vonSabine Schiffner 17.08.2026

fremdeln

Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

Mehr über diesen Blog

„Über Opfer des Krieges auf russischer Seite zu berichten, ist wegen der Zensur schwierig.“ (ARD-Nachrichten, 16.8.2026)

„Besonders scharfer Prüfung bedarf die Frage, ob die Einführung der Wehrpflicht in der Tat eine Forderung der Demokratie und der Kultur war.“ (Aus dem Nachlass von Ludwig Quidde: Der deutsche Pazifismus während des Weltkrieges 1914-1918)

 

 

Vor zehn Tagen geriet ich zufällig in eine Kundgebung anlässlich des Gedenktages des Atombombenangriffs auf Hiroshima und Nagasaki vor nunmehr einundachtzig Jahren, die direkt neben dem Bremer Rathaus stattfand. Ich blieb sofort stehen und hörte mir die Reden an, die mir so aktuell und wichtig vorkamen wie kaum etwas. Anlässlich von Aufrüstung und Atomisierung muss man heute mehr denn je auf genau dieses Thema hinweisen. Das ja auch Auswirkungen hat auf das andere bedrohliche Thema unserer Zeit, die Klimakatastrophe. Denn die übergroße Waffenproduktion und die Nutzung von Panzern und Flugzeugen (auch) zu kriegerischen Zwecken ist auch für die Umwelt fatal.

Bei dieser Kundgebung in Bremen waren verschiedenste Vereinigungen, die ich noch aus meiner Jugend kannte, aus der Zeit Anfang der Achtziger Jahre, als ich selber auf die Straße ging und Unterschriften sammelte gegen Atomwaffen, die damals Pershing 2 und Cruise Missiles hießen, atomare Mittelstreckenwaffen, die ab 1983 von den Amerikanern in Westdeutschland stationiert waren. Wir waren übrigens damals mit diesen Unterschriften vielleicht sogar erfolgreich, 1987 wurden die Waffen verboten. Bei der Kundgebung am Bremer Rathaus waren vor zehn Tagen bis auf den recht jungen Redner übrigens fast nur Angehörige der Generation 80 plus, dieselben, die auch schon Anfang der 1980er Jahre dabei waren und damals auch schon nicht mehr ganz jung gewesen sind. Unter anderem war dort auch eine Delegation der Deutschen Friedensgesellschaft, der ältesten pazifistischen Organisation in Deutschland, 1893 gegründet https://nds-hb.dfg-vk.de/.

Ich fragte mich, während ich den Reden zuhörte, wo eigentlich die Jugend an diesem 6. 8. 2026 war, um deren Zukunft es doch gehen sollte, und warum es bei den Pazifist*innen (in Bremen) scheinbar keinen Nachwuchs gibt, wonach es an diesem Tag hier vor dem Bremer Rathaus aussah, wo doch Anfang der Achtziger Jahre, wie ich es selber erlebt hatte, immer wieder Abertausende gegen Militarismus und Aufrüstung demonstriert haben.

Als ich dann nach Hause ging und überlegte, diesen Blog zu schreiben, der ja mit Bremer Pazifist*innen zu tun hat, stellte ich im Rahmen meiner Recherche fest, dass es tatsächlich einen Bremer Pazifisten gibt, der den Friedensnobelpreis erhalten hat. Es handelt sich dabei um Ludwig Quidde (1858-1941), einen gebürtigen Bremer, von dem meines Wissens nach früher und heute eigentlich nie die Rede war in Bremen.

Er, der aus großbürgerlichem Kaufmannshaus stammte, ging auf das sehr renommierte Bremer Alte Gymnasium und studierte später Geschichte, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Er hatte früh und mit seinem ererbten Geld angefangen, pazifistische  und antimilitaristische Vereinigungen zu unterstützen. Außerdem engagierte er sich schon während seiner Studentenzeit gegen den Antisemitismus seiner Zeit und war mit seiner Frau im Tierschutz aktiv. 1892 veröffentlichte er anonym eine Polemik gegen den Militarismus im Deutschen Reich. Kurze Zeit später musste er wegen Majestätsbeleidigung für mehrere Monate ins Gefängnis. Er hatte eine sehr erfolgreiche Satire auf Wilhelm II. geschrieben, mit dem Titel „Caligula. Eine Studie über den römischen Cäsarenwahnsinn“.

1894 trat er dann der von Bertha von Suttner gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft bei und war bei mehreren Kongressen der Gesellschaft aktiv. Während des ersten Weltkrieges wurde er wegen seines Pazifismus zum Außenseiter und ging aus Deutschland fort und ins Ausland, von wo aus er weiter pazifistisch aktiv war und für die Vernetzung der wenigen Pazifist*innen sorgte.

Nach 1919 wurde er Abgeordneter der DDP, der deutschen demokratischen Partei in der Weimarer Nationalversammlung. Ab 1921 war er dann Vorsitzender der pazifistischen Dachorganisation Deutsches Friedenskartell (bis 1929). 1924 wurde er wegen eines Artikels über die Schwarze Reichswehr wegen „Landesverrats“ inhaftiert, kam aber nach kurzer Zeit wieder frei und erhielt 1927 den Friedensnobelpreis. Da er im Rahmen der Inflation Anfang der zwanziger Jahre sein Vermögen verloren hatte, konnte er das Geld gut gebrauchen. Nach der Machtergreifung Hitlers ging er dann nach Genf. Als der Anschluss Österreichs war, schrieb er in einem Brief:

„Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob anständige Leute mit den Mitteln schärfster Propaganda ein Land in eine Gemeinschaft der Freiheit und des Rechts überführen wollen oder ob eine Bande von Verbrechern, Mördern, Räubern, Brandstiftern und (was vielleicht schlimmer als alles ist) bestialischen Folterknechten, dazu Lügnern und Heuchlern mit schamlosem Rechtsbruch dieses Land einem Zustand brutalster Unterdrückung jeder Freiheit einzugliedern unternehmen.“

Als diese Zeilen publik wurden, wurde er in Deutschland ausgebürgert. Er konnte aber immerhin noch von Genf aus, wo er seit 1933 lebte, seine halbjüdische Frau weiterhin unterstützen, die ihrer kranken Schwester wegen in Deutschland blieb und wegen ihrer Ehe mit einem nichtjüdischen Mann weiterhin geschützt war. Er starb 1941 in Genf.

In Bremen gibt es keine Erinnerung an ihn. Sein Elternhaus ist nicht bekannt, obwohl ein Bruder von ihm in den zwanziger Jahren sogar Senatspräsident in Bremen gewesen ist. Eine winzig kleine Straße im Viertel Hastedt ist nach ihm benannt. Auch rund um das Rathaus und in der Altstadt, wo an manch prominenten Kriegstreiber (Bismarck) und Militaristen erinnert wird, gibt es keine Erinnerung an den einzigen Bremer Friedensnobelpreisträger und Pazifisten Ludwig Quidde, der in Genf begraben liegt und an dessen letztem Wohnhaus eine Plakette angebracht wurde, auf der steht, dass der deutsche Historiker als Flüchtling vor dem nationalsozialistischen Totalitarismus in Genf war. Es wird prominent auf seinen Friedensnobelpreis von 1927 verwiesen. „Seine letzten Jahre verbrachte er in diesem Gebäude, wo er sich für verfolgte Pazifisten einsetzte“.

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/fremdeln/fremdeln-beim-fernsehen-3/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Danke für diese Erinnerung an Ludwig Quidde, der aber keineswegs so vergessen ist in Bremen wie dargestellt. Der Bremer Geschichtsprofessor Karl Holl hat sich ausführlich mit ihm beschäftigt, seine Abiturarbeit wurde im Bremischen Jahrbuch veröffentlicht und kommentiert und seine Person war mit entscheidend für das Ausstellungsprojekt des Staatsarchivs Bremen „Pazifismus und Friedensbewegung in Bremen“ in den 80er Jahren. Den umfangreichen Katalog gibt es noch heute im Bremer Donat-Verlag. Schade, dass er bei der verdienstvollen Recherche nicht wahrgenommen wurde.
    Das Engagement der Bremer Zivilgesellschaft in dieser Frage ist bemerkenswert, auch wenn es die Alten sind. In Schwerin, wo ich seit 1994 lebe, würde eine solche Kundgebung mangels Interesse gar nicht stattfinden.

    • Danke nochmal für die Erinnerung, sehr geehrter Herr Röpcke! Auf Prof. Holl wurde ich auch hingewiesen, er hat sich ja wirklich sehr ausführlich mit Quidde beschäftigt. Ich finde aber, dass der Friedensnobelpreisträger hier in Bremen trotzdem noch zuwenig gewürdigt wird, in Bremen wird leider innerhalb der Stadt überhaupt nicht an ihn erinnert und das wäre wirklich dringend notwendig! Und natürlich will ich das Engagement der „Alten“ hier in Bremen nicht herabsetzen! Es ist phantastisch und vorbildlich, dass sie so aktiv sind!! Darauf können wir hier in Bremen auch stolz sein!

  • Danke liebe Sabine Schiffer für ihre Inspiration über Friedensnobelpreisträger 1927 Ludwig Quidde den Sohn der Freien und Pfeffersäcke Hansenstadt Bremen eher Bremer Stadtmusikanten nah so wie Ludwig Quidde diesen Hansen scheint`s fern ist auch wenn linkspartei neben SPD im Senat sitzt
    Meone Inpiration an dich: Ludwig Quidde kannte brit Autor Edward Dene Morel Nachrichtenmagazins Foreign Affairs Gründer 1920 und dessen Arbeit sehr gut.
    Als führende Köpfe der internationalen Friedensbewegung waren sie eng miteinander vernetzt.

    Hier sind einige Punkte über deren Verbindung:
    Gemeinsame pazifistische Arbeit: Ludwig Quidde war der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG). Edward Dene Morel war Mitbegründer der britischen Union of Democratic Control (UDC) und wie gesagt Herausgeber der Zeitschrift Foreign Affairs. Beide Organisationen arbeiteten nach dem Ersten Weltkrieg eng zusammen, um gegen den Militarismus und für eine verhandelt gerechte Friedensordnung zu kämpfen.
    Bekanntheit der Schrift in Deutschland: Morels Broschüre „Das Gift, das zerstört“ (im englischen Original „The poison that destroys“) erschien 1922 in einer autorisierten deutschen Übersetzung im Verlag der Frankfurter Societäts-Druckerei. Sie war in der deutschen Friedensbewegung ein viel gelesenes und intensiv diskutiertes Werk, da Morel darin – als Brite, neben Pazifisten und Philosophen Bertrand Russel – die alleinige deutsche Kriegsschuld anprangerten und die geheime Vorkriegsdiplomatie der Alliierten insgesamt kritisierten, dafür in Haft landeten, wie Quidde in Deutschland, ein bis heute wirkend globales Kreditkarussell auf US $ Basis zu implementieren, das die Welt bis heute außer Atem Friedens hält insbesondere Ersten Lordadmirals Winston Churchills geheime Finanzierung der Umrüstung der Royal Navy von Kohle auf Marinediesel 1911 durch ein US Bankenkonsortium um spätere Federal Reserve Mitgründer 1913 J. P. Morgan , Ulrich Warburg Banker, Bruder Max Warburg Bank als Wilhelm II Flottenausbau Finanzier, auf US $ Basis in geheimen Staatsanleihen mit der Bank of brit Empire als Schuldner am brit Parlament, US Kongress vorbei, damit überraschenden Eintritt brit Empire in 1. Weltkrieg 1914 präjudizierte als Flucht nach vorne die Aufdeckung Offenlegung dieses monetären Halunkenstücks mit Wette auf Siegfrieden in die Nachkriegszeit zu verschleppen

    Internationale Solidarität: Als Quidde 1924 wegen seiner Enthüllungen über die illegale „Schwarze Reichswehr“ verdeckt finanziert aus dem Reichswehr Budge, in München-Stadelheim inhaftiert wurde, griffen genau diese Netzwerke. Morel und seine Mitstreiter in London nutzten ihre publizistische Macht und politischen Kontakte (Morel saß damals für die Labour-Partei im britischen Unterhaus), um Druck auf die Behörden auszuüben.

    Morels Schriften und sein politischer Einsatz in Großbritannien waren für deutsche Pazifisten wie Quidde ein ganz entscheidender Rückhalt in schweren Zeiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert