vonHans Cousto 08.10.2018

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Seit der Jahrtausendwende erlebt LSD eine wahre Renaissance. Dies wurde vor allem beim 100. Geburtstag von Albert Hofmann deutlich, der im Jahr 2006 im Rahmen eines Symposiums in Basel gefeiert wurde. In den Medien wurde damals vor allem die Renaissance im Bereich der Medizin hervorgehoben, doch auf dem Symposium wurde auch der Renaissance im Bereich der Psychonautik Rechnung getragen. Viele weitere Vorträge des Symposiums sind heute online auf dem Kanal von Gaia Media verfügbar.

Im Jahr 2018 jährte sich zum 75. Mal die Entdeckung der Wirkung von LSD und dies wurde wiederum mit einer großen Jubiläumsveranstaltung in Basel gefeiert. Hierbei gab es ein wissenschaftlich-medizinisches Symposium – die Vorträge aus dem großen Saal sind alle online verfügbar: Vormittag, Nachmittag und Abschlussveranstaltung (ab Minute drei). Zudem wurde im Holzpark Klybeck in Basel mit einem vielfältigen Programm während mehrerer Tage die kulturelle Bedeutung von LSD gewürdigt. Eine schöne Auflistung von Kunstwerken aus den unterschiedlichsten Bereichen, die maßgeblich durch LSD beeinflusst wurden, sind auf der Website LSD Turns 75: What a Long, Strange Trip It’s Been bei RealClearLife zu finden.

Ein Archiv auf Wanderschaft

Die Firma Sandoz, die im Jahr 1996 mit dem Unternehmen Ciba-Geigy fusionierte, zeigte kein Interesse an der Pflege des Archivs von Albert Hofmann. Der neue Gesamtkonzern mit dem Namen Novartis überließ das Archiv dem damals 90-jährigen Hofmann. Hofmann vereinbarte im gleichen Jahr, dass die gut 4000 Publikationen zu LSD, Psilocybin und anverwandten Themen temporär der Albert Hofmann Foundation überlassen werden, damit diese für die Öffentlichkeit aufbereitet werden. Mit finanzieller Unterstützung von Maps haben dann die Fachleute von Erowid das Archiv gesichtet, katalogisiert, digitalisiert und auf ihrer Hompage unter dem Titel Erowid’s Albert Hofmann Collection veröffentlicht.

Nach der Veröffentlichung der Dokumente auf der Homepage von Erowid vereinbarten Albert Hofmann und der Verleger Roger Liggenstorfer im Jahr 2000, dass das Archiv wieder zurück in die Schweiz zu holen sei, damit es im Rahmen einer zu gründenden Stiftung der heimischen Bevölkerung zugänglich gemacht werden könne.

Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus der Solothurner Zeitung, in dem festgestellt wird, dass das LSD-Archiv in einem Keller lagert. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer
Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus der Solothurner Zeitung, in dem festgestellt wird, dass das LSD-Archiv in einem Keller lagert. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer

Roger Liggenstorfer, Verlagsleiter des Nachtschatten Verlages, und Albert Hofmann waren eng befreundet, reisten unter anderem gemeinsam nach Griechenland, um die Kultstätten in Eleusis zu erkunden. Albert Hofmann war auch Aktionär der Nachtschatten AG und in diesem Verlag erschienen auch alle seine Spätwerke wie „Einsichten – Ausblicke“ oder „Lob des Schauens“ wie auch einige ältere Publikationen.

Die Abbildung zeigt Roger Liggenstorfer (links) und Albert Hofmann vor den Ordnern des Archivs am Klosterplatz in Solothurn. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer
Die Abbildung zeigt Roger Liggenstorfer (links) und Albert Hofmann vor den Ordnern des Archivs am Klosterplatz in Solothurn. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer

Beim Symposium zum 100-jährigen Geburtstag von Albert Hofmann wurden die Vorbereitungen zur Stiftung für das Archiv präsentiert, diskutiert und es wurde dazu aufgerufen, sich daran zu beteiligen, wie das folgende Bild zeigt.

Die Abbildung zeigt die Information zum LSD-Archiv, der sogenannten Sandoz-Collection. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer
Die Abbildung zeigt die Information zum LSD-Archiv, der sogenannten Sandoz-Collection. Foto: Privatarchiv Roger Liggenstorfer

Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, ist am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren in seinem Haus auf der Rittimatte in der Gemeinde Burg bei Basel an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Albert Hofmann, der Schamane des LSD, verteidigte bis zuletzt die bewusstseinserweiternde Wirkung des von ihm 1943 entdeckten LSD, das später zur Kultdroge von sinnsuchenden Hippies und Künstler wurde. LSD und verwandte Substanzen seien keine Drogen im üblichen Sinn, sie machten nicht süchtig und gehörten zu „den sakralen Substanzen, die seit Jahrtausenden im rituellen Rahmen verwendet werden„, erklärte Hofmann unbeirrt sein Leben lang. In einem Nachruf auf den Entdecker des LSD heißt es: „Unter dem Eindruck des bewusstseinserweiternden Potentials des LSD wandelte sich der Wissenschaftler zunehmend zum Naturphilosophen, Mystiker und kulturkritischen Visionär. Bis zuletzt war Albert Hofmann aktiv und korrespondierte mit Fachleuten aus aller Welt, gab Interviews und nahm regen Anteil am Weltgeschehen.

Umzug des Archivs nach Bern

Die Erben von Albert Hofmann wollten nicht, dass das Archiv in den Händen von Hippies bleiben solle, sondern wollten es der sogenannten seriösen Forschung überlassen und vermachten es 2013 dem Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. Dies wurde – vor allem in den USA – nicht von allen goutiert. So schrieb das Wall Street Journal am 18. Oktober 2015 einen sarkastischen Artikel unter dem Titel „LSD Archive Has Been on a Long, Strange Trip – Inventor’s papers, shunned by Sandoz, now under the care of Swiss dairy farmer“ (Das LSD-Archiv war auf einer langen, merkwürdigen Reise – Erfinderpapiere, von Sandoz gemieden, jetzt unter der Obhut eines Schweizer Milchbauern). Der Newser schrieb am 19. Oktober 2015 einen ähnlichen Artikel unter dem Titel „LSD Inventor’s Archive Is Being Ignored – This isn’t what Albert Hofmann had in mind“ (Das LSD-Archiv wird ignoriert – Albert Hofmann hatte das so nicht vor Augen).

Der im Wall Street Journal erwähnte Milchbauer ist Dr. Beat Bächi, seit 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. Sein Forschungsprojekt „Vom Mutterkorn zu LSD“ wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Zuvor war Beat Bächi unter anderem Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archiv für Agrargeschichte in Bern, Co-Leiter einer Nachwuchsforschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld sowie Lehrbeauftragter am Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik an der ETH Zürich, wo er auch promovierte.

Nachdem Beat Bächi jahrelang das Material sichtete, ordnete, katalogisierte und vor allem studierte, tritt er zunehmend öfter mit Informationen an die Öffentlichkeit. Dabei thematisiert er Dinge, die zuvor kaum im Fokus der Öffentlichkeit standen. Wer hätte gedacht, dass der Roggen für den Mutterkornanbau am Anfang der Saatgut-Rechte stand und dass bis Mitte der 70er Jahre im Emmental nicht nur Käse, sondern auch viel Mutterkorn produziert wurde. Dies und viele andere Dinge sind nachzulesen im Online-Magazin der Universität Bern oder auch in der Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin 5|2017. Auch im Radio Bern gab Beat Bächi ein längeres Interview zum Thema (ab Minute 6:25) wie auch bei Neo unter dem Titel „Wochengespräch mit LSD-Forscher Beat Bächi„.

Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek

In der Schweizerischen Nationalbibliothek in der Hallwylstraße 15 in Bern sind derzeit zahlreiche Dokumente aus dem LSD-Archiv im Rahmen einer Sonderausstellung zu sehen. Die Nationalbibliothek hat auch einen vielseitigen und informativen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung online gestellt.

Die Abbildung zeigt Roggenähren mit Mutterkorn
Die Abbildung zeigt Roggenähren mit Mutterkorn

Die Ausstellung „LSD. Ein Sorgenkind wird 75“ ist noch bis zum 11. Januar 2019 geöffnet. Die Finissage wird also am Geburtstag von Albert Hofmann stattfinden. Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Unter dem Titel „Subversive Stoffe. Zur Geschichte von LSD und Psilocybin“ wird am Donnerstag, 29. November 2018, um 18.30 Uhr eine Podiumsdiskussion in der Nationalbibliothek stattfinden. Dazu sind bis dato folgende vier Personen eingeladen:

· Dr. Beat Bächi ist Historiker an der Universität Bern und forscht zum Nachlass von Albert Hofmann
· Alex Bücheli arbeitet international als Berater in Präventions- und Schadensminderungsanliegen
· Roger Liggenstorfer leitet den Nachtschatten Verlag, setzt sich für eine liberale Drogenpolitik ein und war mit Albert Hofmann befreundet
· Magaly Tornay ist Historikerin und hat mit „Zugriffe auf das Ich“ ein Buch zur Geschichte psychoaktiver Stoffe in der Schweiz veröffentlicht

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