Die letzten Wochen war ich viel unterwegs: auf der Konferenz Feminist Futures in Bochum und auf dem Prix Europa in Berlin. Mitgebracht habe ich Gedanken zu Sorgearbeit und Streitkultur und ein paar Hörtipps.
Carewerkschaft: Die „Liga für unbezahlte Arbeit“
In der aktuellen Podcastfolge beschäftige ich mich mit Gewerkschaften und damit, was sie mit uns allen zu tun haben.
Aber was ist eigentlich mit denjenigen, die ausschließlich unbezahlte Care-Arbeit leisten? Für sie gibt es inzwischen eine eigene Interessenvertretung: die „Liga für unbezahlte Arbeit“, kurz LUA. Sie nennt sich „gewerkschaftsähnlich“. Denn eine klassische Gewerkschaft kann sie ohne Arbeitgeber nicht sein – dann eben ein Verein.
Ihre Gründerinnen Jo Lücke und Franzi Helms setzen sich für nicht weniger als eine Änderung im Grundgesetz ein: „Niemand darf wegen familiärer Fürsorgeverantwortung benachteiligt werden“ soll mit in Artikel 3. Neue Mitglieder sind natürlich immer willkommen.
Hier geht’s zur Liga für unbezahlte Arbeit.
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Feminist Futures II: Warum Kollektive streiten
Um Sorge ging es auch auf der Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bochum, die komplett unter dem Stern des „feministisch vergesellschaften“ stand. Heißt: Nicht nur Wohnungen und Konzerne sollen allen gehören, sondern auch die Verantwortung für das, was unser Leben trägt: Pflege, Kinderbetreuung, Fürsorge.
48 Stunden Hirntraining, wie eine Welt aussehen kann, in der Sorge keine Privatsache mehr ist. Das war, wie man sich denken kann, anstrengend! Mir war dort aber auch ganz nostalgisch zumute. Als das erste Feminist Futures 2019 stattfand, war „Feminismus mit Vorsatz“ gerade geboren. Ich hatte gaaaanz viele Sticker verteilt und danach einen deutlichen Anstieg bei den Hörer*innen bemerkt. Hach!
Besonders beschäftigt hat mich ein Beitrag von Shubha Chacko über Konflikte in feministischen und aktivistischen Kollektiven. Ihre These: Konflikte sind unvermeidlich, sobald Menschen zusammenarbeiten. Entscheidend ist deshalb, schon vorher demokratische Strukturen und Verfahren aufzubauen, mit denen man sie lösen kann. Statt beim ersten großen Streit das Handtuch zu werfen, müssen wir lernen, gemeinsam durch Konflikte hindurchzugehen.
Dafür hat sie vier typische Konfliktquellen benannt:
- Silos: Organisationen oder Gruppen arbeiten abgeschottet nebeneinander.
- Egos: Persönlichkeiten, Status und Empfindlichkeiten bestimmen die Zusammenarbeit.
- Logos: Es geht darum, welche Organisation sichtbar wird und die Anerkennung bekommt.
- Halos: Einzelne Führungspersonen werden so verehrt, dass man sie kaum noch kritisieren darf.
Ihr Fazit war ehrlich und ein bisschen ernüchternd: Bewegungsarbeit ist vor allem anstrengende Beziehungsarbeit, und einen einfachen Ausweg gibt es nicht. Am Ende meinte sie sinngemäß, sie würde gern etwas Positiveres sagen, aber an ihren grauen Haaren sehe man ja, wie viel Arbeit das ist.
Ich denke, die vier Punkte taugen gut als Checkliste für die eigene Gruppe. Und ich wette, bei mindestens einem denkt man sofort an eine bestimmte Person 😉
„antiKÖRPER Podcast“ mit Sharon Dodua Otoo
„antiKÖRPER“ ist der Interview-Podcast, den ich für Sibel Schick und das Gunda-Werner-Institut produziere. Im Mittelpunkt stehtimmer die Frage, wie sich Machtverhältnisse in unsere Körper einschreiben und welche Antikörper wir dagegen bilden können. In Bochum haben Sibel und ich uns endlich leibhaftig getroffen und gemeinsam über die zweite Folge gefreut.
Darin ist die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo zu Gast. Sie lacht viel und gerne und hat gleichzeitig ziemlich harten Tobak auf Lager. Eine der Kernfragen des Gesprächs ist nämlich, wie sie als Mutter von vier Schwarzen Kindern mit Rassismus umgeht, der ihre Kinder betrifft.
Sharon hat 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen, 2021 erschien ihr Roman „Adas Raum“ und in diesem Jahr ihr zweiter Roman „So in etwa ist es geschehen“.
Und auch für „Feminismus mit Vorsatz“ konnte ich in Bochum die nächsten Folgen anbahnen, unter anderem mit Mithu Sanyal und dem ROSA Kollektiv, das FLINTA* auf der Flucht einen Safer Space bietet.
Hörtipps vom Prix Europa
Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, wie das abläuft, aber der Prix Europa ist tatsächlich ein bisschen wie Berlinale, nur zum Hören: Man sitzt in Sälen im rbb-Funkhaus, hört Radiostücke aus ganz Europa und liest an der Leinwand die Übersetzungen mit. Ich hab’s geliebt! Das Ganze findet jedes Jahr in Berlin statt, ist kostenfrei und wirklich cool. Auch wenn die Webseite sehr spießig aussieht.
Für einige supertolle Stücke konnte ich leider keine Übersetzung finden (z. B. „OmaMa“ auf Niederländisch). Zwei kann ich aber sehr empfehlen:
First Conviction (Englisch): Eine irische Serie über ein Paar, das für ein Verbrechen an seinem Kind ins Gefängnis kam, das nie passiert ist. Wirklich un!glaub!lich!, aber wahr und echt gut erzählt.
Provinzjugend: Eine Suche (MDR): Tobias Siebert über seine Dorfjugend in Harsewinkel, wo auch Alice Weidel aufwuchs. Ich mochte die Verstrickung all dieser Lebensfäden und den Sound.
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Viel Spaß beim Horchen!