vonSabine Schiffner 20.08.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Der Sommernachtstraum mit nur vier Schauspielern? Wie kann das funktionieren, wo es doch laut Shakespeare ganze 18 Darsteller sein müssten? Ich bin gespannt! Es ist noch hell und trocken, hier im Bremer Bürgerpark um 19.30h, als vier rustikal schwarz gekleidete Schauspieler durch den Mittelgang und die Wiese zum See hinunter durchs Publikum laut gähnend nach vorne zur Bühne gehen und es sich dort auf großen Kisten gemütlich machen.

Dann erwachen sie langsam und fangen an, gemeinsam auf einem Kontrabass, den sie aus einer der Kisten holen, eine seltsam zärtliche Katzenmusik zu spielen, ein Bild, das das Thema des Stücks, die Liebe, andeutet. Da weiß der Zuschauer noch nicht, dass es sich bei diesen schwarz gekleideten Personen um die Handwerker, die schauspielernden Versager Squenz, Schnock, Zettel und Schlucker handelt, die gekommen sind, um für ein Stück zu üben, das anlässlich der Hochzeit des Athener Herzogs Theseus aufgeführt werden soll, der eben Hyppolita besiegt hat und die sich gleich enorm Sträubende zur Frau nehmen will. Als die  Schauspieler sich anschließend ihre schwarzen Kleider ausziehen und darunter ihre bunten Rollenkostüme zum Vorschein kommen, nimmt die enorm phantasievolle virtuos gespielte und von der erfahrenen Regisseurin Patricia Benecke gekonnt in Szene gesetzte Inszenierung an Fahrt auf.

Und weil es an mancher Stelle der wohl bekanntesten Komödie von Shakespeare schwierig ist, nur mit vier Schauspielern zu arbeiten, werden gleich zu Beginn Stellvertreterpuppen aus einer der großen Kisten geholt, die nun mit verstellter Stimme gesprochen die jungen Liebenden und sich nicht Liebenden vorstellen, die sich auf den abenteuerlichen Weg in den Wald machen, um den Liebeswirrwarr, von dem das Stück handelt, zu durchleben. Kein Ort ist für eine solche Komödie so gut geeignet wie dieser Bürgerpark am See, der von waldartigem Parkgelände gesäumt wird. Jetzt fliegen die ersten Enten über die Zuschauer hinweg. Von Beginn an fällt die enorme Präsenz von Magdalena Simmel auf, die furios zwischen ihren Rollen, zwischen Hermia und Puck hin- und herwechselt. Waren es in den frühen Max Reinhardt-Inszenierungen, die meine Idee von einem idealen Sommernachtstraum geprägt haben, immer junge Frauen, die den Puck spielten, so war es in seinem 1935 entstandenen Film der junge Mickey Rooney, der  dem Puck das wilde, magische und verrückte gab, das auch die junge Schauspielerin Magdalena Simmel am heutigen Abend auf die Bühne brachte, eine androgyne durchgeknallte böse Mischung aus Clown und Teufel, mit lautem boshaftem Lachen.

Aber nicht nur sie, sondern auch die anderen Schauspieler zeigten eine großartige Leistung mit ihrem Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Rollen; das Ensemble funktionierte perfekt im Sichzuspielen und den Übergängen. Denn dass sich die Übergänge zwischen den vielen verschiedenen Rollen, die die Schauspieler*innen verkörperten, so fließend und schnell und überzeugend gestalten lassen, ist verblüffend. Man sollte meinen, Shakespeare habe das Stück tatsächlich nur für vier Schauspieler*innen geschrieben! Svea Auerbach hatte keine Angst vor Hässlichkeit und spielte, zwischen Titania und Helena und Hyppolita hin und herwechselnd, mit viel Körpereinsatz. Tim Lee, der Theseus und Oberon des Abends, gab den souveränen Herrscher und den herrlich queeren Schnock. Und Simon Elias, Lysander, Egeus und Zettel verkörpernd, nahm man seine Liebe zu Hermia und seine dumme Eselsdusseligkeit in jedem Moment ab.

In bester Shakespearetradition wurde auch direkt ins Publikum gespielt und durch die Reihen gerannt, wenn es denn sein muss. Kleiderwechsel fanden auf der Bühne statt, das manchmal grotesk überzeichnete Spiel, ergänzt durch einen eigenwilligen Ton und live ins Mikrophon gebrüllte und gehauchte Tonkulisse, erinnerte zuweilen an die Commedia dell Arte und machte viel Spaß.

Das Bühnenbild, das aus verschieden großen Kisten bestand, die herumgeschoben werden konnten, in die man klettern, auf denen man schlafen, in denen man sich verstecken, Unfug treiben oder verschwinden und in neuem Kostüm wieder auftauchen konnte, ließ der Phantasie der Schauspieler und der Zuschauenden viel Raum. Beleuchtung, Kunstnebel, Ton und Musik unterstützten die nächtliche Parkatmosphäre, die sich an diesem Abend zuweilen allerdings nicht wirklich nach Sommernachtstraum anfühlte, auch wenn bald die ersten Fledermäuse flogen und die Nachtfalter im Scheinwerferlicht leuchteten. Denn kurz nach der Pause begann es zu regnen und es regnete immer mehr. Aber das nicht unter dem großen Pavillon sitzende Publikum, meist treue altgewohnte Besucher*innen der Shakespearecompany, die das Festival Shakespeare im Park inzwischen schon seit dreißig Jahren ausgerichtet, war darauf eingestellt und zog sich seine Regencapes über und wer keines dabei hatte, hatte spätestens jetzt die Gelegenheit, es von einem flugs herbeigeeilten Händler zu erstehen. So standen, saßen, spielten nur die bedauernswerten und davon aber ungerührten Schauspieler*innen im bald prasselnd fallenden Regen, der den zweiten Teil der Aufführung füllte. Da der aber kurz vor Schluss wieder vorüber war, wurden die Zuschauer*innen immerhin trocken und mit einer herrlich komischen und überdrehten Handwerkeraufführung und dem anschließend wunderbar auf verschiedenen Instrumenten gespielten „The first time ever I saw your face…“ von Ewan Maccoll in die Nacht entlassen und konnten durch den dunklen Park, in dem ferne Pfauenschreie zu hören waren, nach Hause fahren.

Die heutige Aufführung, die im März 2025 Premiere hatte und mal auf deutsch, mal auf englisch gespielt wird, war komisch, hochvirtuos gespielt, berührend, machte richtig gute Laune und war in jeder Minute spannend. Die Reduzierung auf vier Schauspieler*innen ermöglichte zudem einen genaueren Überblick über die vier Gruppen, die im Original eine Rolle spielen und blieb somit als großartiger dramaturgischer Einfall haften. Ein brillanter Auftakt für das Festival Shakespeare im Park, das am Sonntag, dem 30.8. wiederum mit diesem Sommernachtstraum endet. Hoffentlich diesmal ohne Regen!

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