vonMaja Wiegemann 29.08.2023

Giftspritze

Dieser Blog serviert gut verdauliche Texte aus Ökologie, Forschung und Technik - informativ & kritisch.

Mehr über diesen Blog

Die Hälfte der Deutschen träumt vom friedlichen Landleben. – Gilt das nun mit oder ohne die 15 %, die tatsächlich halbwegs ländlich wohnen? Die Realität des Jahrhunderts heißt jedenfalls Landflucht; und zu ergänzen wäre: Schlammschlacht.Schlammkämpfe

Das Dilemma der ländlichen Abwasserorganisation ist ein Paradox: Zwar ist Abwanderung ein generelles Problem zur Erhaltung der dörflichen Infrastruktur. Zwar ist in den sehr dünn besiedelten Gebieten der Anschluss an die zentrale Abwasserentsorgung mitunter nicht gegeben. Zwar stellt die Option Semizentrale Abwasseranlage (Zusammenfassung häuslicher Abwässer von 50 oder mehr Einwohnern) eine hohe finanzielle Hürde dar. Zwar flankieren die wirtschaftlichen Sorgen wachsende Umweltprobleme, welche wiederum von schrumpfenden Behörden überwacht werden. Doch ins rechte Licht gerückt, führt die ländliche Abwasserorganisation Schattenkämpfe um ihre notwendige Neuausrichtung.

Seit die häuslichen Klärgruben zu echten kleinen biotechnischen Anlagen mit Pumpen und Schläuchen und elektronischer Steuerung wurden, machen Mikroorganismen der Abwasserorganisation Konkurrenz. Die Organik wird verstoffwechselt – der Kohlenstoff geht als Kohlendioxid in die Luft. Es verflüchtigt sich sogar der Stickstoff, sofern auch die Denitrifizierung klappt. Teure Schlammabfuhren können gestrichen werden. Bis auf die CO2-Emission klingt’s nachhaltig und schont den Geldbeutel des Anlagen-Besitzers; nur fürs traditionsverbundene Abwasser-Business ist‘s schlecht.

Waren das noch Zeiten, als auf dem Land stinkende Gruben betrieben wurden! Hier ging das Abwasser rein, das Flüssige versickerte, das Grobe wurde gesammelt und abgefahren, wenn es der Landwirt zum Düngen brauchte. Später wurden die Abfuhrmodalitäten behördlich organisiert – häufig durch die Beauftragung von Wasserverbänden. Was der Landwirt einst mit seinem Jauchewagen erledigte, erfordert nun einen technisch aufwendigen Fuhrpark; das abgefahrene Gut geht derweil weiter direkt auf den Acker.

Als die Abwasserverordnung 1997 in Kraft trat und Anforderungen an Ablaufwerte stellte, etablierten sich die Mikroorganismen auf dem aeroben Stoffwechselweg. Mit der Novellierung der Verordnung 2004 wurden auch Kleineinleitungen erfasst – die Übernahme des Abwassergeschäfts in Kleinkläranlagen durch die Bakterien, das Sinken der abzufahrenden Schlammmengen war absehbar.

Doch lässt man sich von den kleinen Viechern das Geschäft verderben? Die Regelentleerung mit einem Mindestintervall von 5 Jahren, altbewährt bei Sammelgruben, wurde erstmal beibehalten. – Ein Win-Win-Schlamm-Geschäft: Der Rubel rollt, der Fuhrpark brummt und der Landwirt bekommt Frei-Haus-Phosphat-Dünger für seinen Acker.

Nur die Mikroorganismen machen nicht mit! Denn was nun abgefahren wird, sind keine halbgaren Exkremente mehr, sondern eine Biomasse, die in der Anlage lebt und diese betreibt. Diverse Arten bilden hier eine Biozönose, die sich auf die Abwasserzusammensetzung einstellt. Deren Abzug aus der Vorklärung erfolgt bei der Entschlammung in der Regel rigoros und komplett. – Schicht im Schacht! Die Anlage muss neu gestartet werden. Und da sich Mikroorganismen exponentiell vermehren (aus einer werden zwei und so weiter),  ist erstmal nicht viel los. Die Etablierung von Spezialisten dauert ewig – ein gewisses Schlammalter ist erforderlich. Außerdem sind Rückschläge in der Startphase typisch (zum Beispiel durch desinfizierende Waschzusätze provoziert). Und wo niemand arbeitet, fallen keine Späne: Die Organik wird nicht abgebaut; die Ablaufwerte schauen auch auf längere Sicht miserabel aus.

Das „Problem“ war bereits bekannt, als man 2010 die aktuell gültige DIN 4261-1 verfasste. Sie folgte diversen Fach-Publikationen um die Jahrtausendwende. Schließlich setzte sich der Sachverstand auch gesetzlich durch: In der Novelle der Abwasserverordnung (2020).  Sie verweist auf das Arbeitsblatt der DWA A-221 (2019), worin unisono steht: Eine Regelentleerung kommt für belüftete Anlagen nicht in Frage, nur die Bedarfsentleerung bei einer bestimmten Füllung.

Doch die Triebkraft des Geschäfts ist nicht zu unterschätzen: Mit dem Generalverdacht, der häusliche Schlamm könnte – an der Klärschlammverordnung oder satzungsgemäßen Abgabepflichten vorbei – als Gartendünger benutzt werden, hält sich die Regelentleerung zäh in zahlreichen Verbands- oder Gemeindesatzungen und findet immer noch behördliche Rückendeckung, zumindest im Land der Kleinkläranlagen: in Niedersachsen. Lieber die Sauerei auf den Acker bringen! Da in dem Business derbe Späße auf fruchtbaren Boden fallen, amüsiert man sich nun schon seit zwei Dekaden. Und fährt damit wahrscheinlich fort, bis die semizentralen Anlagen die Sache klären.

Der Regelfall in Deutschland ist übrigens eine 4- bis 8-Personen-Anlage, die bei Unterlast betrieben wird. Und im Laufe eines Hauslebens (z. B. durch Landflucht des erwachsenen Nachwuchses) sinkt die Nutzung meistens drastisch. Den Anlagen selbst macht die Abwanderung nichts aus; sie funktionieren sogar besser: Die geringere Abwasserfracht verweilt länger in den Kammern – den Mikroben steht mehr Zeit zur Verfügung, um tätig zu werden. Kleine Haushalte könnten daher ihr Abwasser recht gut klären. Könnten! Denn die Voraussetzung dafür wäre die unbeeinträchtigte Existenz der Biozönose im System.

Falls der Großstädter schon abgeschaltet hat, bitte nochmal Aufmerksamkeit: Stichwort Ferienhäuser! Die sind in den sehr verlassenen und ökologisch reizvollen Ecken des Landes eher in der Überzahl. Hier werden die Mikroorganismen – entsprechend der menschlichen Anwesenheit – nur diskontinuierlich mit Frischfutter versorgt. Das zwischenzeitliche Durchhalten der Biozönose und ihre Reaktivierbarkeit sind in hohem Maße von Umbau-Prozessen der mikrobiellen Biomasse abhängig. Dafür ist der Erhalt des Schlamms im Anlagenspeicher kritisch.

Bange Rede, kurzer Sinn: Schlamm-Veteranen – begrabt das Kriegsbeil, bringt den Fuhrpark ins Museum! (Und alle, die noch Opas gemauerte Sammelgrube befüllen, können sich zu den Exponaten gesellen.) Bei biotechnischen Anlagen gehört die „Biologie“ zu allererst in die Anlage, nicht auf den Acker. Und: Die Zeichen der Zeit mahnen die behördliche Verantwortung zu stärkerer Bewegung in Richtung digitales Zeitalter, zu einer effizienten Steuerung und Überwachung. Eine bedarfsgerechte Schlammorganisation zugunsten der Anlagen-Performance wäre damit möglich. Und sie ist auch nötig, um der Wasserrahmenrichtlinie (Kleingewässerschutz!) näher zu kommen. Kostenpunkt? Eindeutig günstiger als die semizentralen Anlagen! Bevor nun der allesverdrängende Profitgedanke zuschlägt und bevor ich mich vergesse, sei an die gesamtgesellschaftlichen Investitionen in die Abwasserwirtschaft von 31,6! Milliarden € erinnert. Wir haben – Himmel, Arsch und Zwirn! – auch und vor allem ein Klimaproblem; da stehen noch die Gebäudedämmung, die Wärmepumpe und das E-Auto auf der Shopping-Liste!

Öffentlichkeitsarbeit aus dem Forschungsprojekt des Antifouling-Alternative e. V. zur  Performance von Kleinkläranlagen in der Praxis,
gefördert von der Bingo-Umweltstiftung

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/giftspritze/geschaefte-machen-teil-3-2/

aktuell auf taz.de

kommentare