seit 1998 um mehr als 30 Prozent reduziert werden, von geschätzten 190.000 Hektar auf 130.000 Hektar. Aufgrund von besseren Anbau- und Verarbeitungsmethoden wurden jedoch im Jahr 2014 etwa gleich viel Kokain produziert wie im Jahr 1998 – etwa 950 Tonnen. Von denen wurden weltweit etwa 400 Tonnen im Jahr 2014 beschlagnahmt, so dass etwa 550 Tonnen bei den Konsumenten angekommen sind. Die enormen Mengen, die beschlagnahmt wurden, haben jedoch nicht zu einer Verschlechterung der am Markt angebotenen Qualitäten geführt. Der durchschnittliche Kokaingehalt (Reinheit des Stoffes) hat sich in den letzten Jahren merklich verbessert. In der Schweiz stiegt dieser von 41,7 Prozent im Jahr 2009 auf 71,7 Prozent im Jahr 2015, wie der Abbildung 7 entnommen werden kann. In Deutschland stieg dieser im Straßenhandel gemäß „Reitox Jahresbericht für Deutschland 2015 – Workbook Drogenmärkte und Kriminalität“ (S. 23) von 24,6 Prozent im Jahr 2006 auf 70,6 Prozent im Jahr 2014.
Abbildung 6 zeigt die Mengen des jährlich produzierten Kokains und die jährlich beschlagnahmten Mengen. Quelle: World Drug Report 2016, S. 40.Abbildung 6 zeigt die Mengen des jährlich produzierten Kokains und die jährlich beschlagnahmten Mengen. Quelle: World Drug Report 2016, S. 40.
Abbildung 2 zeigt Kokainproben gruppiert nach dem Kokain-HCL-Gehalt von 2007 bis 2015 in der Schweiz. Grafik: DIZ/saferparty, Zürich
Abbildung 7 zeigt Kokainproben gruppiert nach dem Kokain-HCl-Gehalt von 2007 bis 2015 in der Schweiz. Grafik: DIZ/saferparty, Zürich

Amphetamine und Ecstasy im Trend

Derzeit wird der Markt mit Amphetamin, Methamphetamin, Ecstasy und anderen Stimulanzien geradezu überschwemmt. So stiegen die beschlagnahmten Mengen dieser Stoffe von 2009 bis 2014 um mehr als 140 Prozent. Im Jahr 2014 wurden etwa 108 Tonnen Methamphetamin, 46 Tonnen Amphetamin, 9 Tonnen Ecstasy sowie 9 Tonnen von anderen Amphetaminderivaten beschlagnahmt. Trotzdem stieg der durchschnittliche Gehalt an Wirkstoff in Ecstasypillen von 2007 bis 2015 in der Schweiz um über 70 Prozent und in Deutschland von 2007 bis 2014 um knapp 70 Prozent, wobei die Preise nahezu unverändert geblieben sind. Trotz aller Maßnahmen von Polizei und Zoll zeigt sich der Ecstasymarkt sehr robust. Eine Angebotsreduzierung – Ziel dieser Maßnahmen – ist offensichtlich nicht eingetreten.
Abbildung 8 zeigt die weltweit beschlagnahmten Mengen von Amphetamin, Methamphetamin, Ecstasy und anderen Amphetaminderivaten als Zeitreihe von 2009 bis 2014. Quelle: World Drug Report 2016, S. 53.Abbildung 8 zeigt die weltweit beschlagnahmten Mengen von Amphetamin, Methamphetamin, Ecstasy und anderen Amphetaminderivaten als Zeitreihe von 2009 bis 2014. Quelle: World Drug Report 2016, S. 53.
Abbildung 9 zeigt die beschlagnahmten Mengen von Methamphetamin nach Kontinenten aufgegliedert als Zeitreihe von 2009 bis 2014. Quelle: World Drug Report 2016, S. 53.Abbildung 9 zeigt die beschlagnahmten Mengen von Methamphetamin nach Kontinenten aufgegliedert als Zeitreihe von 2009 bis 2014. Quelle: World Drug Report 2016, S. 53.

Fazit
Die Daten im „World Drug Report 2016“ zeigen, dass der „War on Drugs“ seinen Zweck nicht erfüllt und als gescheitert bezeichnet werden muss. Es handelt sich hier um eine reine Geldverschwendung. Zudem fördert der „War on Drugs“ die Korruption, die Bandenkriminalität und destabilisiert das Gefüge ganzer Länder. Gefördert wird der „War on Drugs“ von Firmen die daran verdienen und deren Lobbyisten im Umfeld der Parlamentarier in Washington, Brüssel, Berlin und vielen anderen Hauptstädten der Welt. Bemerkenswert hierbei ist, dass genau die Parteien, die den meisten Lobbyisten einen Zugang zu den Parlamentsgebäuden verhelfen und sich am stärksten gegen ein offentliches Register aller Lobbyisten im Parlament wehren, genau die Parteien sind, die diese verfehlte prohibitive Drogenpolitik am stärksten unterstützen. In Deutschland sind das vornehmlich die CDU und die CSU.

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https://blogs.taz.de/drogerie/2016/07/03/das-milliardengrab-der-prohibitionisten/

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kommentare

  • Sehr guter und umfangreicher Beitrag. Ich kann dem Fazit nur zustimmen und bin davon überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren viel verändern wird. Die Legalisierung von Cannabis für Medizinische Zwecke wird wohl den Anfang machen.

  • UN-Drogenbericht ignoriert Todesstrafe für Drogendelikte

    Das UN-Büro für Drogen und Kriminalität (UNODC) hat in seinem neuen Bericht versäumt, die globale Problematik der Todesstrafe für Drogendelikte zu erwähnen, trotz des akuten Anstiegs der Hinrichtungen von Straftätern, die ihre Urteile für Drogenvergehen erhalten haben. So wies der am 23. Juni veröffentlichte 174 Seiten starke Weltdrogenreport des UNODC zwar auf die weltweit steigende Zahl der Menschen hin, die Drogen konsumieren, und auf die Zahl der Drogentoten. Allerdings wurden die Todesurteile und Hinrichtungen aufgrund von Drogendelikten in Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien und Pakistan ausgespart, obwohl z.B. im Iran im vergangenen Jahr laut Amnesty International fast 1000 Todesurteile vollstreckt wurden, etwa zwei Drittel davon wegen Drogendelikten. Maya Foya von der englischen Menschenrechtsorganisation Reprieve kritisiert scharf die Einseitigkeit des Berichts und sieht die Ursache dafür in der Tatsache, dass die Vereinten Nationen Gelder für Drogenhilfsprogramme zur Verfügung stellen. Foya fordert von der UN, die Unterstützungen von Anti-Drogenkampagnen für die Länder einzustellen, die das Drogenproblem mit Hinrichtungen zu lösen versuchen, weil darin ein klarer Missbrauch der Hilfen im Kampf gegen die Drogen zu sehen ist.

    Quelle:
    http://www.ekklesia.co.uk/node/23207

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