vonHans-Peter Martin 07.11.2018

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Am 16. Juli 2018 konnte Wladimir Putin sich besonders freuen. In Helsinki wurde 1975 die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa unterzeichnet, die den Niedergang des russisch dominierten Sowjetreichs einleitete. Ausgerechnet in Finnlands Hauptstadt besiegelte Putin nun mit US-Präsident Donald Trump das vorläufige Ende der transatlantischen Partnerschaft, der so engen Verbindung zwischen den USA und Westeuropa.

Hat der ehemalige KGB-Funktionär gar Belastendes gegen den Immobilieninvestor in der Hand? Oder haben die beiden, nur im Beisein zweier Dolmetscher, noch ganz andere Themen angesprochen, etwa eine geopolitische Neuordnung der Einflusssphären wie 1945 Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin in Jalta auf der Krim? Und: Verdeckt nicht all das Poltern Trumps ein ausgeklügeltes strategisches Vorgehen, mit dem, im übertragenen Sinn, gleichzeitig einige gigantische Immobiliendeals eingefädelt werden?

Erst als Trump im Frühjahr 2018 eine eigene Gesprächsbasis mit Diktator Kim Jong-un geschaffen hatte und somit nicht mehr von Vermittlungsbemühungen der chinesischen Führung im Nuklearwaffenkonflikt mit Nordkorea abhängig war, wagte er sich in den Handelsstreit mit China. Erst als er mit Israel und Saudi-Arabien die Beziehungen intensiviert hatte, ließ er das Nuklearabkommen mit dem Iran platzen. Immer hat der US-Präsident dabei den Ölpreis im Auge.

Steigt er, wird die heimische Ölgewinnung durch Fracking, das er durch die Preisgabe von Umweltvorschriften erleichtert hat, wieder rentabler. Das wiederum befördert sein Versprechen, Jobs in den USA zu schaffen. Und keineswegs nebenbei zeigen sich große Player zufrieden: die US-Ölindustrie, das US-Militär und auch Finanzakteure, welche die scheinbar so erratischen, also schlingerkursartigen politischen Manöver Trumps zu deuten wissen und zeitgerecht auf Investitionsprojekte mit den Saudis und auf steigende Rohölpreise gesetzt haben.

Der US-Dollar als Weltreservewährung bewährt sich dabei als Waffe. Ein Kollateralschaden trifft Kanada, das sich aus Saudi-Sicht im Sommer 2018 zu sehr für Menschenrechte eingesetzt und deshalb brüsk zurechtgewiesen wurde. Aus der neuen US-Sicht ist der Konflikt nicht unerwünscht, da Trump den nördlichen Nachbarn sowohl handelspolitisch als auch als Verfechter liberaler Werte ablehnt. Und der geplante Ausstieg aus dem INF-Abrüstungsabkommen mit Russland öffnet neue Türen, um sich mit der Volksrepublik China zu matchen. Zölle und Aufrüstung können auch den Machthabern in Peking zusetzen. Da fügt sich doch eines zum anderen. »America first«, und wie. Ist es vielleicht grundfalsch, Trump und vor allem seine Unterstützer zu unterschätzen?

Über Kommentare zu diesem Blog freue ich mich.

Zum Thema: Hans-Peter Martin, „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“ Penguin Verlag, München 2018. 24 Euro. Weitere Informationen: www.hpmartin.net

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https://blogs.taz.de/gameover/was-nur-zerstoererisch-wirkt-zahlt-sich-aus/

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kommentare

  • „KSZE -> Niedergang des russisch dominierten Sowjetreichs“

    Das ist wieder die übliche von den USA geborgte Selbstüberschätzung der europäischen Transatlantiker. Die UDSSR verlor wegen Gorbis innerem Umbau und der Öffnung nach außen das bis dahin eiserne Korsett. Der Putsch durch Jelzin und die Bombardierung und Erpressung des Parlaments war nur möglich, weil Gorbi die Freiräume geschaffen hatte.

    Das nach außen friedliche Auseinanderbrechen werden all die Kriegslüsternen des Westens der UDSSR nie verzeihen. Zwar wurde geschossen und imponiert aber eben nicht von den selbsternannten Demokratie- und Werteverteidigern des Westens, sondern vom machthungrigen Jelzin, der sich mit den Panzern genau jene präsidialen Rechte erzwang, über die sich die ahnungs- und planlosen Mal-so-mal-so-„Experten“ des Westens alle paar Tage bei Putin beklagen.

    „Ausgerechnet in Finnlands Hauptstadt besiegelte Putin nun mit US-Präsident Donald Trump das vorläufige Ende der transatlantischen Partnerschaft, der so engen Verbindung zwischen den USA und Westeuropa.“

    Das ist schon wieder rührig.

    Ja, die europäischen Transatlantiker haben nichts und hatten nichts, außer das Versprechen, dass wenn sie den USA ein freundliches Gesicht zeigen, die USA sie nicht fressen werden. Dafür putzen die europäischen Transatlantiker über fiele Jahrzehnte den USA die Stiefel und machten bei allen möglichen Kriegen gute Mine und guten Wind.

    Trump hat kein Interesse an Kriegen und ist auf die europäischen Claquere also viel weniger angewiesen. Er nutzt die verdutze Europa-Gefolgschaft für schnelle und billige Lacher in seiner Anhängerschaft.

    Die Entliebten machen es ihm leicht und können bis heute nicht verstehen, wieso er nicht wieder lieb mit ihnen ist.

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