vonSabine Schiffner 07.09.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Die Lesum ist einer dieser Flüsse, deren Namen man in Bremen oft hört, aber die kaum jemand kennt. Vielleicht liegt es an den ausgedehnten Schilfgürteln, die ihr Ufer von den begangbaren Wegen abtrennen. Vielleicht ist es aber auch, weil sie sich in Bremen Nord befindet, einer Gegend meiner Heimatstadt Bremen, die mit ihren langen 42 Kilometern entlang der Weser einst die längste Stadt Deutschlands war, die ziemlich weit nördlich außerhalb des ziemlich kleinen Altstadtzentrums liegt und die im Rahmen des Strukturwandels eine sehr negative Entwicklung gemacht hat.

Heute habe ich mich auf den Weg gemacht, um dort an der Lesum nach den Spuren einer der berühmtesten, ja eigentlich der berühmtesten Autorin Bremens zu suchen. Oder wäre es besser zu sagen, dass ihr Buch nur das berühmteste Buch Bremens ist? Es handelt sich um Magdalena Pauli, alias Marga Berck und ihren Briefroman „Ein Sommer in Lesmona“, in dem sie in Briefen an ihre beste Freundin eine große und unglücklich endende Liebesgeschichte beschreibt.

In Bremen kennt man den Namen Lesmona wegen des Klassik-Festivals „Sommer in Lesmona“, das seit 1995 im Knoops Park am Ufer der Lesum stattfindet. Bei diesem Park handelt es sich zu kleinen Teilen auch um Reste des Parks vom Anwesen „Lesmona“, von dem aus viele Briefe des erwähnten Buches versendet wurden. In den Briefen geht es auch oft darum, dass musiziert wird, die Autorin, die noch keinen Plattenspieler oder Youtube hatte, musiziert, singt und spielt darin eigentlich dauernd mit ihrem Geliebten. Insofern könnte man es schon richtig finden, hier auch ein Klassik-Festival auszurichten. Aber eigentlich ist das 1952 erschienene Buch doch vor allem ein großes Werk der Literatur, das erst richtig bekannt wurde durch die heute furchtbar hölzern erscheinende Verfilmung von Peter Beauvais, mit Katja Riemann in der Hauptrolle, die 1987 als sechsteilige TV-Serie erschien.

Als ich nach fast vierzig Jahren das Buch erneut lese, bin ich sehr erstaunt. Denn die Komposition des Buches ist perfekt und die emotionale Tiefe berührt enorm. Wie unglücklich waren die jungen Menschen jener Zeit, gefangen in ihren Konventionen und wie sehr haben sie sich aber auch selber unglücklich gemacht! Die Protagonistin des Buches, die Schreiberin der Briefe, verzichtet auf ihre große Liebe, weil sie den Konventionen der Zeit gehorcht und wird auch später nie wieder glücklich werden. Auch ihre große Liebe, der englische Cousin Gustav Röhring, im Buch Percy genannt, wird, das Buch deutet es an und die Realität zeigte es später noch, nie mehr sein Glück finden; er nimmt sich in der Realität 1938 das Leben. Ihre Brieffreundin, die ihr, man hält es bei der Lektüre kaum aus, immer wieder die Liebe auszureden versucht und sie auf den Pfad der Konvention führen möchte, stirbt im Kindbett, wie die letzten Briefe aus dem Buch verraten, die von ihrem Ehemann sind, der der Autorin diesen tragischen Tod mitteilt. Und die Eltern der Autorin sind auch keine Hilfe. Es ist eher ein Verhältnis von Angst und Abhängigkeit, das sie mit ihren Eltern führt, denen sie sich nicht anvertrauen dürfte, ohne fürchten zu müssen, verstoßen zu werden.

Das Buch lässt mich bei der Lektüre spontan an zwei große Werke der deutschen Literaturgeschichte denken: An den Werther und an die Buddenbrooks. Hanseatische Konventionen im Großbürgertum, subjektives Empfinden eines Zulaufens auf eine Katastrophe, individuelles Reagieren auf genau diese Katastrophensituation: Etwas, was alle drei Werke eint. Auch wenn der Sommer in Lesmona ebenso wie der Werther, der ja auch auf einer wirklichen Geschichte beruht, ein „Briefroman“ ist, so ist er doch in seiner Komposition – die Briefe waren nicht mehr vollständig erhalten – ein Werk der Literatur. Die hanseatisch-großbürgerliche Welt kurz vor der Jahrhundertwende und noch mit genügend Abstand vor der Katastrophe des ersten Weltkriegs, der ihr endgültig den Garaus machen würde, wird mit all ihren Verstocktheiten, Grausamkeiten und aber auch Schönheiten gesehen und beschrieben durch die Augen eines siebzehnjährigen Mädchens.

Zusammengestellt wurden diese Briefe erst fünfzig Jahre später. Ihre Autorin war eine Frau. Eine Frau zudem, die zeitlebens kein Selbstverständnis als Autorin hatte und als Autorin nicht gefördert und unterstützt wurde. Zwei Bücher hat sie zu Lebzeiten noch veröffentlicht. Sie ist also keine männliche Großschriftstellerin. Und genau das wird der Grund sein, warum ihr Sommer in Lesmona heute nicht als großes Werk der Literaturgeschichte bewertet wird. Im Wikipediaeintrag ihres Mannes Gustav Pauli, der mit der Hochzeit vor allem eine gute Partie machte, und der in ihren Briefen als kalt, karrieresüchtig und uninteressiert an seiner Frau beschrieben wird, steht über sie: „Magda, eine gefühlvolle und musisch veranlagte Frau, verehrte ihren Mann, der als kühl beschrieben wird.“

Das bleibt über von einer Frau, die vier Kinder bekommen hat und die sich abgesehen von einer kurzen Episode im Sommer 1895 immer ungeliebt fühlte. Als ich heute durch den Park schlendere, in dem sich der wichtigste Teil ihres Buches abgespielt hat, stelle ich mir an diesem Ort, der im Buch eine so große Rolle spielt, die Frage, woran es wohl liegt, dass hier so gut wie nichts daran erinnert, was sich hier einst abgespielt hat. Es gibt dort einzig eine Statue von ihr.

„Magdalena Pauli, geb. Melchers, 1875-1970, veröffentlichte unter dem Pseudonym Marga Berck ihre Briefe „Sommer in Lesmona“, steht auf der Tafel. Weitere Erläuterungen zu ihrer Person oder ihrem Werk fehlen. Auch am Haus Lesmona, das ihrem Onkel Herbert gehörte und wo sie den Sommer 1888 verbrachte, weil ihre Eltern auf Kur waren und das heute ein wenig heruntergekommen wirkt und in dem sich heute wohl eine Art Galerie befindet, ist kein Hinweis auf Buch und Autorin zu finden.

Genauso wenig an wichtigen Orten, die im Buch eine Rolle spielen, wie dem so genannten Nizza-Platz, wo sie sich heimlich mit ihrem geliebten englischen Cousin Percy traf, der auch vom Onkel Herbert eingeladen war und auf die Lesum schaute. Stattdessen wird auf dem Nebengrundstück von Lesmona, das dem Baron Knoop gehörte, einem Bremer Kaufmann, der im Textilgewerbe sehr reich wurde und später vom russischen Zaren zum Baron ernannt worden ist, ausführlich an diesen erinnert, wie bei den zwölf Aposteln, einer Baumgruppe aus zwölf eng zusammenstehenden Bäumen. Der von dem Landschaftsarchitekten Wilhelm Benque, der auch den Bremer Bürgerpark angelegt hat, im Stil eines englischen Parks wildromantisch angelegte Park mit Grotten und Wasserbecken und uralten Bäumen entlang der Bremer Schweiz genannten Höhen am Ufer der Lesum ist ganz sicher der schönste Park seiner Art in Bremen.

Magdalena Pauli, die bei Erscheinen ihres Briefromans schon fünfundsiebzig Jahre alt war, hat noch mitbekommen, wie aus der Geschichte ihrer großen Liebe ein Bestseller wurde. Ihr Leben war kein Bestseller. Ihre beste Freundin, die einzige Person, der sie wirklich vertrauen konnte und der sie all die Briefe aus ihrem Buch schrieb, starb im Kindbett. Zwei ihrer vier Kinder begingen Selbstmord, ein weiteres starb im Kleinkindalter, der Sohn während eines Fluges im zweiten Weltkrieg. Auch ihr Mann, der Kunsthallendirektor Gustav Pauli, der 1933 aufgrund seiner Vorliebe für die Moderne, durch die er der Bremer Kunsthalle einige heute hochbedeutende, aber zur Zeit der Anschaffung sehr umstrittene Werke, vermachte, von den Nazis des Amtes enthoben wurde, starb schon 1938.

Heute erinnert hier in Bremen nur noch diese Büste im schönsten Park Bremens, der wohl auch der unbekannteste schönste Park Bremens ist, an die Autorin. Eine Straße wurde nicht nach ihr benannt. Thomas Mann und Goethe haben natürlich Straßen in Bremen. Auch einen Gustav Pauli Platz gibt es.  Ich setze mich auf die Bank neben sie und ziehe ihr Buch heraus, eine alte Ausgabe von 1954, die ich selber geerbt habe und fange wieder an, in den Briefen zu lesen. Und denke an die schöne und traurige Geschichte dieser Frau, die in ihrer Heimatstadt nicht so gewürdigt wird, wie sie es verdient hätte.

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kommentare

  • Ganz herzlichen Dank,

    liebe Sabine,

    Magdalena Pauli war mir leider kein Begriff, ihr Roman ebenfalls nicht. Dass es um Paulis Knst-Erwerbungen für die Kunsthalle eine heftige und gehässige Auseinandersetzung gab, wusste ich. Aber diese Missachtung seiner Frau, die selbst als Künstlerin schöpferisch tätig war, meine Unkenntnis inbegriffen, macht mich sehr betroffen. Herzlichen Dank für die wichtige Nachhilfe in Sachen Literaturgeschichte!

    • Danke für Deinen wichtigen Kommentar, lieber Andreas! Ich war selber bei der Recherche auch ziemlich schockiert über diese Missachtung. Das hat ganz sicher etwas mit männlicher Arroganz und -bis heute- männlicher Dominanz in allen Bereichen und besonders im literarischen Bremen zu tun. Seltsam eigentlich für eine Unesco City of Literature….

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