vonHans Cousto 19.10.2021

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Der erste Verein Eve & Rave wurde in Berlin vor mehr als einem Vierteljahrhundert im Oktober 1994 von kulturell und sozial engagierten Mitgliedern der Technoszene gegründet. Ziel und Zweck der Vereinsgründung war, Energien zur Förderung der Party- und Technokultur zu bündeln und zur Minderung der Drogenproblematik zu akkumulieren.

Genauso wie der Nachtschatten Verlag von Roger Liggenstorfer als Reaktion auf staatliche Zensur gegründet wurde, so wurde auch Eve & Rave in Berlin als Reaktion auf Zensurversuche von konservativen Politikern gegründet. Seit der Gründung von Eve & Rave in Berlin war Roger Liggenstorfer an der Entwicklung des Vereins und seiner Tätigkeit sehr interessiert und unterstützte die Aktivitäten stets nach besten Kräften. Im Februar 1996 wurde dann Dank seiner Initiative in Solothurn ein gleich gearteter Verein namens Eve & Rave Schweiz gegründet. Hier ein kurzer historischer Rückblick.

Eine Party-Drogen-Broschüre brachte alles in Bewegung

Titelseite der Partydrogenbröschüre von 1994. Zum Vergrößern Bild anklicken.

Im Inhalt der Broschüre Party-Drogen – Safer Use Info zu: Ecstasy, Speed, LSD, Kokain wird ein differenzierter Aufklärungsansatz zum Thema Drogen mit Akzeptanzstandpunkt umgesetzt, der junge Drogengebraucher in der Party- und Raveszene auf Basis der in der Praxis vorgefundenen Drogenkonsumpraktiken über die Risiken und Nebenwirkungen der heute als Partydrogen am häufigsten konsumierten illegalisierten Rauschsubstanzen informiert.

Der methodische Informations- und Aufklärungsansatz wurde nach dem Selbstverständnis von „akzept e.V.“, dem Deutschen Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, von Helmut Ahrens ausgeführt. Die Broschüre wurde vom Drogenreferat der Stadt Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft Frankfurter Diskothekenbesitzer veröffentlicht und in einer Pressekonferenz zur „Safe The Night-Kampagne“ in der Frankfurter Partyszene der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ein Indizierungsantrag des Jugendamtes Offenbach vom 12. Juli 1994, der darauf angelegt war, wegen angeblicher „Verharmlosung und Verführung Jugendlicher zum Drogenkonsum durch Gebrauchsanweisung“ , die Aufklärungsschrift aus dem Verkehr zu ziehen, folgte wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Broschüre. Im von Peter Walter (CDU) unterzeichneten Indizierungsantrag heißt es:

„Die Broschüre hat die Verherrlichung und Verharmlosung von Drogenkonsum zum Inhalt. Sie gibt eine Gebrauchsinformation zu den Partydrogen Ecstasy, Speed, LSD und Kokain. Es werden die Wirkungsweisen der einzelnen Drogen beschrieben. Die Schilderungen sind allgemein so, dass man die Beschreibung als Rezept betrachten kann. Für die jugendlichen Leser werden die Gefahren und Risiken des Drogenkonsums nicht ausreichend und deutlich genug herausgestellt. Vielmehr animiert die Broschüre eher dazu, die Drogen auszuprobieren, da sie den Eindruck vermittelt, dass durch den Drogengenuss nicht viel passiert.“

Am 1. Dezember 1994 wurde der Indizierungsantrag von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn zurückgewiesen (Pr. 319/94; Entscheidung Nr. 4452 vom 1.12.1994). Der Ausschuss gab den Rat, bei der Produktion von Neuauflagen, den Inhalt der Broschüre dem aktuellen Wissensstand zu Risiken und Gefahren angemessen zu aktualisieren.

Der Indizierungsantrag, der zwar vorgab, im Interesse junger drogengefährdeter Menschen zu handeln, aber lediglich den Staat als politischen Zensor einforderte, ist einstimmig bei der Anhörung am 1. Dezember 1994 in Bonn von der Bundesprüfstelle zurückgewiesen worden. Die Bundesprüfstelle konnte in der ihr zur Prüfung vorgelegten Broschüre keine Gefährdungspotentiale für Jugendliche erkennen. Der Bundesprüfstelle war unverständlich, wie eine in ein Präventionskonzept eingebettete Präventionsbroschüre Jugendliche gefährden sollte.

Der Protest der „Uneinsichtigen“ unter Frankfurter Bürgern und unter Parteifunktionären, die den drogenpolitischen Offenbarungseid durch Kursänderung in der Drogenpolitik nicht leisten wollen und statt dessen nach wie vor unter dem Vorwand von Generalprävention auf „Law- und Order-Politik“ durch Verfolgung, Szenebeobachtung, Kontrollen und Razzien bis hin zur Schließung von Techno-Diskotheken wegen des Verdachts auf Drogenhandel setzen, hat zur Politisierung und Organisation von Raver geführt. Die Gründung von Eve & Rave ging mit einer Politisierung von Party-Peers mit Drogenerfahrungen einher, die sich nicht durch Zensur und einseitige realitätsfremde Drogenaufklärung einschüchtern, respektive irreleiten lassen wollten. Der Verfasser der besagten Broschüre ist ein Mitbegründer von Eve & Rave Berlin – und Eve & Rave hat in der Folge mehrere erweiterte Auflagen dieser Broschüre herausgegeben. In der Schweiz erschien im Jahr 2001 eine stark überarbeitete und erweiterte Fassung dieser Broschüre (Drugs – die Partydrogeninfo) unter Mitwirkung von Eve & Rave Schweiz.

Drug-Checking

Drug-Checking ist eine Interventionsstrategie zur Erhaltung der Gesundheit. Die genaue Kenntnis von Dosierung und Wirkstoffzusammensetzung einer Droge kann den potentiellen Gebrauchern derselben das objektiv bestehende Gefahrenpotential vergegenwärtigen und somit eine klare Grundlage für die subjektive Risikoabschätzung vor der eventuellen Einnahme schaffen. Drug-Checking fördert somit den Lernprozess zu einem verträglichen Risikomanagement

Eve & Rave betrachtet Drug-Checking als unabdingbares Instrument für eine seriöse und glaubwürdige Drogenaufklärung. Die qualitative und quantitative Analyse sind das Kernstück des Drug-Checking-Programms.

Zur Durchführung des Drug-Checking-Programms, bei dem auch die Auswirkung des Drogenkonsums auf die Szene durchleuchtet werden sollte, wurde von Eve & Rave eine Vereinbarung mit der Medizinischen Fakultät (Charité) der Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Gerichtliche Medizin, Abteilung für Toxikologische Chemie) getroffen, die Analytik von Ecstasy-Pillen für den Verein durchzuführen. Im Februar 1995 lief das Programm an.

Am 26. Mai 1995 erfolgte eine Strafanzeige von Amts wegen (Landeskriminalamt 2215 in Berlin) gegen Unbekannt aufgrund des Verdachts des unbefugten Besitzes von Betäubungsmitteln. Nach mehr als einem Jahr, am 30. September 1996, erfolgte seitens der Polizei eine Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung von Akten im Institut für gerichtliche Medizin aufgrund einer Anordnung wegen „Gefahr in Verzug“ ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl. Darauf hin konnte das Drug-Checking-Programm in Berlin nicht weiter fortgeführt werden. Eine Verurteilung der beteiligten Akteure von Eve & Rave hat es nicht gegeben, da weder das Amtsgericht noch das Landgericht eine strafbare Handlung im Rahmen des Drug-Checking-Programms erkennen konnten. Im Zeitraum vom Februar 1995 bis September 1996 hat Eve & Rave Berlin kontinuierlich Substanzen testen lassen.

Rogers Empörung und Initiative

Die Vorgänge in Berlin regten Roger Liggenstorfer sichtlich auf, da er die Ereignisse gut nachvollziehen konnte, erlebte er doch selbst in einem ähnlichen Themenkomplex äußerst intensiv Unannehmlichkeiten seitens der Staatsmacht. Aus der Empörung erwuchs die Initiative, in der Schweiz einen Verein Eve & Rave zu gründen und ein Drug-Checking-Programm zu starten.

Am 18. September 1995 begann in Solothurn der 3. Internationale Streetworkerkongress, wobei Roger Liggenstorfer an den Vorbereitungen wie auch bei der Durchführung des Kongresses proaktiv mitwirkte. Und so konnte das Projekt Eve & Rave Berlin auf dem Kongress im Rahmen eines Vortrages, eines Workshops und eines großen Informationsstandes der interessierte Öffentlichkeit vorgestellt werden. Besonders groß war dabei auch das Interesse an den Ergebnissen der Analysen der Ecstasypillen, die dort vorgestellt wurden.

Hans-Cousto-Vom-Urkult-zur-Kultur-Drogen-und-Techno
Hans-Cousto-Vom-Urkult-zur-Kultur-Drogen-und-Techno

Auch die Party zum zehnjährigen Jubiläum seiner Buchhandlung Dogon-Multimedia nutzte Roger, um die Arbeit von Eve & Rave bekannt zu machen. Im Chill-Out-Space der Party, die am 30. Oktober 1995 in Gerlafingen bei Solothurn stattfand, hatte Eve & Rave Berlin einen Infostand. Das Angebot dort ergänzte gut das Büchersortiment seiner Buchhandlung, ja, das Dogon war seinerzeit die Buchhandlung in der Schweiz mit dem größten Sortiment an Fachbüchern zur Thematik Drogen.

Die endgültige Entscheidung in der Schweiz einen Eve & Rave Verein zu gründen wurde am internationalen Technoworkshop 15. Dezember 1995 in Solothurn getroffen. Die Jugendherberge von Solothurn war für diesen Tag in einen Multimedia-Techno-Tempel verwandelt worden zur Betrachtung von zahlreichen kulturellen Darbietungen aus dem Space der Technowelt. Im Rahmen eines Vortrages und einer Podiumsdiskussion stellte Hans Cousto sein neues Buch „Vom Urkult zur Kultur – Drogen und Techno“ , das im Nachtschatten Verlag erschienen ist, vor. In dem Buch wird ein Kapitel der Arbeit von Eve & Rave gewidmet, in einem anderen Kapitel wird das Thema Drug-Checking ausführlich abgehandelt. An einem Informationstisch wurden alle Materialien von Eve & Rave Berlin präsentiert.

Die Gründung von Eve & Rave Schweiz

Zahlreiche Gespräche am oben genannten Technoworkshop in Solothurn führten zur Einsicht, dass es vernünftig wäre, auch in der Schweiz eine aktive Eve & Rave Gruppe mit gleicher Zielsetzung zu gründen. Die Idee wurde von zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses Workshops mit viel Begeisterung aufgenommen. Roger Liggenstorfer koordinierte alle Vorbereitungen zur Vereinsgründung. In zahlreichen Sitzungen wurden die Vereinsstatuten von Eve & Rave Berlin diskutiert und dem schweizerischen Recht angepasst. Idee, Zielsetzung und Struktur von Eve & Rave Schweiz sind in allen wesentlichen Punkten identisch mit Vorgaben gemäß den Vereinsstatuten von Eve & Rave Berlin.

Wenige Wochen vor der eigentlichen Vereinsgründung fand in Basel eine Veranstaltung mit großer nachhaltiger Wirkung statt. Am 6. Januar 1996, Epiphanias oder auch Tag der Heilen drei Könige genannt, haben Roger Liggenstorfer und Christian Rätsch zu einem Festakt zum 90. Geburtstag von Albert Hofamm im Teufelhof in Basel eingeladen. Dort stellten die beiden das Albert Hofmann gewidmete Buch „Maria Sabina – Botin der heiligen Pilze“ vor. An dem Festakt nahmen knapp fünfzig Personen Teil. Unter den Gästen war auch Rudolf Brenneisen, Professor für Pharmazie an der Universität Bern. Beim Apéritif besprachen Albert Hofmann, Roger Liggenstorfer, Rudolf Brenneisen und Hans Cousto die Grundzüge eines Drug-Checking-Programms in der Schweiz und während des Essens wurden von den beiden letztgenannten diverse Details zum Thema besprochen. Rudolf Brenneisen willigte dabei ein, die Analysen für ein solches Programm an seinem Institut durchzuführen.

Nach dem besagten Festakt in Basel wurden unter diesen günstigen Voraussetzungen die letzten Vorbereitungen zur Gründung eines Eve & Rave Vereins in der Schweiz getroffen und wenige Wochen später die Einladungen zur Gründungsversammlung versendet. Der Einladung zur Gründungsversammlung am 16. Februar 1996 in der Buchhandlung Dogon in Solothurn folgten 18 Personen aus verschiedenen Städten der Schweiz, respektive aus deren Agglomeration (Basel, Bern, St. Gallen, Solothurn und Zürich) und Deutschland (Berlin, Hamburg und Kassel). Die Gründungsmitgliederinnen und Gründungsmitgliedern von Eve & Rave Schweiz waren und sind teilweise heute noch tätig unter anderem in den Bereichen der Sozialarbeit (z.B. Gassenarbeit), Partyorganisation, Medien und in verschiedenen drogenpolitischen Organisationen. Roger Liggenstorfer wurde zum Präsidenten des Vereins gewählt. Er wurde in den folgenden Jahren immer wieder aufs Neue zum Präsidenten gewählt, bis er 2006 nicht mehr kandidierte und das Zepter an die nächste Generation weiter gab. Nach der Gründungsversammlung gab es eine Party im Kofmehl, auf der zu heißen Technoklängen die Vereinsgründung ekstatisch gefeiert wurde.

Der erste Einsatz des neu gegründeten Vereins erfolgte in Heidelberg in Deutschland. Am 22. Februar 1996 begann der mehrtägige Zweite Internationale Kongress „Welten des Bewusstseins“ des Europäischen Collegiums für Bewusstsseinsstudien (ECBS). Eve & Rave Schweiz war gemeinsam mit dem Nachtschatten Verlag mit einem großen Informations- und Verkaufsstand auf dem Kongress präsent. Machen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Kongresses ist sicher noch heute die Szene in Erinnerung geblieben, als Rolf Verres als Conférencier Albert Hofmann so lange huldigte, bis dieser ihn mit den Worten „Ich bin kein Guru, ich bin Chemiker“ unterbrach.

Drug-Checking in der Schweiz

Im Rahmen von Eve & Rave waren jedoch nicht nur Partys und Kongresse angesagt, sondern auch ganz „bürgerliche“ Veranstaltungen, etwa das Experten-Meeting am 7. November 1996 in Bern. Das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) veranstaltete in Bern im Haus der Schweizerischen Nationalbank ein Experten-Meeting zum Thema „Drug-Checking“. Zur Frage: „Ecstasy: Sind Monitoring und Pillentests geeignete Instrumente für die Prävention?“ referieren Dr. Richard Müller, Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), Martin Sijes, Stiftung De Brijder, Haarlem (NL) und Jaap de Vliege, Drogenexperte der Polizei von Rotterdam (NL). Eve & Rave Schweiz war offiziell zum Experten-Meeeting eingeladen und beteiligte sich rege an der offenen Diskussion.

Nachdem in Berlin das Drug-Checking-Programm im September 1996 eingestellt werden musste, begann das Pharmazeutische Institut der Universität Bern für Eve & Rave Proben zu analysieren. Das Institut vereinbarte mit Eve & Rave Schweiz im Rahmen eines auf ein Jahr beschränkten Pilotversuchs Ecstasy-Pillen qualitativ und quantitativ zu analysieren. Dieser rein zu Forschungszwecken eingerichtete Pilotversuch geschah nicht im Sinne eines Dienstleistungsauftrages, sondern war Bestandteil eines vom BAG unterstützten Forschungsprojektes „Ecstasy-Monitoring“ gemäß vertraglicher Regelung vom 12. März 1996 (Vertrag Nr. 316.93.0372) zwischen dem BAG und dem Pharmazeutischen Institut der Universität Bern. Die Analysen wurden von der öffentlichen Hand finanziert. Es entstanden somit keine Kosten für die an den Tests interessierten Drogengebraucher. Die Kosten für die mit der Analytik verbundenen Infrastruktur (Entgegennahme, Kodierung, Katalogisierung, Vermessung, Weiterleitung, etc. der Pillen und die Veröffentlichung der Resultate in Listen) wurden von Eve & Rave übernommen. Im Jahr 1997 wurden weit über 250 Proben zur Untersuchung in das Institut weitergeleitet. Verschiedentlich kamen mehrere Proben aus einer Herstellungscharge ins Labor. In diesem Fall wurde nur jeweils eine Probe in die Liste aufgenommen und in der Statistik als nur eine einzige Probe erfasst. Insgesamt wurden 183 verschiedene Proben in der Statistik erfasst und in der Pillenliste von 1997 aufgelistet.

Am 30. Januar 1997 lud das BAG eine beschränkte Auswahl von Personen aus dem Gesundheitsbereich, die schon an der Tagung vom 7. November 1996 teilgenommen hatten, zu einer Folgesitzung im BAG in Bern ein. Auf der Tagesordnung stand ein noch streng vertraulich gehaltenes Rechtsgutachten zum Fragenkomplex eines Ecstasy-Monitorings. Das Ergebnis der Tagung und der Inhalt des Rechtsgutachtens wurden nicht veröffentlicht und vertraulich behandelt.

Der Tagesanzeiger vermeldete am ersten April 1997 unter der Überschrift „Noch kein Ecstasy-Test – Rechtsunsicherheit bleibt: Die Unsicherheit über die Zulässigkeit von Ecstasy-Tests bleibt vorerst bestehen: Ein vom Bundesamt für Gesundheitswesen bestelltes Gutachten brachte nicht die erhoffte Klarheit.“ In dem Artikel wurde BAG-Direktor Thomas Zeltner mit den Worten zitiert, dass das Gutachten „ambivalent ausgefallen“ sei und es habe nicht die erhoffte Klarheit gebracht. Deshalb könne das BAG noch kein grünes Licht für ein Ecstasy-Testing geben.

Das von dem Berner Juristen Dr. Hansjörg Seiler erarbeitete Rechtsgutachten ist per 21. Februar 1997 signiert und in der Folge nicht mehr abgeändert worden. Das Gutachten wurde erst am 2. Juni 1997 veröffentlicht, am gleichen Tag, an dem auch das von der Zürcher Arbeitsgemeinschaft Jugendprobleme (ZAGJP) in Auftrag gegebene Gutachten zum gleichen Fragenkomplex (Gutachten zu strafrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit den Ecstasy-Testings von Prof. Dr. Peter Albrecht) anlässlich einer von Eve & Rave organisierten Fachtagung „Drug-Checking – Gesundheitsvorsorge in der Partyszene“ in Zürich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Nach der Veröffentlichung der Gutachten, die zu übereinstimmenden Ergebnissen bezüglich der Legalität des Ecstasy-Testing gekommen waren, stellte das BAG die Legalität des Testens von Ecstasy-Pillen nicht mehr in Frage. BAG-Direktor Thomas Zeltner muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, was ihn zu der nicht nachvollziehbaren, weil sachlich falschen, Aussage veranlasste, das Gutachten sei „ambivalent ausgefallen“ .

Bemerkenswert ist hierbei die Tatsache, das aus dem Bericht von Martin Huber im Tagesanzeiger deutlich hervorgeht, dass die Einsicht einer Notwendigkeit derartige Tests durchzuführen beim BAG durchaus nicht fehlte. Wörtlich heißt es „Auch für BAG-Direktor Thomas Zeltner steht fest, dass es «einen Bedarf an solchen Tests gibt».“ Dem aufmerksamen Beobachter der ganzen Vorgänge in diesem Bereich drängt sich hier die Frage auf, ob eventuell von politischer Seite Druck auf den BAG-Direktor ausgeübt wurde, den legalen Status des Drug-Checking-Programms noch nicht der Öffentlichkeit kund zu tun, sondern die Bevölkerung noch eine Weile diesbezüglich im Unklaren zu lassen. Von ganz besonderem Interesse ist hier auch die Frage, sollte dies der Fall sein, wer hinter dieser repressiven Energie steht. Es stimmt einen außerordentlich nachdenklich, wenn man sich des Eindrucks nicht verwehren kann, dass intelligente und sachkundige Persönlichkeiten in ihrem Amt sich aufgrund nicht durchschaubarer politischer Gegebenheiten genötigt sehen, die Prioritäten in ihren Aussagen nach anderen Kriterien zu setzen, als nach denen, die im Einklang mit der eigenen Erkenntnis und Überzeugung sind.

Titelseite des Buches Drug-Checking von Hans Cousto. Die erste Auflage erschien 1997, die zweite 1999.
Titelseite des Buches Drug-Checking von Hans Cousto. Die erste Auflage erschien 1997, die zweite 1999.

Dank der tatkräftigen Unterstützung von Andreas Jakob, Leiter der Fachstelle für Jugendfragen der reformierte Kirche in Zürich konnte Eve & Rave Schweiz zur Fachtagung „Drug-Checking – Gesundheitsvorsorge in der Partyszene – Konsumentenschutz oder Dealerservice“ im Kirchgemeindehaus Aussersihl in Zürich einladen. Prof. Dr. Peter Albrecht, Strafgerichtspräsident von Basel-Stadt, stellte dort sein von der ZAGJP in Auftrag gegebenes Gutachten zu strafrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Ecstasy-Testings der Öffentlichkeit vor. Gemäß diesem Gutachten ist das Durchführen eines Drug-Checking-Programms nicht rechtswidrig. Genötigt durch die Veröffentlichung des oben bezeichneten Rechtgutachtens, stellte das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) am gleichen Tag ein eigenes in Auftrag gegebenes und bislang unter Verschluss gehaltenes Gutachten von Dr. Hansjörg Seiler (datiert vom 21.02.1997) zum gleichen Thema in Bern der Öffentlichkeit vor. Auch das „Juristische Gutachten für das Bundesamt für Gesundheit zu Rechtsfragen eines Ecstasy-Monitorings“ ist zum gleichen Schluss gekommen: Drug-Checking-Programme und -Monitoring sind in der Schweiz nicht illegal. Beide Rechtsgutachten sind vollständig mit allen Quellenangaben in dem Fachbuch „Drug-Checking – Qualitative und quantitative Kontrolle von Ecstasy und anderen Substanzen“ von Hans Cousto abgedruckt (Nachtschatten Verlag) wie auch auf der Website www.eve-rave.net veröffentlicht. Ebenso sind der Beitrag von Prof. Dr. Peter Albrecht an dieser Tagung als auch die dort verfasste „Zürcher Resolution vom 2. Juni“ zum Thema Drug-Checking in vollem Wortlaut im Drug-Checking-Buch veröffentlicht. An der Tagung „Drug-Checking – Gesundheitsvorsorge in der Partyszene – Konsumentenschutz oder Dealerservice“ von Eve & Rave in Zürich nahmen über hundert Delegierte öffentlicher und privater Institutionen und Organisationen teil. An der Fachtagung in Zürich referierten die renommiertesten Fachleute aus der ganzen Schweiz, so Franz Vollenweider, Rudolf Brenneisen, Felix Gutzwiller, Peter Albrecht, Thomas Kessler und Patrick Walder.

Erst auf Druck einer Szeneorganisation und hier namentlich von Roger Liggenstorfer wurde die Öffentlichkeit in der Schweiz darüber informiert, dass Drug-Checking in der Schweiz legal ist. Die Tatsache, dass es heute in der Schweiz die Möglichkeit gibt, Drogen testen zu lassen, verdanken wir nicht zuletzt Eve & Rave und dem Engagement und der Beharrlichkeit von Roger Liggenstorfer.

Etwa zehn Jahre lang ließ Eve & Rave Schweiz Pillen, Pappen und Pulver von Drogenkonsumenten analysieren und veröffentlichte die Resultate. Da ab 1998 im Kanton Bern und später auch in Zürich analoge Dienstleistungen angeboten wurden, stellte Eve & Rave Schweiz diesen Service ein. Die Arbeit von Eve & rave Schweiz erfolgte ehrenamtlich, die Dienstleister in Bern und Zürich werden jedoch von der öffentlichen Hand (Steuergelder) finanziert. Eve & Rave Schweiz veröffentlicht jedoch immer noch die Ergebnisse der Analysen, organisiert auch weiterhin Infostände auf Partys und Raves und betreibt das inzwischen am meisten besuchte und am besten gepflegte Forum zum Themenkomplex Drogen im deutschsprachigen Raum auf seiner Webpräsenz. Über 55.000 Mitglieder haben dort etwa zwei Millionen Beiträge veröffentlicht.

Jubiläumsparty

Der Rausch beschäftigt die Menschheit schon Tausende von Jahren. Seit einem Vierteljahrhundert ist auch der unabhängige Verein Eve & Rave Schweiz ein Teil dieses Dialogs, zumindest in der Schweiz. Was passierte seither in der Schweizer Drogenpolitik, in der Forschung mit psychoaktiven Substanzen, oder auch im Bereich des Freizeitkonsums, wie zum Beispiel in der Klubkultur? Und wichtiger, was wird in diesen Bereichen in den kommenden 25 Jahren noch passieren, also wohin bewegen wir uns? Fragen, die an der Jubiläumsparty am Nachmittag des 2. Oktober 2021 in der Roten Fabrik in Zürich im Rahmen von Vorträgen und Podiumsdiskussionen erörtert wurden.

Programm 25 Jahre Eve & Rave Schweiz
Programm 25 Jahre Eve & Rave Schweiz

Bereits im Herbst 1995 fand eine Informationsveranstaltung zum Thema Drug-Checking in der Roten Fabrik in Zürich statt. An der internationalen Fachtagung „Rauschhaft“ am 18. Oktober 1995 stellte eine Delegation von Eve & Rave Berlin das Drug-Checking-Programm von Eve & Rave vor. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Vertretern aus verschiedenen Ländern fand große Resonanz in den Medien. Am Samstag, 21. Oktober 1995, richtete Eve & Rave Berlin in der Roten Fabrik einen Chillspace mit einem Drogenformationsstand ein. Die Verbundenheit der Roten Fabrik mit Eve & Rave währt nun seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Oder anders ausgedrückt, die Wahl der Roten Fabrik für die Jubiläumsveranstaltung war aus historischer Sicht die beste Wahl im Sinne einer lang gepflegten Tradition.

Fazit

Heute verfügt die Schweiz über ein großes Netz von Drug-Checking-Angeboten. In diversen Städten gibt es stationäre Angebote und in einigen Kantonen wird mobiles Drug-Checking vor Ort auf Partys in Clubs wie auch auf Festivals durchgeführt. Den Grundstein hierfür hat Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts die Szeneorganisation Eve & Rave gelegt. Berlin hatte seinerzeit die gleichen Chancen, das Konzept von Eve & Rave zu übernehmen und weiter zu entwickeln, doch in Berlin (und Bonn) blockierten die Behörden alle Aktivitäten in Sachen Drug-Checking. Berlin hat eine riesen Chance verpasst, das entsprechende Knowhow wurde aus Berlin verdrängt und wurde in der Schweiz gut angenommen und stetig weiter entwickelt. Heute gilt das Drug-Checking der Schweiz für viele Länder als Vorbild.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

[12.03.2021] Drug-Checking in der Schweiz

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https://blogs.taz.de/drogerie/2021/10/19/25-jahre-drogenaufklaerung/

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