vonHans-Peter Martin 31.05.2021

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Die Sperren der Biennale-Gärten in Venedig sind wieder geöffnet. Im Vorjahr blieb das weltberühmte Ausstellungsgelände geschlossen, der Corona-Stillstand kostete auch hier vielen Beschäftigten in der Kulturszene ihren Job.  Um so mehr Aufmerksamkeit ist jetzt gesichert. Die globale Architekten- und einschlägige Medienszene gibt sich wieder ein Stelldichein. Das Thema in diesem Jahr: „How will we live together“?

Vorab erlaubten die Veranstalter bereits einen „Preview“ unter Auserwählten. Wie haben sich all diese global vernetzten und gebildeten Menschen verhalten? Wie sieht ihre persönliche Reaktion auf Corona aus?

Alle wissen inzwischen, wie wichtig der Abstand und das Tragen einer Maske bei Menschenansammlungen sind. In Venedig herrscht überall Maskenpflicht, auch auf allen öffentlichen Plätzen. Sie wurde bislang vorbildlich eingehalten. Die Lockdowns wurden ernstgenommen.

Und nun das erste große internationale Kunstereignis. Hier einige Vor-Bilder:Vor dem serbischen Pavillon.Wozu lesen oder wenigstens Piktogramme beachten? Wir sind doch wieder da und beisammen und super drauf.Kurze Zeit später. Same place, same behaviour, other people.

Vom Ischgl-Fieber zum Kunst-Fieber

Und wie halten es die Verantwortlichen im österreichischen Pavillon? „Press We Like“, ist zu lesen. Und dazu setzt man sich gerne ins Bild.Das bleibt eine öffentlichkeitsorientierte Inszenierung. Kaum achtet der Photograph auf ein wenig Distanz……ändert sich die Szenerie. Und die Maskenpraxis im österreichischen Pavillon?An der Wand findet sich ein klares Bekenntnis:Ja, sehr gerne, da möchte man zustimmen. Doch in der Wirklichkeit…… wird auf österreichischem Terrain prinzipienverachtend gekuschelt. Im kleinen Käfig im Freien. Freiheit halt. Maske, na geh. Vom Ischgl-Fieber zum Kunst-Fieber. Das muss sich doch ausgehen. Wir sind halt alle ein Haushalt.

Ach ja, diese „Ösis“, wie meine Landsleute von der „Bild“-Zeitung gerne genannt werden. Und was dort auch schon wieder geschrieben steht:Na, „diese Deitschn“ eben, wie meine Landsleute die Nachbarn im Norden gerne nennen. Immer so überkorrekt. Oder?

Am Treppenaufgang zum deutschen Pavillon:

Innen die Reduktion auf das Wesentliche. Über den QR-Code wird ein Filmchen über die Selbstzentriertheit und Rücksichtslosigkeit im Kapitalismus eingespielt. Passt doch.

Illegal, scheißegal – Deutsches Feiern in Venedig

Dabei treffe ich auf diesen auserwählten „Previewer“ im deutschen Pavillon. Er spricht von prominenten Besuchern und ist szenebekannt.Ungeniert berichtet er von der Feier für 50 Leute um 15 Uhr bei den Deutschen. Bellini gab es zu trinken. Und ja, das sei „etwas Illegales“. „War schon extrem“, meint er und lacht.

Denn wir wissen, was wir tun

Und anderswo?Get together, right now.

Immer mehr offizielle Eröffner und Redenhalter treffen ein:Wo es eng ist und unbeobachtet scheint, gerne maskenfrei. Wo Journalisten knipsen, gerne korrekt und vorbildlich. Auch eine Kunst.Und der überall und von allen Nichtdabeiseienden, von denen da draußen auf Straßen und Plätzen und vor allem in Innenräumen eingeforderte Abstand? Zwei Meter mindestens und so…Doch, doch, der Platz zu anderen Zuhörern wird schon freigehalten – für eine weitere Kamera.Wie erklärt ein verantwortungsvoller Politiker so eine Enge bei einer Erklärung seinen Wähler*innen?„Die Nachhaltigkeit ist ein Wind, der nicht aufhört.“ Das Virus sieht das für sich auch so. Immer wieder umarmen sich Menschen, long time no See, Küsschen, Küsschen. Aus Diskretion dazu keine Bilder. Dafür dieses:Denn wir wissen, was wir tun.Diese vorab Eingelassenen, diese ausgewiesenen Expertinnen und Experten, weisen also den Weg, wie wir in Zukunft GEMEINSAM leben werden? Sie sollen vorangehen bei neuen Wohnungsformen und Lebensgestaltungen? Zeigen sich verständig und solidarisch mit den Corona-Gepeinigten?

Bitte nicht wundern, wenn sich immer mehr Menschen von solchen Vorbildern abwenden.

Und so ging es weiter mit den Biennalisten, vor dem Eingang, während sich Passanten weiterhin an Abstand und Maskenpflicht halten:

Bringt das Virus unter die Leute, tragt es hinaus in die Welt, oder wo immer Ihr herkommt. Das ist jetzt keine Kunst mehr. Niemand wird sagen können, dass „so rücksichtsloses und dummes Verhalten bei Großveranstaltungen“, wie es in einer ersten Reaktion auf diesen Blog hieß, ein Problem sei. Denn bis das klar wird, sind die Auserwählten längst in der Menge verschwunden.

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https://blogs.taz.de/gameover/die-corona-schleuder-biennale-wie-das-virus-wieder-viral-geht/

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