Mitten im Bremer „Sommer“ zum Wintermärchen fahren? Es ist etwas Seltsames mit diesem Stück, das ein Spätwerk von Shakespeare ist und das im Vergleich mit seinen anderen Stücken irgendwie herausfällt.
Seine Stücke, bei denen die genaue Autorenschaft nicht hundertprozentig geklärt ist, waren ja immer Ergebnisse von großartiger Teamarbeit mit seinem Ensemble. Auch die Shakespearecompany in Bremen pflegt die Teamarbeit aufs feinste. Das wird belohnt durch die Liebe der Bremer*innen zu ihrer Company; auch heute strömen wieder die Massen hin zur Melcherswiese im Bremer Bürgerpark, Jung und Alt, ausgerüstet mit Picknickkörben, Saft- und Sektflaschen.
Das Konzept von Shakespeare im Park ist seit dreißig Jahren ein großer Erfolg. Der Pavillon wurde leergeräumt, denn Regen ist wohl nicht zu erwarten und die ganze Wiese ist voller Stühle, die auch alle besetzt sind. Neben mir haben schon wieder einige Leute ihre Körbe ausgepackt und Teller und Besteck auf einen Stuhl gelegt. Aber mir will es nicht gelingen, während der Theateraufführung zu essen, obwohl ich das theoretisch klasse finde, es erinnert so an das Theater, wie es unter Shakespeare oder Moliere war, nämlich ein richtiges Volkstheater, wo man gehen und kommen konnte, wie man wollte, wo man während des Stücks kommentierte, aß, lachte und liebte. Ja, die Shakespearecompany macht wirkliches Volkstheater und es ist großartig, dass sie damit in heutigen Zeiten, wo so viele nur noch das www im Kopf haben, damit auch die Jugend anzieht.
Aber zurück zur Aufführung. Das Wintermärchen, das ich heute übrigens zum ersten Mal sehe, ist, obwohl es so eingeführt- und ausgeführt wird, als wäre es ein Märchen, nämlich mit den Worten: „Es war einmal…“ doch irgendwie kein wirkliches Märchen. Der Titel und die Benennung mit Märchen deutet wohl auch eher vor allem darauf hin, dass es am Schluss ein versöhnliches, gutes Ende hat. Seine Figuren sind erfundene Personen der altitalienischen/sizilianischen und der böhmischen Geschichte. Mit „böhmisch“ verband man zu Shakespeares Zeiten die Vorstellung von Schäferidyllen. Das Märchenhafte zeigt sich auch in der Darstellung der Figuren und ihrer Konflikte, die völlig ohne psychologische Entwicklung auskommt. Ganz ohne Erklärung werden da welche eifersüchtig, entzweien sich, töten sich.
Im ersten Teil des Wintermärchens geht es um einen extrem eifersüchtigen König, der eine Liebschaft seiner Frau mit seinem allerbesten Freund vermutet, der aus Böhmen stammt. Der zweite Teil spielt zwanzig Jahre später. Die Tochter der beiden, die der eifersüchtige König einst fälschlicherweise für das Kind seines Freundes hielt, lebt unerkannt in Böhmen und hat sich in den Sohn seines Freundes verliebt.
Das Stück basiert auf einer beliebten Prosaromanze, die zu Shakespeares Zeiten erschien, geschrieben von Robert Greene. Greene hasste Shakespeare und attackierte ihn als „ungebildet und weil er anderer Leute Geschichten klaute. Er nannte ihn einmal eine „Emporkömmlingskrähe“ „(Jeanette Winterson). Und gerade dieses Thema, das im Buch auch eine Rolle spielt, nimmt Shakespeare in seinem Stück auf. Im Buch von Greene wird aber vor allem das Thema der Erbfolge thematisiert, das besonders in Adelskreisen ausgelöst wurde durch die Unsicherheit über das Wissen darum, ob das Kind im Bauch der Frau wirklich vom Mann war. Das hat hier sogar einen historischen Bezug. Die legitime Herkunft des Nachfolgers von Elisabeth I. , Jakob I., wurde damals angezweifelt. In der in Böhmen spielenden Handlung des zweiten Teils wird das Problem der Kontrolle über den königlichen Nachwuchs und die Frage, ob eine Nichtaristokratin einen Aristokraten heiraten darf und die Rolle der Liebesbeziehungen innerhalb dieses Interessengeflechtes angesprochen. Auch hier ist ein spezifischer Bezug auf den historischen Jakob I. und die Politik der Verheiratung seiner drei Kinder angedeutet. Vielleicht ist es der Bezug auf den Roman und das Lehrbuchhafte der Handlung, die im ersten Teil ein starkes Drama und im zweiten Teil eine Romanze sein soll, die es etwas steif und lehrbuchhaft machte.
Das lockern die fabelhaft spielenden Darsteller, die sich wie schon an den Vortagen wieder verschiedene Rollen aneignen, aber bestens auf. Besonders hervorzuheben die Darstellerin der Königin Hermione, Petra-Janina Schultz, die mit sehr markanter Stimme und kraftvoll einen an Brechts episches Theater erinnernden Erzähler gibt und tänzerisch leicht die jugendlich-lebhafte Perdita darstellt. Tim D. Lee und Markus Seuss sind die beiden erst so gut befreundeten Könige von Sizilien und Böhmen, die sich in ihrem Aussehen und Gebahren in ihrer Wut stark ähneln und dann rasend schnell in die vergnügt naive Haltung zweier Schäfer schlüpfen können. Und nicht zuletzt gibt Simon Elias den jungen Mamilius, Liebling seiner Eltern, der so früh und tragisch stirbt und ist dann der tändelnd verliebte Freier von Perdita.
Das etwas steife und künstliche des Stücks wird in der Inszenierung von Regisseurin Patricia Benecke im ersten Teil auch durch das Spiel und in den Kostümen unterstützt. Alle vier Darsteller haben in dem weiß gehaltenen minimalen Bühnenbild weiß geschminkte Gesichter und sehen mit ihren weißen Kleidern und angepappten Haaren eher eher aus wie Säulenfiguren als wie Menschen. Zudem tragen sie schon zu Beginn Masken, Masken von Bären und Wölfen. Das erinnert stark an das griechische Theater.
Ich sitze neben zwei jungen Menschen, offensichtlich Geschwister, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Als ich sie in der Pause anspreche, ob ihnen das Stück gefallen hat, sagen sie begeistert: Ja! Und auch, dass sie noch nie von diesem Stück gehört haben, obwohl sie schon so oft bei Shakespeare im Park waren. Am Sonntag sehen wir uns die Medea an, sagt das Mädchen. Das ist schon das dritte Mal, dass wir das sehen.
Der zweite Teil des Stücks wird auch mit Masken begonnen, aber diesmal sind es lammfromme Schafsmasken. Und hier, in der Schäferromanze, in der der Schäfer das ausgesetzte Königsmädchen findet und großzieht, sind die Kleider bunt und Blumen (f)liegen auf der Bühne. Es ist also, als wenn man zwei völlig verschiedene Stücke sehen kann, Winter und Frühling, statisch-dramatisches und lustig-buntes als Gegensätze. Dann aber vereinigen sich Winter und Frühling, als das junge Liebespaar nach Sizilien geht und dort auf den verzweifelten König trifft. Und am Ende ist doch alles gut ausgegangen und sogar die angeblich Tote (Hermione), die als Kunstwerk verewigt wurde, ersteht aus auf dem Totenreich.
Die Zuschauer applaudieren begeistert und räumen ihre Picknickdinge wieder in die mitgebrachten Taschen ein. Meine Sitznachbarn sind auch sehr zufrieden. Das war richtig toll, sagen sie. Es hat nicht geregnet. An den nächsten Tagen wird das Wetter wieder besser. Und in anderthalb Stunden geht es weiter mit Macbeth. Seid ihr auch dabei? Na klar! Den lassen wir uns nicht entgehen! Wir verabschieden uns gutgelaunt!