vonHans Cousto 04.11.2018

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Die USA haben 328 Millionen Einwohner und im Jahr 2017 gab es in den USA 72.300 „Drogentote„. Das sind 220,4 „Drogentote“ pro Million Einwohner. Deutschland hat 82 Millionen Einwohner und im Jahr 2017 gab es in Deutschland 1.272 „Drogentote„. Das sind 15,5 „Drogentote“ pro Million Einwohner. In den USA ist die Häufigkeit des Auftretens eines „Drogentodes“ mehr als 14 Mal so groß wie in Deutschland. Eine der Ursachen ist das zu häufige fahrlässige verschreiben des Schmerzmittels OxyContin der Firma Purdue Pharma.

OxyContin

OxyContin ist der Markenname der Firma Purdue Pharma des Opioids Oxycodon. Oxycodon ist ein semisynthetisches Opioid, das aus dem in Mohnpflanzen enthaltenen Thebain hergestellt wird. Oxycodon wurde 1916 von Martin Freund und Edmund Speyer an der Universität Frankfurt am Main entwickelt und ein Jahr später von Merck in Darmstadt unter dem Namen Eukodal (Oxycodon-HCl) als schmerz- und hustenstillendes Mittel auf den Markt gebracht. Seit 1919 wurde es als Analgetikum therapeutisch genutzt. Eukodal war bis 1990 in Deutschland im Handel und wurde wegen des sehr hohen Sucht- und Missbrauchspotentials vom Markt genommen. Seit 1998 ist Oxycodon-HCl unter dem Markennamen Oxygesic als Retardtabletten in Deutschland wieder im Handel, kann jedoch nur auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden.

Eine Pause in der Verfügbarkeit von Oxycodon wie in Deutschland hat es in den USA nicht gegeben. Derzeit ist in den USA das 1996 eingeführte OxyContin als Oxycodon-Monopräparat das bekannteste Opiod, das von Ärzten verschrieben wird. Im Jahr 1996 betrug der Umsatz mit OxyContin 48 Millionen Dollar, im Jahr 2000 waren es bereits 1,1 Milliarden Dollar, in den folgenden Jahren pendelte sich der Umsatz auf 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr ein.

Am 10. Mai 2007 bekannte sich das Unternehmen Purdue Pharma schuldig, die Öffentlichkeit über das Abhängigkeitsrisiko von OxyContin in die Irre geführt zu haben, und stimmte der Zahlung von 600 Millionen US-Dollar zu. Der Präsident des Unternehmens Michael Friedman, der Top-Anwalt Howard R. Udell und der ehemalige Chief Medical Officer Paul D. Goldenheim erklärten sich schuldig und stimmten der Zahlung von Geldstrafen in Höhe von insgesamt 34,5 Millionen US-Dollar zu (Friedman 19 Mio. USD, Udell 8 Mio. USD und Goldenheim 7,5 Mio. USD). Außerdem wurden drei leitende Angestellte wegen eines Verbrechens angeklagt und zu 400 Stunden Zivildienst in Drogenbehandlungsprogrammen verurteilt.

Die US-Regierung verpasste die Gelegenheit, den Verkauf des Medikaments einzudämmen, welches die Opioid-Epidemie in Gang setzte. Purdue Pharma stellte Rudolph Giuliani, den ehemaligen New Yorker Bürgermeister und jetzt Anwalt von Donald Trump, ein, um entsprechende Einschränkungen abzuwehren. Während Giuliani die strafrechtliche Verurteilung wegen Purdues in die Irre führenden Behauptungen bezüglich der Sicherheit und Wirksamkeit von OxyContin nicht verhindern konnte, gelang es ihm, eine Vereinbarung zu treffen, die die weitere Verfolgung des Pharmaunternehmens stark einschränkte und seine leitenden Angestellten aus dem Gefängnis fernhielt.

Nach seiner Markteinführung im Jahr 1995 wurde OxyContin als medizinischer Durchbruch gefeiert als ein lang anhaltendes Narkotikum, das Patienten mit mäßigen bis starken Schmerzen helfen kann. Die Droge wurde zum Blockbuster und soll für Purdue einen Umsatz von mehr als 30 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet haben. OxyContin gilt jedoch auch als Einstiegsdroge in die Opioidkrise in den USA. Mehrere Hunderttausend Menschen sind in den letzten Jahren an Überdosierungen mit Opiaten respektive mit Opioiden gestorben. Allein im letzten Jahr waren von den 72.300 „Drogentoten“ in den USA über 49.000 ursächlich durch Überdosierungen mit Opiaten und/oder Opioide bedingt.

 

Die Abbildung zeigt als Zeitreihe von 1999 bis 2017 die Zahl der Drogentoten insgesamt sowie der Todesfälle durch Opioide in den USA. Datenquelle: National Institute on Drug Abuse.
Die Abbildung zeigt als Zeitreihe von 1999 bis 2017 die Zahl der Drogentoten insgesamt sowie der Todesfälle durch Opioide in den USA. Datenquelle: National Institute on Drug Abuse.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass 1999 etwa jeder zweite „Drogentote“ an einer Überdosierung mit Opioiden gestorben ist, im Jahr 2017 waren es jedoch zwei Drittel.

Purdue Pharma und die Familie Sackler

Purdue Pharma ist ein in Privatbesitz befindliches Unternehmen, das 1892 von den Ärzten John Purdue Gray und George Frederick Bingham in Manhattan als Purdue Frederick Company gegründet wurde. Im Jahr 1952 wurde das Unternehmen an zwei andere Ärzte (Fachärzte für Psychiatrie), Raymond und Mortimer Sackler, verkauft, die das Geschäft nach Yonkers, New York, verlegten. Ihr älterer Bruder Arthur Sackler hatte auch eine ein Drittel Option in Purdue Pharma, die nach seinem Tod an seine Brüder verkauft wurde. In den folgenden Jahren eröffnete das Unternehmen weitere Büros in New Jersey und Connecticut. Der Hauptsitz befindet sich in Stamford, Connecticut. Purdue Pharma stellt heute vorwiegend Schmerzmittel wie Hydromorphon, Oxycodon, Fentanyl, Codein und Hydrocodon her.

Arthur Sackler (seit 1997 gelistet in der Medical Advertising Hall of Fame) verhalf dem Pharmaunternehmen Pfizer dazu, mit innovativen, präzisen Werbemaßnahmen und Werbeaktionen zu einem wichtigen Anbieter verschreibungspflichtiger Medikamente zu werden. Arthur Sackler veröffentlichte über 140 wissenschaftliche Artikel über Neuroendokrinologie, Psychiatrie und experimentelle Medizin. Seine Erfahrung in diesen Bereichen ermöglichte es ihm, verschiedene Indikationen für Librium und Valium (Hoffmann-La Roche) zu positionieren. Dementsprechend wurde Valium das erste Medikament, dessen Umsatz die Schranke von 100 Millionen US-Dollar pro Jahr übertraf, eine damals erstaunliche Verkaufszahl. 1960 gründete er die Medical Tribune in New York, eine Fachzeitschrift für Ärzte, die mit der Zeit zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Publikation wurde, die wöchentlich über eine Million Ärzte in 20 Ländern erreichte.

Während des Koreakrieges war Mortimer Sackler Armeepsychiater in Denver, Colorado, bevor er zu seinen Brüdern Arthur und Raymond, beide frisch diplomierte Ärzte, im Creedmoor Psychiatric Hospital in New York City wechselte. Die drei wurden zu einer treibenden Kraft in der Abteilung für Forschung und klinische Ambulanz bei Creedmore, die dann zum Creedmore Institute for Psychobiologic Studies wurde. In den 1950er Jahren untersuchten die Brüder in bahnbrechender Weise, wie sich Veränderungen der Körperfunktion auf psychische Erkrankungen auswirken können. 1974 verzichtete er auf seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft und lebte anschließend in England und in den Schweizer Alpen. Mortimer Sackler starb im Alter von 93 Jahren in Gstaad im Berner Oberland in der Schweiz.

Raymond Sackler wurde 1920 in Brooklyn, New York, geboren. Er erhielt eine Ausbildung an der Erasmus High School und besuchte die New York University, an der er 1938 einen Bachelor-Abschluss erhielt. Aufgrund jüdischer Quoten, die von den großen amerikanischen Medizinschulen in dieser Zeit auferlegt wurden, setzte er seine medizinische Ausbildung am Anderson College of Medicine in Glasgow in Schottland fort.

Die Brüder Sackler respektive ihre Erben sind Eigentümer von Purdue Pharma in den Vereinigten Staaten und Kanada sowie des Pharmakonzerns Mundipharma mit Fabriken in Europa, Asien und Afrika. Mit diesen Firmen hat die Familie Sackler Milliarden verdient. Gemäß Forbes beträgt das Vermögen der Familie 13 Milliarden US-Dollar. Am 25. Mai 2018 berichtete die britische Zeitung Evening Standard, dass die Familie von Mortimer Sackler 40 Millionen US-Dollar eingespart hatte, indem sie mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar auf die Bermudas verbracht hatte, um nur Steuern zu vermeiden. Die Hausbank der Familie Sackler ist die HSBC-Bank in Genf.

Am 30. Oktober 2017 resümierte Patrick Radden Keefe im New Yorker, dass zwischen 2006 und 2015 Purdue Pharma und andere Hersteller von Schmerzmitteln zusammen mit ihren dazugehörigen gemeinnützigen Organisationen fast 900 Millionen Dollar für Lobbyarbeit und für Spenden an politischen Parteien ausgegeben haben – acht Mal mehr als die Waffenlobby in dieser Zeit.

2016, dem letzten Jahr, für das Daten verfügbar sind, gab es gemäß Forbes in den Vereinigten Staaten 38.658 tödliche Unfälle und/oder Verbrechen mit Schusswaffen. Gemessen an der Bevölkerung der USA bedeutet dies, dass von etwa 8.500 Amerikanern im Jahr 2016 einer durch eine Waffe getötet wurde. Das entspricht 118 Tote pro Million Einwohner.

Vergl. hierzu in diesem Blog

[18.11.2016] Weshalb fürchtet die Pharmabranche Cannabis als Medizin?

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