vonfini 06.05.2022

Finis kleiner Lieferservice

Eine philosophische Werkzeugprüfung anhand gesellschaftlicher und politischer Phänomene.

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Spätestens seit den letzten zwei Jahren hat sich mensch schon daran gewöhnt, jederzeit und überall kontrolliert zu werden – da bilden auch linke oder autonome Zentren keine Ausnahme. Der Sinn dahinter wird mit dem Allgemeinwohl und der Gesundheit begründet. Dass es bei den Coronamaßnahmen offensichtlich nicht um Gesundheit ging und geht, habe ich an anderer Stelle schon thematisiert. Nun bestätigt der midpandemische Umgang mit Gesundheit und Wohlbefinden meine Wahrnehmung nachträglich: Kaum ist es wieder möglich, gehen Menschen wieder über ihre körperlichen Grenzen, um noch mehr zu arbeiten, um noch mehr Freizeit zu genießen oder weil es einfach Standard ist. Auch am Umgang mit Drogen – inklusive Alkohol – hat sich seit Corona nicht viel verändert. Warum sollte mensch auch seinen Körper schonen oder fürsorglich damit umgehen? Alles Hippiekram.

„Ihr seid jetzt aber keine Straight Edge Band oder?!“

Ich war schon immer recht anfällig für Krankheiten, habe mich schnell angesteckt und insofern schon vor Corona viel wert auf Hygiene gelegt. Verständnis wurde mir dafür wenig entgegengebracht, es schien mein persönliches Problem zu sein und passt auch ins Narrativ der empfindlichen, schwächlichen FLINTA*. Nun schreie ich seit einiger Zeit in einer Band und spiele auch gerne viele Konzerte. Da sich meine Konstitution nicht plötzlich geändert hat, muss ich auch hier relativ viel Selbstfürsorge betreiben, damit ich mehrere Konzerte hintereinander hinbekomme. Das heißt auch: Das heißbegehrte Rockstarleben ist für mich eher geprägt von Salbeitee, Salz-Inhalation, Stimmtraining, Schonkost und Abstinenz. Nach Ostern haben wir 5 Konzerte in 7 Tagen gespielt und ich war 4 von diesen Konzerten damit beschäftigt, ständig alles abzulehnen, was mir angeboten wurde: Kein fettiges Essen, kein Rausch, kein Rauchen im Backstage, kein Bier, kein Wein, kein Schnaps, kein Herumgegröle nach der Show bis zum Morgen. Dass das weiterhin mein persönliches Problem war und ist, habe ich erwartet. Was ich allerdings nicht erwartet habe, war, wie ausschließend auch linke Räume immer noch gegenüber Menschen sind, die nicht vollständig gesund sind oder die aus welchen Gründen auch immer keine Drogen konsumieren wollen. Insbesondere je später der Abend wurde, desto unangenehmer wurde er für mich, denn auch das mit dem Austausch mit anderen beschränkte sich irgendwann auf stumpfe Albernheit, streitlustige Argumentationen oder gläserne Augen, die mich verständnislos versuchten zu fokussieren.

Es gibt keine sicheren Räume für FLINTA*

Sowas wie Safespaces halte ich für utopisch in einer kapitalistischen, patriarchalen Welt, aber es wäre ja schon mal schön, weniger Konsumzwang und damit einhergehende Ballermann-Stimmung zu haben. Denn diese Stimmung und auch Drogenkonsum sind der fruchtbare Boden dafür, dass Menschen übergriffig werden und die Grenzen von anderen nicht akzeptieren. Teilweise kommt es auch zu Übergriffen ohne, dass die Täter sich dessen bewusst sind. Natürlich kann inzwischen eine FLINTA* jedes Mal, wenn in einem Laden ihre Grenzen überschritten werden oder sie ungewollt angefasst wird, zum Personal gehen und um Schutz bitten – in linken Räumen wird die Täterperson dann hoffentlich gegangen. Das ändert aber nichts daran, dass es beim nächsten Mal ein anderer versoffener Dude sein wird, der gegenüber FLINTA* übergriffig wird. Sanktionen gegen übergriffige Menschen sind wichtig, um die Handlungsfähigkeit der betroffenen Person wieder herzustellen, denn Traumatisierungen entstehen u.a. aus der Erfahrung der eigenen Hilflosigkeit im Angesicht einer Verletzung. Der Langzeitefekt solcher Sanktionen gegen Einzelne auf den Raum im Allgemeinen und auch der Schutz von anderen FLINTA* ist jedoch verschwindend gering. Sich im Nachhinein als FLINTA* bei der Band des Abends zu melden, um eine Einzelperson anzuklagen und zu hoffen, dass der Boysclub das dann regelt, passiert also nicht deswegen selten, weil keine Übergriffe bei Konzerten vorkommen, sondern weil dieses Vorgehen FLINTA* kaum etwas bringt und dieses Vorgehen insofern keine Lösung des Problems darstellt: Der Übergriff ist schon passiert, es ist häufig schwierig den Täter zu finden, emotional außerdem enorm belastend auf diese Weise in Erscheinung treten zu müssen und wirklich viel ändern für die Zukunft tut sich eben auch nicht.

Bemerkenswert ist in dem Kontext, dass sich insbesondere andere Cis-Männer im Falle einer Sanktion besonders hervortun wollen, diese um- und durchzusetzen. Das ist nur leider auch keine andere Rolle als die des Ritters auf dem weißen Pferd, der die Unschuld der vermeintlich Schwächeren wieder herstellen will und gleichzeitig natürlich zum Ausdruck bringen, dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Was Unsinn ist, solange das Patriarchat besteht, also materielle und ökonomische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern besteht, ist jeder Cis-Mann für FLINTA* eine potenzielle Gefahr. Diese Gefahr besteht nicht immer auf dieselbe Weise, aber Übergriffigkeiten und emotionale Manipulation werden oder wurden von jedem Cis-Mann schon mal verübt, unabhängig davon, wie bewusst er sich darüber war oder ob es thematisiert wurde. An dieser Stelle sei nur kurz das Thema Date Rape angerissen, da sich wohl kaum ein Cis-Mann sicher sein kann, im Rahmen einer romantischen Begegnung insbesondere unter Drogeneinfluss noch niemals die Grenzen des Gegenübers übergangen zu haben.

Sanktionen und Kontrollen für das bessere Leben

Sich deswegen immer wieder von Tätern abzugrenzen und insbesondere als Cis-Mann zu sagen, dass mann ja sowas wie dieser und jener Extremfall niemals tun würde, ist weder zutreffend noch ehrlich mit den eigenen Privilegien. Cis-Männer sind sich schnell einig, dass körperliche Übergriffe oder Vergewaltigung zu verurteilen sind und die Täter für immer ausgeschlossen werden müssen – übersehen dann aber schnell die Dinge, an denen sie selbst dazu beitragen, Räume für FLINTA* grundlegend unsicherer zu machen. Sind ausschließlich Sanktionen und Kontrollen also wirklich die Art, wie wir regeln wollen, wie wir miteinander umgehen? Machen stetige Thematisierung, Auseinandersetzungen und auch Vorbilder nicht vor allem langfristig mehr Sinn? Sexismus ist genauso wie Rassismus häufig keine selbstgewählte Haltung, sondern ein Privileg derjenigen, die soziale Macht von vornherein haben. Es müssen sich also grundlegende Gewohnheiten und Verhaltensmuster verändern, die eigene Position muss stetig reflektiert und ins Verhältnis mit der umgebenden Situation gesetzt werden.

Oder wenn wir allen Ernstes bei der Kontrollgesellschaft bleiben wollen, die sich dank Corona durch linke Räume zieht, dann müssen wir auch so konsequent sein, Taschen auf Drogen zu kontrollieren, Menschen in die Augen zu leuchten oder pusten zu lassen – und ab einem gewissen Pegel dann den Zutritt verweigern. Denn jede Person, die unter Drogeneinfluss steht, ist nicht mehr in der Lage, die Grenzen anderer Menschen wahrzunehmen und wird damit zu einer Gefahr für das körperliche und seelische Wohl von Anderen. Durchaus auch mit langfristigen Folgen. Wenn es uns also tatsächlich ernst wäre mit der während Corona so viel propagierten Gesundheit von Menschen, dann wären Drogen (inkl. Alkohol) in dem Ausmaß, wie sie aktuell unser Miteinander bestimmen, ebenfalls zu kontrollieren. Nicht meine bevorzugte Lösung, aber da viele Räume und auch Menschen sehr begeistert von den neuen Möglichkeiten der Kontrolle waren/sind, soll die Konsequenz daraus nicht unerwähnt bleiben.

Mit großer Macht kommt große Verantwortung…

Mein Vorteil bei Abendveranstaltungen ist inzwischen, dass ich Sängerin einer Band bin. Das heißt, wenn ich selbst spiele, kann ich in diesen Räumen gewisse Forderungen stellen, kann mir einige Extravaganzen leisten und es gibt eine Reihe von Menschen, die sofort reagieren, wenn sie merken, dass ich mich in einem Gespräch oder einer Interaktion unwohl fühle. Da ich präpandemisch eher als Veranstalterin oder Konsumentin unterwegs war, ist mir dieser plötzliche Zuwachs an Privilegien besonders bewusst und ich genieße ihn sehr. Das gilt nicht nur für meine persönlichen Bedürfnisse, sondern auch für die Räume, die ich während des Konzerts halte und gestalten kann. Abgesehen von den Privilegien „hinter der Bühne“ (Essen, Schlafplätze, Fame, Geld…) sind wir als Musiker*innen in einer sehr offensichtlichen Machtposition: Wir stehen meistens erhöht im Licht, wir haben Mikros sodass wir lauter sind als alle anderen und das Publikum will uns letztendlich „gefallen“. Je bekannter eine Band, desto mehr verstärken sich diese Punkte. Das heißt aber auch, dass wir diese Macht bei jedem einzelnen Konzert nutzen können, um die Räume, die wir bespielen insbesondere für FLINTA* sicherer zu machen. Als Band kann ich also mit minimalem Aufwand folgendes tun:

  • Cis-Männer bitten, die ersten Reihen grundsätzlich freizugeben (ja, mensch kann auch „ausrasten“, ohne andere Leute dabei zu verletzen oder den gesamten Raum zu dominieren).
  • Wenn Ihr feststellt, dass vor der Bühne kleine Personen unter die Räder kommen oder sich zurückziehen: Thematisiert das von der Bühne aus und sprecht die Personen direkt an, die Ihr als besonders dominant wahrnehmt.
  • Fragt im nachhinein, ob sich FLINTA* wohlgefühlt haben, damit Ihr lernt, worauf Ihr achten müsst.
  • Sprecht Konsens auf Konzerten und auch danach an: Es geht darum, dass ALLE beteiligten Spaß haben und nicht nur diejenigen, die am lautesten schreien.

…und das alles einfach bei JEDEM Konzert. Wir haben damit inzwischen sehr gute Erfahrung gemacht und auch andere (Dude-)Bands berichten, dass diese deutlichen Worte von der Bühne einen Unterschied im Publikum machen, wenn sie mit uns zusammenspielen. Im Zweifel kann sich nämlich jede FLINTA* den gesamten Abend auf die Band berufen und damit auf eine soziale Hierarchie zurückziehen, auch wenn sie sich selbst vielleicht eigentlich nicht in der Position empfindet, die eigenen Grenzen verteidigen zu können: Der*die Sänger*in von der Band hat das auch gesagt! Das sorgt mehr dafür, dass FLINTA* einen schönen Abend haben, als wenn der Sänger der Band sich auf der Bühne wie das letzte Arschloch verhält. Obenohnekalle wird dann nämlich noch mal in Erinnerung gerufen, dass auch seine großen Idole, die da gerade oben auf der Bühne stehen, es nicht cool finden, was er gerade macht und diese soziale Macht, die insbesondere alte und etablierte Bands haben, hilft FLINTA* mehr, als wenn einzelne Dudes andere einzelne Dudes für Fehlverhalten, was sie meistens alle machen, an den Pranger stellen.

Keine Utopie in Sicht, Veränderung ist harte Arbeit

Solange das Patriarchat besteht, werden FLINTA* insbesondere unter Drogenkonsum Übergriffe erleben – im privaten wie im öffentlichen Raum. Wir können deswegen niemals davon ausgehen, dass das „ja mal klar sein muss“ oder so etwas wie „Voraussetzung“ ist. Jeder Cis-Mann ist derzeit immer noch ein potenzieller Täter und das muss nicht mal unbedingt intendiert sein, schadet aber dennoch in jedem Falle einer FLINTA*. Deswegen müssen wir es immer wieder sagen, immer wieder ins Bewusstsein holen und immer wieder im Auge behalten, was um uns herum passiert und wie sich der Raum verhält, den wir mit unserem Konzert halten. Eine Band hat da eine ganz klare Moderationsaufgabe – will sie diese Rolle nicht ausfüllen, bleibt sie leer und jeder Cis-Mann vor Ort kann zum „Anführer“ werden. Das kann gut gehen oder auch nicht, genauso wie bei allen anderen Gruppenprozessen, bei denen der Rahmen unklar ist. Wenn eine Band behauptet: „Das Publikum macht das schon unter sich aus.“, dann ist die Konsequenz daraus: das Recht des Stärkeren. Das kann dann zufälligerweise auch mal eine FLINTA*-Gang sein, aber sich als Band darauf zurückzuziehen, unterstützt soziale Mechanismen, gegen die wir im Punkrock eigentlich mal angetreten sind. Womit wir wieder bei meinem beliebten Punkt wären: Punkrock ist kein Genre sondern eine Subkultur – nehmen wir hier eine irgendwie herausragende Rolle ein, dann machen wir das nicht fürs Geld, ein bisschen vielleicht für den Fame, aber vor allem, um politisch wirksam zu sein und eine Kultur zu gestalten, die weniger ausschließend und solidarischer ist als der Mainstream oder die Hochkultur! Alles andere ist Rock.

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