An sich soll auf der Webseite der Bremer Shakespearecompany bis 15h angekündigt werden, ob die Vorstellung stattfindet oder nicht. Aber Theaterleute sind wohl Optimisten: Sie findet statt! Um 19h fahre ich in strömendem Regen zum Veranstaltungsort am Emmasee im Bürgerpark. Als ich ankomme, finde ich gerade noch einen letzten Platz unter dem einzigen kleinen Pavillon. Auf den unbepavillonten Plätzen sitzen aber auch schon nicht wenige Menschen, darunter sehr viele junge Zuschauer*innen, die sich mit Ostfriesennerzen, durchsichtigen Regenschützen und Fahrradregencapes gegen den Regen schützen. Auf der Bühne fegt ein Mann das Wasser, das dort in großen Pfützen steht, fort. Und eine junge Frau wischt die Stühle ab, auf denen Lachen sind. Aber dann zieht der Regen auf einmal fort und kurz vor Beginn der Vorstellung ist es ganz trocken. Das freut die zahlreichen Menschen, die hier damit beschäftigt sind, Stühle zu trocknen, Programme zu verkaufen, uns aus dem Pavillon unter freien Himmel zu locken, Würste zu braten, Regenponchos, Decken und Sitzkissen zu verleihen oder im Eingang Karten zu kontrollieren. Einige von diesen vielen Leuten (28 festangestellte Menschen arbeiten für die Shakespearecompany!!) sind die Schauspieler*innen des gestrigen Sommernachtstraums.
Auch die, die gleich auftreten werden, bieten gerade eben noch sehr theatralisch und gut gelaunt Programmhefte an. Während hinter mir einige Zuschauer*innen ihr Picknick auspacken und anfangen, mit laut klapperndem Besteck zu essen, gehen an der Seite zwei Frauen in schönen Kostümen in Richtung Bühne, bei denen es sich ersichtlich um die Darstellerinnen der Maria Stuart und von Elisabeth handelt, sie halten sich an der Hand, scheinen sich jetzt noch gut zu verstehen. Dann wird es bald losgehen. Die beiden männlichen Schauspieler des Abends, von denen einer mir eben noch ein Programmheft verkaufte, gehen nun auch nach vorne, ziehen sich ihre Privatkleider aus und ihr Kostüm an; das Spiel beginnt.
Auch in der heutigen Vorstellung von Maria Stuart sind wieder nur 4 Darsteller angekündigt, obwohl eigentlich, wie beim gestrigen Sommernachtstraum, laut Originaldrama 18 Darstellende da sein müssten. Aber wie gestern reichen diese vier völlig aus, um trotz miesem Wetter vor fast voller Melcherswiese einen Abend zu zaubern, der die Problemstellung der Figuren und der Handlung von Maria Stuart bestens aufzeigt.
Die Bühne ist schlicht gestaltet. Maria sitzt links auf einem Stuhl, der in eine hohe Wand integriert ist, Elisabeth räkelt sich rechts in einem großen goldenen Bilderrahmen. Die beiden Männer haben jeweils links und rechts von der Bühne einen Stuhl, auf dem sie ihre Wechselkostüme aufbewahren. Pointiert begleitet wird die Aufführung, die von der Regisseurin Petra Janina Schultz inszeniert wurde und schon 2015 ihre Premiere hatte, von minimal eingesetzten Tönen und Geräuschen, die die psychologische Tiefe des Dramas unterstreichen.
Das Stück, das ein großes historisches Drama wiedererzählt, wird nicht nur wegen der vier Darsteller*innen fast zu einer Art psychologischem Kammerspiel. Die Schauspieler*innen ziehen sich wie schon beim gestrigen Sommernachtstraum auf offener Bühne um, wenn sie in neue Rollen schlüpfen. Besonders gelungen ist dabei die Verwandlung von der Königin Maria hin zu William Davison, der das Todesurteil aus Elisabeths Händen erhält und lange mit sich ringt, ob er es weiterreichen soll und es dann scheinbar ohne Auftrag von Elisabeth doch an ihren Richter gibt. Maria Stuart wird von Franziska Mentz dargestellt, die überzeugend die katholische und immer wieder Hoffnung schöpfende Königin gibt. Als kriecherischer und verzweifelter Davison gibt sie also ihr eigenes Urteil ihrem Richter Burleigh, gespielt von Markus Seuß, der sowohl den angesehenen Peer und Richter als auch den rebellischen jungen Mortimer spielt, der Maria befreien möchte. Mortimer wird von Leicester ermordet, gespielt von Michael Meyer mit geckenhaften Bewegungen und blonder Perücke. Ulrike Knospe schließlich, die trotz gebrochenem Fuß auftritt, ist die Darstellerin der Elisabeth, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die unverständlicherweise die falschen Entscheidungen zu treffen scheint.
Ob es nun wirklich so war und Elisabeth ihre vorschnelle Handlung bereute und das Urteil eigentlich noch nicht hätte vollzogen werden sollen, wissen wir bis heute nicht wirklich; Schiller deutet es an. Aber was bedeutet diese Geschichte, die ja eine hochpolitische ist und nicht im kleinen psychologischen Rahmen des Macht- und Eifersuchtskampfes zweier Frauen bleibt, für das Heute? Im Programmheft werden Parallelen zu Angela Merkel gezogen, die sich öffentlich gefreut hat, als sie von Obama Bin Ladens Ermordung hörte. „Als Christ gibt es für mich das Böse auf der Welt. Osama war böse. Und man darf sich als Christ freuen, wenn es weniger Böses auf der Welt gibt.“ (Zitat von Ferdinand von Schirach).
Die Aufführung, sprachgewaltig, zuweilen etwas statisch, aber sehr bildstark, brauchte einige Zeit, um mich hineinzuziehen. Aber dann war ich sehr gefangen und blickte gebannt dem voraussehbaren Ende von Maria Stuart entgegen. Kurz bevor diese starb, setzte dann doch leider noch einmal ein heftiger Regen ein. Der verhinderte aber nicht Marias Ermordung, die symbolisch mit ihrem über die Wand geworfenen Kleid vollzogen wurde, das der Königin und Gattenmörderin, die danach im Büßergewand dastand, von ihrem ehemaligen Liebhaber ausgezogen worden war. Starker Applaus für die durchnässten Darsteller*innen vom begeisterten Publikum!