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Ein nackter Frauenkörper wird in glänzendes Gold gehüllt. Ein Schwamm verteilt die Farbe satt auf der Haut und verschließt selbst die letzte Pore. Die Kamera ist nah dran an diesem Körper, fängt eine durch und durch sinnliche Einstellung ein. Langsam zieht das Bild auf: Der Schwamm verschwindet, Männerhände gleiten über die Haut und nehmen sofort den goldenen Glanz an. Die Szene öffnet sich noch weiter, bis der Kopf eines jungen Mannes hinter einer Kamera ins Bild rückt. Fasziniert beobachtet er das Geschehen durch die Linse und darüber hinaus. Alec.
Die Einstiegsszene von TRULY NAKED spart nicht mit Schauwert und ist damit sofort tief im Sujet. Alec, der junge Kerl hinter der Kamera, filmt seinen Vater und eine Performerin bei einer pornografischen Szene ganz in Gold – „Fuck the little Gold Pussy,“ ruft sie vor der Kamera. Great Idea, feiert der Vater seinen einfallsreichen Sohn, nachdem er routinemäßig sein Sperma auf ihr abgeladen hat.

UK, irgendwo an der Westküste, eine Art Kleinstadt, Alec und sein Vater bewohnen dort ein gewöhnliches Einfamilienhaus, wobei eines der Zimmer nahezu leer ist – von einer großen Matratze im Zentrum des Raumes abgesehen. Alec ist in diesem pornografischen Familienbetrieb im Only-Fans-Zeitalter, das zeigt uns Regisseurin und Drehbuchautorin Muriel d’Ansembourg schnell, längst ein Allrounder in seinem Job: Kameramann, Schnittmeister, Ausstatter, Webmaster – Ideengeber. Sein Vater holt die Mädels, die Girls ran und übernimmt natürlich den Part vor der Kamera. Allein, es gibt keine Mutter. Wo die ist, auch das wird bald deutlich. Wir finden sie auf einem Foto, das an Alecs Bettlampe lehnt. Sie ist tot.
Dem Blick folgen
Es gibt an TRULY NAKED einen Aspekt, der diesen Film reizvoll macht: Die Darsteller:innen. Allen voran Caolán O’Gorman als Alec und Safiya Benaddi als Alecs Love Interest Nina. Außerdem Alessa Savage, die auch im pornografischen Film als Darsteller:in arbeitet und hier die Rolle der Lizzie füllt, eine der regelmäßigeren Performer:innen dieses kleinen Betriebs und irgendwie auch ein bisschen Schwester für Alec. Und nicht zu vergessen, Andrew Howard als Alecs Vater Dylan.
„PorYes vs. PorNo – der Streit um das Für und Wider der Porno-Industrie ist so alt und abgelutscht wie die Industrie selbst“
Vor allem die Performances von Caolán O’Gorman und Safiya Benaddi üben eine enorm fesselnde Wirkung aus, man will diesen Figuren, ihren Augen, ihren Blicken folgen, in denen so viel mehr los ist als die Story eigentlich hergibt. Denn, um es gleich zu sagen: Jenseits der Darstellenden ist Muriel d’Ansembourgs Arbeit vor allem – problematisch.
PorYes vs. PorNo – der Streit um das Für und Wider der Porno-Industrie ist so alt und abgelutscht wie die Industrie selbst. Und man muss nicht erst in die Niederungen eines unterkomplexen Wut-Aktivismus à la Andrea Dworkin hinabsteigen, um allerlei problematische Aspekte in dieser Industrie zu finden. Allerdings: In der Service-Industrie, der Liefer-Industrie, der Automobil-Industrie, der Influencer-Industrie, der Medien-Industrie, der Gesundheits-Industrie und so vieler anderer Branchen sind die Zustände zuweilen genauso beschissen, wenn nicht gar noch mieser. Warum also Porno, Muriel d’Ansembourg?
Sinistre erzählerische Logik
Ist Pornografie einfach das viel attraktivere Ziel? So ein sexy Zankapfel für die Leinwand? Muriel d’Ansembourg zieht sich hier erstmal ins Uneindeutige zurück. Nina wirft Alec irgendwann ein paar Begriffe zu Feminist Porn an den Kopf – d’Ansembourg markiert damit wohl, dass sie um diese andere Sphäre pornografischen Schaffens weiß und diese wahrscheinlich anders oder positiver kontextualisieren würde. Auch gibt es eine Sequenz, in der Lizzie und Nina ins Sprechen kommen und Lizzie dabei klar als Feministin und selbstbestimmte Person gezeichnet wird, die der jungen Nina sogar noch den Seitenhieb auf allzu vorschnelles „PorNo“ entgegenwerfen kann: „It’s easy to be a feminist from the sidelines“. Nur um ihrem Publikum dann den nächsten narrativen Höhepunkt entgegenzuschleudern.
TRULY NAKED durchzieht eine sinistre erzählerische Logik, halbherzig kaschiert mit Elementen aus Love-Story, Vater-Sohn-Ding und Coming-of-Age. Wir werden hier einem Narrations-Porno der industriellen Sorte ausgesetzt. Es ist eine Mechanik, die erst die Körper aufwärmt, sich ins Vorspiel steigert und dann rigoros die Vorspultaste betätigt: Rasch stecken wir mitten in einer Eskalationsspirale, bei der ein Höhepunkt den nächsten jagt und die eine Explosion der anderen in ihrer Wirkung nicht traut, also noch einen draufsetzen muss.

Alec, der Sohn von Eltern, die sich auf einem Pornodreh kennenlernten.
Der eigentlich noch Schüler ist, der den Schnittrechner im Jugendzimmer stehen hat. Und dessen Alter als Figur interessanterweise zu keinem Zeitpunkt klar benannt wird.
Der sich schämt für seine Arbeit, versucht sie zu verheimlichen, auch vor Nina, und selbstverständlich damit scheitert. Mehr noch, es knallt kräftig auf dem Schulhof.
Alec und Nina nähern sich an, landen irgendwann im Bett. Und natürlich ist der Boy sexuell genauso unerfahren wie durch seinen Job längst ins Dysfunktionale getrieben. Was Nina schnell zu spüren bekommt.
Dylan, als in die Jahre gekommener Mann über den Zenit seiner Karriere eigentlich längst hinaus und lediglich dank Schwanzpillen noch standfest, versucht die sinkenden Klickzahlen mit frischem Blut vor der Kamera wieder zu steigern. Nur um dann eine junge Mutter in Geldnöten anzuschleppen, die mit dem großen Schwanz und den „Erfordernissen“ des Performens weiß Gott nichts anzufangen weiß. „Thought she might be up for it.“ Die Vater-Sohn-Verbindung hat zu diesem Zeitpunkt natürlich längst Abnutzungserscheinungen.
Schließlich Lizzie, die toughe selbstbestimmte Performerin, die erst ihre arbeitstechnische Geborgenheit in diesem Männer-Haushalt zu Protokoll gegeben haben darf, nur um ein paar Minuten später genau dort von einem lebenden Oktopus nahezu vergewaltigt zu werden. Alec bricht die Szene ab und stürzt damit das Verhältnis zu seinem Vater vollends in die Krise.
Dramaturgischer Exzess
Höher, schneller, weiter, größer, extremer – Alec, Nina, Lizzie, Dylan, sie sind Werkzeuge auf dem Weg zum dramaturgischen Abschuss. Handlung ist nurmehr Verbindungsgewebe zwischen Cumshots. Und weil Muriel d’Ansembourg ihrem Publikum offenbar nicht traut, ist jeder Abgang noch eine Nummer krasser als der vorherige.
Alec existiert in dieser Mechanik quasi als das Cum-Towel des Films, das neben der Matratze liegt und auf dem alles abgewischt wird, was da so anfällt: Schweiß, Gleitgel, Schminke, Sperma – Tränen. Blut auch. In TRULY NAKED wird der gesamte dramaturgische Exzess auf dieser Figur abgeladen und die brüchig werdende Vater-Sohn-Kopplung ist dafür nur ein Anlass unter diversen.
TRULY NAKED gerinnt zur cineastischen Heuchelei. Ein mutiges „PorYes“ vermag d’Ansembourg sich nicht abzutrotzen, doch in die geifernde PorNO-Fraktion will sie offensichtlich auch nicht. Stattdessen flüchtet sie sich in einen Murks des Indifferenten – in ein geradezu anstößiges „non-PorNO“.
Wir verlassen den Film trotzdem seltsam unterhalten. Was folgerichtig ist, denn auch bei manchen Pornos mag mensch manchmal nicht so genau darüber nachdenken, was da gerade zu sehen war. Hauptsache es knallt.
TRULY NAKED, Muriel d’Ansembourg, Niederlande, Belgien, Frankreich 2026, 102′, Berlinale Perspectives