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Ein Truppenübungsplatz in der sachsen-anhaltinischen Altmark. Wo einst Könige zur Jagd gingen, prügelten die Nazis eine riesige Heeresversuchsanstalt für Raketengeschütze in den Wald. Die Rote Armee der Sowjetunion übernahm die Anlagen nach 1945 und die Bundeswehr folgte nach der Wende. Ein Ort, dessen Boden getränkt ist mit Geschichte. Und lebensgefährlichem Munitionsballast aus zahllosen Dekaden militärischer Nutzung. Heute trainieren dort Bundeswehrsoldaten den Kampfeinsatz und nutzen dafür auch eine der modernsten militärischen Übungsstädte Europas für „Urban Warfare“ – Schnöggersburg. SZENARIO.
Wo endet die Autonomie von Dokumentarfilmemacher:innen, wenn sie einen Ort wie diesen zum Gegenstand ihrer filmischen Forschung machen? Marie Wilke führt uns in ihrem SZENARIO gleich für satte 90 Minuten auf dieses Gelände. Wir erleben das bizarre Schnöggersburg, eine Ansammlung von Beton und Blech in diversen hausähnlichen Formen, um jedes Szenario des Häuserkampfs abbilden zu können, eigenen U-Bahn-Tunnel inklusive.
Unter dem Grundgesetz
Wir beobachten Bundeswehroffiziere bei einem Führungsworkshop, angeleitet von zwei Offizierinnen. Wir sehen junge Soldaten, die im schwer bürokratischen Kampfjargon vor einer Leinwand Dschungelkampf üben sollen. Wir folgen einem kleinen Trupp Soldaten bei einer Feldübung. Wir hören zu, wenn junge Rekruten von einem Offizier über die Identität und die Aufgabe der Bundeswehr als Parlamentsarmee eines demokratischen Staates unter dem Grundgesetz aufgeklärt werden. Und deshalb blinden Befehlsgehorsam zu unterlassen hätten. Wir folgen dem Presseoffizier des Übungszentrums, der mit bewundernswerter Energie Besuchergruppen über das schier endlose Areal führt und den Spagat versucht zwischen einfachem Erklären der Örtlichkeit und dem, wofür dieser Ort darüber hinaus steht.

Wir sehen aber auch: ein öffentliches Gelöbnis in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt, wo die Bundeswehr Rekrut:innen erst ihren Eid aufs Grundgesetz ablegen und geloben lässt, das deutsche Volk zu beschützen. Nur um dann beim anschließenden Volksfest von eben jenem Volk mit Fragen gelöchert zu werden, die mit dem Grundgesetz allenfalls noch rechtstheoretisch zu tun haben. Und einiges über eine fortschreitende moralische Verwahrlosung aufseiten des Volks erzählen.
Wir sehen all das und mehr, anderthalb Stunden lang. Es ist zweifelsohne informativ, manchmal unfreiwillig komisch. Und doch verlässt mensch SZENARIO mit zahlreichen Fragen. Die wichtigste Frage: Wo ist hier eigentlich die Filmemacherin in dieser Arbeit?
Armee voller Widersprüche
Dokumentationen über solche Orte können kaum gegen den Motivgeber entstehen, das ist klar. Diesen Ort betrachten zu können, in all seinen eben beschriebenen Aspekten, verlangt der Autonomie von Filmemacher:innen einen Preis ab. Es ist keine schwere Übung, dies zu antizipieren, das wird schon weit vor der Treatment-Ebene unübersehbar. Was macht mensch also damit? Wie kann das eigene Werk dagegen abgesichert werden, von der dokumentarischen Beobachtung zum Vehikel für die Selbstinszenierung einer Armee voller Widersprüche und innerer Probleme zu werden?
„Im Kontext einer Organisation wie der Bundeswehr gibt es keine Neutralität“
Marie Wilke und ihr Schnittmeister Jan Soldat entscheiden sich für maximale Zurücknahme der Position von Marie Wilke. Marie Wilke ist keine Unbekannte, wenn es um das Hervorrufen von komplexer Ambivalenz im Dokumentarischen geht. Ihre vorherigen Arbeiten sind ebenfalls von einer Vorgehensweise geprägt, die bei der Beobachtung staatlicher Institutionen auf eine maximale Reduzierung ihrer eigenen Position hinausläuft.
Die Bilder allein sollen das Sprechen übernehmen. Sie verordnet ihrer Kamera die Rolle der neutralen Beobachterin. Doch diese Behandlung ist ein Irrtum und mehr noch: eine Selbsttäuschung. Im Kontext einer Organisation wie der Bundeswehr gibt es keine Neutralität.
Haltung
Diese Institution kann vieles verlangen, doch Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Handlungen – übrigens auch gegenüber ihren eigenen Soldat:innen und deren Training – gehört mit Sicherheit nicht dazu. Für eine unvoreingenommene Betrachtungsweise besteht keinerlei Anlass. Auch weil die Institution ein spürbar überbordendes Interesse an performierter Transparenz hat. Und ebenso, weil zugleich erst kürzlich – wieder – ein Eklat um rechtsextreme Chats und sexualisierten Missbrauch in der Truppe publik wurde. Einer von vielen. Seit Jahrzehnten. Die Armee ist ein Abbild der Gesellschaft.
Diesem Gebilde, Bundeswehr, zu begegnen muss also zwingend bedeuten, die eigene Haltung mit an den Tisch zu bringen. Korrektiv sein zu können oder ehrlicher Spiegel einer Armee, die mit erheblichem Aufwand versucht, sich ein bestimmtes Image zu geben.
In SZENARIO verwischt derweil die Wahrnehmung von Autonomie und kritischer Betrachtung aufseiten der Filmemacherin, wird der dokumentarische Raum zwischen Beobachterin und Institution unsichtbar. Die Kamera wird nicht zum Zeugen, sondern zum Echo des Apparats. Ästhetische Amtshilfe.
SZENARIO, Marie Wilke, 90’ Deutschland 2026, Forum