Dieses Erstlingsbuch ist anscheinend ein autofiktionales, denn vieles im Buch und in der Handlung hat laut Autorin mit deren eigenem Leben zu tun. Es ist aber vor allem ein genau beobachtetes, beschriebenes, recherchiertes Portrait einer Zeit, die schon eine Weile vorüber ist und die man sich doch immer mal wieder vergegenwärtigen sollte, weil sie einem, obwohl sie erst etwas über dreißig Jahre her ist, so vorkommt, als wäre man um mindestens hundert Jahre zurückversetzt.
Die Handlung von „Zeppelin und Karpfen“ spielt irgendwann Anfang 1988 in Berlin, zu einer Zeit also, als es noch keine Handys gab, die Menschen mit D-Mark bezahlten und Probleme beim Grenzübergang in den Westen bekommen konnten. Und gleichzeitig war es auch eine Zeit, die, wie Mann sehr einfühlsam beschreibt, irgendwie langsamer war als unsere heutige, mit weniger Bildern und Eindrücken und Reisen, mit weniger Farben und mit mehr Genauigkeit. Eine Zeit auch, in der die Menschen vielleicht noch mehr aufeinander hörten und sich unterstützten. Besonders die Beschreibungen des Essens rufen synästhetische Empfindungen hervor, die völlig anders sind als heutige vegane Fusionfoodeindrücke aus Berlin. Die polnisch-deutschen Mädels jener Zeit essen viel Hering und Salzgurkensuppen und das Kind der Erzählerin mag nur Fruit Loops und interessiert sich sehr lebhaft für Ufos.
Das Zentrum des Romans bildet ein historisches Ereignis, nämlich der Flug des Zeppelins LZ 127, auf Polarmission im Sommer 1931. Die Mutter der Erzählerin, einer Fotografin, die selber Mutter einer als stark autistisch beschriebenen Tochter und deren Mann ein erfolgloser Künstler ist, kommt aus Russland und war bei der Landung dieses Zeppelins dabei, hat noch ein Foto davon. Der Vater der Erzählerin stammt wie die Autorin selber aus Tschechien. Ihre Eltern haben sich in Polen kennengelernt, dort ihre Tochter Suzana, die erwähnte Erzählerin, bekommen und wurde ihres Jüdischseins wegen irgendwann aus Polen, wo sie gute Stellungen hatten, ausgebürgert. Jetzt leben sie schon lange im Westen, haben sich dort eine finanziell sehr gut gestellte Position erarbeitet. Aber die Mutter hat sich nie integriert, spricht auch kein Deutsch, während ihr Mann eine erfolgreiche Firma gegründet hat. Nach dem Tode ihrer geliebten Hündin zieht sie sich immer mehr in sich zurück und verschwindet eines Tages spurlos.
Daraufhin machen sich Tochter und Enkelin im Januar 1988 auf den Weg, um die Großmutter zu finden. Und dieser Weg ist nicht nur die Suche nach der Großmutter, die den Jungen finden will, der auf dem Foto mit dem Zeppelin neben ihr steht. Die Suche nach der Großmutter ist für Suzana auch eine Reise auf den eigenen Spuren und wichtig für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Eltern und der eigenen Sozialisation.
Das Wissen darum, dass Hanna Mann die Urenkelin von Heinrich Mann ist, schmälert auf eine gewisse Weise den Genuss an diesem leichten Buch, das zu lesen mir ansonsten sehr viel Freude machte, denn es ist spannend und unterhaltsam zugleich. Hanna Martin hat es gar nicht nötig, mit diesem Familienerbe Werbung zu machen. Ihr Buch funktioniert auch so!