vonHans-Peter Martin 14.09.2020

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Gleich vorweg: Blogbeiträge gehe ich völlig anders an als die durchrecherchierten Berichte als „Spiegel“-Korrespondent und Sachbuchautor in den Jahrzehnten zuvor. Jetzt will ich mich jeweils mit einem staunenden Kinderblick dem jeweiligen Thema nähern. Unvorbereitet, aber neugierig, dankbar für jede Überraschung, so lange sie nicht physisch schmerzt.

So bin ich wieder in Venedig, diesem Paradies für immer neue Eindrücke. Wer kennt nicht das Filmfestival im September, die weltberühmten Stars, die Preis-Löwen? Unter anderen ich.

Für mich ist der Besuch eines solchen Ereignisses eine Premiere. Beim Filmschauen fehlt mir die Unmittelbarkeit und Nähe, im Gegensatz zum Sprechtheater. Auf der Bühne, live, ja, da empfinde ich Momente oft als beglückend, lehrreich, inspirierend. Jede Schauspielerin, jeder Schauspieler muss in jedem Augenblick präsent sein.

Hollywood diktiert das Sein

 Aber in der Film-Welt? In Hollywood erlebte ich sie stets als abstoßend und heillos überhitzt. Ein Abend mit Billy Wilder inklusive. So unendlich viele getriebene Menschen, grandios vielleicht auf der Leinwand, nach dem x-ten Take.

Und die Atmosphäre? Mit „He`s got three“, stellte Harald Kloser mir 1994 im Chateau Marmont Hotel in Los Angeles ein Gegenüber vor, ehe er überhaupt seinen Namen nannte. Beim nächsten Gesprächspartner hieß es vor dem Händedruck: „He`s done a 40.“ Drei Oscars waren es beim ersten, ein Filmbudget von 40 Millionen Dollar beim zweiten. Damals war Harald nur Musiker, inzwischen ist er Produzent von Filmen, die 400 Millionen Dollar kosten und noch viel mehr einspielen. Auszeichnungen und Umsätze diktieren das Sein.

Im Live-Theater hingegen ist das Jetzt jetzt. Löwen, die leben, interessieren mich, Preis-Löwen kaum. Wie Oscar-Tiger, Bären-Sammler und Palmen-Wedler deformiert sie die Jagd nach diesem Gold in ihren Händen.

Und je bekannter und/oder reicher ein Mensch wird, desto mehr sieht er sich zur Abschottung gezwungen, um sich vor allzu Neugierigen zu schützen, Übergriffen inklusive. Auch das macht ihn so ahnungslos gegenüber dem, was landläufig „normales Leben“ genannt wird. So kommt es zu Entstellungen. Schon bei fast allen TV-Prominenten ist das zu beobachten, bei Filmstars exponentiell. In gewisser Weise ein Fluch.

Die ersten Tage am Lido in Venedig bestätigen dies. Schamlos wird da schmachtende Künstlichkeit zur Schau getragen, selten etwas Substanzielles. Der Schein wird zum Sein. Fotografen, die keinen Zugang zum roten Teppich bekommen, arbeiten mit dem Bild vom Bild fürs Publikum. Das ist auf eine eigene Art authentisch.

Wahrhaft ein Paradoxon: Da sollen entrückte Stars den üblichen Menschen einfühlsam und glaubwürdig ein Leben darstellen, das sie gar nicht kennen können? Zum Extrem treibt dies der neue Hollywood-Style-Schinken  „The World to Come“ mit Katherine Waterston und Vanessa Kirby. Hingebungsvolle Blicke in Überfülle. Schönsein ist entscheidend, Schlankheit sowieso. Und groß gewachsen muss man sein. Optische Übermenschlichkeit als unzählig oft  bewährte Projektionsfläche. Alles klinisch sauber, nicht einmal eine Spur von Dreck auf der Leinwand, alles herzzerreissend ausgeleuchtet. Dabei spielt die Handlung im 19. Jahrhundert in der kargen, niemals sauberen Bauernwelt an der US-Ostküste. Peinlich, kitschig, erfolgsträchtig – schmutzig.

Die Terroranschläge der vergangenen Jahre in Paris, Nizza oder Berlin verstärken die Isolation im glamourösen Filmlager. Was ich von G-7-Gipfeln kenne, ist jetzt auch Standard beim Festival in Venedig. Großräumig wurde das Festivalgelände abgeriegelt, hunderte Polizisten sind 24/7 im Einsatz. Zu Wasser und an jeder Ecke.

Corona tut sein Übriges: In den Sälen nähern sich die Wächterinnen und Wächter unverzüglich mit ihren Taschenlampen, wenn jemand während einer Filmvorführung seinen Mundschutz unters Kinn schiebt. Hochziehen oder raus. Gut so, und dennoch störend.

Manche aber dürfen ihre Maske fallenlassen. Dabei wird im Laufe der Filmtage ein Muster sichtbar: Wer weiß und prominent ist, darf sein wahres Gesicht zeigen. Wie Katherine Waterston.

Als jedoch die afrikanischen Schauspieler und Macher des intim brutalen Gefängnisdramas „Le Nuit des Rois“ ihren Mundschutz auch nur vor dem Premierensaal für ein Pressefoto abnehmen wollen, werden sie sofort zurechtgewiesen. No way.

Als ich den eingreifenden Saaloberwächter auf die Ungleichbehandlung hinweise, bestreitet er dies entschieden. Als ich ihm die Bilder auf meinem iPhone zeige, wird er unwirsch und nimmt sofort meine Personalien auf. Nur widerwillig verrät er mir dann seinen Namen: Paul Bittner.

Auch auf dem weitläufigen Gelände rund um die Vorführungssäle gilt Maskenpflicht. Sie wird weitestgehend eingehalten. auch deshalb kam Italien seit den Dramen von Bergamo bislang vergleichsweise sicher durch die Corona-Zeiten. Doch wer sich beim Filmfest als etwas hervorstechend Besonderes, als unverzichtbar schön empfindet, befreit sich. Welche Demonstration.

Und immer wieder sind es Menschen, deren Aussprache sich dem ostösterreichischen Kulturraum zuordnen lässt.

Auch im Freien haben Dunkelhäutige keine Chance zur Maskenfreiheit. Außer einer Handvoll von Filmakteuren sind sie ohnehin kaum anzutreffen. Allenfalls so:

Sie halten alles sauber.

Immerhin wird da die Maskenvorschrift nicht exekutiert.  Denn wenn es um die Notdurft geht, schauen die Maskenwächter auch bei Menschen anderer Hautfarbe weg. Sonst würde es doch allzu schmutzig.

Alltagsrassismus. Dafür die umjubelte Premiere von „One Night im Miami“ rund um den Abend, in dem Cassius Clay zur Legende aufstieg und sich bald danach Muhammad Ali nannte. Es ist ein bezeichnender Zufall, dass die schwarzen Hauptdarsteller der Erstaufführung fernbleiben, sich gleichzeitig aber auf dem roten Teppich wieder Verkörperungen des kaukasischen Schönheitsmodells tummeln.

Befremdlich, zumindest ambivalent, dass Wim Wenders in diesem Rahmen sein Gesicht und seine Sätze an Mastercard verkauft hat, den Hauptsponsor der 77. Ausgabe dessen, was Filmbiennale genannt wird.  Sein „Der Himmel über Berlin“ war, als ich vor 30 Jahren Auslandskorrespondent in Südamerika war, Kult in Rio de Janeiro. Er prägte unter Intellektuellen das Bild von Deutschland, grau, monoton. 2006 kam dann großzügig Farbe dazu, rund um die Fußballweltmeisterschaft. Der Wenders-Film war ein Märchen, die WM eine Realität. Verkehrte Wahrnehmungen.

Der Regisseur gehört zu den Menschen, die ich persönlich lieber nie kennengelernt hätte. Vor einigen Jahren legte er vor uns im Kulturausschuss des Europäischen Parlaments einen so erbärmlich anbiedernden Auftritt hin, dass seine Mastercard-Karriere mit grimmiger Miene jetzt stimmig wirkt.

Doch dann kommt Milo Rau. Ein Tausendsassa. Theaterregisseur, Autor, Essayist und Filmemacher. Schweizer, Europäer, Globaldenker mit ebensolchem globalem Volkstheater. Ein kluger Provokateur, ein überzeugender Finger-auf-die-Wunde-Leger. In Belgien ist er Intendant des Stadttheaters Gent. In Venedig zeigt er „Das neue Evangelium“. Wo Pier Paulo Pasolini das Leben Jesu 1962 verfilmte, da zog es Rau und sein Team wieder hin: nach Matera, in den Süden Italiens.

Bei Rau ist Jesus ein Aktivist aus dem Kreis der Flüchtlinge, die es aus Afrika über Mittelmeer geschafft haben und nun um ihre Rechte als Landarbeiter auf den Plantagen kämpfen. Der Aktivist ist im realen Leben tatsächlich ein Sozialrevolutionär, der auf der Leinwand als Laienschauspieler überzeugt. Dazu muss das dramaturgische Umfeld passen. Rau verwebt kunstvoll das Jesusleben mit den aktuell stattfindenden Revolten und einem bisweilen selbstironischen Making of. Während der Dreharbeiten wurde ein Flüchtlingsquartier geräumt, die Bilder treffen den Zuseher in der Seele (auch wenn nichts in Flammen aufging wie soeben in Moria auf Lesbos).

So entsteht ein Dokumentarfilm, intensiviert mit der Semifiktion von Gegebenheiten vor 2000 Jahren. Zufällig vorbeikommende Touristen filmen mit ihren Handys die Filmenden, vor der vielleicht zu theatralisch inszenierten Kreuzigung von Jesus werden sie Teil der Volksmenge, die Barabbas das Leben rettet. Die Evangelien liefern dazu das Drehbuch, ob Barabbas tatsächlich existierte, bleibt historisch ungewiss.

Milo Rau gelingt ein inspirierendes, erfrischendes politisches Filmtheater. Man will nach der cineastischen Vorführung der Realität hinaus in die Wirklichkeit der Gegenwart, ist ermutigt. Der Hauptdarsteller Yvan Sagnet erzählt später, was sich vor Ort seit Drehschluss schon alles geändert hat.

Einige Flüchtlinge wurden legalisiert, einige Gebäude adaptiert, Würde konnte einziehen. Was für eine positive Fügung. Das Elend vor laufender Kamera wendete sich zum Guten. Ohne Schmalz und Fiktion.

Im persönlichen Gespräch mit Rau überzeugt er mit seiner warmherzigen Offenheit. Da fällt es umso leichter, sich von Wenders abzuwenden, der draußen vor der Saaltür noch immer dominiert. Mitten im Hochsicherheitstrakt der Traumweltmenschen.

Wenn jedoch „Das neue Evangelium“ in die Kinos kommt: Es lohnt sich, hinzugehen.

P.S.: Selbstverständlich werden in Venedig auch noch eine Reihe anderer Beiträge gezeigt, die nicht ins vorherrschende Bild passen, „La troisième guerre“ etwa. Doch davon können die professionellen Filmkritiker den Filmfreunden viel besser berichten. Von mir kommen die nächsten Berichte aus Wien – über die neuen Bühnentheaterpremieren im Corona-Herbst.

 

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